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Angelika Blickhäuser, Henning von Bargen: Mehr Qualität durch Gender-Kompetenz

Cover Angelika Blickhäuser, Henning von Bargen: Mehr Qualität durch Gender-Kompetenz. Ein Wegweiser für Training und Beratung im Gender-Mainstreaming. Ulrike Helmer Verlag (Sulzbach/Taunus) 2006. 222 Seiten. ISBN 978-3-89741-199-9. 15,00 EUR, CH: 27,30 sFr.

Herausgegeben von der Heinrich-Böll-Stiftung.
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Hintergrund

Die Autorin und der Autor führen seit 1998 Gender-Trainings in der Heinrich-Böll-Stiftung durch. Die Böll-Stiftung verpflichtet sich grundsätzlich seit 1997 und mit ihrer Satzung seit März 1998 dazu, die Geschlechterdemokratie als Leitbild einzuführen. Im § 2 Abs.1 der Satzung heißt es dazu: "1. Ein besonderes Anliegen ist ihr die Verwirklichung von Geschlechterdemokratie als ein von Abhängigkeit und Dominanz freies Verhältnis der Geschlechter. Diese Gemeinschaftsaufgabe ist sowohl für die interne Zusammenarbeit als auch für die öffentliche Tätigkeit aller Bereiche ein maßgebliches Leitbild." Seit 2002 führt die Böll-Stiftung und in ihren Auftrag die o. g. AutorInnen die Weiterbildungsreihe "Gender-Kompetenz durch Gender-Training und Gender-Beratung" für AkteurInnen aus Politik, Wirtschaft, Medien, Bildung und Gesellschaft durch, für die eigens ein Methoden- und Materialienhandbuch entwickelt und fortgeschrieben wurde. Dieses Handbuch bildet die Grundlage für das vorliegende Buch, das damit Ergebnisse aus der Gender-Kompetenz-Qualifizierungsarbeit der Böll-Stiftung präsentiert.

Einführung und Überblick

Das Buch basiert auf Erfahrungen in der Weiterbildungsarbeit und versteht sich selbst als einen Wegweiser für das Training und die Beratung zum Thema Gender Mainstreaming. Ausdrücklich weisen die AutorInnen in der Einleitung darauf hin, dass es sich nicht um eine theoretisch-wissenschaftliche Publikation zum Gender Mainstreaming handelt, sondern um eine Praxishilfe, die Erfahrungen aus der Praxis für die Praxis aufarbeiten will. Das Buch ist in drei Teile unterteilt.

1 Qualität durch Gender-Kompetenz

Der erste Teil mit dem Titel "Qualität durch Gender-Kompetenz" ist wiederum in drei Abschnitte unterteilt. Zunächst gibt es eine allgemeine Einführung ins Thema:

  1. Die Begriffe Gender-Kompetenz und Gender Mainstreaming werden gefüllt. Die AutorInnen definieren, was Gender-Kompetenz ist, welches Wissen und welche Kompetenzen dazu erforderlich sind und welche Bereiche einbezogen werden müssen; Stichworte hierbei sind Fachkompetenz, Methodenkompetenz und Sozialkompetenz. Anschließend wird die Strategie des Gender Mainstreaming, ihre Geschichte, Prinzipien und Wirkungen kurz im Überblick dargestellt und vom Diversity-Ansatz abgegrenzt. Den Abschnitt schließt ein Überblick über die gängigen Instrumente zur Umsetzung von Gender Mainstreaming ab. Vorgestellt werden in - teilweise tabellarischen - kurzen Überblicken die 3-R-Analyse-Methode, die Gender-Archäologie nach Goertz, die 6-Schritte-Methode nach Tondorf, das Gender Impact-Assessment und die Gender-Budgetanalyse.
  2. Im zweiten Abschnitt des ersten Teils stellen Blickhäuser und von Bargen ihren Gender-Beratungsansatz vor. Dabei unterschieden sie zwischen der Gender Mainstreaming-(Implementierungs-)Beratung, die auf die Umsetzung eines GM-Verfahrens in einer Organisation gerichtet ist und der genderorientierten Projekt- und Fachberatung, die zielgruppenspezifisch Genderkompetenz vermitteln soll. Entsprechend der Strategie des GM beziehen die AutorInnen sowohl die Organisations- als auch die Personal- und die Fachebene in ihren Beratungsansatz als Entwicklungsebenen ein. Es folgen diverse Tabellen mit Eckpunkten und Beispielen zur Implementierung und die relativ kurze Vorstellung von vier Implementierungsbeispielen in einer Gewerkschaft, einer Stiftung, einer Krankenkasse und einem Wohlfahrtsverband.
  3. Der letzte Abschnitt des ersten Teils stellt den Gender-Trainingsansatz der Heinrich-Böll-Stiftung vor. Gender-Trainings werden dabei definiert als Fortbildungsveranstaltungen zum Erlernen verschiedener geschlechterpolitischer Strategien und Instrumente. Kurz erläutert werden die drei Bausteine eines Gender-Trainings: Sensibilisierung, fachliche Einführung und Handlungsorientierung, um anschließend das Kapitel mit einer Fülle von Beispielen und Ergebnissen aus Gender-Trainings abzuschließen.

