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Julia Plück, Elke Wieczorrek u.a.: Präventionsprogramm für expansives Problemverhalten (PEP)

Cover Julia Plück, Elke Wieczorrek, Tanja Wolf Metternich, Manfred Döpfner: Präventionsprogramm für expansives Problemverhalten (PEP). Ein Manual für Eltern- und Erziehergruppen. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2006. 221 Seiten. ISBN 978-3-8017-1894-7. 59,95 EUR, CH: 95,00 sFr.

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Autoren

PEP wurde an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters am Klinikum der Universität zu Köln von einem Team um Manfred Döpfner, Professor für Psychotherapie in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, entwickelt.

Zum Thema

Die Prävention psychischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen wird von vielen Seiten als wichtige Aufgabe gesehen. Besondere Bedeutung wird dabei der Prävention expansiver Verhaltensauffälligkeiten (ungesteuerte, impulsive, unruhige, verweigernde und aggressive Verhaltensweisen) zugeschrieben.

Diese Verhaltensweisen treten häufig auf, sind im Entwicklungsverlauf sehr stabil und haben ein hohes Chronifizierungsrisiko. Zudem ist die Behandlung ausgeprägter expansiver Verhaltensstörungen sehr mühsam. Dringend geboten sind deshalb Präventionsmaßnahmen, die bei Kindern ansetzen, die bereits Verhaltensauffälligkeiten entwickelt haben. Hier setzt das vorliegende Präventionsprogramm an.

Aufbau und Inhalt

PEP wurde auf der Grundlage des Therapieprogramms für Kinder mit hyperkinetischem und oppositionellem Problemverhalten (THOP) von Döpfner und Mitarbeiter/innen entwickelt. PEP wendet sich an Eltern und Erzieherinnen von Kindern mit frühen Zeichen ausgeprägten expansiven Verhaltens, ohne dass die Kriterien einer klinischen Diagnose erfüllt sein müssen; das Programm schließt die Lücke zwischen Selbsthilfe und Therapie.

PEP zielt auf Veränderung der alltäglichen Interaktion von Eltern und Erzieherinnen mit dem Kind. Basis und Kern des Programms ist die Stärkung der Erziehenden und die Stärkung der positiven Interaktion mit dem Kind, und damit die Stärkung der Beziehung zum Kind. Es dient auch der Stärkung der Beziehung zwischen Eltern und Erzieherin. Die Kursteilnehmerinnen lernen, ihr Verhalten gegenüber dem Kind zu planen und dann diesen Plan im Alltag in praktisches Handeln umzusetzen.

PEP kann als Elternprogramm und als Erzieherprogramm durchgeführt werden. Die Module des Programms sind auf die spezifische Problematik von Kindern mit expansivem Verhalten im Alter von drei bis sechs Jahren abgestimmt. Das Elternprogramm kann auch bei Grundschulkindern verwendet werden. Die Anwendung erfolgt jeweils in der Gruppe.

Das Programm beginnt mit einer konstituierenden Sitzung, die einem gegenseitigen Kennenlernen von Trainerin und Teilnehmerinnen dient, in der die inhaltlichen Schwerpunkte und strukturellen Abläufe erläutert werden und in der die Terminplanung erfolgt. Die ersten drei inhaltlichen Sitzungen stellen die Stärkung der Beziehung zum Kind in den Mittelpunkt:

  • Sitzung 1: Das Kind - Freud und Leid: Konzentration auf das Problemverhalten in konkreten Situationen; Lernen, Problem eindeutig zu formulieren; Perspektivwechsel durch Stärkung der Beziehung zum Kind; Fokussierung schöner Situationen mit dem Kind und positiver Eigenschaften des Kindes.
  • Sitzung 2: Teufelskreismodel/Gemeinsame Spielzeit/Wertvolle Zeit: Vermittlung eines Erklärungsmodells; Ausstieg aus dem Teufelskreis und Stärkung der Beziehung durch "Gemeinsame Spielzeit/Wertvolle Zeit".
  • Sitzung 3: Energiesparen & Auftanken: Erarbeitung eines strukturierten Tagesablaufs zur Verminderung der problematischen Situationen; konkrete Lösungsmöglichkeiten für Stress-Situationen entwickeln; Anregungen für Erholung und Entspannung geben.

In den nächsten drei Sitzungen wird ein Grundmuster zur Lösung problematischer Situationen an individuellen Themen erarbeitet: das Model der "erweiterten Ampel" zum Ausstieg aus dem Teufelskreis: Regeln aufstellen, wirkungsvolle Aufforderungen geben, Anwendung positiver und negativer Konsequenzen:

  • Sitzung 4: Regeln und wirkungsvolle Aufforderungen: Formulierung eindeutiger Regeln; Erlernen wirkungsvoller Aufforderungen zur Reduktion schwieriger Situationen.
  • Sitzung 5:  Positive Konsequenzen: Vermittlung lerntheoretischer Grundlagen; Erarbeitung verschiedener Formen positiver Konsequenzen; shaping.
  • Sitzung 6:  Negative Konsequenzen: Vermittlung lerntheoretischer Grundlagen; Erarbeitung konkreter Handlungsmöglichkeiten.

