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Joachim König, Christian Oerthel u.a. (Hrsg.): Qualitätsmanagement und Informationstechnologien [...]

Joachim König, Christian Oerthel, Hans-Joachim Puch (Hrsg.): Qualitätsmanagement und Informationstechnologien im Sozialmarkt. R.S.Schulz Verlag (Starnberg) 2000. 255 Seiten. ISBN 978-3-7962-0559-0. 14,80 EUR.
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Von der Sozialen Arbeit zur sozialen Dienstleistung?

Die in der Sozialen Arbeit vermehrt geführte Qualitätsdiskussion erhält bisher ihre Dynamik weniger aus einem fachlichen, als einem wirtschaftlichen Antrieb. Begrenzte öffentliche Mittel verschärfen den Wettbewerb, in dem neben öffentlichen und frei-gemeinnützigen vermehrt privatwirtschaftliche Anbieter auftreten. Gleichzeitig wird die Selbstkostenfinanzierung durch Leistungsentgelte in weiten Bereichen der Sozialen Arbeit abgelöst. Der Übergang von der öffentlich finanzierten Fürsorge zur sozialen Dienstleistung mit standardisierten Leistungsmodulen erfordert neben Preis- auch Leistungs- und Qualitätsvereinbarungen. Daran sind - mit jeweils unterschiedlichen Zielsetzungen - Leistungsanbieter, oligopolistische institutionelle Nachfrager und (teil-)souveräne Konsumenten interessiert. Bei den Anbietern der Wohlfahrtspflege entstehen dabei häufig Zielkonflikte: Einerseits möchten sie in einer sozialanwaltlichen Rolle ein hohes Versorgungsniveau gesichert wissen, andererseits möchten sie innerhalb ausgehandelter Budgets nur zu Leistungen verpflichtet werden, die sie kostendeckend erbringen können. Vor diesem Hintergrund dominiert die von den Herausgebern beschriebene "Position der Wirtschaftlichkeit": Effizienz als günstiges Input-Output-Verhältnis und Bedarfs- statt Bedürfnisperspektive sind die Maximen.

Selbstverständlich findet auch aus fachlicher Motivation schon lange eine Qualitätsdiskussion statt. Die mit der Supervision in psychotherapeutischen Berufen vergleichbaren Ansätze zur Qualitätssicherung in der Sozialen Arbeit, Evaluation, Selbstevaluation und Intervision, haben eine längere Tradition. (Siehe Beitrag von König mit einer kurzen, praxisnahen Einführung.) Die Beschäftigung mit ihnen verläuft jedoch wesentlich unspektakulärer, als die Diskussion über wirtschaftlich geprägte Begriffe wie Neue Steuerung, Controlling und Zertifizierung. Die Herausgeber beschreiben die "traditionelle Position der Fachlichkeit" mit der Maxime Bedürfnis- statt Bedarsorientierung. Die Messbarkeit der im Mittelpunkt des Interesses Sozialer Arbeit stehenden Mitarbeiter-Klienten-Beziehung wird bei ihr negiert.

Die Widersprüchlichkeit der Ansätze ist unverkennbar. Sie wird durch die oft unterschiedliche professionelle Sozialisation der jeweiligen Vertreter verschärft: SozialarbeiterInnen/-pädagogInnen auf der einen und BetriebswirtInnen/Kaufleute auf der anderen Seite. Dabei ist offensichtlich, dass Soziale Arbeit in einem ökonomischen Umfeld mit begrenzten Mitteln stattfindet. Auch wenn ethische Aspekte in den Vordergrund gestellt werden, lässt sich das Problem einer optimale Allokation von begrenzten Mitteln - Steuergeldern wie freien (Spenden-)Mitteln der Wohlfahrtspflege - nicht leugnen. Jeder einzelne Mitarbeiter muss seine begrenzte Arbeitszeit auf nachfragende Klienten verteilen, entsprechend findet auf übergeordneter Ebene eine Stellenzuweisung statt. Die Forderung nach Beurteilungskriterien und Transparenz steht nicht im Gegensatz zu einer hohen Wertschätzung gegenüber der Mitarbeiter-Klienten-Beziehung. Ethische Prinzipien können einen effektiven, nachvollziehbar begründeten Ressourceneinsatz geradezu fordern.

Auf der anderen Seite sollte für die Verfechter der Wirtschaftlichkeit erkennbar sein, dass Qualität nicht "objektiv" gemessen werden kann. Qualität ist ein gedankliches Konstrukt, dass erst durch die Auswahl der Indikatoren definiert wird. Insoweit bedarf die Entwicklung von Messverfahren fachliche Kompetenz und die transparente Einbringung von Wertvorstellungen.

Die Herausgeber sehen das Ziel der von ihnen mit diesem Sammelband initiierten Debatte in einer "integrierten Fachlichkeit", die ökonomische und fachliche Überlegungen in das Handeln sozialer Organisationen einbezieht. Beide Perspektiven haben sich einer Wertorientierung unterzuordnen.

