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Claudia Wallner: Feministische Mädchenarbeit

Cover Claudia Wallner: Feministische Mädchenarbeit. Vom Mythos der Selbstschöpfung und seinen Folgen. Klemm & Oelschläger (Münster) 2006. 320 Seiten. ISBN 978-3-932577-70-3. 24,80 EUR.
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Reihe "Kritische Beiträge aus der Mädchenarbeit"

Das vorliegende Buch ist das erste aus der Reihe "Kritische Beiträge aus der Mädchenarbeit". Diese Reihe will Entwicklungen der Mädchenarbeit reflektieren, kritische und innovative Diskurse führen und neue, zeitgemäße Ansatzpunkte der Arbeit mit Mädchen und jungen Frauen entwickeln helfen.

Haupthypothese und Ziel

Der erste Band der kritischen Beiträge zur Mädchenarbeit trägt einen sehr provokanten Titel, der Programm, Haupthypothese und Ziel von Claudia Wallners Buch ist, nämlich die Legenden- und Mythenbildungen in der feministischen Mädchenarbeit aufzuzeigen und diesen die konkreten, vielfältigen Entstehungszusammenhänge entgegenzusetzen. Damit soll die Mädchenarbeit als Arbeitsansatz historisch rekonstruiert und zugleich bestimmte Engführungen, die bis heute kursieren, in ihren Wurzeln systematisch aufgedeckt werden. Diese bis heute existierenden Engführungen stehen – so die These der Autorin – der Entwicklung von zeitgemäßen, passfähigen Konzepten der Mädchenarbeit entgegen. Deshalb ist es notwendig, diese in ihren historischen Wurzeln zu rekonstruieren. Die dem Buch zugrunde liegenden Forschungshypothesen sind, dass es keine systematische Geschichtsschreibung von feministischer Mädchenarbeit gebe und dass es mit dem zeitlichen Abstand ihrer Entstehungs- und Begründungszusammenhänge in den 1960er/1970er Jahren immer schwieriger werde, diese historisch zu rekonstruieren. Die dritte These beinhaltet die provokante Programmatik des vorliegenden Buches: Die Protagonistinnen der feministischen Mädchenarbeit waren nicht von allen damaligen Diskursen inspiriert - wie die bisherige Geschichtsschreibung suggeriert, – sondern von ihren jeweils spezifischen Kontexten in der Sozialen Arbeit bzw. Pädagogik. Dass dies bis heute vielfach unkritisch übernommen und immer wieder zitiert wird, hat schließlich zu einer gewissen Mythenbildung in der feministischen Mädchenarbeit beigetragen – und ist ebenso als Folge bisher noch nicht erfolgter geschichtlicher Rekonstruktion zu sehen, wie die nach wie vor immer noch marginale Rolle von feministischer Mädchenarbeit in der Kinder- und Jugendhilfe.

Umsetzung in fünf Schritten - Überblick

Claudia Wallner bearbeitet die Zielstellungen des Buches in fünf Schritten.

  1. Sie trägt zunächst zusammen, wie die Entstehungsgeschichte von feministischer Mädchenarbeit in der Literatur rezipiert wurde und wie sich dies im Verlaufe der Jahre veränderte.
  2. In einem zweiten Schritt werden weitere Bezugspunkte der Entstehung von Mädchenarbeit untersucht.
  3. Im dritten Schritt beleuchtet die Autorin die historischen Entstehungskontexte der 1960er und 1970er Jahre, und fokussiert sie auf die gesellschaftliche Situation von Mädchen und Frauen und auf die zweite deutsche Frauenbewegung.
  4. In einem vierten Schritt werden die Ebenen der Forschung bzw. Theoriebildung ausgelotet (feministische Sozialisationsforschung, Jugendhilfe).
  5. In einem letzten Schritt wird mit diesen Erkenntnissen der Frage nachgegangen, warum "die Geschichtsschreibung feministischer Mädchenarbeit unvollständig war und ist und aktuell in monokausalen Darstellungen verharrt" (S. 12). Claudia Wallner stützt sich bei ihren Analysen nicht auf biographische Interviews und Aussagen von Protagonistinnen der Mädchenarbeit (etwa wie bei Maurer 1996), sondern sie wertet Dokumente – Primär- und Sekundärquellen – aus, um Real- und Diskursgeschichte miteinander zu verknüpfen. Sie nutzt dabei die von Leo Kofler entwickelte dialektische Methode der Geschichtsschreibung.