Im Elterntraining werden vier optionale Sitzungen zu Themenschwerpunkten vorgeschlagen, in denen die bis hierhin erarbeiteten Grundstrategien vertieft werden:

  • Sitzung A: Problemverhalten in der Öffentlichkeit: Anwendung und Einübung der Basisbausteine anhand eines spezifischen Problemverhaltens mit Beteiligung Dritter; Erarbeitung eines konkreten Handlungsplanes.
  • Sitzung B: Ständiger Streit: Anwendung und Einübung der Basisbausteine anhand eines spezifischen Problemverhaltens mit Beteiligung Dritter; Erarbeitung eines konkreten Handlungsplanes zur Reduktion von Konfliktsituationen zwischen Kindern.
  • Sitzung C: Ausdauerndes Spiel: Vermittlung der Zusammenhänge zwischen Defiziten in Basiskompetenzen und Problemverhalten des Kindes; Erarbeitung eines individuellen Spieltrainings.
  • Sitzung D: Hausaufgaben: Erarbeitung eines individuellen Hausaufgabenplans.

Für das Training für Erzieherinnen werden drei weitere thematische Sitzungen vorgeschlagen:

  • Sitzung 7: Kontakte aufbauen - Freunde finden: Anwendung und Einübung der Basisbausteine anhand eines spezifischen Problemverhaltens mit Beteiligung Dritter; Erarbeitung eines konkreten Handlungsplanes.
  • Sitzung 8: Ausdauerndes Spiel: Vermittlung der Zusammenhänge zwischen Defiziten in Basiskompetenzen und Problemverhalten des Kindes; Erarbeitung eines individuellen Spieltrainings.
  • Sitzung 9: Elternarbeit und Elterngespräche: Sensibilisierung für die Elternperspektive, positive Kontaktaufnahme und konstruktive Gesprächsführung mit Eltern.

Für beide Trainingsgruppen ist jeweils eine Abschlusssitzung geplant:

  • Sitzung E/10: Zusammenfassung: Wiederholung der eingeübten Grundstrategien, Resümee, Perspektivenplanung.

Jede Sitzung ist im Manual ausführlich dargestellt. Es beginnt mit einer To-do-Liste für die Vor- und Nachbereitung jeder Sitzung. Die Vorgehensweise und der Verlauf der Sitzung werden anhand der zu besprechenden Folien vermittelt: Zu Beginn fasst die Trainerin die Inhalte der letzten Sitzung zusammen und die Erfahrungen, die die Teilnehmerinnen seitdem gemacht haben, werden besprochen. Anschließend werden Informationen zum Thema der Sitzung vermittelt und Ideen und Meinungen diskutiert. Jede Teilnehmerin erarbeitet in der Gruppensitzung einen individuellen Handlungsplan, wie sie Veränderungen herbeiführt; für die Umsetzung werden Anregungen und Hinweise gegeben. Abschließend wird die Aufgabe bis zur folgenden Sitzung festgelegt. Für eine Sitzung werden jeweils zwei Stunden veranschlagt.

Immer wiederkehrende Standardfragen sowie die häufige betonte Wiederholung der zentralen Elemente der Verzahnung von Planen und Handeln und der "erweiterten Ampel" erleichtern es den Teilnehmerinnen, das Gelernte in ihr Handeln zu integrieren.

Zusätzlich zum gedruckten Manual werden alle Materialien auf einer CD mitgeliefert. Die CD umfasst alle Folien für die Sitzungen, Fragebögen und Vorlagen für Sitzungsprotokolle sowie das umfangreiche Teilnehmermaterial, das jede Teilnehmerin erhält (133 Seiten für Eltern und 120 Seiten für Erzieherinnen).

Zielgruppen

Das Programm richtet sich an Eltern und Erzieherinnen.

Als Trainerinnen und Trainer sind Fachkräfte aus den Berufsgruppen der Psychologie und Psychotherapie,  Heil- und Sozialpädagogik, Pädiatrie sowie Fachkräfte anderer Berufsgruppen wie Ergotherapeutinnen oder Erzieherinnen mit entsprechender Berufserfahrung und guten Vorkenntnissen angesprochen.

Fazit

Als Präventionsprogramm kommt das PEP einem dringenden Bedarf entgegen. Das Programm ist logisch aufgebaut, praxisnah konzipiert und mit angemessenem Aufwand durchführbar. Die Anzahl der Sitzungen bewegt sich an der oberen Grenze dessen, zu der Familien aus der Zielgruppe meist noch zu motivieren sind. Das direkte Feedback in der Gruppe erhöht die Motivation. Die vorgegebenen Materialen können die Aufmerksamkeit fesseln, sind verständlich und anschaulich. Sie können auch in Beratungskontexten außerhalb des Programms erfolgreich verwendet werden.

Das Programm hat auch seine Grenzen. Diese werden auch von den Autoren deutlich formuliert. Das Programm kann und will keine Therapie ersetzen, es kann aber wohl helfen, Wartezeiten zu überbrücken.


Rezension von
Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner
Leiter der Interdisziplinären Frühförderstellen im Landkreis Erding im Einrichtungsverbund Steinhöring
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Zitiervorschlag
Lothar Unzner. Rezension vom 23.12.2006 zu: Julia Plück, Elke Wieczorrek, Tanja Wolf Metternich, Manfred Döpfner: Präventionsprogramm für expansives Problemverhalten (PEP). Ein Manual für Eltern- und Erziehergruppen. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2006. ISBN 978-3-8017-1894-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4033.php, Datum des Zugriffs 24.10.2021.


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