Vorträge und Workshops der ConSozial 1999

Fairer Weise hätte der Band den Untertitel "Vorträge und Workshops der ConSozial 1999" tragen müssen. Erst durch ein Geleitwort erfährt der Leser, woher die Beiträge stammen. Nur so ist zu erklären, dass, für die meisten Leser ohne Nutzen, die Ergebnisse einer Aussteller- und Besucherbefragung dieser Messe den Band abschließen. Nur durch die Messe als Lieferant der Beiträge sind wohl auch die wenigen Beiträge zu erklären, die sich auf Informationstechnologie beziehen und kaum Bezug zu der ansonsten perspektivreich geführten Qualitätsdebatte aufweisen. Der Beitrag von Hanisch "Der Sozialmarkt - ein Entwicklungsland für Informationstechnologie" stellt die Entwicklung von Internet und e-commerce einseitig als win-win-Situation für alle Beteiligten des Sozialmarktes dar. Deutlich werden die massiven öffentlichen Investitionen in überwiegend geschlossene Netze des Gesundheitswesens, dem am stärksten ökonomisierten Bereich der Sozialwirtschaft. Links und Literaturangaben fehlen. Der Beitrag von Kreidenweis "Das Internet - ein neues Instrument für Marketing und Öffentlichkeitsarbeit in Einrichtungen und Verbänden" bietet zwar inhaltlich zutreffende Hinweise zur Entwicklung einer Internetpräsenz, hat aber noch weniger Bezug zur Qualitätsdiskussion und dem Sozialmarkt.

Sowohl Keupp ("Die Suche nach Qualität Sozialer Arbeit ...") als auch Puch ("Soziale Arbeit im Aufbruch...") liefern eine kritische Analyse des Qualitätsbegriffs, sowie seiner subjektiven und politischen Dimensionen. In diesen und weiteren Beiträgen wird sowohl die Forderung nach Fremd- und Selbstevaluation/-controlling, als auch nach einer ethisch reflektierten Diskussion von Zielkonflikten herausgestellt. Zielkonflikte sind alleine deshalb vorprogrammiert, da sich die soziale Nonprofit-Organisation typischerweise nicht einem Kunden, sondern vielen Anspruchsgruppen gegenüber sieht: z.B. Klient, Kostenträger, Helfernetzwerk, Politik, Mitgliedern. Die Berücksichtigung dieser vielfältigen Interessen im Qualitätsmanagement kommt z.B. bei Lachhammer ("Qualitätscontrolling als Steuerungsinstrument eines Nonprofit-Unternehmens") und Schilp/Springfeld/Waldmann ("Aufbau und Weiterentwicklung von QM-Systemen ...") zum Ausdruck.

Viele Vorbehalte gegenüber betriebswirtschaftlichen Perspektiven haben die Vertreter dieser Profession selbst verschuldet. Die einfachen Überlegungen der Betriebswirtschaft werden hinter Worthülsen und Modebegriffen versteckt: Cockpit Controlling, Balanced Scorecard, Management-Informationssystem mögen als Beispiel dienen. Auch fehlt oft das Bemühen, die Konzepte an die Sozialwirtschaft anzupassen, wie dies bei anderen Branchen, z.B. als Bankbetriebslehre, selbstverständlich ist. Ein (un)schönes Beispiel ist der Beitrag von Halfar ("Steuerung in der Sozialarbeit durch quantitatives und qualitatives Controlling"). Die zu Anfang seines Beitrags genannte Portfolioanalyse mit den Dimensionen Marktwachstum und Marktanteil ist von der Boston Consulting Group unter der hier obsoleten Prämisse der Gewinnmaximierung entwickelt worden. Andere Autoren, z.B. Tiebel und Horak, haben das Instrument längst kritisch hinterfragt und Vorschläge zur Anpassung an soziale Träger gemacht. Deutlich praxisnäher und branchenspezifischer wird da Hegner mit "Qualität und Produktivität im Sozial- und Gesundheitsbereich...".

Kurze Beiträge gehen theoretisch wie praktisch auf die Umsetzung von Qualitätsmanagement in den Arbeitsfeldern Kindertageseinrichtungen, Jugendhilfe, berufliche Rehabilitation und Altenhilfe ein.

Eine Sonderstellung nimmt "Wissensmanagement in Organisationen ..." von Mandl/Reinmann-Rothmeier ein. Auch wenn der Beitrag keinen spezifischen Bezug zu NPO hat, ist die komprimierte Einführung in das aktuelle Thema lesenswert. Neben die wissenschaftliche Darstellung tritt auch eine Checkliste mit Fragen unter der Überschrift "Wie steht es bei Ihnen mit dem Wissensmanagement?" Wissensmanagement und Lernende Organisation sind gleichsam die Basis für ein funktionierendes Qualitätsmanagement. Was nützen die schönsten Qualitätshandbücher und Controllingberichte, wenn sie nicht akzeptierter Teil der Organisation werden?

Fazit

Von dem "Ballast" eines Tagungsbandes abgesehen liefert das preiswerte und sorgfältig gestaltete Buch einen anregenden Überblick über die Qualitätsdiskussion in der sozialen Arbeit. Sowohl Lesern mit eher fachlicher wie wirtschaftlicher Perspektive kann der Band als Einstieg in das Thema empfohlen werden. Eine umfassende, systematische Darstellung kann von einem Tagungsband, ohne Register oder gemeinsames Literaturverzeichnis, nicht erwartet werden. Der aktuelle Stand der Diskussion wird jedenfalls aus theoretischer wie praktischer Sicht differenziert und gut lesbar wiedergegeben.


Rezensent
Dipl.-Kfm. Christian Koch
Geschäftsführer der socialnet GmbH und selbständiger Unternehmensberater für Nonprofit-Organisationen
Homepage www.npoconsult.de
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Zitiervorschlag
Christian Koch. Rezension vom 01.09.2001 zu: Joachim König, Christian Oerthel, Hans-Joachim Puch (Hrsg.): Qualitätsmanagement und Informationstechnologien im Sozialmarkt. R.S.Schulz Verlag (Starnberg) 2000. ISBN 978-3-7962-0559-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/41.php, Datum des Zugriffs 21.09.2017.


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