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Insa Sparrer: Systemische Strukturaufstellungen. Theorie und Praxis

Rezensiert von Prof. Dr. Lilo Schmitz, 01.10.2006

Cover Insa Sparrer: Systemische Strukturaufstellungen. Theorie und Praxis ISBN 978-3-89670-533-4

Insa Sparrer: Systemische Strukturaufstellungen. Theorie und Praxis. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2006. 240 Seiten. ISBN 978-3-89670-533-4. 24,95 EUR.

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Das Thema

Insaa Sparrer hat gemeinsam mit ihrem Mann Matthias Varga von Kibed eine Vielzahl von systemischen Aufstellungsformen ("Systemische Strukturaufstellungen")  entwickelt. In ihrem neuen Buch stellt die Autorin die wichtigsten Grundelemente dieser Aufstellungsformen aus verschiedenen Perspektiven ("Theorie und Praxis") vor: Die kreativen Modelle von Insaa Sparrer und Matthias Varga von Kibed finden ihre Wurzeln zum einen in bestimmten systemisch-therapeutischen Schulen, zum anderen in bestimmten Denkmodellen und Betrachtungsweisen der Philosophie und Logik. Die Autorin benennt und beschreibt diese wichtigen Einflüsse und zeigt Gemeinsamkeiten und Unterschiede auf. Eine weitere Perspektive verknüpft die verschiedenen Modelle von Insaa Sparrer und Matthias Varga von Kibed sowie ihre Aufstellungs-, Analyse- und Interventionsformen zu einem Meta-Modell, einer "Grammatik" der systemischen Strukturaufstellungen, die zeigt, dass hier (sicher neben therapeutischer Erfahrung und Intuition) ein logisches und durchdachtes, mithin auch lehrbares System von Analyse und Interventionen steht. Nach einer Vorstellung der wichtigsten "Basisformate" ihrer Aufstellungen findet die LeserIn im Praxisteil des Buches Beispiele für die Umsetzung anhand von Fallbeispielen mit Transkriptionen und Aufstellungsskizzen.

Die Autorin

Insaa Sparrer, Diplompsychologin und psychologische Psychotherapeutin, lehrt die von ihr und Matthias Varga von Kibed entwickelten Systemischen Strukturaufstellungen an einem gemeinsamen Institut in München.

Der Inhalt

Systemische Aufstellungen stellen multiperspektivische und facettenreiche Abbildungen von Wirklichkeit dar (wie immer wir "Wirklichkeit" definieren). Die von Insaa Sparrer vorgestellten Systemischen Strukturaufstellungen zeichnen sich dabei durch ihre besonderen Wurzeln, ihre lösungsfokussierte Haltung und ihre besondere grammatische Struktur aus. Alle Systemischen Strukturaufstellungen haben dabei ähnliche Schritte im Arbeitsprozess:

  1. Klären, welches  System verändert werden soll
  2. Aufstellen von Elementen und Strukturen dieses Systems
  3. Veränderungen durch Interventionen im symbolisierten System
  4. Transfer dieser Veränderungen in das System, das verändert werden soll

Die Aufstellung geschieht manchmal mit Hilfe von Gegenständen, meist aber durch die Aufstellung von Personen, die durch ihre spontanen Empfindungsveränderungen in der gestellten Position  ("repräsentierende Wahrnehmung") Hinweise auf die Original-Situation im zu verändernden System geben. Im Gegensatz zu vielen anderen Aufstellungsmodellen fragt die Autorin die RepräsentantInnen nicht isoliert nach ihrem derzeitigen Empfinden, sondern nach bedeutsamen Unterschieden zum vorherigen Befinden bzw. zur vorherigen Position.

Systemische Strukturaufstellungen arbeiten (neben dem "transverbalen" Element) auch in besonderer Weise mit verbaler Sprache: So dient ein lösungsfokussiertes Eingangsinterview der Klärung und Ausrichtung auf positive Entwicklungswünsche. Beim von der Autorin entwickelten "Lösungsgeometrischen Interview" wird die Sprache in assoziativer Weise selbst als Teil der repräsentierenden Wahrnehmung genutzt.

