socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Heinrich Hagehülsmann (Hrsg.): [...] Die Kunst transaktionsanalytischer Beratung

Cover Heinrich Hagehülsmann (Hrsg.): Beratung zu professionellem Wachstum. Die Kunst transaktionsanalytischer Beratung. Vielfalt in Theorie & Praxis. Junfermann Verlag GmbH (Paderborn) 2006. 368 Seiten. ISBN 978-3-87387-654-5. 36,00 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Transaktionsanalyse (TA) ist vielen im Bewusstsein als eine psychologische Theorie und therapeutische Praxis, der in erster Linie eine individualpsychologische Sicht eigen ist. Die Gegenüberstellung der beiden "Ich-Zustands-Schneemänner" ist ein vertrautes Bild, auf dem sich die Komplexität intersubjektiver Kommunikation in einzelnen Transaktionen abbilden lässt. Was nicht allen ohne weiteres präsent ist, ist die Tatsache, dass sie auch komplexe Organisationsphänomene mit dem Repertoire der TA begriffen werden können. Dazu nämlich sei eine systemische Perspektive notwendig, die der klassischen TA so nicht eigen sein. Eine solche Sichtweise nimmt aber neuere Entwicklung der TA nicht wahr. So haben Ute und Heinrich Hagehülsmann schon im Jahr 1998 einen Band mit dem Titel "Der Mensch im Spannungsfeld seiner Organisation" (ebenfalls bei Junfermann) vorgelegt, der, wie der Titel schon nahelegt, gerade die Interaktion zwischen Einzelnen und Organisationsstrukturen zum Thema hat. Und Bernd Schmid hat, um ein weiteres Beispiel zu nennen, in seinem Buch "Systemische Professionalität und Transaktionsanalyse" die systemische Sicht konzeptuell mit der TA zusammengeführt. Beides sind sehr spannende Bücher - und es sind bei weitem nicht die einzigen Entwürfe zum Thema "TA und Organisation". Das ist aber nicht das einzige Thema, das der von Hagehülsmann herausgegebene Band verfolgt. Er will generell die Weite transaktionsanalytische Theorie und Praxis zeigen, wie schon der Blick auf das Inhaltsverzeichnis zeigt: das Spektrum reicht von Sozialarbeit über Jugendgerichtsbarkeit, Schule, Profit- und Non-Profit-Unternehmen bis hin zur Frage des Einsatzes kreativer Methoden in Beratungsprozessen.

Herausgeberin und Herausgeber

Heinrich Hagehülsmann ist gemeinsam mit seiner Frau in eigenem Institut (vgl. www.werkstatt-psychologie.de, dort auch eine ausführliche Biographie) in der Ausbildung in TA tätig und ist Autor zahlreicher Fachveröffentlichungen. Er ist Dipl.-Psych., Psychologischer Psychotherapeut, Supervisor, Coach und Trainer für Organisationen. Der Band enthält jeweils am Ende eines Aufsatzes informative biographische Notizen zu den AutorInnen, so dass in der Rezension kurze Notizen genügen können.

Aufbau

Der Band enthält 13 Aufsätze, und er ist als "Band I" bezeichnet (der Inhalt des zweiten Bandes ist als Hinweis abgedruckt, er wird weitere Anwendungsfelder transaktionsanalytischer Beratung vorstellen).

