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T. Berry Brazelton, Stanley I. Greenspan: Die sieben Grundbedürfnisse von Kindern

Rezensiert von Dr. Martin R. Textor, 02.09.2002

Cover T. Berry Brazelton, Stanley I. Greenspan: Die sieben Grundbedürfnisse von Kindern ISBN 978-3-407-85792-7

T. Berry Brazelton, Stanley I. Greenspan: Die sieben Grundbedürfnisse von Kindern. Was jedes Kind braucht, um gesund aufzuwachsen, gut zu lernen und glücklich zu sein. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2002. 360 Seiten. ISBN 978-3-407-85792-7. D: 14,90 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 29,00 sFr.
Aus dem Amerikan. von Elisabeth Vorspohl. Beltz-Taschenbuch, Band 188.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-407-22188-9 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.

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Einführung in das Thema

"Die elementaren Bedürfnisse unserer Kinder werden weder bei uns noch in anderen Ländern wirklich befriedigt" (S. 9.) - mit diesem Satz beginnen der Kinderarzt Brazelton und der Kinderpsychiater Greenspan ihr Buch. Eltern und andere Leser/innen, die mit Kindern zu tun haben, können nur erschreckt und schuldbewusst reagieren und fragen: "Können wir es denn nie richtig machen?"

Im nächsten Absatz heißt es dann: "Nur wenige Familien können den Belastungen und Spannungen, die sie erzeugen, ohne äußere Unterstützung standhalten" (S. 9). Deshalb sollten den in diesem Buch genannten Grundvoraussetzungen entsprechende Programme und Gesetzesvorhaben entwickelt, geplant und auf ihre Tauglichkeit überprüft werden. Viel mehr Geld sei für die Unterstützung von Familien nötig.

Diese Aussagen verdeutlichen, dass sich das Buch sowohl an Eltern als auch an andere Personen richtet, die für Kinder Verantwortung tragen. Brazelton und Greenspan sehen sich als Anwälte der Kinder, die deren Interessen vertreten. Aus tiefer Liebe zu den Kindern setzen sie sich dafür ein, dass deren Wohlergehen bei weitem mehr Beachtung eingeräumt wird als bisher - und zwar nicht nur in der Familie, sondern auch in Politik und Gesellschaft (einschließlich der Kinderbetreuungs-, Schul-, Gesundheits- und Sozialsysteme). Dabei betonen die Autoren vor allem die Bedeutung der frühen Kindheit. Zumindest die ersten zwei oder drei Lebensjahre sollten in der Familie zugebracht werden, da (in den USA) 90% der Kinderkrippen (und die meisten Tagesmütter) den Qualitätsansprüchen an eine Fremderziehung nicht entsprechen würden. Jedoch lässt nach Meinung der Autoren auch die Qualität der Familienerziehung nach - z.B. würden Kinder fünf bis sechs Stunden täglich vor dem Fernseher oder Computer verbringen. Noch schlimmer sei, dass die Interaktion zwischen Eltern und Kindern unpersönlicher geworden ist.

Eine Verbesserung der Entwicklungsbedingungen für Kinder ist laut Brazelton und Greenspan nur dadurch zu erreichen, dass man zunächst bewusst die elementaren kindlichen Bedürfnisse reflektiert. In ihrem Buch unterscheiden sie folgende sechs Grundbedürfnisse, denen sie jeweils ein Kapitel widmen:

1. Das Bedürfnis nach beständigen liebevollen Beziehungen

Hier wird die Entwicklung der Beziehung (Kommunikation) zwischen Eltern und Säugling beschrieben und die Bedeutung von Konstanz, Emotionalität und Fürsorglichkeit herausgestellt. In einem langen transkribierten Dialog zwischen den Autoren wird das Thema vertieft, wobei auch auf Fehlentwicklungen, Ehescheidung (verbringt das Kleinkind die meiste Zeit bei einem Elternteil, sollte es vor Ende des dritten Lebensjahres nicht bei dem anderen übernachten, da die lange Trennung die primäre Beziehung schädigen könnte), Kinderkrippen (mit ihren vielen "emotional ausgehungerten" Kleinkindern), Pflegefamilien und Adoption, Mütter in Gefängnissen, Waisenhäuser und Heime eingegangen wird. Dann folgen Empfehlungen zur Gestaltung des Tagesablaufs mit Kindern in der Familie, zur Beziehungsgestaltung, zum Fernsehkonsum sowie zur Verbesserung der Situation in Krippen und Tagesstätten, in Heimen und Pflegestellen.

2. Das Bedürfnis nach körperlicher Unversehrtheit, Sicherheit und Regulation

Problematisiert wird, dass schon viele Säuglinge unter Misshandlung und Vernachlässigung leiden oder durch den Missbrauch von Suchtmitteln seitens der Eltern und andere Giftstoffe geschädigt sind. Auch die Entwicklung älterer Kinder wird zunehmend durch Stress, Gewalt, übertriebener Fernsehkonsum, langes Sitzen vor dem Computer, Umweltgifte, Rauchen, Drogenkonsum u.ä. geschädigt. So machen Brazelton und Greenspan Vorschläge, wie eine gesunde Entwicklung von Kindern sichergestellt werden kann. Auch diese Themen werden wieder in einem transkribierten Dialog vertieft, gefolgt von Empfehlungen (z.B. Vermeidung von Giftstoffen, öffentliche Aufklärungskampagne, frühe pädiatrische Versorgung, Reduzierung des Einsatzes von Psychopharmaka, Unterricht über die menschliche Entwicklung an Schulen).