Im Kapitel über die Entstehungsgeschichte der feministischen Mädchenarbeit verdeutlicht die Autorin sehr eindrücklich, dass dieser insgesamt sehr wenig Aufmerksamkeit zuteil wurde: Bei der Recherche von über 1000 Quellen der Mädchenarbeitsliteratur und diverser Fachzeitschriften gab es im Untersuchungszeitraum von1980 bis 2005 lediglich 21, in denen die Entstehung der Mädchenarbeit näher differenziert wurde. Deutlich wird, dass die Geschichte regional in Berlin und Hessen insbesondere von einigen Protagonistinnen (etwa Savier, Naundorf oder Funk, um nur die prominentesten zu nennen) geschrieben wurde. In der heutigen Wertung und Würdigung erscheint dies jedoch so, als repräsentieren diese die gesamte Entwicklung in der alten Bundesrepublik. Außerdem scheint sich die Geschichte durch die Analyse auf drei Kernaussagen zu reduzieren, dass Ansätze der Mädchenarbeit von Pädagoginnen entwickelt wurden, die allesamt einen engen Zusammenhang zur Frauenbewegung haben und aus der Kritik der jungen-dominierten Jugendarbeit heraus entstanden. Durch die von Claudia Wallner analysierten Schriften der Jahre 1976 bis 1979 wird jedoch deutlich, dass es weitaus mehr und vielfältigere Beweg- und Hintergründe gab: Die Frauenbewegung inspirierte in starkem Maße die Pädagoginnen, ihre und die Situation von Mädchen im Patriarchat als Unterdrückungs- und Vernachlässigungszusammenhänge kritisch wahrzunehmen, damalige Diskurse zu hinterfragen und entsprechende Angebote zu etablieren: "Zentral ursächlich für die Entstehung feministischer Mädchenarbeit war nicht die Situation von Mädchen in der Jugendarbeit, sondern ihre gesellschaftliche Situation als weibliche Wesen im Patriarchat" (S. 87). Dies sei maßgeblich, weil die Bedeutung des gesellschaftlichen Kontexts im Verlaufe der weiteren Geschichtsschreibung immer mehr verloren ging. Die Wurzeln der Mädchenarbeit – die Kritik patriarchaler Verhältnisse – wurden immer mehr als Einflüsse ausgeblendet, so dass die Geschichte zur einer von Protagonistinnen  wurde, nämlich von Frauen, die "zur richtigen Zeit und am richtigen Ort" (S. 88) aktiv wurden. Übrig blieben die Themen der Randgruppenposition von Mädchen in der Jugendarbeit, die Arbeitssituation von Pädagoginnen, die Kritik an der Kapitalismusorientierung linker Sozialarbeit (etwa dem Bild des "Arbeitermädchens") und der Jungenlastigkeit der Jugendarbeit – ausgeblendet hingegen zentrale politische und Jugendhilfedebatten und andere wichtige Einflüsse der Mädchenarbeit. Mädchenarbeit erscheine so als Geschichte ihrer Heldinnen, quasi aus sich selbst heraus kreiert.

