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Annette Heuwinkel-Otter, Anke Nümann-Dulke u.a.: Pflegediagnosen, Krankeitsbilder und Therapiekonzepte

Cover Annette Heuwinkel-Otter, Anke Nümann-Dulke, Norbert Matscheko: Pflegediagnosen, Krankeitsbilder und Therapiekonzepte. Springer (Berlin) 2006. 580 Seiten. ISBN 978-3-540-29435-1. 29,95 EUR, CH: 51,00 sFr.

Menschen pflegen. Band 3.
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Einführung

Dieser dritte Band der Lehrbuchreiche "Menschen pflegen" setzt auf den ersten beiden Bänden auf. In diesen sind erstens grundlegende Spezifika des Pflegeberufs und angrenzender Berufsfelder und zweitens wesentliche Pflegediagnosen und darauf Bezug nehmende pflegerische Strategien beleuchtet worden. In dieser Publikation steht die Betrachtung pflegerelevanter Lebenssituationen und Krankheitsbilder im Vordergrund, die sich entsprechend der Konzeption der Lehrbuchreihe ebenso an alphabetisch geordneten und von den HerausgeberInnen teilweise modifizierten NANDA-Pflegediagnosen orientieren. Damit werden diesen Pflegediagnosen zugrunde liegende oder mit ihnen im Zusammenhang stehende Krankheitsbilder und mit dem Auftreten der Pflegediagnosen verbundene Lebenssituationen im Besonderen in den Blick genommen, wobei die pflegerische Perspektive Gegenstand des zweiten Bandes ist. Somit sind insbesondere die letzten beiden Bände komplementär zu benutzen.

Aufbau

Der dritte Band ist in drei Abschnitte untergliedert:

  1. Einsteigen ohne auszusteigen - Das didaktische Konzept,
  2. Erkennen und Handeln: Pflegen nach Pflegediagnosen,
  3. Suchen und finden: Serviceteil.

Zum 1. Abschnitt: "Einsteigen ohne auszusteigen - Das didaktische Konzept"

Wie bereits im zweiten Band, beinhaltet dieser erste Abschnitt eine Kurzfassung des der Lehrbuchreihe zugrunde liegenden inhaltlichen und didaktischen Konzepts, welches zum einen Pflegefachwissen sowie weiterführende bezugswissenschaftliche Wissensbereiche an modifizierten NANDA-Pflegediagnosen strukturiert und zum anderen an dem didaktischen Lernansatz "gehirn-gerechtes Lernen" von Birkenbihl ausgerichtet ist.

Zum 2. Abschnitt: "Erkennen und Handeln: Pflegen nach Pflegediagnosen"

Die Darstellung pflegerelevanter Lebenssituationen sowie die mit den Pflegediagnosen thematisch verbundenen Krankheitssituationen erfolgt in alphabetischer Reihenfolge der von den HerausgeberInnen modifizierten NANDA-Pflegediagnosen. Eingeführt wird das jeweilige Kapitel mit einer Titelseite, die die Gliederung, die AutorInnen und eine Übersicht in Form weiterer mit der im Folgenden zu besprechenden Pflegediagnose verbundener Diagnosen enthält. Der jeweilige Aufbau des Kapitels ist an der nachfolgenden Struktur orientiert. So werden z. B. mit der Pflegediagnose "Aktivitätsintoleranz, Gefahr/ Aktivitätsintoleranz" verbundene Aspekte der Lebenssituation beleuchtet, wesentliche Begriffe definiert und Hintergründe angesprochen "(Einblick - Was passiert)?". Daraufhin folgt die Veranschaulichung des bzw. der mit der im Mittelpunkt der Betrachtung stehenden Pflegediagnose verbundenen Krankheitsbilder. Außerdem werden ggf. deren Varianten, Ausprägungen und klassifikatorische Einteilungen erläutert. Des Weiteren werden mit den dargestellten Krankheitsbildern verbundene Beobachtungen und Krankheitssignale in Form der Bezugnahme auf die ICD und damit verbundene Symptome dargelegt. Die Veranschaulichung des therapeutischen Konzepts erfolgt anhand der Begriffe Prävention, Diagnostik/ Differenzialdiagnostik, Ansätze der Therapie, medikamentöse Therapie und Pflegemaßnahmen. Diese beziehen sich im Wesentlichen auf die mit der Krankheit verbundenen pflegerischen Aufgaben in Zusammenhang mit medizinischer Diagnostik und Therapie. Des Weiteren werden Bezüge der behandelten Krankheiten zur Lebenssituation des betroffenen Menschen herausgearbeitet. Das jeweilige Kapitel schließt mit der Angabe weiterführender Literatur sowie mit der so genannten Schülerseite, die entsprechend der Gesamtkonzeption der Lehrbuchreihe Lernanreize und Lernüberprüfungen sowie weiterführende Informationen, Internetlinks und auch Karikaturen enthält. Der Text wird jeweils mit Abbildungen, Grafiken, Bildern und Tabellen ergänzt. Wichtige Begriffe und zentrale Sachverhalte werden mittels Fettdruck oder farblich hervorgehoben und fungieren als Ankerpunkte für den Text.