In ihrem zweiten Kapitel beschreibt Insaa Sparrer "Wurzeln der Systemischen Strukturaufstellungen". Hier benennt und erläutert sie zunächst Ansätze aus Therapie und Beratung, darunter besonders ausführlich:

  • den hypnotherapeutischen Ansatz Milton Ericksons
  • den lösungsfokussierten Ansatz aus Milaukee (Steve de Shazer, Insoo Kim Berg)
  • allgemein den systemischen Ansatz in Therapie und Beratung sowie
  • Formen der Gruppensimulationsverfahren (Moreno, Satir).

Diese Ansätze stellt die Autorin ausführlich vor, wobei Beispiele und Lernaufgaben den Zugang erleichtern. Sie belegt sorgfältig, welche Aspekte des jeweiligen Ansatzes sie wie in die Systemischen Strukturaufstellungen übernommen hat.

Länger beschäftigt sich Insaa Sparrer mit dem Ansatz Hellingers, den die Autorin in einer wertschätzend-kritischen Haltung vorstellt. Etliche Aspekte der Systemischen Strukturaufstellungen gehen auf Hellingersche Anregungen zurück, aber die Grundausrichtung ist eine andere, wie die Autorin an 15 grundlegenden Unterschieden zur Arbeit Hellingers beschreibt. So stellt Insaa Sparrer beispielsweise den unveränderlichen Hellingerschen Grundprinzipien eigene flexiblere heuristische Grundannahmen gegenüber, die nur in bestimmten Fällen und für bestimmte Systeme nützlich sind. Interessant ist hier die Unterscheidung nach Grundorientierung und Anliegen von Systemen wie Wachstumsorientierung, Fortpflanzungsorientierung, Orientierung auf die Existenzsicherung und Orientierung auf Individuation bei Systemen.

Bei den Wurzeln der Systemischen Strukturaufstellungen in Philosophie und Logik werden folgende Ansätze länger erläutert:

  • das negierte Tetralemma des Madhyamika-Buddhismus
  • die Form der Unterscheidung bei George Spencer-Brown
  • die Zeichentheorie von Charles Sanders Peirce
  • Wittgensteins Bildtheorie
  • Korzybskis Modelltheorie und sein Begriff der semantischen Reaktion und
  • das syllogistische Quadrat der aristotelischen Logik.

Insaa Sparrer fasst diese für die Systemischen Strukturaufstellungen wichtigen Schulen und Modelle zusammen und erläutert, welche Aufstellungsformen sie aus welchen Modellen ableiten.

In ihrem Kapitel "Zur Grammatik der Systemischen Strukturaufstellungen" setzte Insaa Sparrer den Prozess der Begründung und Verankerung ihres Ansatzes in der Zeichentheorie fort. Grammatik, das meint hier ein begründetes Vorgehen mit Schritten, Regeln und Handlungsmöglichkeiten, die nicht unkompliziert, aber logisch abgeleitet und in Praxis verankert sind. Den Rahmen der Grammatik bildet die lösungsfokussierte Orientierung, praktisch umgesetzt durch Blickwinkel und lösungsfokussierte Gespräche.

In der Systemischen Strukturaufstellung werden Elemente des dargestellten Systems durch Personen und Gegenstände symbolisiert. Alle beteiligten Personen an einer Systemischen Strukturaufstellung verfügen über relevante Wahrnehmungsformen (Klientin, Leiterin, RepräsentantInnen, ZuschauerInnen) und entwickeln in der Aufstellung direkte und indirekte Bilder. Hier unterscheidet Insaa Sparrer verschiedene Formen der Wahrnehmung. Auch die aufgestellten Personen sind ihrer Funktion und Stellung nach unterschieden (RepräsentantInnen im engeren Sinn, Orte und freie Elemente). Aus diesen grammatischen Grundstrukturen entwickelt Insaa Sparrer ein eigenes facettenreiches Begriffssystem, das nicht einfach, aber plausibel ist.  Unterschiedlich symbolisiert werden können innerhalb dieses Systems Kategorien wie Ort und Zeit, Struktur und Entwicklung.

