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Leopold Rosenmayr, Franz Böhmer: Hoffnung Alter. Forschung - Theorie - Praxis

Cover Leopold Rosenmayr, Franz Böhmer: Hoffnung Alter. Forschung - Theorie - Praxis. Facultas Verlag (Wien) 2006. 2., erweiterte Auflage. 343 Seiten. ISBN 978-3-85114-998-2. 24,10 EUR.
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Thema

Dieser Sammelband umfasst biologische, medizinische und sozialwissenschaftliche Beiträge zu Fragen der Gesundheit und Handlungsfähigkeit im Alter. Statt einer - letztlich ja vergeblichen - Fixierung auf Jugendlichkeit geht es um Reifungschancen. Diese werden v.a. in einer Weiterentwicklung im Beruf oder selbstbestimmter neuer gesellschaftlicher Rollen gesehen. Grundbedingungen einer "späten Freiheit" sind damit Suchen und Änderungsbereitschaft. Gesundheit wird zu einer neuen Kulturaufgabe, insofern als in der insgesamt älter werdenden Gesellschaft eine neue Achtsamkeit auf den Körper, das Training von Kräften, Prophylaxe und eine hohe Bereitschaft zur Rehabilitation an Bedeutung gewinnen, um so die "stärkste narzistische Kränkung der Menschen" (Strotzka) zu bewältigen.

Forderungen für eine neue Alterskultur

Die steigende Lebenserwartung stellt hohe Herausforderungen an die individualisierte Gesellschaft, bringt aber auch neue Erfüllungsmöglichkeiten im Alter. Gleichzeitig mit der Zusammensetzung der Bevölkerung ändern sich auch individuelle Lebensläufe und Möglichkeiten, es braucht daher den Autoren zufolge eine neue wohldosierte Mischung aus Selbstkontrolle und Lebensmut, sowie auch neue philosophische und spirituelle Deutungen von Lebensalter. Gleichzeitig nimmt trotz aller medizinischen Fortschritte auch die Zahl derer zu, die dauerhaft Hilfe benötigen. Die Auflösung sozialer Netze und Partnerschaften erfordert daher neben individuellen Entwicklungsbemühungen auch die Organisation sozialer Inklusion, Schutz von Schwachheit und ein Netz von Sorge und Vorsorge.

Zur Entfaltung einer Alterskultur fordern die Autoren neue Sichtweisen und gliedern diese in folgende Aspekte:

  • Gestaltung durch Politik: Während in der ersten Auflage des Buches der Gestaltungswille des Individuums in Bezug auf Arbeit, Beruf, persönliche Netzwerke etc. betont wird, werden in dieser zweiten Auflage die Bedeutung der politischen Gestaltung von Gesellschaft, die Notwendigkeit der Gestaltung von Generationen-Verhältnissen und Lebenslauf-Bedingungen in den Vordergrund gestellt.
  • Selbstsorge gekoppelt mit sozialer Anteilnahme: Angesichts der Individualisierung und Singularisierung, die in Zusammenhang mit einem Rückgang der Stabilität von Familien steht, wird zum einen Selbstbestimmung und Selbstverantwortung an Bedeutung gewinnen. Gleichzeitig werden aber Zivilgesellschaft und öffentliche Hand verstärkt gefordert, Integration und Unterstützung zu fördern oder zu organisieren.
  • Wissenschaft angesichts der Langlebigkeit: Insbesondere der Medizin wird eine wichtigere Funktion zugeschrieben, wobei die Geriatrie zum einen die Zusammenhänge zwischen verschiedenen mit dem Alter einhergehenden Einschränkungen erforschen, die Chancen der Behandlung daheim erhöhen und die Brücke zur sozialen und psychologischen Geriatrie schlagen soll.
  • Weiters werden multidisziplinäre Forschungsteams gefordert zu Themen Altern, Generationen und Lebensentwicklung. Diese sollten Fragen der Gesundheitspolitik aber auch der Bildungs- und Fortbildungspolitik bearbeiten, sowie soziale Bedingungen des Alterns und ökonomische Grundlagen einer integrierten Alternspolitik klären und politische Projekte anregen.
  • Dazulernen als Lebensaufgabe: Den Autoren zufolge hängt ein gelingender Alternsprozess sowohl individuell als auch gesellschaftlich ganz entscheidend von der Fähigkeit des Lernens, des Wissenwollens und des Probierens ab. Die im Titel proklamierte Hoffnung gründet sich demnach nicht auf einem Leugnen des Alters, sondern einem Verständnis von Altern als Reifungsprozess, Achtsamkeit gegenüber dem Körper und eine Hinwendung zu Bescheidenheit. "Hoffnung hilft über das erstickende und allgegenwärtige Infotainment hinaus, Wege zu sich selbst zu finden. Diese Wege sind sehr individuell, sie gabeln sich nicht selten und enthalten auch Umwege." S.13 Angesichts der körperlichen Einschränkungen durch Alter braucht es letztlich Willensanstrengung, Bemühung und Übung.