Im zweiten Teil geht Claudia Wallner auf zwei Aspekte ein: Sie verifiziert ihre These des Ideologieverdachts der Theoretisierungen von Mädchenarbeiterinnen, indem sie diese in die Kontexte von Sozialisationsforschung, Entwicklungen der Jugendhilfe und der gesellschaftlichen Situation von Mädchen und jungen Frauen stellt.
Die Zusammenstellung der Situation von Mädchen und jungen Frauen  der 1960er und 1970er Jahre (z.B. durch Frauen- und Familienberichte der Bundesregierung) belegt sehr eindrücklich, dass es sehr wohl ein differenziertes Wissen um Benachteiligungen gab, auf dessen Grundlage bestimmte gesetzliche Regelungen zur Gleichstellung modifiziert wurden. Besonders die Rolle von Frauen und Mädchen auf dem Arbeitsmarkt sowie Veränderungen ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter standen im Mittelpunkt gesellschaftlicher Reformen. Für die feministische Mädchenarbeit – so Claudia Wallner – bleibt dieser zentrale Bereich außen vor: "Auf dem Hintergrund des Anspruchs feministischer Mädchenarbeit, eine eigenständige weibliche Identität fördern zu wollen, frei vom Zugriff und der Kontrolle der Männer, muss es völlig unverständlich bleiben, warum der gesamte Bereich der Bildung und Beschäftigung von der Kritik feministischer Mädchenarbeit verschont blieb und weder Ziele noch Inhalte oder Grundsätze feministischer Mädchenarbeit diese Bereiche weiblicher Lebensrealität beachteten. Mädchen sollten Unabhängigkeit vom Mann, Selbstbewusstsein und Stärken entwickeln, aber Bildung und Erwerbstätigkeit und damit eigenes Einkommen und die Entwicklung von Wissen, Fähigkeiten und Kompetenzen in diesen Bereichen spielten in den Vorstellungen feministischer Mädchenarbeit für das Entwickeln dieser Fähigkeiten keine Rolle" (S. 130). Dieser Separatismus (Rückzug in eigene Räume, Autonomieanspruch, Argumentation gegen männliche Bevormundung etc.) findet in der Situation von Frauen in der Studentenbewegung  bzw. APO – einer wichtigen Quelle der zweiten Frauenbewegung – ihre historische Entsprechung und kulturelle Entfaltung. Hingegen bleibt der Einfluss der "sexuellen Revolution" – von dem auch Frauen maßgeblich partizipierten – wie  auch theoretische Reflexionen (in Anknüpfung an kritische Traditionen  der Weimarer Republik) in der Begründung und Entwicklung von Ansätzen der feministischen Mädchenarbeit außen vor. Obschon es einen engen Zusammenhang und Einfluss der zweiten Frauenbewegung auf die feministische Mädchenarbeit gegeben hat, werden viele Impulse, etwa die Kritik an der ökonomischen Situation von Frauen und Mädchen oder die Forderung nach Einbeziehung aller Schichten von Frauen in Emanzipationsentwürfe, in der Mädchenarbeit nicht aufgenommen. Ebenso blieben reformerische Ideen des SDS oder Kinderladenbewegung (in der bereits festgefahrene Rollen der Kindererziehung in Frage gestellt wurden) ohne Wirkung auf die später entwickelten Konzepte und Projekte der Mädchenarbeit. Die Mitte der 1970er Jahre zu verzeichnende Differenzierung innerhalb der zweiten Frauenbewegung führte nicht nur zu einer Pluralität von Diskursen über Feminismus, sondern insbesondere auch zu einer Vielfalt von feministischen Projekten (die teilweise bis heute Bestand haben). Hierbei sind sowohl "Flügelkämpfe" um den "richtigen" Feminismus evident, als auch gegenseitige Abgrenzungen. Die sozialistische bzw. marxistische scheinen sich hier von den "bürgerlichen" Richtungen (feministischer und radikaler Feminismus als zentrale, mittelschichtorientierte Strömungen) mit ihren jeweiligen Implikationen besonders stark voneinander zu separieren. Dies zeigt seine fatalen Wirkungen bis in die Gegenwart: Mit seinem Ansatz der Selbstreflexion bzw. Selbsterfahrung von Frauen als Weg der Veränderung von Praxis – dem Beispiel von Frauenprojekten der USA folgend – setzt sich insbesondere der radikale Feminismus von der sozialistischen Richtung ab, der den umgekehrten Weg der Gesellschaftskritik geht. Claudia Wallner stellt hier Parallelen der Entwicklung der feministischen Mädchenarbeit zum radikalen Feminismus her und konkretisiert damit die historischen Wurzeln: Die Ansätze der feministischen Arbeit mit Mädchen wurden in den 1970er Jahren nicht aus der Gesellschaftsanalyse und der Diagnose ihrer gesellschaftlichen Situation abgeleitet, sondern es wurden erst sehr viel später theoretische Ansätze aus der praktischen Arbeit entwickelt. Claudia Wallner zieht das Fazit, dass "feministische Mädchenarbeit … in ihrer Entstehung radikalfeministische Mädchenarbeit" (S. 191) und somit Folge der ideologischen Ausdifferenzierung der zweiten Frauenbewegung war, insbesondere ihres spezifischen Sexualitätsdiskurses auf der Grundlage von Anne Koedt und Alice Schwarzer. Dieser grenzte die sexuelle Revolution gänzlich als "Männerrevolte" aus. Logischer Weise blieben damit geschlechterintegrative Ansätze außen vor.

