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Martin Lampert: Der Sozialstaat im 21. Jahrhundert

Rezensiert von Prof. Dr. Walter Wangler, 01.11.2006

Cover Martin Lampert: Der Sozialstaat im 21. Jahrhundert ISBN 978-3-86550-380-0

Martin Lampert: Der Sozialstaat im 21. Jahrhundert. Gefährdungen – Lösungsstrategien – Wertung. VDM Verlag Dr. Müller (Saarbrücken) 2006. 141 Seiten. ISBN 978-3-86550-380-0. 49,00 EUR. CH: 76,00 sFr.
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Thema und Autor

Der Verfasser geht, laut Umschlagtext, "in drei Schritten vor: eine empirische Problemanalyse der Faktoren Globalisierung, Erwerbsarbeit, Einkommensverteilung und Armut; das Vorstellen des deutschen Sozialstaats als einer lohnabhängigen Existenzsicherung; schließlich ein Vorschlag alternativer Strategien der sozialen Absicherung, der sowohl ethischen als auch ökonomischen Kriterien genügt." Ein nicht gerade leicht zu bewerkstelligendes Vorhaben, vor allem, wenn man bedenkt, dass der Autor alle diese Themen auf gerade mal 121 Seiten Text einschließlich zahlreicher platzraubender Tabellen abhandelt. Man konnte vor allem gespannt sein, welche Lösungsstrategien der angesehene Sozialpolitiker Lampert anbieten würde. Dachte jedenfalls der Rezensent - bis ihm aufging, dass der mit Vornamen Heinz heißt und nicht, wie der Autor des vorliegenden schmalen Bändchens, Martin, dass hier nicht der renommierte Verfasser des "Lehrbuchs der Sozialpolitik", sondern ein katholischer Theologe und Wirtschaftspädagoge, derzeit Mitarbeiter am Lehrstuhl für christliche Sozialwissenschaft der Universität Erfurt, sich zu Wort meldet.

Vorweggenommene Einschätzung: zahlreiche Mängel

Um es vorwegzunehmen: der Verfasser kann seinem Namensvetter nicht nur nicht das Wasser reichen, sein Werk ist auch auf niedrigerer Stufenleiter mit zahlreichen Mängeln behaftet, die zum Teil auf schlichtes Nicht-Wissen zurückzuführen sind. Zwei Beispiele:

  1. in der gesetzlichen Krankenversicherung, behauptet Lampert, zahlten "alle Versicherten" die "gleichen Prämien". Erstens gibt es da keine Prämien, sondern Beiträge, zweitens sind nicht die Beiträge gleich, sondern der Beitragssatz - daraus resultieren ja gerade, bei unterschiedlichen Einkommen, unterschiedlich hohe Beiträge, wodurch der soziale Ausgleich in diesem Sozialversicherungszweig, wenigstens bei den Sachleistungen, hergestellt wird - und schließlich gilt der gleiche Beitragssatz auch nur für die jeweilige Krankenkasse. Ein Satz, drei Irrtümer.
  2. 2. Mit Ausnahme der Pflegeversicherung, meint der Verfasser an anderer Stelle, erfolge die Finanzierung der Sozialversicherung "paritätisch" durch die Betroffenen und ihre Arbeitgeber. Dass in der Unfallversicherung allein die Arbeitgeber zahlen, scheint ihn nicht zu bekümmern.

Inhalt

Doch zurück zum Anfang. Zunächst macht sich Lampert an die bereits erwähnte "empirische Problemanalyse". Einen originellen eigenen Gedanken sucht man in diesem Kapitel allerdings vergebens. Im Stile einer Examenshausarbeit werden altbekannte Aussagen zur Problematik der Globalisierung, zur "Erosion" des Normalarbeitsverhältnisses und zur "Armut" in deutschen Landen wiederholt. Weil dem Autor dabei die Wiedergabe simpler Beschäftigungstabellen offensichtlich selber nicht zu genügen scheint, lässt er diesen unvermittelt absolut komplizierte und überdies schlecht erklärte Tabellen folgen, in denen der "Gini-Koeffizient", das "Atkinson-Maß" und "Quintilsanteile" eine Rolle spielen.

