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Jan Hense: Selbstevaluation. Erfolgsfaktoren und Wirkungen[..]

Cover Jan Hense: Selbstevaluation. Erfolgsfaktoren und Wirkungen eines Ansatzes zur selbstbestimmten Qualitätsentwicklung im schulischen Bereich. Peter Lang Verlag (Bern · Bruxelles · Frankfurt am Main · New York · Oxford) 2006. 263 Seiten. ISBN 978-3-631-54723-6. 45,50 EUR, CH: 66,00 sFr.

Reihe: Europäische Hochschulschriften. Reihe 11: Pädagogik Band 933.
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Ziel des Buches

Es geht in diesem kompakten, klar gegliederten und verständlich geschriebenen Buch darum, das "Theorie- und Empiriedefizit" der Selbstevaluation zu mindern. Die vielfach bereits vorhandenen "anekdotische Fallbeschreibungen" sollen um eine empirische Analyse "der für die Wirkung der Selbstevaluation verantwortlichen Erfolgsfaktoren" erweitert werden (Seite 3).

Aufbau und Inhalt

Fein gegliedert bietet das Buch einen Überblick über Erfolgsfaktoren und Wirkungen von Selbstevaluation als Ansatz zur "selbstbestimmten Qualitätsentwicklung im schulischen Bereich" (Untertitel). Es spannt dabei den weiten Bogen von der Qualitätsdebatte im Bildungswesen (S. 5) in den 90er Jahren, über Begriffsbestimmungen von "Evaluation von Bildung" und internationale Ansätze z.B. von Stufflebeam, über die Primär- und Sekundärfunktion von Evaluation bis zur kritischen Bewertung traditioneller Paradigmen von Evaluation (S. 86). Die vier Primärfunktionen (zwei Prozessnutzen, zwei Produktnutzen) und die Sekundär- bzw. Nebenfunktionen der Selbstevaluation leitet Hense aus der grundsätzlichen Metafunktion von Evaluation ab, "einen Beitrag zur Objektivierung und Rationalisierung sozialer Planungs- und Steuerungsprozesse zu leisten" (S.51f).

  • Ab dem folgenden theoretischen Kapitel 4 über Selbstevaluation von Bildung, greift der Autor auf die Definition von Selbstevaluation der Gesellschaft für Evaluation (DeGEval) zurück und legt diese als Begriffsverständnis (S.90) zugrunde. Er unterzieht Selbstevaluation der gleichen kritischen Untersuchung wie er dies vorgängig für die Evaluation allgemein geleistet hat: Begriffbestimmung, Funktionen, Kritik an Ansätzen von (Selbst-)Evaluation.
  • Das Kapitel 5 "Wirkungen und Erfolgsfaktoren schulischer Selbstevaluation" verdient spezielle Beachtung, weil es systematisch beschreibt, wer im schulischen Bereich wo in Deutschland, der Schweiz, Grossbritannien und anderen EU-Staaten Selbstevaluation in umfangreicheren Modellprojekten eingesetzt hat. Hense schafft auf diese Weise einen bisher nicht vorhandenen Überblick, der die Relevanz von Selbstevaluation - zumindest im Schulwesen - ausweist. Es wird erstmalig empirisch belegt, wie viel Erfahrung Schulen bereits mit Selbstevaluation haben.
  • Trotzt der vielen dokumentierten Anwendungen wird offenbar, dass in Deutschland ein Netzwerk oder ein wissenschaftlicher Kristallisationspunkt fehlt, den ein solch viel versprechendes und anspruchvolles Konzept wie Selbstevaluation benötigt, um sich systematisch weiter zu entwickeln und nachhaltig Anerkennung in Feldern wie Schule und soziale Arbeit zu finden. Das Buch regt vielleicht an, hierfür nach Lösungen zu suchen.
  • In Kapitel 7 und 8 stellt Hense seine eigene Untersuchung zu Erfolgsfaktoren von Selbstevaluation methodisch und inhaltlich vor. Ort hierfür war der Evaluationsverbund im SEMIK-projekt (Systematische Einbeziehung von Medien, Informations- und Kommunikationstechnologien in Lehr- und Lernprozessen). Hier wurde über drei Jahre in fünf Gruppen von acht bis zwölf Lehrkräften Selbstevaluation in begleiteten Projekten durchgeführt (S.158).
  • Nach einer sehr konzentrierten Darstellung des Zahlenmaterials mit vielen statistischen Auswertungen fasst er im Kapitel 10 Konsequenzen für Praxis und Forschung zusammen.

