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Dorothea Meudt: Sexualität in der Pflege alter Menschen ( Ausbildungsmodul)

Cover Dorothea Meudt: Sexualität in der Pflege alter Menschen - Ein Ausbildungsmodul für die Altenpflege. Kuratorium Deutsche Altershilfe (Köln) 2006. 112 Seiten. ISBN 978-3-935299-87-9. 18,50 EUR.

Reihe: thema, Band 202.
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Thema

Pflegekräfte haben zum Thema „Sexualität in der Altenpflege“ für die Praxis vielfach nicht ausreichende Kenntnisse erworben: Tabus, eigene biographische Filter, Mängel in der täglichen Reflexion, usw. können Barrieren für kompetentes Handeln vor Ort darstellen.

Hier setzt die Autorin an, indem sie ein Ausbildungsmodul für „Sexualität in der Altenpflege“ einer berufsbegleitenden Altenpflegeausbildung vorstellt; den Hintergrund bilden die vier Phasen des Konstruktionsprozesses eines Curriculums, die von Knigge-Demal (1996) in Anlehnung an Siebert (1974) formuliert wurden.

Entstehungshintergrund

Sexualität in der Pflege alter Menschen ist auch heute noch tabuisiert, im Heim mehr als in anderen Bereichen. Das Thema „Sexualität“ gestaltet sich im Unterricht oft schwierig. Es berührt Tabus, es fehlen Informationen zur Sexualität älterer Menschen, es gibt eine Unsicherheit in der Benennung von Begriffen und intimen Körperregionen.

Pflegekräfte dringen – berufsbedingt – laufend in den persönlichen bzw. intimen Bereich von fremden Menschen ein; für beide eine Konfrontation, die irritieren kann.

Die Autorin stellt ein einwöchiges Seminar mit einer sich anschließenden Praxisphase von etwa drei Monaten vor; zum Abschluss empfiehlt sie einen Reflexionstag, der auch als Projekttag gestaltet werden kann.

Aufbau

Die Arbeit ist in 5 Kapitel gegliedert.

Kapitel 1 – Sexualität: Versuch einer Definition

Die Verfasserin beschreibt Begriffe, zitiert sexuelles Erleben als gelerntes Verhalten in der Kindheit: Erste Erfahrungen mit Zärtlichkeit, Entstehen von Gefühlen wie Vertrauen und Zuneigung, geliebt werden, Beziehungsfähigkeit als Grundlage für eine störungsfreie Sexualität; wie auch – andererseits – Einflüsse durch sexuellen Missbrauch, Gewalterfahrungen, die zu (späteren) Störungen führen können.
Die individuelle Erfahrung älterer und alter Menschen verändert sich im Lauf der Zeit. Dennoch: viele Ältere sehnen sich nach Nähe, Geborgenheit, Zärtlichkeit, Austausch und haben auch das Bedürfnis nach körperlicher Sexualität.
Die Autorin legt großen Wert auf einen sehr breiten Verständnisrahmen von „Sich als Mann oder Frau fühlen und verhalten„; sie definiert ihn so, dass viele Begriffe wie Genitalität, aber auch Kommunikation, Scham und auch bewohnerorientierte Rahmenbedingungen eingeschlossen werden können.

Kapitel 2 – Erste Konstruktionsphase

(Gesellschaftliche Entwicklung und Veränderungen; gesetzliche Vorgaben und pflegetheoretische Ansätze. In diesem Kapitel wird auf Maximen unserer Zeit eingegangen: Gesundheit, Leistungsfähigkeit, Unabhängigkeit, jugendliches Aussehen. Dem steht der Prozess des Alterns entgegen. Werden die Veränderungen konstruktiv gelebt, kann es auch zu Attraktivität und einer Verbesserung der sexuellen Interaktion alter Menschen führen. „Pflegebedürftigkeit und sexuelle Gefühle schließen einander nicht aus, …“ – Eine Herausforderung für die Pflege, insbesondere angesichts steigender Lebenserwartung.
Im nächsten Abschnitt wird auf die demographische Entwicklung bis zu den Jahren 2050 eingegangen: Ganzheitlich orientierte und leibfreundliche Pflege – auch dementer Menschen – wird die nächste Herausforderung darstellen.
Weiter wird auf die gesetzlichen Vorgaben, wie pflegetheoretische Ansätze, Bezug genommen: Das Modell des Lebens (Roper/Logan/Tierny) sowie das Pflegemodell nach Orem.
Das Kapitel schließt mit den Leitzielen für Pflegende im Weiterbildungs-Modul ab.

