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Shell Deutschland Holding (Hrsg.): Jugend 2006. 15. Shell Jugendstudie

Cover Shell Deutschland Holding (Hrsg.): Jugend 2006. 15. Shell Jugendstudie. Fischer Taschenbuch Verlag (Frankfurt) 2006. 464 Seiten. ISBN 978-3-596-17213-9. 14,95 EUR, CH: 26,90 sFr.
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Einführung

Seit 1953 erscheinen in einem etwa vierjährigen Abstand Jugendstudien, die von der Deutschen SHELL in Auftrag gegeben werden und das Ziel verfolgen, ein umfassendes Bild der Jugend in der Gesellschaft und ihrer Zeit zu zeichnen. Auch die nun vorliegende 15. Jugendstudie, die - wie schon 2002 die 14. Studie - von einem gemeinsamen Team der Universität Bielefeld und TNS Infratest erarbeitet wurde, untersucht und beschreibt in umfassender Weise sowohl Jugendeinstellungen, -hoffnungen und -werte als auch Themen und Trends unter Jugendlichen, die für die Jugendhilfe und Jugendarbeit sowie für öffentliche Diskussionen um Jugend(politik) in Deutschland Orientierungen geben.

Kernthema der aktuellen Studie ist das Generationenverhältnis, dessen diskursive Herausforderungen von bedeutenden demografischen Verschiebungen zwischen den Generationen, den hieraus absehbaren gesellschaftspolitischen Folgen für die sozialen Systeme sowie für das Verhältnis von "jung und alt" - insbesondere aus Sicht der heute 12-25jährigen Jugendlichen - herrühren.

Die Studie umfasst zwei Teile und ein Schlusskapitel, in dem es um eine zusammenfassende Kommentierung der Probleme und Perspektiven der 2006 untersuchten Jugendgeneration geht.

1. Repräsentativbefragung von Jugendlichen im Alter von 12-25 Jahren

Im ersten Teil werden zunächst Ergebnisse aus einer Repräsentativbefragung von mehr als 2500 Jugendlichen im Alter von 12-25 Jahren, die einer Generation zugerechnet werden, vorgestellt. Da es sich weithin um die gleichen Fragen wie 2002 handelt, werden Aussagen zu Trends über die Lebenssituation, die Entwicklung von Problemlagen, Einstellungen und Wertorientierungen möglich. Dokumentiert werden dabei im Einzelnen Einschätzungen der befragten Jugendlichen zu ihren "Lebenswelten" Familie, Schule, Freizeit und Beruf sowie - neu aufgenommen - Informationen zum Gesundheitsverhalten junger Leute. Weitere Kapitel des Befragungsteils befassen sich mit Einstellungen der Jugendlichen zur Politik (einschließlich Globalisierungsaspekten und internationale Politik), zu ihrem gesellschaftlichen Engagement, mit dem Generationenverhältnis, mit unterschiedlichen Lebensauffassungen und Wertorientierungen sowie mit ihren Beziehungen zu Religion und Glauben. In Auswertung ihrer differenzierten Ergebnisse bezeichnen die Autoren die gegenwärtige Jugendgeneration 2006 als eine pragmatische Generation "unter Druck", was - im Sinne ihrer Trendbeobachtungen seit 2002 - als Ausdruck von teilweise negativen Entwicklungen im Bereich der Lebenslagen und daraus resultierender Perspektiven, wie etwa berufsbezogene Ängste, angesehen wird. Einige wichtige Ergebnisse:

