Berhard Bueb: Lob der Disziplin. Eine Streitschrift
Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 26.10.2006
Berhard Bueb: Lob der Disziplin. Eine Streitschrift. List Verlag (Berlin) 2006. 176 Seiten. ISBN 978-3-471-79542-2. D: 18,00 EUR, A: 18,50 EUR, CH: 31,80 sFr.
"Vorbehaltlose" Anerkennung von Autorität und Disziplin?
Der frühere Leiter der privaten und elitären Internatsschule Schloss Salem, Bernhard Bueb, leidet an "unserer beschädigten deutschen Erziehungskultur", seit Jahrzehnten! In seinem Leiden kommt er zu ganz merkwürdigen Geschichts- und Gesellschaftsinterpretationen; etwa der, dass die (ihm offensichtlich verhasste) "deutsche Variante der Jugendrevolte nach 1968" nichts anderes sei als die Folge der deutschen Katastrophe des Nationalsozialismus; und da stellt er offensichtlich eine tatsächliche Folge zwischen der Aufbruchsituation der Nachkriegsjahre, die in den pädagogischen Reformbewegungen so klangvolle Namen haben wie "Summerhill", "Laborschule", "Gesamtschule" und den faschistischen und nationalsozialistischen Ideologien fest. Wie sonst soll man den in diesem Zusammenhang geschriebenen Satz verstehen: "Wir dürfen nicht hinnehmen, dass der Nationalsozialismus weiterhin unsere pädagogische Kultur beschädigt". Damit lässt er in sträflicher und intellektuell unzureichender Weise das vermissen, was er vehement fordert: Das rechte Maß zu finden! "Maßlosigkeit ist der Feind aller Pädagogik", natürlich. Aber Maßlosigkeit im Denken und Bewerten von gesellschaftlichen Veränderungen ist Ideologie!
Inhalt
Dass der Verlag im gleichen Jahr der Herausgabe (2006) bereits die dritte Auflage des Buches druckt, in dem der Verfasser die in Vorträgen, Aufsätzen und Interviews im Laufe der Jahrzehnte geäußerten Auffassungen über Pädagogik, Schule und Erziehung vorlegt, zeigt, dass in der deutschen Befindlichkeit so etwas wie ein Verlangen nach Rezepten und guru-artig formulierten Ratschlägen besteht. In jeweils unterschiedlicher Qualität und Seriosität werden von der Bildzeitung, über seriöse Zeitschriften bis zu wissenschaftlichen Analysen die verschiedenen gesellschaftlichen Zu- und Notstände geunkt, hasardiert, prognostiziert und dargestellt. Buebs "Streitschrift" dürfte zu der Kategorie gehören, die Pauschalurteile und hausbackene Ratschläge als ein geeignetes Mittel ansehen, den "Bildungsnotstand in Deutschland", den er als "die Folge eines Erziehungsnotstandes" betrachtet, zu beheben. Die Frage ist allerdings: Wem ist eigentlich mit solchen "Allerweltsweisheiten", die daher kommen wie die stakkatoähnlichen Ausstöße an den Biertischen, gedient?
Es besteht kein Zweifel darüber, dass es in unserer Gesellschaft eines neuen Nachdenkens über die aristotelische paideia bedarf, die zum Ziel hat, den Menschen zu einem Gebildeten zu erziehen, der sich durch eine besonders souveräne Urteilskompetenz auszeichnet (Ottfried Höffe, Aristoteles-Lexikon, 2005). Dabei geht es um nicht mehr und nicht weniger, als den Bürger gut zu machen. Den erhobenen Zeigefinger meinte der griechische Philosoph sicherlich damit zu aller Letzt. Dieser aber reckt sich in Buebs gesammelten Aussagen allzu deutlich, schulmeisterlich und drohend. Das Littsche Paradigma "Führen oder Wachsen lassen" in der Erziehung meint ja nicht nur das "oder", sondern in gleicher Weise das "und". Buebs Bild vom "Educandus" ist ein hierarchisches. Hartmut von Hentig (den Bueb allerdings wohl eher nicht zu "seinen" Vorbildern zählen würde, obwohl er in an einer klitzekleinen Stelle seines Buches in den "pädagogischen Olymp" erheben will) hat darauf hingewiesen, dass "die Komplexität, die Interdependenz und die beschleunigte Veränderung unserer Gesellschaft ein hohes und unbequemes Maß an Mitbestimmung fordern, wenn sie nicht in Chaos oder Automatismus oder Terror enden soll, dass Mitbestimmung aber Selbstbestimmung voraussetzt" (Cuernavaca oder: Alternativen zur Schule? 1972).