2 Übungen und Methoden

Im zweiten Teil des Buches werden Übungen und Methoden für die Trainings- und Beratungspraxis vorgestellt. Nach einem einheitlichen Raster werden Übungen zur Implementierung von Gender Mainstreaming auf der Organisations- und der Personalebene und zur fachlichen Umsetzung beschrieben und anschließend Gendersensibilisierungsübungen vorgestellt. Teilweise werden die Übungen um notwendiges Informationsmaterial ergänzt. Ziel dabei ist, dass NutzerInnen des Buches Anregungen erhalten oder die beschriebenen Übungen selbst einsetzen können. Der Übungs- und Methodenteil ist sehr umfassend und erstreckt sich auf über hundert Seiten.

3 Anforderungen an Gender-Training und -Beratung

Den Abschluss des Buches von Blickhäuserund von Bargen bildet der dritte Teil, in dem Anforderungen an Gender-Training und -Beratung formuliert werden, sowohl in Bezug auf die Trainings als auch auf die BeraterInnen und Coaches. Abgeschlossen wird der Teil durch ein Glossar zu allen genderrelevanten Begriffen. Der dritte Teil versteht sich als Zusammenfassung des Buches und ist entsprechend prägnant.

Zielgruppen

Das Buch soll Anregungen für die Praxis liefern und für den Arbeitsalltag nützlich sein. Es richtet sich damit an alle, die an Implementierungsprozessen von Gender Mainstreaming beteiligt sind. Empfehlenswert erscheint es in erster Linie für Menschen, die konkret an der Umsetzung von GM beteiligt sind bzw. die solche Implementierungskonzepte entwickeln (sollen), weil sie eine Fülle von Instrumenten und Methoden vorgestellt bekommen und einleitend auf ein umfassendes Implementierungsverständnis eingeschworen werden. Für PraktikerInnen, die in einem top-down-Prozess früher oder später involviert werden, kann das Buch einen guten und schnellen Überblick über GM und seine Instrumente liefern und die Möglichkeit, Gender-Trainings fach/-politisch zu verstehen und einordnen zu können.

Kommentar

Das Buch bietet einen konzentrierten Überblick über verschiedene Ansätze, in der Praxis Gender Mainstreaming umzusetzen, zu implementieren oder Gender-Kompetenz zu vermitteln. Geeignet erscheint es mir für diejenigen, die sich in der Gender Debatte und mit der Strategie des Gender Mainstreaming bereits gut auskennen und auf der Suche sind nach praktischen Anleitungen zur Umsetzung von Gender(-sensibilisierungs-)fortbildungen. Damit ist es in erster Linie für Fachkräfte geeignet, die selbst Trainings und Fortbildungen anbieten wollen.

Da Blickhäuser und von Bargen ihr Buch als Wegweiser für Trainings und Beratungen zum Gender Mainstreaming verstehen, entsprechen Aufbau und Inhalte diesem Ziel.

Umfassende Kenntnisse über GM voraussetzend, reichen die einleitenden Einführungen aus - hilfreich ist auch die wenn auch knappe Abgrenzung zu Diversity-Ansätzen, weil diese in der Praxis oftmals als Alternative zu GM gehandelt werden. Hier liefert das Buch wichtige Hinweise.

Das Instrumentenkapitel allerdings ist wenig hilfreich, weil die unterschiedlichen Instrumente lediglich kommentarlos hintereinander gefügt sind. So bleibt unklar, wann welches Instrument gut oder besser anzuwenden wäre als ein anderes, und die Präsentation der einzelnen Instrumente ist nicht umfassend genug, um sich selbst ein fachlich fundiertes Urteil bilden zu können. Die Implementierungsbeispiele sind interessant, weil sie zeigen, auf welch verschiedene Art und Weise ein GM-Prozess in Gang gesetzt werden kann.