Zum 3. Abschnitt: "Suchen und finden: Serviceteil"

Dieser letzte Abschnitt beinhaltet weitergehende Informationen bzw. Kontaktdaten über deutsche, schweizerische und österreichische Selbsthilfegruppen in Themenfeldern wie z. B. Aids, Alzheimer/ Demenz und Blindheit. Außerdem werden relevante Fachbegriffe in einem alphabetisch geordneten Glossar erklärt. In einem eigenen Verzeichnis finden sich Verweise auf die verwendeten Abbildungen. Schließlich wird dieser Abschnitt durch ein Stichwortverzeichnis abgeschlossen.

Diskussion

Inhaltlich sind die einzelnen Kapitel in sich logisch gegliedert, auch wenn sie eigenwillig nummeriert worden sind, was wohl der aufeinander aufbauenden Logik der Lehrbuchreihe geschuldet ist. Der Lehr- und Lernstoff ist mittels zumeist einschlägiger und neuerer Literatur aufbereitet, vereinzelt wird aber auch auf nicht sehr umfangreiche Literatur zurückgegriffen und mitunter werden Sekundär- statt Primärquellen verwendet. Die Kapitel sind entsprechend des didaktischen Konzepts mit Lernanreizen verbunden. Somit unterscheidet sich die vorliegende Publikation in Hinblick auf den Aufbau und die Gestaltung von vergleichbaren Pflegelehrbüchern. Meines Erachtens liegt mit dem Lehrbuch eine konstruktive Form der Vermittlung vor, wobei zentrale Sachverhalte didaktisch ansprechend aufbereitet worden sind. Der Aufbau des Buchs folgt der Logik des zweiten Bandes und ist konsequent an Pflegediagnosen strukturiert, was eine für deutsche Pflegelehrbücher abweichende Strukturierung von Pflegefachwissen darstellt. Für die inhaltliche Qualität und die qualifikatorische Eignung der jeweiligen AutorInnen - die die jeweiligen Kapitel im zweiten und auch im dritten Band erarbeitet haben - sorgt ein Beirat, der einschlägig mit Pflegeexperten und -wissenschaftlerInnen besetzt ist. Auch der Liste der HerausgeberInnen und der AutorInnen kann der qualifikatorische Hintergrund der einzelnen VerfasserInnen entnommen werden, wobei deutlich wird, dass an den jeweiligen Kapiteln jeweils Experten des Themas mitgewirkt haben. Auch wenn der Aufbau der Lehrbuchreihe einer an sich sinnvollen Logik folgt (nämlich der konsequenten Ausrichtung des Pflegefachwissens an Pflegesituationen, an die die Darstellung mit ihnen verbundener medizinischer und sozialer Situationen angeschlossen ist), kann dieser meiner Ansicht nach nicht gänzlich gefolgt werden. Auch wenn sich Pflegediagnosen selbstverständlich nicht zwingend infolge von Krankheiten ergeben, stellen sie sich doch häufig in Folge der mit der Krankheit verbundenen Reaktionen des betroffenen Menschen in dessen Alltagsleben ein. Daher ist der Leser gezwungen, zusammengehörende Wissensbereiche in zwei Büchern zusammensuchen zu müssen. Meiner Ansicht nach wäre eine an der ICF (Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit - eine von der WHO entwickelte internationale gesundheitswissenschaftliche Klassifikation, in der die interdisziplinären Perspektiven der Medizin, der Pflege und anderer Gesundheitsfachberufe abgebildet sind) orientierte thematische Verknüpfung der medizinischen, pflegerischen und sozialen Perspektiven wünschenswerter gewesen. Diese hätte eine an Krankheiten, deren Implikationen für den davon betroffenen Menschen (menschliche Reaktionen in Form von Pflegediagnosen) in seiner Lebenssituation orientierten Darstellung des Pflegefachwissens ermöglicht und damit eher eine interdisziplinäre Ausrichtung und aufeinander bezogene Betrachtung gesundheitlicher Phänomene ermöglicht.