3. Das Bedürfnis nach Erfahrungen, die auf individuelle Unterschiede zugeschnitten sind

Jeder Säugling, jedes Kind ist anders - und dies sollte auch in der Erziehung berücksichtigt werden. Eltern haben es weitgehend in der Hand, ob sich bestimmte Anlagen in eine problematische oder positive Richtung entwickeln. Aber auch die Schule muss individuelle Unterschiede berücksichtigen - in diesem Zusammenhang arbeiten die Autoren sechs Grundvoraussetzungen des Lernens heraus. Im Gespräch zwischen Brazelton und Greenspan und in den Empfehlungen werden Themen wie die frühe Wahrnehmung von Besonderheiten, die Notwendigkeit präventiver Dienste (wie aufsuchende Familienarbeit oder Vorsorgeuntersuchungen/ Screenings) und wichtige Reformen im Schulsystem (mehr Individualisierung, kleinere Klassen, spezifische Ausbildung für bestimmte Kinder) behandelt.

4. Das Bedürfnis nach entwicklungsgerechten Erfahrungen

Kinder müssen eine Reihe von Entwicklungsstufen bewältigen - was ihnen nur gut gelingt, wenn sie die jeweils notwendigen Erfahrungen machen. Die Autoren stellen neun von Greenspan unterschiedene Entwicklungsstufen und die jeweiligen Anforderungen vor. Im Dialog geht es dann um das gemeinsame Nichtstun, die Begrenzung der Fernseh- und Computerzeit, Hausaufgaben und Schulnoten. Anschließend wird z.B. empfohlen, dass Eltern täglich Zeit mit ihren Kindern verbringen, um mit ihnen über Gott und die Welt zu diskutieren, dass sie Peer-Kontakte fördern und die Zeit für Hausaufgaben begrenzen sollten. Andere Empfehlungen richten sich an Schule, Rehabilitationseinrichtungen und sozialpsychiatrische Dienste.

5. Das Bedürfnis nach Grenzen und Strukturen

Kinder benötigen Normen und Regeln auf der Grundlage von Beziehungen, die durch Zuwendung und Fürsorge geprägt sind. Die Autoren schreiben, wie Grenzen in den verschiedenen Altersstufen gesetzt werden, dass Normen in Bezug zu Werten und dem elterlichen Vorbild stehen und Regeln entwicklungsgemäß sein sollten. Im Gespräch zwischen Brazelton und Greenspan und in den Empfehlungen geht es darum, dass Disziplin das zweitwichtigste in der Erziehung nach der Liebe sei, dass auf körperliche Bestrafung verzichtet werden sollte, dass Eltern gemeinsam Grenzen setzen und auch in Schulen verstärkt Regeln durchgesetzt werden sollten.

6. Das Bedürfnis nach stabilen, unterstützenden Gemeinschaften und nach kultureller Kontinuität

Hier geht es um das Leben in einer multikulturellen Gesellschaft und damit um die Achtung vor der (Sub-)Kultur eines jeden Kindes, einer jeden Familie. Thematisiert werden das Funktionieren des Gemeinwesens, die Förderung kohärenter und sicherer Gemeinschaften, das soziale Leben an Schulen und neuartige Nachbarschaftseinrichtungen (wie z.B. ein Kinderzentrum im Wohnblock). Im Dialog sprechen die Autoren über die notwendige Berücksichtigung kultureller Stärken in sozialen Programmen und die Entwicklung von gemeinsamen Werten seitens verschiedener gesellschaftlicher Gruppierungen. Sie empfehlen, den nachbarschaftlichen Zusammenhalt zu stärken, staatliche Programme an die Bedingungen vor Ort anzupassen, auch nachts Ansprechpartner für Multi-Problem-Familien bereit zu halten und die Zusammenarbeit zwischen Bildungs- bzw. Betreuungseinrichtungen und Eltern zu verbessern.

Weitere Kapitel

In einem kurzen Schlusskapitel gehen die Autoren dann auf die Verantwortung wohlhabender Nationen gegenüber den Kindern in Krisengebieten oder unterentwickelten Regionen ein. Im Anhang werden das "Touchpoints-Modell" von Brazelton (wobei Touchpoints als kritische Phasen in der kleinkindlichen Entwicklung zu verstehen sind) und ein Fragebogen von Greenspan zur Funktionsentwicklung bei Kindern bis zu 12 Jahren vorgestellt. Es folgen die Anmerkungen (nach den Buchkapiteln geordnet, mit Literaturhinweisen) sowie ein Personen- und Sachregister.

Zielgruppen und Fazit

Das mit einem Hardcover versehene Buch ist gut lesbar - auch von Eltern - und enthält eine Fülle von bedenkenswerten Vorschlägen. Zielgruppen sind Väter und Mütter, Erzieher/innen, Sozialpädagog/innen, Lehrer/innen, Ärzte und Psychiater, Kommunal-, Sozial- und Bildungspolitiker. Für die Qualität des Buches spricht, dass jede dieser Zielgruppen eine Fülle von für sie relevanten Gedanken vorfindet.

Rezension von
Dr. Martin R. Textor
Institut für Pädagogik und Zukunftsforschung (IPZF)
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Es gibt 72 Rezensionen von Martin R. Textor.

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ISSN 2190-9245