Aufbauend auf diese Grundgrammatik entwickeln sich die Interventionskategorien bei Systemischen Strukturaufstellungen. Parallel zu allgemeinen Grundsätzen der Interventionen haben Insaa Sparrer und Matthias Varga von Kibed spezielle Interventionsformen für spezielle Aufstellungsanliegen und -konstellationen entwickelt. Hier stellt die Autorin ein elaboriertes und begründetes System von Interventionen vor, das - wie Beispiele und Aufstellungstranskriptionen zeigen - in der Praxis erprobt ist. Die Interventionsformen stoßen nachvollziehbar Prozesse bei den RepräsentantInnen, KlientInnen und ZuschauerInnen an, die auf längere Sicht die Befindlichkeit der KlientInnen, aber auch der weiteren Beteiligten verbessern können.

Insaa Sparrer präsentiert die wichtigsten Basisformen der von ihr und Matthias Varga von Kibed entwickelten Systemischen Strukturaufstellungen und setzt sie in Beziehung zueinander. Gründlicher vorgestellt werden hier Aufstellungsformen, die zum Teil aus anderen Werken der Autorin bekannt sind. Insaa Sparrer hat sie in ihrem neuen Buch neuartig in Beziehung zueinander gesetzt und auf neue Anliegen und Situationen bezogen. So werden detaillierter vorgestellt

  • die Tetralemmaaufstellung und multiple Entscheidungsaufstellung
  • die lösungsfokussierten Systemischen Strukturaufstellungen
  • die Problemaufstellung
  • die sprachliche Oberflächenstrukturaufstellung
  • die Aufstellung des ausgeblendeten Themas
  • die Glaubenspolaritätenaufstellung
  • die Core-Transformationsaufstellung
  • die Personensystemaufstellung

Im 4. Teil des Buches findet die Leserin in sehr anschaulicher Weise Beispiele für die vorgestellten Systemischen Strukturaufstellungen. Vollständige Transkriptionen, Aufstellungsskizzen, Kommentare und Ergebnisdarstellung von späteren Wirkungsinterviews mit den KlientInnen illustrieren den speziellen Ansatz und den Arbeitsstil von Insaa Sparrer und geben der Leserin Hinweise und Ideen für eigene Aufstellungsarbeit. 

Fazit und Zielgruppe

Insaa Sparrer hat gemeinsam mit ihrem Mann Matthias Varga von Kibed die systemische Aufstellungsarbeit in mehrfacher Hinsicht innovativ bereichert: Es ist ihr zum Einen gelungen, die schicksalhafte Schwere mancher Aufstellungsarbeit durch eine humanistische, entwicklungsorientierte, möglichkeitsfreundliche und lösungsfokussierte Perspektive und Praxis zu erneuern. Dass systemische Ansätze eine Erweiterung von Perspektiven anzielen, ist nicht neu. Neu an den Modellen von Insaa Sparrer und Matthias Varga von Kibed ist jedoch, dass diese Perspektivenerweiterung auf durchdachten und klassischen Modellen der Perspektivenerweiterung in Philosophie und Logik beruht.

Das Buch fasst die philosophisch-logischen und psychotherapeutischen Wurzeln zusammen, systematisiert und begründet das differenzierte Interventions-Instrumentarium und gibt schließlich Einblicke in die praktische Arbeit mit dem vorgestellten Modellen.

Eine Bereicherung für alle, die mit Aufstellungen arbeiten oder diese faszinierende Variante der Arbeit an Klientenanliegen differenzierter kennen lernen wollen.

Rezension von
Prof. Dr. Lilo Schmitz
ILBB – Institut für lösungsorientierte Beratung Brühl
Ethnologin und Dipl. Sozialpädagogin
ehem. Hochschule Düsseldorf, Lehrgebiet Methoden der Sozialarbeit am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
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Es gibt 127 Rezensionen von Lilo Schmitz.

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Zitiervorschlag
Lilo Schmitz. Rezension vom 01.10.2006 zu: Insa Sparrer: Systemische Strukturaufstellungen. Theorie und Praxis. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2006. ISBN 978-3-89670-533-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4051.php, Datum des Zugriffs 08.12.2022.


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