  • So belegt die Jugendbefragung (erneut), dass Bildung bzw. schulische Abschlüsse als Schlüssel zum Erfolg in Beruf und Erwerbswelt maßgeblich sind. PISA - Ergebnisse finden ihre Bestätigung, wonach Bildungsaspirationen in Deutschland gleichsam sozial vererbt werden und für eine "Gruppe struktureller Bildungsverlierer" (S. 42) mit niedrigen bzw. keinen Abschlüssen deutlich schlechtere Zukunftsaussichten bestehen - eine Tatsache, die den Betreffenden durchaus bekannt ist und Ängste verursacht. Mädchen wiederum, so die Ergebnisse der Jugendstudie, befinden sich im Bereich der schulischen Bildung gegenüber Jungen dabei insgesamt "auf der Überholspur" und streben häufiger höherwertige Bildungsabschlüsse an.
  • Hinsichtlich der Lebenswelten Familie und Freizeit (Freunde) lassen die Befragten erkennen, dass sie angesichts unsicherer Aussichten im Ausbildungs- und Erwerbssektor zwar "unter Druck" stehen, schwierige Rahmenbedingungen aushalten müssen und gegenüber 2002 leicht an Optimismus verloren haben. Festzustellen ist aber, dass sie in den ihnen vertrauten Sozialisations- und Erziehungsmilieus sowie in der Rückbeziehung auf Freunde sozialen Rückhalt und emotionale Unterstützung erwarten und offenbar zumeist auch finden. Herausgestellt wird durch die Forscher zudem, dass der Stellenwert von Familie und Kindern insgesamt gewachsen ist und für junge Leute als maßgebliche Lebensform erachtet wird.
  • Mit Blick auf die Werteorientierungen der gegenwärtigen Jugendgeneration ist zu sehen, dass offenbar sog. traditionelle Werte hoch im Kurs stehen. Freundschaft, Partnerschaft, Familie und Kontakte nehmen einen hohen Stellenwert ein und stehen - durchaus nicht unversöhnlich - neben Wünschen einerseits nach Selbstentfaltung, Unabhängigkeit, Ausleben eigener Gefühle, Kreativität und Phantasie sowie andererseits dem Streben nach Selbstkontrolle, Sicherheit und Fleiß. Auch das gesellschaftliche, freiwillige Engagement der 12-25 Jährigen liegt, wie auch andere neuere Studien bestätigen, im Bereich von biografisch wichtigen Optionen.
  • Das Verhältnis der Jugendgeneration 2006 zu den öffentlichen Sinnanbietern Religion und Politik ist, wie aufgrund anderer Wertestudien (z.B. Deutsches Jugendinstitut) erwartbar, als eher ambivalent anzusehen. So bestätigt sich, dass sich ostdeutsche Jugendliche weithin als glaubens- und religionsfern einstufen und auch die Mehrzahl der westdeutschen Jugendlichen (über 70%) relevante Sinnorientierungen nicht aus dem Glauben an einen persönlichen Gott gewinnen. Junge Leute mit Migrationshintergrund bekennen sich hingegen zu 52% zu einem persönlichen Gott. Wie es in der Studie hierzu zusammenfassend heißt, gibt es aber trotz dieser Unterschiede viele Ähnlichkeiten unter den Jugendlichen, da ihr Wertesystem weit mehr durch Familie und Freundesbeziehungen reproduziert als durch religiöse Maßgaben (vgl. S. 239).
  • Hinsichtlich ihrer politischen Einstellungen finden und erläutern die Autoren der Jugendstudie sehr hohe Zustimmungswerte zu den Grundprinzipien der demokratischen Gesellschaft. Im Trend liegen aber weiterhin ein niedriges Politikinteresse und teilweise eine zunehmende Politikverdrossenheit, die sich insbesondere in den neuen Bundesländern aufgrund der erschwerten Lebensverhältnisse auch in einer anhaltenden Distanz zum politischen System darstellt. Und auch gegenüber der Europäisierung von Politik und der allgegenwärtigen Globalisierung - als einem Prozess des engeren Zusammenrückens in der Welt - zeigen die Jugendlichen nüchtern bis skeptische Auffassungen. Zum Thema Globalisierung heißt es, dass dieser Prozess für die Mehrheit der Jugendlichen noch wenig fassbar und konkret ist (vgl. S. 167).
  • Wie bereits angedeutet, fokussiert die 15.Jugendstudie erstmals das Generationenthema. Dabei wird in beiden Teilen der Studie genauer erkennbar, wie Jugendliche die Älteren wahrnehmen: entweder als Hochbetagte ("Aufbaugeneration"), die sich gleichsam in einen insgesamt verdienten Ruhestand verabschiedet haben, oder als sog. Junge Alte - d.h., die nach dem Weltkrieg Geborenen -, die ihnen oftmals noch in unterschiedlichen Rollen aktiv und präsent und von daher nicht eindeutig zuzuordnen sind. Angesichts des bekannten demografischen Wandels, der in absehbarer immer mehr Rentner und immer weniger Einzahler in die Rentenkassen erzeugt, scheint diese Jugendgeneration, deren Berufs- und Lebensplanung zum Teil noch weithin ungewiss ist, bei einem gegenwärtig im Kern respektvollen Generationenverhältnis aber Verteilungskämpfe und Verdrängungskonflikte künftig nicht unmöglich zu sein.

2. Lebensbilder bzw. Portraits von 20 Jugendlichen

Wie differenziert und zugleich weithin unbearbeitet zum Beispiel das Generationenthema noch ist, wird im zweiten, qualitativen Teil der Studie klar, in dem sowohl verschiedene Jugend-Gesichter dieser sog. "pragmatischen Generation unter Druck" als auch die Beziehungen von "jung und alt" zueinander näher porträtiert werden. Die Lebensbilder bzw. Portraits von 20 Jugendlichen, die ausgehend von leitfadengestützten Interviews sowie Netzwerk- und Werteschemata entwickelt und vorgestellt werden, sind es, die beispielhaft die Vielfalt der Verstrickungen veranschaulichen, in denen sich junge Leute in einer Gegenwart unterschiedlichster Lebenslagen, Traditionen und Optionen von Einstellungen, Werten und (Generations-) Beziehungen bewegen und orientieren (lernen). Diese 20 Portraits sind strukturiert unter Gesichtspunkten, die auch im repräsentativen Teil zur Orientierung verwendet wurden. Neben Arbeit und Karriere, soziale Netzwerke und Werte, politische Interessen, Engagement, geschlechtsspezifische Aspekte und die Zukunftswünsche der Portraitierten sowie um das (neue) Generationenthema.

