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Manfred Gerspach: Elementarpädagogik. Eine Einführung

Cover Manfred Gerspach: Elementarpädagogik. Eine Einführung. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2006. 192 Seiten. ISBN 978-3-17-019348-2. 18,00 EUR.

Reihe: Kohlhammer-Urban-Taschenbücher, Band 613.
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Thema

Kindergärten, Tagesstätten und andere Betreuungseinrichtungen im Vorschulalter gibt es in Deutschland seit Jahren. Aber seit der - teilweise recht vehement geführten - öffentlichen Diskussion in der Folge von PISA-, TIMMS-, IGLU- oder ähnlichen Studien, erhält die vorschulische Zeit des Heranwachsens von Kindern eine ganz neue Beachtung. Unterschiedlichste Fachveröffentlichungen wollen dazu beitragen, Impulse für optimalere Bedingungen des Aufwachsens der nachwachsenden Generation zu schaffen. Besonders Konzepte der Kleinkindpädagogik, die Ausbildung von Erzieherinnen, Praxismodell der Kita-Arbeit und die dabei anzustrebenden Erziehungs-, Lern- und Bildungsziele geraten auf den Prüfstand. An Fachhochschulen werden eigene Studiengänge für das Feld der Bildung und Erziehung im Kindesalter kreiert. Die Politik überschlägt sich, auf Staatskosten möglichst viele Ganztagsbetreuungs-Einrichtungen für Kleinstkinder zu schaffen. Verschult wirkende Richtlinien muten dem Kindergarten reichlich neue Aufgaben zu. Und um die Eltern als Erstgaranten für eine in ein eigenständiges und selbstverantwortliches Leben führen sollende Erziehung wird meist ein Bogen gemacht. In diesen Diskurs bringt sich auch Manfred Gerspach mit seinem Buch: Elementarpädagogik ein.

Autor

ist Jahrgang 1951, Dr. phil., Diplompädagoge, lehrt seit 1994 am Fachbereich Sozialpädagogik der Hochschule Darmstadt. Er verfügt über langjährige praktische Erfahrungen in der pädagogischen Arbeit in einem sozialem Brennpunkt und im Heim, in der Hochschuldidaktik, darüber hinaus in Supervision, Praxisberatung sowie in der Fort- und Weiterbildung von pädagogischen Fachkräften

Aufbau und Inhalt

Manfred Gerspach entwickelt in seinem Buch: Elementarpädagogik in 5 aufeinander aufbauen Kapiteln was geschehen muss, damit die gegenwärtige Bildungsdebatte um den Vorschulbereich nicht weiter in die Gefahr läuft, den Kindergarten über Gebühr mit Wissensansprüchen zu überfrachten, da eine Verschulung und Intellektualisierung des elementarpädagogischen Bereiches den von einem Kind zu durchlaufenden Entwicklungsprozessen nicht zuträglich ist. In einem 6. Kapitel werden die vom Autor entwickelten fachlichen Kriterien bzw. Standards als Ausgangsbasis für die Entwicklung eines Musterbeispiels für einen Bachelor-Studiengang Elementarpädagogik genutzt.

  1. So werden im ersten Abschnitt unter der Überschrift: "Die Aufgaben der Elementarpädagogik" Forderungen an eine reformierte Elementarpädagogik, die Chancen und Risiken einer Veränderung und die vergessenen Themen innerhalb der Kindergartenzeit erörtert.
  2. Im zweiten Abschnitt geht es um die "Grundlagen der kindlichen Entwicklung". Hier werden Überlegungen und Forschungsergebnisse zu den Entwicklungs-, Lern- und Denkprozessen unter kognitiven und affektiven Aspekten bei der Entwicklung zu einer eigenen Persönlichkeit erörtert.
  3. Im dritten Abschnitt steht: "Der Bildungsanspruch des Kindergartens" im Zentrum. Hier entwickelt der Autor über die Fragen wie: Was ist Bildung und wie grenzt es sich von Wissen ab?  Was ist erlernbar und welche Bildungsprozesse brauchen Kinder, um zu kompetenten Erwachsenen zu werden? seine  Antworten.
  4. Im vierten Abschnitt werden als Konsequenz aus dem bisher zusammengetragnen Material: "Anforderungen an eine kindgerechte Erziehung" erörtert und zum erzieherischen Auftrag von Kindertagesstätten in Bezug gesetzt, um dann
  5. im 5. Abschnitt die daraus resultierenden "Qualitätsstandards in der Elementarpädagogik" abzuleiten.
  6. Um durch das hier zusammengetragene Material auch einen Beitrag zur Ausbildung der entsprechenden Fachkräfte zu leisten, wird im sechsten Abschnitt ein modular strukturiertes Curriculum eines Bachelor-Studienganges  Elementarpädagogik entwickelt.