Zentrale Ergebnisse des Buches

Als aufschlussreich sowohl für die Einführung in Organisationen als auch für die Anleitung von Selbstevaluation bestätigt Hense Annahmen, die bereits seit den ersten Praxiserfahrungen mit und Beschreibungen von Selbstevaluation in der sozialen Arbeit formuliert wurden:

  1. Am nützlichsten wird Selbstevaluation, wenn die Fachkräfte in der Durchführung ein grosses Mass an Autonomie erleben.
  2. Es lohnt sich, die Fachkräfte (in diesem Fall Lehrende) in eine positive Nutzenserwartung zu versetzen, bevor man Selbstevaluation einführt.
  3. Für die Einführung von Selbstevaluation muss Zeit und einschlägiges Knowhow aufgewendet werden (S. 212).

Kritische Anmerkungen zum Buch

Bei all den anzuerkennenden Leistungen des Autors ist verwirrend, dass er über die verschiedenen Teile des Buches hinweg nicht bei der zu Beginn eingeführten Begriffsbestimmung von Selbstevaluation bleibt, z.B. indem er Selbstevaluation im engeren Sinne ("das eigene Handeln und seine Konsequenzen beschreiben und bewerten") klar von den Misch- und Übergangsformen zur Inhouse-Evaluation abgrenzt. Hense nimmt in seine eigene Primärstudie (zu SEMIK) auch solche Projekte auf, bei denen die beteiligten Lehrkräfte lediglich "owner of the process" sind, jedoch - soweit nachvollziehbar - nicht auf ihr eigenes Handeln fokussieren (S. 156). Aus meiner Sicht handelt es sich hier um "Empowerment-Evaluation" nach Fetterman u.a., die Nähe zur Selbstevaluation hat, aber immer von Evaluationsprofis begleitet wird, so wie es in Henses Studie für die wissenschaftliche Begleitgruppe in SEMIK zutrifft. Es bleibt weitgehend unklar, was die Gegenstände in diesen so genannten Selbstevaluations-Projekten waren. Die Dokumentation des Gegenstandes von Henses Studie ist lückenhaft. Klarheit würden abgedruckte (oder im Internet verfügbare) Erhebungs-Instrumente aus SEMIK schaffen, wie die genannten "Pädagogischen Tagebücher mit Leitfragen für Lehrerinnen" oder "Schemata zur Unterrichtsbeobachtung für Hospitationen" (S. 161).

Wünschenswert wäre ausserdem, dass Hense bei den Konsequenzen für die Praxis den Bezug zur Organisation Schule deutlich herstellt. Hier gibt es m.E. gegenüber z.B. der Sozialen Arbeit ganz andere Chancen und Anforderungen bzgl. Selbstevaluation, z.B. die stark individualisierte Tätigkeit von Lehrpersonen, die Stellung der Schulleitung als "primus inter pares", die oft vorliegende Abkoppelung von anderen gesellschaftlichen Handlungssystemen, uvm. So schliesst Hense aus seinen statistischen Analysen, dass es einen "negativen Zusammenhang gibt zwischen dem Ausmass der Kooperation und dem individuellen Nutzen der Selbstevaluation" (S. 213). Er bringt diesen Befund jedoch nicht in Zusammenhang mit den typischen Rahmenbedingungen von Schule in Deutschland: praktisch keine Kultur der Teamarbeit oder der gemeinsamen Vorbereitung von Unterricht. Im Wissen um diese Kontextbedingungen ist hingegen leicht nachvollziehbar, dass hier (!) Teamarbeit in der Selbstevaluation als unproduktiv erlebt wird. Doch gilt dies auch für die Jugendarbeit oder die erzieherischen Hilfen? Selbstevaluation primär im schulischen Kontext zu analysieren, die Schlussfolgerungen jedoch feldunspezifisch zu setzen, könnte bei Lesenden zu Missverständnissen führen. Als Leser/in bleibt man verunsichert, für welche Art von Selbstevaluation die Ergebnisse der Arbeit gelten, und für welche nicht.

Fazit

Bei aller Kritik gilt: Das Buch bietet erstmals eine systematische, empirisch basierte Grundlage zum Forschungsgegenstand Selbstevaluation. Es zählt für Theoretiker und Methodikerinnen der Selbstevaluation zur Pflichtlektüre.


Rezensentin
M Sc Hanne Bestvater
Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW), Hochschule für Soziale Arbeit (HSA), Studienorganisatorin für den Bachelor Soziale Arbeit
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Zitiervorschlag
Hanne Bestvater. Rezension vom 26.01.2007 zu: Jan Hense: Selbstevaluation. Erfolgsfaktoren und Wirkungen eines Ansatzes zur selbstbestimmten Qualitätsentwicklung im schulischen Bereich. Peter Lang Verlag (Bern · Bruxelles · Frankfurt am Main · New York · Oxford) 2006. ISBN 978-3-631-54723-6. Reihe: Europäische Hochschulschriften. Reihe 11: Pädagogik Band 933. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4078.php, Datum des Zugriffs 23.10.2017.


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