Auch in dem Verhältnis von Jung und Alt bzw. Älter scheint  - ähnlich wie bei den anderen skizzierten Entwicklungen - gleichsam "alles möglich" zu sein: ein (Jugend-) Leben mit Großeltern, ohne Großeltern, mit wenigen oder ganz vielen Großeltern (dort wo es patchworkartige soziale Netzwerke gibt); sympathische und unsympathische Beziehungen zwischen "jung und alt"; nahe und distanzierte bzw. städtische und ländliche Lebenswelten, in denen sich die Generationen aufeinander beziehen; junge und ältere Familienangehörige, die voneinander lernen, in denen das Erfahrungswissen und die Werte der Älteren (wieder) "zählen"; traditionelle Rollen und Generationsbeziehungen zwischen "jung und alt" in Familien mit Migrationshintergrund; Jugendliche als pflegende Angehörige... usw.

Diskussion

Die SHELL - Jugendstudien gehören seit Jahrzehnten zu den wichtigen Referenzwerken in Jugendforschung, Jugendpolitik, Jugendarbeit und in der angewandten Lehre an Hochschulen. Sie vermessen gleichsam die Welt(en) von Jugendlichen, die einer Generation zugerechnet werden und die in ihnen präsenten gesellschaftlichen Kernthemen, an denen sie sich in einer durch Individualisierung und "engeres Zusammenrücken" (15. Jugendstudie) geprägten Welt abarbeiten müssen, um (Arbeits-) Plätze und soziale Anschlüsse zu finden. Dies schafft diese Jugendgeneration - also - bemerkenswert pragmatisch, und anders als manche frühere Generationen verfolgt sie dabei offenbar gegenwärtig keine "großen" politischen oder ökologischen Themen.

Aber es kommt zum Beispiel auch die Frage auf, ob es weitere Bereiche geben mag, die der künftigen Jugendforschung anzuempfehlen wäre. Erkenntnisförderlich könnte es beispielsweise für Jugendarbeit und Jugendbildung sein, genauer zu wissen, wie sich die Angehörigen dieser Generation in gesellschaftlichen Räumen verhalten, die den Blicken der (anderen) Generationen oft verschlossen sind: gemeint ist die wachsende Zahl virtueller Privat- und Nebenräume von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, in denen sie maskiert mit Zweit- und Drittidentitäten und inmitten von ICQ, blogs und "second life" gesellschaftliche Aneignungsprozesse durchlaufen und ihre Einstellungen und Wertorientierungen - gleichsam noch im Dunkelfeld der Jugendforschung - weiter ausbalancieren.

Fazit

Durch die gemeinsame Präsentation der 20 Jugendporträts und der "repräsentativen Daten" wird insgesamt ein sehr lesenswerter Zusammenhang zu den erfragten Generationsthemen ermöglicht und der Leser erfährt auf mehr als 500 Seiten sehr detailliert, was diese Jugendgeneration "denkt, wünscht, hofft, fürchtet" (DIE ZEIT / vgl. Buchcover). Insbesondere dem erstmals aufgeworfenen Mehrgenerationenverhältnis zwischen "jung und alt" ist dabei eine diskursive Verbreitung zu wünschen, die über Jugendprofis und -forscher zu den Älteren (z.B. in Seniorenfachorganisationen), in den Freiwilligensektor und in die - zur Zeit von vorschulpädagogischen Themen dominierte - Politik hinausreicht und zu mehr interdisziplinärer Reflexion anregen könnte.


Rezensent
Prof. Dr. Joachim Burmeister
Hochschule Neubrandenburg / Fachbereich Soziale Arbeit, Bildung und Erziehung. – Tätigkeitsfeld: Pädagogik/ Sozialpädagogik, Jugend-, Netzwerk- und Gemeinwesenarbeit


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Zitiervorschlag
Joachim Burmeister. Rezension vom 19.03.2007 zu: Shell Deutschland Holding (Hrsg.): Jugend 2006. 15. Shell Jugendstudie. Fischer Taschenbuch Verlag (Frankfurt) 2006. ISBN 978-3-596-17213-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4109.php, Datum des Zugriffs 11.12.2018.


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