In den weiteren Abschnitten referiert Claudia Wallner die Entwicklung der feministischen Sozialisationsforschung mit ihren wichtigsten Protagonistinnen sowie die Entwicklung der Jugendhilfe. Beides sieht sie als wichtige Rahmen an, in denen sich die Mädchenarbeit entwickelte. Sie kommt zu ganz ähnlichen Ergebnissen des strukturellen Separatismus und ideologischer Engführungen, die eine produktive Bezugnahme verhinderten. Dies soll am Beispiel der Jugendarbeit als Teil der Jugendhilfe und ihren theoretischen Grundlegungen kurz skizziert werden. Bekanntermaßen – so die feministische Geschichtsschreibung – habe sich die Mädchenarbeit u.a. aus der Kritik der Theoriebildung innerhalb der Jugendarbeit heraus entwickelt, die Mädchen nicht als explizite Zielgruppe vorsah. Während es Anfang der 1970er Jahre zunächst darum ging, die Jugendarbeit als eigenständiges sozialpädagogisches Handlungsfeld – und damit die spezifische Zielgruppe von Jugend – zu begründen (z.B. durch Giesecke, Böhnisch, C.W. Müller, Mollenhauer), kam es später zu einer Ausdifferenzierung der theoretischen Ansätze. Im emanzipatorischen Ansatz von Liebel und Lessing kamen 1976 erstmals Arbeitermädchen als Zielgruppen von Jugendarbeit in den Blick der Forschung und konzeptionellen Entwicklung. Gleichwohl die soziale Kategorie Geschlecht hier eher randständig blieb, stellt Wallner fest, "dass innerhalb der Theoriebildung bereits mit der Einführung der Begriffe Emanzipation, Parteilichkeit und gesellschaftliche Rollen zentrale Begriffe der Mädchenarbeit eingeführt wurden, ohne dass es jemals eine Verbindung in der Verwertung der Begriffe zwischen der Theoriebildung und der feministischen Mädchenarbeit gegeben hätte. Auch wenn feministische Mädchenarbeit in ihrer Entstehung die Theoriebildung innerhalb der Jugendarbeit nur als kritisches Gegenüber betrachtete, das die Lebenslagen von Mädchen vernachlässigte und deshalb abzulehnen war, hat die Theoriebildung doch wesentliche Veränderungen innerhalb der Jugendarbeit eingeführt, auf die Mädchenarbeit aufbauen bzw. von denen sie profitieren konnte, indem sie Erkenntnisse und Veränderungen für sich nutzte. Die pauschale Ablehnung der Theoriebildung lässt sich daher eher ideologisch erklären: Es waren Männer, die die Theorien entwickelt hatten – insofern konnten sie alleine deshalb nicht positiv bewertet werden. Und die Theorien waren an Jungen orientiert, ohne dies zu kennzeichnen, da sie theoretisch alle Jugendlichen einbezogen. Das aber war der Hauptkritikpunkt feministischer Mädchenarbeit an den Jugendarbeitsangeboten: dass sie eben den Anspruch erhoben, für alle Jugendlichen offen zu sein, sich aber de facto an Jungen richteten. Insofern mussten die Jugendarbeitstheorien abgelehnt werden, weil sie demselben Muster folgten wie die Jugendarbeit" (S. 243f.). Anders als die emanzipatorische Jugendarbeit hat die Jugendzentrumsbewegung (mit dem Fokus der antikapitialistischen Jugendarbeit, entstanden aus dem Kontext des sozialistischen bzw. marxistischen Feminismus) die Zielgruppe der "Arbeitermädchen" im Blickpunkt. So kam es 1969 bereits zur Gründung einer Mädchengruppe innerhalb eines Berliner Freizeitheims. Die theoretische Grundlage bestand in einer Verknüpfung der Klassen- mit der Emanzipationsfrage. Im Mittelpunkt der praktischen Arbeit standen Bemühungen, diese Zielgruppe zu erreichen und entsprechende mädchenspezifische Angebote zu entwickeln. Auch von diesen Ansätzen hat sich die feministische Mädchenarbeit abgegrenzt, weil hier den Geschlechterungleichheiten gegenüber den Klassenunterschieden ein untergeordneter Stellenwert eingeräumt wurde. Diese Ablehnung, so Claudia Wallner, sei politisch intendiert und komme aus der radikalfeministischen Verortung der feministischen Mädchenarbeit. Gleichwohl der Arbeitermädchenansatz und die feministische Mädchenarbeit sich in den Folgejahren in den Prinzipien annäherten, gab es nie einen gegenseitigen Lern- und Entwicklungsprozess. Während die ersten den Bildungs- und Berufsbereich als zentrale inhaltliche Schwerpunkte verfolgten, blieb dieser in der feministische Richtung außen vor.

