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Fahimeh Farsaie: Eines Dienstags beschloss meine Mutter Deutsche zu werden

Cover Fahimeh Farsaie: Eines Dienstags beschloss meine Mutter Deutsche zu werden. Ulrike Helmer Verlag (Sulzbach/Taunus) 2006. 260 Seiten. ISBN 978-3-89741-200-2. 17,90 EUR, CH: 32,50 sFr.
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Hintergrund

Im Rahmen der jüngsten Integrationsdebatte spielt die Einbürgerung der langfristig in Deutschland verbleibenden ausländischen Staatsangehörigen eine zentrale Rolle. Doch die Forderungen, die hierfür von manchen Politikern gestellt werden, wie 'Quiz'-Modelle nach dem Vorbild Baden-Württembergs und Hessens, wo ein Großteil der deutschen Politiker viele der 100 Fragen zu Rechtsordnung, Geschichte und Kultur Deutschlands selbst nicht beantworten können, ähneln einer Realkomödie und bieten viel Stoff für Satiriker und Kabarettisten.

Fakt ist, dass ein Staat mit dem Einbürgerungsangebot die rechtliche Integration von Seiten der Aufnahmegesellschaft als vollzogen betrachtet. Der Kenntnisstand der an Einbürgerung interessierten Migranten über Rechtsordnung, Geschichte und Kultur Deutschlands ist die eine Seite, die Einbürgerung spiegelt auf der anderen Seite die subjektive Seite der Integration wider. Sie zeigt sich in neuen persönlichen Zugehörigkeits- und Identifizierungsgefühlen der Migranten mit der Aufnahmegesellschaft. Es ist i.d.R. davon auszugehen, dass die Identifikation mit "Deutschland und den Deutschen" recht hoch sein muss, wenn sich ein Migrant entschließt, die deutsche Staatsangehörigkeit zu erwerben.

Die deutsch-iranische Schriftstellerin Fahimeh Farsaie greift nun das Thema "Einbürgerung" auf und liefert den ersten satirischen Einbürgerungsroman in Deutschland "Eines Dienstags beschloss meine Mutter Deutsche zu werden". Auf die Entstehungszeit des Romans weisen einige Namen und Ereignisse hin, die über den ganzen Roman breit verstreut nebenbei Erwähnung finden: als Boris Becker noch Kinder in Wäschekammern zeugte, Christoph Daum folgenschwere Haarproben abgab oder der Bundesinnenminister Otto Schily hieß.

Autorin

Fahimeh Farsaie ist 1952 in Teheran - Iran geboren. Sie war im Iran unter dem Schah-Regime in Haft, arbeitete als Korrespondentin in London. 1979 kehrte sie in den Iran zurück, wurde verfolgt und flüchtete 1983 aus dem Iran. Sie lebt und arbeitet seit dieser Zeit in Deutschland als Schriftstellerin, freie Journalistin, Juristin und Kunsthistorikerin. Sie ist Autorin zahlreicher Romane und Erzählungen und erhielt viele Auszeichnungen, Ehrungen und Preise (Auswahl):

  • Iranischer Fernsehpreis für junge Autoren (1970),
  • Stipendium der Heinrich-Böll-Stiftung (1988),
  • Baran-Fond-Preis für Literatur im Exil, Schweden (1993),
  • Drehbuchförderung des Filmbüros NRW (1998).

Im Klappentext wird sie durch ihre "Leidenschaft für engagierte Kunst und Literatur" und ihr Engagement "für Migrantinnen und Antidiskriminierung in Deutschland" charakterisiert.

Das Buch ist in dem auf Frauenliteratur und Geschlechterforschung spezialisierten Ulrike Helmer Verlag erschienen, ist aber nicht unbedingt als Frauen-Literatur einzustufen. Der Roman ist aber auch keineswegs eine typische Migrantengeschichte und auch kein Reflex auf die gegenwärtige Integrationsdebatte.

Inhalt

Der Roman handelt von der bizarren Lebensform der ursprünglich iranischen Familie Azad. Die Tochter Roya berichtet vom Innenleben einer vor fast zwanzig Jahren aus dem Iran nach Deutschland geflohenen Kleinfamilie aus der iranischen Oberschicht. Das Leben der Familie Azad in der deutschen Fremde, in Köln, verläuft friedlich, bis Mutter Sima ihre Entscheidung verkündet, dass sie Deutsche werden wolle. Fortan wird das Gleichgewicht der Familie dadurch empfindlich gestört, deren Fortbestand durch das allmähliche Einströmen der deutschen Lebensweisen bedroht. Zum Kebab kommt jetzt Senf auf den Tisch, Sima liest deutsche Märchen, bestückt die Wohnung mit Politikerfotos und Märchenfiguren, entdeckt ihr Herz für Brahms und deutsche Kröten und hält gnadenlos deutsche Ordnung.