Kapitel 3 – Zweite Konstruktionsphase

Analyse des Handlungsfeldes: aus Sicht der Pflegekraft in der ambulanten / stationären Altenhilfe; aus Sicht der Pflegebedürftigen mit Konsequenz für die Ausbildung. Wie bereits aus dem Überblick hervorgeht, besteht ein hohes Maß an möglichen Konfliktfeldern: Aufgrund biographischer Gegebenheiten kann es im häuslichen Bereich auf Seiten der Eltern wie auch umgekehrt auf Seiten der Pflegenden (Kinder, Schwiegertöchter) mit Symptomen und Überforderung münden; das Spannungsfeld verschiebt sich häufig auf die mobilen Fachkräfte: Durch die „Sprachlosigkeit“ im Beziehungsdreieck leiden Pflegende unter Zeitdruck, die „Kunden“ sind unzufrieden, es bleibt ein schlechtes Gewissen.
Im stationären Bereich ist die Situation verschärft, als „… die Enteignung des Leibes, die weitgehende Reduktion der Pflege auf den Körper, der geringe Stellenwert des Verwöhnens und Genießens“ im Pflegeheim besonders schwer wiege [1]. Hier passieren leicht Grenzverletzungen; Pflegekräfte halten Abstand, sexuelle Gefühle werden tabuisiert, Pflegende fühlen sich überfordert …
Aus Sicht der Pflegebedürftigen wird oft auf das kleine Stück Privatheit keine Rücksicht genommen: Etwa wird der alte Mensch mangelhaft oder unbekleidet über den Flur geschoben; Pflegekräfte klopfen nicht an, bevor sie das Zimmer betreten, usw.
Als Konsequenzen in der Ausbildung wird ein Paradigmenwechsel gefordert: Nicht nur die Gesetzgebung, auch die Diskrepanz der Ausbildungskonzepte mit den existentiellen Fragen der Belastungen der Mitarbeiter ist zu hinterfragen, damit die alten Menschen die Möglichkeit erhalten, sich mit ihrem Schicksal zu versöhnen, damit Pflegende Ressourcen schöpfen und dem beruflichen Burnout entgegenwirken können.

Analyse der wissenschaftlichen Disziplinen: Pflegewissenschaft – Medizin – Psychologie / Soziologie – Gerontologie – Philosophie. Auf den folgenden elf Seiten der Arbeit geht die Autorin auf o.g. Begriffe ein: Von physiologischen Störungen und Erkrankungen, über funktionale Veränderungen bis hin zu moralischen Prinzipien und Reflexionsfähigkeit der Pflegepersonen wird der Bogen der Ausführungen gespannt.

Die Qualifikationen. Hier werden die Kompetenzen der Lernenden aufgelistet, insbesondere wird auf die Gefahr des Überschreitens von persönlichen Grenzen alter Menschen hingewiesen.

