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Fritz Jansen, Uta Streit: Positiv lernen

Rezensiert von Prof. Dr. Annemarie Jost, 24.11.2006

Cover Fritz Jansen, Uta Streit: Positiv lernen ISBN 978-3-540-21272-0

Fritz Jansen, Uta Streit: Positiv lernen. Springer (Berlin) 2006. 2. Auflage. 347 Seiten. ISBN 978-3-540-21272-0. 27,95 EUR.

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Zur Zielgruppe

Fritz Jansen und Uta Streit haben ein hochinteressantes Buch geschrieben, das psychotherapeutische, lerntheoretische, neurobiologische und pädagogische Erkenntnisse vernetzt und diese sowohl für Eltern als auch für akademische Fachkräfte aufbereitet. Die breite Zielgruppe erfordert natürlich Kompromisse, sowohl wissenschaftlich fundiert als auch für nicht akademisch vorgebildete Eltern verständlich zu schreiben. Als in der Thematik stehende Leserin hätte ich mir an einigen Stellen klarere Bezüge zur Literatur gewünscht und wäre auch mit einer Straffung gut zurecht gekommen, jedoch kann ich die Motivation, weniger im Thema stehende Leser nicht zu überfordern und die wichtigen Kerngedanken ausreichend zu wiederholen, gut nachvollziehen. Insgesamt zeichnet sich das Buch durchgängig durch eine kritisch hinterfragende Haltung aus, die pädagogische Mythen angeht und versucht, eigene Sichtweisen auch empirisch zu untermauern. Hier wird die Videointeraktionsanalyse immer wieder in ihren bisher noch häufig ungenutzten Potentialen hervorgehoben. Ich könnte mir gut vorstellen, dass dieses Buch von Vertretern unterschiedlicher pädagogischer Theorierichtungen sehr kontrovers diskutiert wird, stellt es doch manche Vorgehensweisen z.B. der Montessoripädagogik, aber auch den gängigen Lehrbetrieb in Schulen deutlich in Frage.

Zum Inhalt

Das Buch besteht aus 36 klar gegliederten Kapiteln, die ich hier nicht alle aufzählen möchte. Die Autoren analysieren, wie Kinder, Jugendliche und Erwachsene sich beim Lernen steuern und wie eine günstige oder ungünstige Eigensteuerung in der Wechselwirkung mit bedeutsamen Bezugspersonen entsteht. Hierbei stehen auch die den Beteiligten häufig unbewussten Aspekte der schnellen nonverbalen Interaktion im Fokus. Diese können besonders gut gemeinsam mit den beteiligten Personen in der Auswertung von Videoaufzeichnungen analysiert werden. Abgedruckte kurze Bildserien machen die Chancen der Videoanalyse auch für die Leser des Buches unmittelbar deutlich.  Eine zentrale Hypothese besteht darin, dass in der Interaktion besonders verbale und nonverbale Rückmeldungen im "Sekundenfenster" häufig unbewusst das Verhalten des anderen beeinflussen, während später gegebene ausführliche Erklärungen zwar auf der bewussten Ebene verarbeitet werden, aber bei nicht gleichsinnig gegebenem Feedback im Sekundenfenster häufig wirkungslos bleiben. So zeigen die Autoren zahlreiche Möglichkeiten auf, wie Eltern, Therapeuten oder Lehrer durch stimmige Feedbackprozesse die Lern- und Anstrengungsbereitschaft von Kindern und Jugendlichen positiv beeinflussen können und wie sie angemessen mit Machtkämpfen umgehen können.

Ein zweiter wichtiger Kernaspekt des Buches besteht in einer angewandten Gedächtnistheorie, die - man sehe mir mögliche Verzerrungen durch die Zusammenfassung nach - im Wesentlichen darin besteht, dass Lerninhalte zunächst bewusst in einem sehr begrenzten Kurzzeitspeicher gehalten werden und erst durch angemessene Wiederholungen so im Langzeitspeicher "abgelegt" werden, dass sie mühelos und schnell abgerufen werden können. Basisfähigkeiten - wie Lesen, Schreiben und Rechnen - sollen demzufolge so gelernt werden, dass in kleinen Schritten die empirisch gesicherten hierfür erforderlichen Basiskompetenzen sicher gelernt werden und durch Wiederholung automatisiert werden, so dass dann die Aufmerksamkeit ganz für das Erlernen des nächsten Schrittes zur Verfügung steht. Erst nach dem sicheren Lernen und Automatisieren des Abrufes aus dem Langzeitspeicher sollte dann die Flexibilisierung des Umganges mit dem Lerninhalt erfolgen. Ein Methodenwechsel beim Lernen zur falschen Zeit kann demzufolge viel Verwirrung stiften.

Im letzen Drittel des Buches gehen die Autoren dann ausführlicher auf spezielle Themen ein: Auf das Lesen- und Schreibenlernen und die besondere und frühe  Förderung von Kindern mit dem Risiko einer Lese- und Rechtschreibschwäche, weiterhin auf die Verarbeitungssysteme, die für ein erfolgreiches Rechnen zusammenarbeiten müssen, und auf das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS). Interessanterweise legen die Autoren dar, dass die Hyperaktivität bei manchen Kindern eine Bewältigungsstrategie eines für sie unangenehmen Aufmerksamkeits- und Aktivierungsdefizits sein kann und dass im Zusammenhang mit einem ADS jede Tätigkeit, die ein angemessenes Aktivierungsniveau erzeugt, eine suchtartige Anziehung  gewinnen kann (was auch den suchtartigen Gebrauch elektronischer Medien plausibel macht, aber auch zu der These führt, dass viele Workaholics ursprünglich unter einem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom leiden).

Fazit

Das Buch ist auf jeden Fall sehr empfehlenswert: Es stellt integrative Theorien auf, diskutiert deren empirische Fundierung und zieht klare Schlussfolgerungen für die Praxis, Schlussfolgerungen, die allerdings gängige Bildungssysteme an mancher Stelle sehr in Frage stellen. Das entwickelte Gedächtnismodell erscheint zwar auf den ersten Blick recht plausibel und empirisch fundiert, jedoch scheint es mir insgesamt recht mechanistisch und vor dem Hintergrund neurobiologischer Forschungsergebnisse sehr vereinfacht. Vielleicht ist das Gedächtnis nicht in erster Linie ein Speicher, in dem mechanisch etwas abgelegt wird, sondern eher ein Aktualisierungsorgan. Andererseits erscheinen mir die Schlussfolgerungen aus dem eher mechanistischen Gedächtnismodell der Autoren durchaus interessant und praxisrelevant. Aber an dieser Stelle würde eine ausführliche Diskussion des Gedächtnismodells sicher zu weit führen.

Ich bedanke mich jedenfalls bei den Autoren für die vielen Anregungen, die aus der Lektüre entstanden sind!

Rezension von
Prof. Dr. Annemarie Jost
Professorin für Sozialpsychiatrie an der Fakultät 4 der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg
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Es gibt 143 Rezensionen von Annemarie Jost.

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Zitiervorschlag
Annemarie Jost. Rezension vom 24.11.2006 zu: Fritz Jansen, Uta Streit: Positiv lernen. Springer (Berlin) 2006. 2. Auflage. ISBN 978-3-540-21272-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4125.php, Datum des Zugriffs 17.07.2024.


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