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Anke Beyer, Arnold Lohaus: Stressbewältigung im Jugendalter. Ein Trainingsprogramm

Cover Anke Beyer, Arnold Lohaus: Stressbewältigung im Jugendalter. Ein Trainingsprogramm. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2006. 220 Seiten. ISBN 978-3-8017-2031-5. 29,95 EUR, CH: 48,90 sFr.

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Einführung in das Thema

Beyer und Lohaus haben ein Trainingsprogramm zur Stressbewältigung entwickelt, welches die Problemlösungskompetenzen von Jugendlichen verbessern soll. Sie möchten Jugendliche zur Selbsthilfe im Umgang mit Stressoren befähigen.

Leider existieren immer noch Auffassungen, dass psychische und somatische Beschwerden von Jugendlichen eher pubertätsbedingt und damit vorübergehend sind.  Die Entwicklung von Jugendlichen verlaufe oft krisenhaft. Aufgrund zugrundeliegender biopsychologischer Faktoren ließen sich durch psychosoziale oder pädagogische Interventionen kaum Besserungen erreichen. Anders dagegen der Ansatz von Beyer und Lohaus, die von den Erkenntnissen der modernen Entwicklungspsychologie der Adoleszenz ausgehen, insbesondere dem Konzept der Entwicklungsaufgaben und der kritischen Lebensereignisse sowie dem transaktionalen Stressmodell von Lazarus.

Diese Ansätze fokussieren auf die Bewältigung von Belastungen oder Anforderungen. Es werden nicht a priori irgendwelche katastrophenartigen Entwicklungen unterstellt, sondern es hängt von den Kompetenzen der Jugendlichen ab, wie sie mit Aufgaben und Anforderungen im Alltag umgehen.

Aus gesundheitspsychologischer Sicht gilt das Jugendalter zudem als eine Phase, in der Prävention besonders sinnvoll ist. Lernt man schon in diesem Alter mit schwierigen Situationen und außergewöhnlichen Anforderungen überlegt und aktiv umzugehen, dann hat dies  positive Konsequenzen für das Selbstkonzept und die Handlungsfähigkeiten. Möglicherweise kann so selbstschädigendem Verhalten - wie Nikotin- und Drogenabusus - entgegengewirkt werden.

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Trainingsmanual basiert auf umfangreichen Arbeiten der Forschungsgruppe um Prof. Arnold Lohaus: Studien über das Stresserleben von Jugendlichen, Konstruktion von Fragebögen zur Stresserfassung im Kindes- und Jugendalter, insbesondere aber auf den Erfahrungen mit dem Stressbewältigungsprogramm für Kinder.

Aufbau und Inhalt

In Kapitel 1 werden die Grundlagen des Stressbewältigungsprogramms kurz dargestellt. Nach dem transaktionalen Stressmodell von Lazarus lassen sich grob zwei Arten der Bewältigung unterscheiden:

  1. Das emotionsfokussierte Coping, das eher auf eine Regulation von belastenden Emotionen zielt, um sie einigermaßen erträglich für Betroffene zu machen (auch palliatives Coping genannt).
  2. Das problemfokussierte Coping, welches auf eine aktive Veränderung der Stressoren ausgerichtet ist.

Da palliatives Coping auch vermeidende Strategien enthalten kann, möchten die Autoren mit ihrem Programm eher zur Verbesserung der Problemlösekompetenzen beitragen, so dass ein aktiver und produktiver Umgang mit Stress möglich wird.

In Kapitel 2 referieren Beyer und Lohaus Ergebnisse einer Untersuchung mit Schülerinnen und Schülern der Klassen 5 bis 12 aus Nordrhein-Westfalen. Diese Studie verdeutlicht einen Bedarf an Stressprävention, da fast jeder dritte Schüler Anspannung, Unruhe und Belastung artikuliert sowie über somatische Symptome, z.B. Bauchschmerzen, Herzklopfen, klagt .

In Kapitel 3 wird das Trainingskonzept erläutert, welches in modularisierter Form aufgebaut ist. Es kann im Schulkontext oder in der Freizeit durchgeführt werden. Das Basismodul soll die Kompetenz zum Problemlösen vermitteln, beispielsweise indem fünf Schritte zur Problemdefinition,  Lösungssuche, Entscheidungsfindung sowie Erprobung und Bewertung der ausgewählten Lösung erarbeitet werden. Als Modell fungiert die Stressschlange "SNAKE" (Akronym aus: Stress Nicht Als Katastrophe Erleben), die dem Programm auch den Namen gab. Das Kernmodul kann wahlweise um folgende Module erweitert werden:

  1. Kognitive Strategien,
  2. soziale Unterstützung und/oder
  3. Entspannung und Zeitmanagement.

Üblicherweise wird das Training in acht Doppelstunden durchgeführt, wobei 4 Sitzungen für das Basismodul beansprucht werden und 4 Sitzungen für ein weiteres Modul. Kombiniert man zum Basismodul zwei oder drei weitere Module, dann ergeben sich 12  respektive 16 Sitzungen.

Im 4. Kapitel werden die einzelnen Trainingssitzungen so detailliert beschrieben, dass für Psychologen oder Pädagogen mit Erfahrungen in kognitiv-behavioralen Methoden eine praktische Umsetzung zügig erreichbar wird.

In Kapitel 5 wird die Evaluation des Programms beschrieben. Eine eigens durchgeführte Studie, die 18 Trainingsklassen und 14 Kontrollklassen einschließt, kam u.a. zu folgenden Ergebnissen: Die Teilnehmer hatten sich nicht nur Wissen über Stress und die Bewältigung angeeignet, sondern zeigten auch Veränderungen hinsichtlich der Bewertung von Anforderungen. Mädchen scheinen eher vom Programm profitiert zu haben als Jungen. Zwischen den verschiedenen Schultypen wurden keine systematischen Unterschiede hinsichtlich der Wirkung des Programms beobachtet. Interessant ist das Ergebnis, dass die Kombination des Basismoduls mit den Modulen "Kognitive Strategien" oder "Soziale Unterstützung" zu besseren Ergebnissen führt als die Kombination mit  dem Modul "Entspannung".

Das Trainingsmanual enthält zwei umfangreiche Anhänge mit Trainer- und Teilnehmermaterial.

Anwendung

Das Stressbewältigungsprogramm kann in allen Schultypen für Schüler der 8. und 9. Klasse eingesetzt werden, d.h. für Jugendliche von 13 bis 15 Jahren. Bisher wurden die Trainings hauptsächlich von Diplom-Psychologen durchgeführt.

Fazit

Beyer und Lohaus Programm  "Stressbewältigung im Jugendalter" ist  ein empirisch evaluiertes Programm zur Gesundheitsförderung für Jugendliche. Studien zeigen, dass Prävention besonders im Kindes- und Jugendalter wirksam ist, da in dieser Phase des Lebens grundlegende Gesundheits- oder aber Risikoverhaltensweisen ausgebildet werden. Diesem vorbildlichen Programm ist eine weite Verbreitung zu wünschen.


Rezension von
Prof. Dr. Hans-Peter Michels
Dipl.-Psychol.


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Zitiervorschlag
Hans-Peter Michels. Rezension vom 03.04.2007 zu: Anke Beyer, Arnold Lohaus: Stressbewältigung im Jugendalter. Ein Trainingsprogramm. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2006. ISBN 978-3-8017-2031-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4104.php, Datum des Zugriffs 07.12.2021.


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