Kapitel 4 – Dritte Konstruktionsphase

Charakteristik der Seminarwoche – Übersicht über die Seminarwoche mit ihren einzelnen Anteilen. In dieser Phase werden Lernziele, Lerninhalte und Methoden dargestellt und miteinander abgestimmt. Die Charakteristik der Seminarwoche und die notwendigen Voraussetzungen – insbesondere die hohen (!) Anforderungen an die DozentInnen – werden detailliert beschrieben.
Unter der Annahme, dass sich die Lernenden bereits kennen, wird die Struktur, der Ablauf, die Darstellung des Inhaltes ausführlich dargestellt. Ein Pool verschiedenster Übungen erleichtern den Lernenden die Annäherung und Implementierung dieser Thematik. Die Theorie wechselt mit praktischen Übungen, verschiedene didaktische Möglichkeiten werden vorgeschlagen, Fallbeispiele lassen sich in Gruppenarbeiten unterschiedlich darstellen.
Das Kapitel schließt mit einer Praxisaufgabe: Die Inhalte der Seminarwoche sollen anhand von Lernzielen in den nächsten drei Monaten in ein Lerntagebuch übernommen werden.

Kapitel 5 – Ausblick auf die vierte Konstruktionsphase (Evaluation)

Diese Phase des Konstruktionsprozesses nach Knigge-Demal beinhaltet die Implementierung der Unterrichtseinheit in die Ausbildung, in der sich die Praxisrelevanz des Moduls erweisen muss. Verschiedene sinnvolle Messkriterien und Stichproben werden dazu vorgeschlagen.

Zielgruppen

Als Zielgruppe sind vor allem Dozentinnen und Dozenten im Aus- und Weiterbildungsbereich für Altenpflege zu nennen; auch PflegeforscherInnen finden eine Fülle an Anregungen und Literaturhinweisen.

Des Weiteren eignet sich die Arbeit zur Lektüre für alle Berufsgruppen, die im Alten-/ Pflegebereich tätig sind sowie für Interessierte.

Diskussion

Die Autorin schöpft aus zahlreichen Bereichen der vorhandenen Literatur, kann die Begründung und Notwendigkeit für ihre Arbeit schlüssig darstellen.

Insbesondere die Durchführung der Seminarwoche ist vielseitig und detailreich dargestellt; somit kann das Seminar von anderen fachkompetenten (!) Personen in dieser Form übernommen werden; auch können Anteile der Arbeit für andere Unterrichtsformen genutzt werden.

Die Praxisrelevanz ist deutlich gegeben.

All diese Faktoren lassen auf ein großes Bemühen und eine hohe fachliche Qualifikation der Autorin schließen.

Vorschläge für eine Überarbeitung: Im Falle einer Überarbeitung des Buches könnten folgende Vorschläge eingearbeitet werden:

  1. Das Thema Distanzzonen [2] erweitern, um den Begriff „Persönliche Grenzen“ bzw. „Grenzüberschreitung“ den Lernenden noch klarer darzulegen;
  2. In der Praxisphase der Arbeitsaufträge (analog dem Anhang 19 und 22) zusätzlich Vorschläge für die Pflegeplanung erarbeiten, mit Pflegeexperten diskutieren.

Fazit

Dorothea Meudt ist es gelungen, eine kompetente Beschreibung und ausgezeichnete Anleitung für Lehrende/DozentInnen herzustellen, um sich dem Thema „Sexualität in der Altenpflege“ praktisch anzunähern.

Der Wert ist begründet in der Zeit, der Dichtigkeit des zu vermittelnden Inhaltes und dem hohen Maß an gewonnener Selbsterfahrung.


[1] Vgl. FN 2, S. 4

[2] Vgl. wikipedia.org


Rezensent
Federico Harden
Akademisch geprüfter Lehrer für Gesundheitsberufe Allgemein beeideter und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger für Gesundheits- und Krankenpflege Psychotherapeut (VT) in freier Praxis. Fort- und Weiterbildungen
Homepage www.harden.at


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Zitiervorschlag
Federico Harden. Rezension vom 30.08.2008 zu: Dorothea Meudt: Sexualität in der Pflege alter Menschen - Ein Ausbildungsmodul für die Altenpflege. Kuratorium Deutsche Altershilfe (Köln) 2006. ISBN 978-3-935299-87-9. Reihe: thema, Band 202. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4085.php, Datum des Zugriffs 23.01.2018.


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