Sein Zauberwort "Disziplin" ist von einer merkwürdigen Einstellung dieses Erziehungs- und Bildungsanspruchs hergeleitet. "Disziplin setzt an die Stelle des Lustprinzips das Leistungsprinzip"; als ob "Lust" und "Leistung" Gegensätze seien. Aber diese Haltung, die Formen der Anpassung vor die des Widerstands, der Zucht vor die der Verantwortung, das Rezept vor die Einsicht stellt - obwohl er unvermittelt zugesteht, dass Rezepte der Feine aller Pädagogik seien - entsteht aus seinem Diktum "… ist immer …": "Erziehung ist immer Führung, … immer Werteerziehung, … immer eiserne Regelmäßigkeit…". Sein Buch ist gespickt von solchen Absolutheiten, die allerdings, wenn sie zu gefährlich für sein eigenes ideologisches Denken werden, sich relativiert darstellen. Was soll man z. B. von einem solchen Satz halten, wie: "Uns mangelt die Erkenntnis, dass Strenge stärken und zu viel Fürsorge schwächen kann" ? Auch sein "Freiheits"- Begriff ist bestimmt von seinem hierarchischen "Meister-Zögling"- Denken: Junge Menschen erwerben Freiheit nicht dadurch, dass man ihnen frühzeitig Freiheit gewährt! Die von ihm zu erwartende Überzeugung lautet denn auch: "Wir müssen wieder zu der alten Wahrheit zurückkehren, dass nur der den Weg zur Freiheit erfolgreich beschreitet, der bereit ist, sich unterzuordnen". Ihm, dem "Demokraten", fallen dann auch zu seinen Erfahrungen mit der Schülermitverantwortung in der Schule Begriffe wie "Gewerkschaftsmentalität" ein. Spätestens hier müsste man eigentlich das Ärgernis beenden!
Aber es gibt in diesem Tenor noch weitere Begriffsverwirrungen, die dazu angetan sind, den "Rezept"-Lesern des Buches mehr Gift als Heilmittel einzuflößen. Gerade die Absolutheitsansprüche, mit denen Bueb Werte postuliert, die durchaus wertvoll und Voraussetzung für ein gutes Leben darstellen, sind es, die die Rezepte unerträglich und wohl auch wirkungslos im gesellschaftlichen Diskurs machen. "Ordnung ist die Voraussetzung für Glück" - was soll man mit einem solchen Satz anfangen? Auf die nächste Aussage haben wir in dieser Diktion gerade zu gewartet: "Recht und Ordnung lassen sich in menschlichen Gemeinwesen nicht ohne Strafen aufrechterhalten". Das allzu strapazierte Sprichwort - "Wie man in den Wald hinein ruft, so schallt es heraus" - hat hier seine Buebsche Bedeutung! Sein Menschenbild ist falsch: "Erst durch die Strafe gewinnt Gerechtigkeit existentielle Bedeutung für das Kind und den Jugendlichen"; etwas mehr Zutrauen zur Mitmenschlichkeit, Herr Bueb, und weniger Misstrauen gegen die Schutzbefohlenen und Erziehungsfähigen!
Wissentlich oder wie die Katze um den heißen Brei vermeidet Bernhard Bueb in seiner Streitschrift zwei wesentliche Voraussetzungen für eine bessere Erziehung und Bildung in unserer Gesellschaft: Die Erkenntnis nämlich, dass eine gelingende Identität der Menschen nicht ohne die Fähigkeit zu einer kritischen Haltung gegenüber von Obrigkeit, Ideologie oder Institution möglich ist. Und die zweite, auf die schulische Bildung und Erziehung bezogen, dass es (endlich!) einer Reform des überholten, traditionellen Bildungssystems bedarf. Zwar setzt sich der Autor für die Entwicklung eines Ganztagssystems ein; aber über die, ja seit langem in den internationalen Vergleichsuntersuchungen (PISA, u.a.) ausgemachten Ursachen, die die "Bildungs- und Erziehungsmisere" in Deutschland ausmachen, etwa der Ablösung des dreigliedrigen Schulsystems durch eine gemeinsame Schule, verliert er kein Wort. Genau so wenig wie über die Notwendigkeiten, wie sie in einer interdependent sich entwickelnden, entgrenzten Welt durch einen Perspektiven- und Wertewandel erforderlich sind. Buebs Visionen vom "Lob der Disziplin" gehen, das zeigen auch die neuesten Ergebnisse der soeben vorgelegten 15. Shell-Jugendstudie, "zumindest an einem Teil der jugendlichen Wirklichkeit vorbei" (Susanne Gaschke, in: DIE ZEIT, Nr. 39 vom 21.9.06, S. 9).
Fazit
Bernhard Buebs Streitschrift und sein Ruf nach mehr Disziplin ist entbehrlich in dem notwendigen gesellschaftlichen Diskurs um eine positive Veränderung unserer Gesellschaft. Sie sollte aber mehr von der dianoia, dem Verstand bestimmt sein und weniger von pessimistischen Wertungen des Zeitbewusstseins mit dem Hervorholen von konservativen "Sowohl-als-auch"- Haltungen.
Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
Mailformular
Es gibt 1747 Rezensionen von Jos Schnurer.