Das "Normalarbeitsverhältnis" ist für Lampert "nur noch ein Relikt der Industrialisierung". (Vielleicht sollte er einfach mal früh um halb sieben eine Erfurter Straßenbahn betreten - falls es in Erfurt Straßenbahnen gibt, ansonsten einen Bus - und die Leute fragen, was sie so vorhaben. Seine anschließend erstellte Statistik, mit oder ohne Gini-Koeffizient, Atkinson-Maß und Quintilsanteilen, würde seine Auffassung, das Normalarbeitsverhältnis sei nur noch ein "Relikt", es "erodiere", möglicherweise ins Wanken bringen. Natürlich ist es für die Mehrheit der gegenwärtig real existierenden Erwerbstätigen das "Normale").

Ähnlich pauschal und undifferenziert argumentiert Lampert bezüglich der Armutsproblematik. Zutreffend geht er davon aus, in Deutschland existiere "keine vom Gesetzgeber festgelegte Armutsgrenze", um andernorts trotzdem von einer "Armutsgrenze laut BSHG … also der offiziellen Armutsquote" zu sprechen. Gerade wer einen globalen Blickwinkel für sich beansprucht, sollte sehr behutsam mit dem Armutsbegriff umgehen. Jemanden hierzulande als "arm" zu bezeichnen, dessen materielle Versorgung ihn in den Augen der Mehrheit der Weltbevölkerung als privilegiert, ja "reich" erscheinen lässt, auch wenn sie "nur" auf BSHG-Niveau erfolgt, zeugt nicht gerade von globaler Sichtweise.

Auf die handwerklichen Fehler, die sich Lampert bei der Darstellung des deutschen Sozialversicherungssystems erlaubt, wurde exemplarisch schon hingewiesen. Wen schon die Kleinigkeiten nicht groß kümmern, der kann sich naturgemäß nur für den großen Wurf entscheiden: Lampert redet nicht einem Umbau des Sozialstaats das Wort, sondern ist, wen wundert's, mehr von "systemtranszendenten Lösungsvorschlägen" angetan. Das bombastische Wortungetüm mündet dann zunächst in die langatmige Vorstellung eines Uralt-Ansatzes von André Gorz. Nach mehreren Seiten kommt Lampert zu dem Schluss, dass Gorz' Vorschläge doch nicht das Gelbe vom Ei seien - aber mit so dürftigen Argumenten, dass man fast wieder geneigt ist, Gorz mitsamt seinen in der Tat unrealisierbaren Plänen in Schutz zu nehmen.

Kommentar

Spätestens an dieser Stelle wurde der Rezensent stutzig und unterbrach die weitere Lektüre des Werks, um einen Blick auf die Internet-Seite des Verlags zu werfen, der es herausgebracht hat. Dort fand er folgende Anrede an potentielle Autoren: "In Ihrer Schublade liegt seit langem (!) ein unveröffentlichtes Manuskript? Sie haben Interesse?"

Ganz offensichtlich hatte Martin Lampert sowohl Interesse als auch ein Manuskript in der Schublade liegen, und nicht erst seit gestern. Erst jetzt fiel mir auf, dass die Tabellen schwergewichtig die neunziger Jahre umfassen und an einer Stelle von einem Antrag an den bevorstehenden FDP-Parteitag 2002 die Rede ist.
Folgerichtig stammt auch der "systemtranszendente Lösungsvorschlag", mit dem Lampert alle Probleme des jetzigen und künftigen Sozialstaats beheben will, aus dem Jahre 1986. Sein Erfinder heißt Nitschke und unser Autor schließt sich ihm mehr oder weniger vorbehaltlos an. Tatsächlich ist es ein Vorschlag, der mit sämtlichen Traditionen der deutschen Sozialstaatlichkeit bricht und mit einem Bürgergeld für jedermann noch dem letzten Unbedürftigen zu staatlichen Pfründen verhelfen würde.

Fazit

Was ist dem Verfasser und früheren Studenten der katholischen Theologie noch anzuraten? Vielleicht einmal Nell-Breuning lesen! Das Beste, oder soll man sagen Dreisteste?, zum Schluss: das schmale Bändchen kostet 49 €.

Rezension von
Prof. Dr. Walter Wangler
Fachhochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
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Es gibt 31 Rezensionen von Walter Wangler.

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Zitiervorschlag
Walter Wangler. Rezension vom 01.11.2006 zu: Martin Lampert: Der Sozialstaat im 21. Jahrhundert. Gefährdungen – Lösungsstrategien – Wertung. VDM Verlag Dr. Müller (Saarbrücken) 2006. ISBN 978-3-86550-380-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4077.php, Datum des Zugriffs 17.08.2022.


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