Inhalt

  • Heinrich und Ute Hagehülsmann und Hilde Anderegg sind die AutorInnen des einführenden Aufsatzes mit dem Titel "Transaktionsanalytische Beratung: Theorie, Methode und Praxis". Wer mit "TA" bis dahin noch gar nichts verbinden konnte, der kann sich auf diesen 75 Seiten einen guten Überblick verschaffen. Den AutorInnen gelingt es, die TA in ihren grundlegenden Konzepten und Methoden verständlich und kurz darzustellen, dabei aber nicht grob zu verkürzen oder banal zu werden. Natürlich kann ein Überblicksaufsatz nicht ein profundes Lernen ersetzen, aber er kann Lust darauf machen. Ich finde besonders bemerkenswert, dass weder die Frage der Evaluation ausgespart wird noch die der ethischen Orientierungen. Der Aufsatz enthält im Anhang die Formulierung von "Kernkompetenzen der Transaktionsanalytischen Berater/innen" sowie die Ethik-Richtlinien der DGTA (Deutsche Gesellschaft für Transaktionsanalyse.
  • Ein zweiter Aufsatz schildert die transaktionsanalytische Arbeit in der Sozialen Arbeit. Uwe H. Schluz-Wallenwein ist Diplom_Pädagoge, Diplom-Sozialpädagoge, Psychotherapeut/HPG, Lehrender Transaktionsanalytiker und Supervisor. In seinem Beitrag schlägt er einen weiten Bogen von einer Definition der Beratung im Kontext sozialer Arbeit über deren Geschichte und unterschiedliche Beratungskonzepte bis hin zur Darstellung des transaktionsanalytischen Konzeptes. Auch dieser Artikel bietet eine knappe, aber enzyklopädische Orientierung.
  • Doris Burkes professionelle Wurzeln liegen in der Sozialarbeit in einer Beratungsstelle des Sozialamtes, in der Straffälligenhilfe und der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Sie reflektiert die besonderen Bedingungen der "Beratung im Kontext Sozialer Arbeit mit unfreiwilliger Klientel". Besonders spannend, wenn auch kurz, fand ich die Gedanken unter dem Stichwort "Menschenbild". Ich halte es für eine Stärke der TA, mit einem profilierten und ausdrücklich formulierten Menschenbild zu arbeiten. Die Grundannahme ist, kurz formuliert, die, dass der Mensch von Natur "OK" ist und dazu mit einem großen Potential konstruktiver Kräfte ausgestattet ist, die zu Autonomie und sozialer Verantwortlichkeit tendieren. Diese Grundannahmen des TA-Menschenbildes, die sich im Konzept der "autonomen Person" verdichten (S. 23) treffen allerdings genau für die Klientel, die Burke beschreibt, nicht zu bzw. sind nur noch als ge- oder gar zerstört feststellbar. Das gilt es bei der Arbeit mit dem TA-Ansatz konsequent zu bedenken - und auf diese Weise gewinnt die transaktionsanalytische Arbeit auch an gesellschaftskritischer Prägnanz.
  • Hanne Raeck ist Lehrerin und Supervisorin, sie beschreibt das Feld der "Beratung in der Schule". Schule ist erfahrungsgemäß ein sensibler Bereich, wenn es um die Reflektion psychosozialer Arbeitsbedingungen geht. Gleichwohl gibt es einen Beratungsbedarf bei allen am System Schule beteiligten Personengruppen. Raeck bezieht die Grundkonzepte der TA wie Grundpositionen, Ich-Zustände, Gefühle und Racketgefühle, Antreiber etc. auf Fragestellungen der Personen und zeigt so Anwendungsmöglichkeiten der TA in der Schule auf.
  • Einen gelungenen Praxisbericht bietet auch Birgitt Wiarda in ihrem Beitrag ""Verantwortung und Grenzen" - ein Wochenend-Seminar für Frauen". Sie schildert darin "Seminare als spezielle Form der Beratung". Wiarda ist Pastorin, Suchtberaterin und Heilpraktikerin für den Bereich Psychotherapie. Für nicht wenige Menschen ist ein Seminar, das aus Gründen von Weiterbildung oder der Selbstentfaltung besucht wird, die erste Begegnung mit einem Beratungsprozess. Die zeitliche Begrenzung braucht gute Planung, aber bei einem gelungen Prozessbogen bietet sie die Chance einer guten Annäherung an Beratung.
  • Günther Mohr hat schon mehrere Veröffentlichungen zum Thema "Supervision und Führung" bzw. "Supervision in Unternehmen" vorgelegt. Er ist Diplom-Psychologe, Diplom-Volkswirt, Psychologischer Psychotherapeut, Coach und Supervisor. In seinem Artikel reflektiert er am Beispiel einer großen Sparkasse die besonderen Bedingungen unternehmensinterner Beratung. Auch in diesem Artikel gelingt die Verbindung von TA-Konzepten und Organisationsperspektive gut.
  • Den Aufsatz über "Beratung im Kontext von Nonprofit-Organisationen" liefert Hans Brunner, Diplom-Physiker, Lehrer und Berater für Nonprofit-Organisationen. Er betont, TA sei von Eric Berne als Gruppentherapie eingeführt worden (S. 211), also von Anfang an auf die Wahrnehmung sozialer Systeme hin angelegt gewesen. Diese systemische Perspektive durchzieht den ganzen Aufsatz Brunners und macht ihn zu einem lehrreichen Beitrag.
  • Den "feldunabhängigen", grundsätzlichen Artikel zur TA-Arbeit in Organisationen haben Ute und Heinrich Hagehülsmann beigesteuert - unter der Titel "Prozessberatung in Organisationen". Eine solche "Prozessberatung" hat drei Konkretionen: Coaching, Teamberatung und Organisationsentwicklung. Prozessberatung meint dabei im TA-Verständnis eine Hilfe zur Veränderung in Bezug auf definierte Ziele bzw. die Neudefinition von Zielen. Die Grundannahme ist dabei die, dass die TA-Konzepte ihre Deutungskraft nicht nur in individualpsychologischen, sondern auch in Organisationskontexten erweist, z.B.: "Genauso wie das Skript die Autonomie einer individuellen Person behindern kann, gibt auch in Organisationen automatisierte, scheinbar Sicherheit bietende Denk-, Fühl- und Verhaltensabläufe, die der Effektivität und dem Wachstum der Organisation entgegenstehen. - Nach meiner Einschätzung einer der zentralen Aufsätze des Bandes.
  • Werner Vogelauer, ein versierter Autor mehrerer Fachbücher zum Thema Coaching, schildert die "Transaktionsanalyse im Coaching-Einsatz". Vogelauer ist Dipl.-Kfm., Dr. der Handelwissenschaften, Unternehmensberater, Managementtrainer, Coach und Supervisor. Die Anwendung der TA zeigt gerade im Feld Coaching die Stärke des Konzeptes. Vogelauer präzisiert dieses Konzept auf das besondere Setting hin, das tut er, wie gewohnt, mit viel empirischem Material und in sehr übersichtlicher Weise.
  • Vom individuellen Setting im Coaching geht der nächste Beitrag zum Teamsetting über: "Konfliktberatung in Teams - vom Gegeneinander zum Miteinander" lautet der Titel des Beitrags von Uta Höhl-Spenceley, die Diplomsozialpädagogin, Lehrtrainerin und -supervisorin ist. im Zusammenhang von Konflikten erweist m.E. das Konzept des "Bezugsrahmens" seine hilfreiche Kraft. Gleichzeitig wird noch einmal das Thema "Konfliktdynamik" und "Konfliktmechanismen" zur Sprache gebracht - ein informativer Beitrag aus dem Bereich der Mediation.
  • Noch einen Schritt weiter in Richtung gesellschaftlicher Perspektive geht Peter Rudolph mit seinem Aufsatz mit dem Titel: "Im Zentrum des Sturms: der Moment als Schnittstelle - Beratung und Gesellschaft". Menschen durchlaufen in ihrem Leben einen Prozess, der nicht ohne Grund "Sozialisation" genannt wird: es geht dabei auch um die Verinnerlichung kollektiver Deutungs- und Handlungsmuster. Rudolph verfolgt die Spuren gesellschaftlicher Muster in der Beratungspraxis und fragt nach der Erklärungskraft transaktionsanalytischer Konzepte für diesen Zusammenhang. Er arbeitet als Berater und Erwachsenenbildner und ist Leiter einer Fachschule für Heilpädagogik.
  • Eine wichtige Ergänzung zu den eher feldorientierten Beiträge liefert die Diplompädagogin, Transaktionsanalytikerin sowie Spiel- und Theaterpädagogin Renate Raschen mit ihrem Artikel "Spiel, Kunst, Kreativität und die transaktionsanalytische Beratung: Perspektiven und Wechselwirkungen einer anregenden Partnerschaft". Andere Therapiekonzepte wie z.B. Gestalttherapie haben traditionell eine höhere Affinität zu kreativen Methoden. Das bedeutet aber nicht, dass die TA mit Spiel und Kunst nicht kompatibel wäre (vgl. z.B. das Angebot des Ausbildungsinstituts INITA unter www.inita.de). Der vorliegende Artikel bietet einen guten Überblick.
  • Quasi als Nachwort schreibt Hilde Anderegg, die als Mitglied des "Eric Berne Instituts Zürich für angewandte TA", als Supervisorin und Coach und als Dozentin für Persönlichkeit und Beruf gearbeitet hat und eine Psychologische Praxis betreibt, eine "Liebeserklärung an eine Profession oder: Was mich als beratende Transaktionsanalytikerin ausmacht". Gut, dass auch hier das Stichwort "Ethisch handeln" noch einmal auftaucht - so gelingt dem Buch ein guter Bogen.