Nicht nur Jugendarbeit als Teil der Jugendhilfe bildete den Entwicklungsrahmen von Mädchenarbeit, sondern auch die außerschulische Mädchenbildung, die es immerhin seit Mitte der 1950er Jahre in der Bundesrepublik gab. Während zu Beginn der Implementierung von Mädchenbildung noch Konservatismus in den weiblichen Rollen intendiert war (und die Abgrenzung der feministischen Mädchenarbeit somit verständlich und nachvollziehbar war), änderte sich dies in den 1960er bzw. 1970er Jahren. Allerdings blieb der Fokus der Defizitorientierung bestehen, so dass es für die feministische Mädchenarbeit wenig Anschlusspunkte gab.

Zum Schluss der Analysen zur Jugendhilfe stellt Claudia Wallner die Entwicklungen in der Heimerziehung vor. Bekanntermaßen gab es hier eklatante Missstände, die dann 1968 zur sog. Heimkampagne führte, von APO-Stadtteil-, Studenten-, Schüler- und Lehrlingsgruppen getragen wurde. Der Film von Ulrike Meinhof "Bambule" war Auslöser einer umfassenden Analyse und Veränderung der Fürsorgeerziehung von Mädchen. Insbesondere standen die rigiden Erziehungsmaßnahmen von "verwahrlosten Mädchen" im Mittelpunkt der Kritik: Jegliche Versuche von Mädchen, eine Eigenständigkeit zu erreichen wurden mit entsprechender Härte sanktioniert. In den Analysen zur weiblichen Fürsorgeerziehung wurde deutlich, dass die Mädchen sehr häufig Gewalt erleben mussten und dass sich dieses in der öffentlichen Erziehung fortsetzte. Hier hätte es durchaus genügend Anknüpfungspunkte zwischen der Jugendhilfe und der feministischen Mädchenarbeit gegeben. Wallner stellt fest, dass es trotz öffentlicher Skandalisierung der Zustände in der Heimerziehung keine Einmischung seitens der feministischen Mädchenarbeit gegeben habe. Dieses liege daran, dass es zwischen beiden Bereichen keine personelle Anbindung, keine Vernetzungen gab. Die Erzieherinnen kamen überdies nicht aus der radikalfeministischen Bewegung. Eine zweite Erklärung findet Wallner in der politischen Verortung: Die Heimkampagne wurde von der APO bzw. der eher sozialistischen Richtung getragen, von der sich die feministische bekanntermaßen abgrenzte.

Diskussion

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass sich feministische Mädchenarbeit von nahezu allen Wurzeln und sie umgebenden Entwicklungen abgrenzte – und somit "zum Resultat und (der) Summe ihrer Macherinnen, radikalfeministisch bewegter und politisierter Frauen" (S. 292) wurde. "Es ist die Geschichte bedeutender Frauen, die zur richtigen Zeit am richtigen Ort mit den richtigen Erkenntnissen und den richtigen Bewusstsein aktiv wurden. … Deshalb verschwanden sukzessive Entstehungsorte, Bezüge, Personengruppen, Ziele und