Aufbau und Inhalt

Im ersten Abschnitt geht es um Veränderungen und Heilungskräfte im Lebenslauf, somit um "die Natur" des Alterns. Aus medizinischer, sozialmedizinischer und psychologischer Sicht werden u.a. Befunde zu biologischem Altern, zu Depression, Angst und Gedächtnisstörungen im Alter, medizinethische Fragen und Aufgaben der Prävention in der Geriatrie erörtert.

Der zweite Abschnitt widmet sich unter dem Titel "Neue Lebensphasen - neue Szenarien" soziologischen Fragestellungen, wie der demographischen Revolution, der beruflichen Arbeit in einer neuen Charter des Lebenslaufs, den Generationenbeziehungen, Lernen und Bildung im Alter sowie der Freiwilligenarbeit.

Der dritte Abschnitt unter dem Titel "Optionen und Gefahren" ist eine Sammlung sozioökonomischer und soziologischer Zugänge, angefangen von der Frage der Gesundheitssicherung im Alter aus ökonomischer Perspektive, über die soziale Konstruktion von Alter, wo sehr zutreffende Thesen vertreten werden zur gesellschaftlichen Bedeutung und zur Notwendigkeit der Akzeptanz der mit dem Älterwerden einhergehenden Veränderungen, bis zur Sicht der UN. Rosenmayr beschließt diesen Abschnitt mit einem Artikel zu Entwicklungen im späten Leben, in welchem er Steuerungsprozesse und die Suche nach Zugangsmöglichkeiten zu Selbstbesinnung, Handlungs- und Gestaltungsbereitschaft proklamiert. Er schreibt, dass das latente, aber nachweislich vorhandene Potenzial des Alters zu seiner Freisetzung sowohl eine von Individuen getragene wie auch einer gesellschaftlich organisierten Begünstigung bedarf. Für die Entstehung einer solchen Alterskultur sieht er drei Momente als wichtig, nämlich

  1. Aktivierung mit subjektiven Zielsetzungen
  2. kulturelle Angebote, die zu souveränen Lebensformen führen, und
  3. soziale Brücken für die Rezeption dieser Angebote.

Fazit

Das Buch widmet sich einem der gegenwärtig zentralen gesellschaftlichen und zunehmend auch individuellen Themen. Es streift unterschiedlichste, mit Altern zusammenhängende Fragen. Aufgrund dieser Heterogenität werden viele Leser vermutlich mit einzelnen Artikeln mehr, mit anderen weniger anfangen können. Insgesamt ist es jedoch äußerst informativ, sowie intellektuell wie auch persönlich anregend.


Rezension von
Prof. Dr. Ruth Simsa
Wirtschaftsuniversität Wien
Institut für Soziologie, NOP Institut
Homepage www.ruthsimsa.at
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Zitiervorschlag
Ruth Simsa. Rezension vom 15.07.2007 zu: Leopold Rosenmayr, Franz Böhmer: Hoffnung Alter. Forschung - Theorie - Praxis. Facultas Verlag (Wien) 2006. 2., erweiterte Auflage. ISBN 978-3-85114-998-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4080.php, Datum des Zugriffs 14.07.2020.


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