Ist die fachliche Darstellung in den Kapiteln zumeist gelungen, wirken die auf die Pflegediagnosen bezogenen Darstellungen der Krankheits- und Lebenssituationen in einzelnen Kapiteln konstruiert. So erscheint mir der Bezug der Pflegediagnose zu der zugrunde liegenden Lebenssituation nicht durchgängig gelungen zu sein. Der logische Zusammenhang der NANDA-Pflegediagnosen und der darauf Bezug nehmenden Krankheits- und Lebenssituationen ist nach meiner Einschätzung nicht durchgängig gegeben. Beispiele dazu sind: "Aktivitätstoleranz" und Autismus; "Copingdefizit" und Persönlichkeitsstörungen; "Denkprozesse gestört" und Parkinson sowie Multiple Sklerose. Der thematische Zusammenhang ist meiner Ansicht nach dann gesetzt, weil nicht immer eine eins zu eins Inbeziehungsetzung pflegerischer und medizinischer Diagnosen möglich ist und sinnvoll erscheint. Dies verursacht dann einen Logikbruch. So wird z. B. die Pflegediagnose "Aktivitätsintoleranz" mit der Lebenssituation Leben mit Autismus in Verbindung gebracht. Dies entspricht meiner Auffassung nach nicht dem in der Diagnose gefassten Phänomen, welches zwar auch die psychische Dimension beinhaltet, die jedoch auf die Energie zur Ausführung von Lebensaktivitäten bezogen ist, was meines Erachtens nach nicht auf die Lebenssituation Autismus zutrifft. Schließlich erscheinen mir die von den HerausgeberInnen neu kreierten Pflegediagnosen, wie "Empfinden gestört", insofern kontraproduktiv zu sein, weil dann wiederum eine einheitliche Fachsprache in Frage gestellt wird. Auf der anderen Seite kann dies als Anzeichen dafür gewertet werden, dass die von der NANDA bislang entwickelten Pflegediagnosen nicht das gesamte Spektrum pflegerischer Phänomene abzubilden in der Lage sind und gerade dann notwendige Ergänzungen vorzunehmen sind, wenn das gesamte Themenfeld für die pflegerische Ausbildung abgebildet werden muss.

Fazit

Dieser dritte Band der Lehrbuchreihe Menschen pflegen beinhaltet im Wesentlichen die medizinischen und sozialen Perspektiven auf die in den anderen beiden vorausgegangenen Bänden begründeten und ausführlich dargestellten modifizierten NANDA-Pflegediagnosen und den mit ihnen verbundenen pflegerischen Strategien. Ungeachtet der Kritik am Aufbau der Lehrbuchreihe, in der Krankheits- und Lebenssituationen nachträglich mit Pflegediagnosen verbunden werden und vereinzelter Kapitel, in denen der Bezug zwischen Krankheits-, Lebenssituation und Pflegediagnose etwas konstruiert erscheint, liegt mit dieser Publikation eine gelungene Einführung in die genannten fachlichen Grundlagen vor, die inhaltlich zumeist auf dem neuesten Stand und didaktisch ansprechend präsentiert werden. Es ist zu empfehlen (und dies entspricht auch der Intention der HerausgeberInnen, da aufgrund der Seitenlänge der gesamten Publikationsreihe eine einzige Publikation ausgeschlossen war) die drei Bände im Zusammenhang zu verwenden. Nach meiner Einschätzung erfüllt die Lehrbuchreihe den von den VerfasserInnen formulierten Anspruch, Grundlage für eine zeitgemäße generalistische Pflegeausbildung zu sein. Ich empfehle die Lehrbuchreihe Menschen pflegen in diesem Sinne und wünsche ihr eine weite Verbreitung.


Rezension von
Prof. Dr. Michael Schilder
Professor für klinische Pflegewissenschaft an der Evangelischen Fachhochschule Darmstadt
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Kommentare

Anmerkung der Redaktion: Vgl. auch die Rezension zum 1. Band und zum 2. Band des dreibändigen Lehrbuchs.


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Zitiervorschlag
Michael Schilder. Rezension vom 29.06.2007 zu: Annette Heuwinkel-Otter, Anke Nümann-Dulke, Norbert Matscheko: Pflegediagnosen, Krankeitsbilder und Therapiekonzepte. Springer (Berlin) 2006. ISBN 978-3-540-29435-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4047.php, Datum des Zugriffs 19.09.2020.


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