Inhalte. Mit der Geschichtsschreibung über die Entstehung feministischer Mädchenarbeit selbst wurde der Mythos der Selbstschöpfung und der Mythos der Revolution erst geschaffen" (S. 292). Claudia Wallner unterstellt, dass die Geschichte der feministischen Mädchenarbeit auf einfache Formeln und Entstehungskontexte abzielt, um ihre "Heldinnengeschichte" nicht zu gefährden. Dies ist sicher im Kontext der radikalfeministischen Verortung eine plausible Erklärung, greift aber m.E. zu kurz. Mädchenarbeit wurde immerhin erst seit Mitte der 1980er Jahre an Fachhochschulen gelehrt. Systematische Analysen zur Mädchenarbeit, wie auch wissenschaftliche Evaluationen und intensiver fachlicher Austausch (etwa durch Fachtagungen oder bundesweite Publikationen) sind seit dieser Zeit zu verorten. All dies sind m.E. wichtige Faktoren der Vernetzung und sukzessiven Aufhebung der fachlich-politischen Separation und Isolierung – und damit auch zentrale Voraussetzungen für die fachliche Weiterentwicklung.

Claudia Wallner behauptet, dass die Mythengeschichte bis heute wirksam sei. Dies zeige sich u.a. darin, dass die feministische Mädchenarbeit immer noch mit der "Aura der Deklaration männlicher Feindbilder" (S. 299) antrete. Dies führe dazu, dass sich Mädchenarbeit im Zeitalter des Gender Mainstreaming weiter isoliere und an den Rand der Jugendhilfe dränge. Auch diese Behauptung greift m.E. zu kurz und wird auch nicht empirisch untersetzt: Zum ersten kann diese Behauptung sich nicht durchgängig auf Mädchenarbeit beziehen, denn diese hat bekanntermaßen nach wie vor viele verschiedene Richtungen und Ansätze. Offen müssen auch der Stellenwert und die Bedeutung von feministischen Ansätzen innerhalb der Mädchenarbeit bleiben. Zum zweiten übersieht diese Behauptung, dass Mädchenarbeit der neuen Bundesländer durchaus andere Entstehungs- und Entwicklungskontexte hat, die nicht unmittelbar mit der westdeutschen Geschichte vergleichbar sind. Zwar wurden viele Ansätze zunächst übernommen, relativ schnell mussten jedoch eigene Rahmenbedingungen berücksichtigt werden. So waren es v.a. Mädchenarbeiterinnen im Osten, die im Rahmen von koedukativen Angeboten Mädchenarbeit entwickelten und Jungen durchaus mit im Blick hatten (vgl. dazu Bütow 1994). Und drittens befindet sich Mädchenarbeit aufgrund von gesellschaftlichen Geschlechterverhältnissen immer noch in einer eher randständigen Position, ob nun mit oder ohne "Heldinnengeschichte". Und schließlich viertens muss die Frage offen bleiben, ob und inwiefern mädchenspezifische, feministische Ansätze in der Gegenwart, im Zeitalter des Gender Mainstreaming nach wie vor noch eine bestimmte Legitimität haben (sollten).