Die Rollen sind klar aufgeteilt: Vater Abbas, ein ehemaliger hochrangiger Soldat, der jetzt eine Kebap-Bude besitzt, patriarchalisch, aber entmachtet, kämpft verzweifelt um Autorität, Familienehre und die Rettung der persischen Kultur und wendet sich aus Protest gegen Simas neue deutsche Lebensweise islamischer Mystik zu und verwandelt sich im Wohnzimmer zum Derwisch; Mutter Sima, eine ehemalige Biologielehrerin, ist auf ihre späten Jahre noch auf Emanzipation bedacht und sehr um ihre "Deutschwerdung" bemüht; Bruder Reza, der in Köln geboren und aufgewachsen und mit seinen Piercings verwestlicht ist, flüchtet sich fortwährend zu seinem deutschen Freund Kai, um mit ihm Chemie zu lernen; und die Erzählerin, Tochter Roya selbst, die ständig als Vermittlerin missbraucht wird und ebenso oft flüchtet, und zwar zu ihrem deutschen Buchhändler-Freund Peter alles rationalisierend und etwas klischeehaft, der seine Zeit mit beflissenem Arabischlernen verbringt - obwohl ihn dabei eher seine erotischen Phantasien und Royas Freundin Fatma antreiben als sein Interesse an arabischer Kultur. Da ist ferner auch der alleinstehende Nachbar Herbert Weigel mit einem Faible für Friedhöfe und Brahms, dem die undankbare Rolle des Lehrmeisters zufällt und sich nach Kräften bemüht, Sima in die deutsche Kultur einzuführen. Er schenkt Sima ein Windspiel für das Küchenfenster und nimmt sie zur Krötenrettung an die Wupper mit. Sima tritt bald nicht nur seiner Kröten-Rettungsgruppe bei, sondern plant auch einen großen Auftritt der Kölner Wasserkarnevalisten. Sima legt sich als gelehrige Kultur-Adeptin sogar den zum Deutschsein verpflichtenden Jack-Wolfskin-Rucksack zu. Kurzfristig taucht auch die Großmutter auf, die aus dem Iran zu Besuch kommt, um ihre Tochter zur Besinnung zu rufen und den "warmen und hellen Familienhort" zu retten.

Was ist eigentlich "deutsche Mentalität und Lebensart"? Lässt sich eine Kultur wie eine zweite Haut überziehen? Man kann Farsaies Roman durchaus Antworten auf diese Fragen entnehmen. Einmal wird deutlich, dass die Bemühungen, "in die tiefsten Tiefen und feinsten Feinheiten der deutschen Kultur" einzudringen, eine kaum bewältigbare ethnologische Aufgabe, ja gar eine überflüssige Illusion darstellen. Wird dies dennoch versucht wie eben von Sima, so kann dies die Betroffenen, hier die Familie Azad, an den Rand des Wahnsinns treiben. Zudem wird es ab einem gewissen Punkt lächerlich komisch, wenn z. B. Sima beginnt, den Namen jenes Polizisten, auf den Joschka Fischer einst einprügelte, zu memorieren, oder wenn sie sich für Schöffendienste vor deutschen Gerichten rüstet oder wenn sie gar einer Kröten-Rettungsgruppe beitritt. Auch wird durch "nur" zwei sehr unterschiedliche Deutsche von Farsaie verdeutlicht, dass es den Deutschen gar nicht gibt, die deutsche Gesellschaft durch und durch individualisiert ist und gerade die Deutschen selbst eine leicht klagende Distanz zum Deutschtum halten.

Diskussion

Könnte der Roman eventuell sogar als warnendes Musterbeispiel in den Integrationskursen herangezogen werden? Wohl kaum im Ganzen, aber durchaus in Teilen. Denn das Risiko, vieles falsch zu verstehen, ist groß. Der Roman ist oft mit sehr anspielungsreichen Ausdrucksformen gespickt: So werden z. B. Vater Azads Auftritte mit denen von Omar Sharif in "Lawrence von Arabien" verglichen, oder aber er schlüpft zugleich in die Rolle des persischen Volkshelden Dash Akoll. Dies erfordert zwar Assoziationen, die aber mangels Hintergrundkenntnissen kaum möglich sind. Ähnlich verhält es sich auch beim Großteil der Passagen, wo Roya von ihren frühkindlichen und ihre Flucht betreffenden Erlebnissen erzählt. Zudem wuchert die Handlung im Roman in alle Richtungen und dürfte daher für die Kursteilnehmer eher irritierend wirken als aufhellend.

Auf der anderen Seite gewinnt der Leser/die Leserin den Eindruck, hier mit einer Autorin zu tun zu haben, die nicht nur die schlichte Grundvoraussetzung fehlerfreien Sprechens für die Integration erfüllt, sondern auch sonst sehr souverän mit der deutschen Sprache umgehen kann. Die etwas blumige und gedrechselte Ironie Farsaies, die den gesamten Roman durchzieht, ist durchaus heiter und reizvoll.

Fazit

Der Roman ist allen zu empfehlen, die sich - in welchem Zusammenhang auch immer - mit Fragen der Integration von Migranten/innen befassen, aber auch all jenen, die Freude haben an einer hinreißend lakonisch erzählten bizarren Geschichte.


Rezensent
Prof. Dr. Süleyman Gögercin
Duale Hochschule BW Villingen-Schwenningen, Fakultät für Sozialwesen
Homepage www.dhbw-vs.de/hochschule/mitarbeitende/sueleyman-g ...


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Zitiervorschlag
Süleyman Gögercin. Rezension vom 20.12.2006 zu: Fahimeh Farsaie: Eines Dienstags beschloss meine Mutter Deutsche zu werden. Ulrike Helmer Verlag (Sulzbach/Taunus) 2006. ISBN 978-3-89741-200-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4074.php, Datum des Zugriffs 19.12.2018.


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