Interessant ist auch die detaillierte Abgrenzung von Beratung und Training, die mit großer Klarheit hergestellt wird. Deutlich wird dadurch, dass GM als ein umfassender Organisationsentwicklungsprozess verstanden werden muss, in dem Trainings nur einen Baustein darstellen und Sensibilisierung nicht das Ziel sondern ein Weg ist.

Den größten Teil des Buches nimmt der Übungen- und Methodenteil ein. Ähnlich wie bei den Instrumenten gilt hier, dass es sehr schade ist, die Vielzahl der vorgestellten Übungen und Methoden nicht zu kommentieren. Wünschenswert wäre gewesen, wenn gerade aus der umfassenden Praxiserfahrung heraus die AutorInnen beschrieben hätten, welche Übungen und Methoden zu welcher Gelegenheit, mit welchen Personengruppen und in welchen Verfahren gut funktionieren, worauf ModeratorInnen achten sollten und wie die Übungen in der Praxis angekommen sind. So verbleibt der Methodenteil in einem Aufzählungscharakter, der keine Auskunft darüber gibt, welche Erfahrungen mit der Anwendung gemacht wurden. Damit erhalten die Übungen eine gewisse Beliebigkeit, die lediglich durch die unterschiedlichen Themenschwerpunkte durchbrochen wird.

Die abschließende Zusammenfassung hingegen ist gerade ob ihrer Strukturiertheit und Prägnanz hilfreich, um die wesentlichen Eckpunkte zu erfassen, auf die es in Gender-Trainings und -Beratungen ankommt. Sehr hilfreich ist auch das abschießende Glossar, das Begriffe voneinander abgrenzt und damit schärft, wenngleich die Abgrenzung von Gender Mainstreaming und Geschlechterdemokratie undeutlich bleibt.

Fazit

Ich würde das Buch von Angelika Blickhäuser und Henning von Bargen eher als Werkstattbuch zu Aspekten der Umsetzung von Gender Mainstreaming denn als Wegweiser bezeichnen. Die Idee, den Ansatz der Heinrich-Böll-Stiftung darzustellen und zu veröffentlichen (angefüttert mit einigen externen Beispielen und Instrumenten)  ist gut, zumal für diejenigen, die dort Beratung oder Trainings einkaufen wollen, auch und gerade weil Konzepte in diesem Bereich normalerweise kaum öffentlich zugänglich sind.

Für Menschen, die anfangen, sich mit GM zu beschäftigen, ist das Buch nicht geeignet, weil es zu wenige Erläuterungen zu den Grundlagen, Instrumenten und Methoden bietet.

Der Leser und die Leserin erhalten einen Einblick in die Arbeit der Stiftung in diesem Bereich und bekommen eine Fülle von Methoden etc. präsentiert, die allerdings nicht so aufgearbeitet sind, dass sie ohne Weiteres umgesetzt werden könnten, und viele Übungen und Methoden sind denjenigen, die in der Fortbildung tätig sind, sicherlich geläufig. Insofern wird nicht richtig deutlich, welchen Gewinn das Buch für diejenigen liefert, die sowieso bereits ExpertInnen im Gender Mainstreaming sind. Die Zielgruppe des Buches bleibt undeutlich, aber gerade zur Beratung und zum Training im Gender Mainstreaming werden wertvolle Standards beschrieben.


Rezensentin
Dr. phil. Claudia Wallner
Philosophin, Diplom-Pädagogin; freiberufliche Referentin, Autorin und Praxisforscherin und -beraterin. Arbeitsschwerpunkte: Mädchenarbeit, -politik, Genderfragen in der Kinder- und Jugendhilfe, Gender Mainstreaming, aktuelle Entwicklungen in der Kinder- und Jugendhilfe, Geschichte der Mädchenarbeit
Homepage www.claudia-wallner.de
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Zitiervorschlag
Claudia Wallner. Rezension vom 06.01.2007 zu: Angelika Blickhäuser, Henning von Bargen: Mehr Qualität durch Gender-Kompetenz. Ein Wegweiser für Training und Beratung im Gender-Mainstreaming. Ulrike Helmer Verlag (Sulzbach/Taunus) 2006. ISBN 978-3-89741-199-9. Herausgegeben von der Heinrich-Böll-Stiftung. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4099.php, Datum des Zugriffs 10.12.2018.


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