Fazit

Welches Fazit ist aus den Analysen von Claudia Wallner zu ziehen? Sie liefert mit dem Buch einen sehr komplexen, vielschichtigen Einblick in die Entstehungs- und Entwicklungskontexte der feministischen Mädchenarbeit in der alten Bundesrepublik. Die Ebenen von Theorie, Praxis, Politik und sozialen Bewegungen werden dabei in einer beeindruckenden Vielfalt und Akribie dargestellt und zu einem Gesamtkontext zusammengeführt. Damit gebührt Claudia Wallner der Verdienst, als Erste den Versuch einer umfassenden, kritischen Geschichtsschreibung der feministischen Mädchenarbeit in der alten Bundesrepublik unternommen zu haben. Des weiteren ist hervorzuheben, dass die Autorin versucht, Hindernisse der Entwicklung und Umsetzung von Gender Mainstreaming in der Jugendhilfe historisch zu rekonstruieren, indem sie den "Mythos der Selbstschöpfung" der feministischen Mädchenarbeit identifiziert und diesen anhand von mehr oder weniger expliziten Distanzierungen oder Ausblendungen gegenüber anderen Entwicklungen belegt. Diese Belege bleiben oft Behauptungen, da lediglich vorliegende Texte miteinander verglichen und in Beziehung gebracht wurden. Unklar bleibt die theoretische Rahmung, auf die sich die Autorin bei ihrem Vergleich stützt.

Dieses Buch ist ein reicher Fundus für alle Praktikerinnen und Wissenschaftlerinnen der Mädchenarbeit und der Jugendhilfe. Es erhellt den Blick für Entwicklungen, die nicht einmal 30, 40 Jahre zurück liegen. Ob damit ein Beitrag zur Weiterentwicklung und kritischen Debatte von Mädchen- und Jungenarbeit im Zeitalter des Gender Mainstreaming geleistet werden kann, muss offen bleiben. Auf jeden Fall zeigt das Buch einen sehr selbstkritischen, historischen Blick. Es ist implizit ein Appell an die Vielfalt der Gewordenheit.

Literatur

Bütow, Birgit (1994): Überlegungen zur sozialpädagogischen Mädchen- und Frauenarbeit in Ostdeutschland. In: Frauenforschung Ost. Sonderheft der Berliner Debatte Initial 4, S. 15-28

Maurer, Susanne (1996): Zwischen Zuschreibung und Selbstgestaltung. Feministische Identitätspolitiken im Kräftefeld von Kritik, Norm und Utopie. Edition Diskord


Rezensentin
Univ.-Prof. Dr. Birgit Bütow
Tätigkeitsfelder: Soziale Arbeit mit Frauen und Mädchen; Kinder- und Jugendhilfe; Theorien und Geschichte der Sozialen Arbeit


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Zitiervorschlag
Birgit Bütow. Rezension vom 03.06.2008 zu: Claudia Wallner: Feministische Mädchenarbeit. Vom Mythos der Selbstschöpfung und seinen Folgen. Klemm & Oelschläger (Münster) 2006. ISBN 978-3-932577-70-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4098.php, Datum des Zugriffs 19.01.2019.


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