Ein breites und fundiertes Literaturverzeichnis bietet der interessierten Leserschaft eine gute Ausgangsbasis, einzelne Gedankenstränge bzw. Untersuchungsergebnisse im Original-Text vertiefender aufarbeiten zu können. 

Eine Leseprobe:

"Eine selbst hyperkinetische Gesellschaft diskutiert aufgeregt die Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrome ihrer umtriebigen Kinder, die dann von Experten, die gerne hirnorganisches  Substrat und psychischen Grund verwechseln, durch Stimulation mit einer chemischen Verwandten der Droge Ecstasy, mit der Jugendliche ihre Diskoerregung steigern, zur relativen Ruhe gebracht werden" wie der Autor im Rückgriff Balzer (2004) im Abschnitt: "Der Bildungsanspruch des Kindergartens" herausstellt. Denn, so vorher im Abschnitt "Grundlagen der kindlichen Entwicklung", basiert die Fähigkeit, sich konzentrieren zu können, auf der Erfahrung von Kontinuität und Stabilität in guten Beziehungen. Jedes Aufgreifen von Neuem - und Lernen ist immer eine Heranführung an den Umgang mit Unbekanntem - "setzt die Erfahrung von Vertrautem voraus. Verunsicherungen dagegen können im Hirn eine sich ausbreitende Unruhe auslösen, die es unmöglich erscheinen lässt, die über die Sinneskanäle eintreffenden Wahrnehmungsbilder mit den bereits vorhandenen Bildern bzw. inneren Rezeptoren abzugleichen. 'Das Einzige, das dann noch funktioniert, sind ältere, sehr früh entwickelte und sehr fest eingefahrene Denk und Verhaltensmuster'. Hierzu zählen Angriff (Schreien und Schlagen), Verteidigung (nichts mehr hören wollen) und Rückzug (Unterwerfung und Kontaktabbruch). Lernstörungen (und unangemessenes Verhalten (Ergänzung durch den Rezensenten)) sind demnach Ausdruck gestörter Beziehungen."

Zielgruppe und Fazit

Dieses Buch ist überwiegend an das Fachpersonal in Kindertagesstätten, deren Träger und an die Ausbildungsstätten für dieses Arbeitsfeld gerichtet. Es ist sehr weiterführend, dass in diesem Buch zwischen einem Sammelsurium angeblicher Lernnotwendigkeiten und Lebensaneignungskompetenz, zwischen formaler und kategorialer Bildung sowie zwischen dem antrainieren von Wissen und dem Anleiten zu eigenständigem Denken im Erziehungs- und Bildungsgeschehen mit Kindern unterschieden wird. Durch die Einbeziehung der aktuellen Ergebnissen der Hirn- und Bindungsforschung und die Hinwendung des Blickwinkels auf die Erziehungs- und Bildungs-Bedarfe von Kindern - in klarer Abgrenzung zur momentanen Krippendiskussion, in welcher es um die Bedürfnisse von Wirtschaft, Dienstleistung und Handel nach möglichst rund um die Uhr einsetzbaren Müttern und Väter als Arbeitskräfte geht - ist diesem Buch zu wünschen, dass es auch kräftig in den politischen Bereich hineinwirkt. Schließlich findet Erziehung ja nicht im luftleeren Raum statt, sondern alle gesellschaftlichen Kräfte haben dazu beizutragen, das aus Kindern verantwortungsbewusste und engagierte Erwachsene werden, um ihren vielfältigen Aufgaben in Partnerschaft, Familie, Beruf und Gemeinwesen gerecht werden zu können. Ein zum Nachdenken führendes, lesenswertes Buch, welches ein verändertes Verhalten von Erziehungskräften anregt.


Rezensent
Dr. Albert Wunsch
Katholische Hochschule Köln
Schwerpunkte: Elternqualifikations-Programme, Pädagogik der Kindheit, Erziehungsberatung, Konflikt-Management, Supervision, Konzepte der sozialen Arbeit
Homepage www.albert-wunsch.de
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Zitiervorschlag
Albert Wunsch. Rezension vom 10.07.2007 zu: Manfred Gerspach: Elementarpädagogik. Eine Einführung. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2006. ISBN 978-3-17-019348-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4062.php, Datum des Zugriffs 19.09.2019.


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