Fazit

Der ausführliche Überblick ermöglicht m.E. eine gute Einschätzung des Bandes. Er bietet für alle, die sich mit TA beschäftigen oder Anwendungsmöglichkeiten von TA erkunden möchten, eine sehr wertvollen Kompendium. Die Autoren sind ausnahmslos qualifizierte, kundige und praxiserfahrene TransaktionsanalytikerInnen, und die Lektüre jedes einzelnen Beitrages bedeutet einen Gewinn. Insgesamt zeigen sie die Weite und Offenheit des TA-Ansatzes. Formal finde ich die Randglossen gut: sie erleichtern die Suche nach Gelesenem und ermöglichen eine erste Orientierung. Dass immer wieder Beratungspassagen aus der eigenen Praxis der BeraterInnen eingefügt sind, macht den Band lehrreich. Dass ein Literaturverzeichnis am Ende Einzelverzeichnisse nach den Kapiteln ersetzt, dient der Übersichtlichkeit, das Literaturverzeichnis bietet viele hilfreiche Hinweise auf Möglichkeiten der eigenen Weiterarbeit. Ein nicht zu umfangreiches Stichwortverzeichnis hilft, wichtige Themen wiederzufinden. Also alles in allem: rundum empfehlenswert!


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
E-Mail Mailformular


Alle 121 Rezensionen von Peter Schröder anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 07.06.2007 zu: Heinrich Hagehülsmann (Hrsg.): Beratung zu professionellem Wachstum. Die Kunst transaktionsanalytischer Beratung. Vielfalt in Theorie & Praxis. Junfermann Verlag GmbH (Paderborn) 2006. ISBN 978-3-87387-654-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4034.php, Datum des Zugriffs 20.07.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung