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Alfons Hollederer, Helmut Brand (Hrsg.): Arbeitslosigkeit, Gesundheit und Krankheit

Cover Alfons Hollederer, Helmut Brand (Hrsg.): Arbeitslosigkeit, Gesundheit und Krankheit. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2006. 232 Seiten. ISBN 978-3-456-84332-2. 39,95 EUR, CH: 64,00 sFr.
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Einführung

Die Zusammenhänge von Arbeitslosigkeit und Gesundheit wurden von Vertretern verschiedenster Fachgebiete in einer nahezu unüberschaubaren Flut von Studien untersucht und in daraus resultierenden Publikationen vielfach dokumentiert. Doch die seit Jahrzehnten anhaltend hohen Arbeitslosenzahlen in Deutschland und anderen europäischen Ländern rechtfertigen nach wie vor eine intensive Beschäftigung mit dem Thema. Mehr noch: Die Arbeitsmarktreformen der letzten Jahre (etwa "Hartz-IV", Ein-Euro-Jobs usw.) bedürfen auch weiterhin intensiver (sozial-)wissenschaftlicher Begleitung.

Nach dem 2001 von Zempel, Bacher und Moser herausgegebenen Band "Erwerbslosigkeit" gab es in Deutschland eine Zeit lang kaum wissenschaftliche Buchveröffentlichungen zum Thema. In den letzten beiden Jahren erschienen dann gleich mehrere Bücher, die sich mit den gesundheitlichen Folgen von Arbeitslosigkeit beschäftigten, neben dem hier besprochenen z. B. Kastner, Hagemann und Kliesch (2005).

Aufbau und Inhalt

Den Herausgebern Alfons Hollederer und Helmut Brand, beide beim Landesinstitut für den öffentlichen Gesundheitsdienst NRW mit dem Thema Arbeitslosigkeit und Gesundheit befasst, ist es gelungen, in Deutschland als FachexpertInnen ausgewiesene AutorInnen zu gewinnen. Der Band gliedert sich in vier große Bereiche.

  1. Der erste Abschnitt ist ein Überblicksartikel von Thomas Kieselbach und Gert Beelmann zum internationalen Forschungsstand zu Arbeitslosigkeit und Gesundheit, mit einem besonderen Fokus auf Jugendarbeitslosigkeit.
  2. Abschnitt 2 umfasst vier empirische Studien zur Gesundheit von Arbeitslosen und Erwerbstätigen. Karsten Paul, Alice Hassel und Klaus Moser stellen Ergebnisse aus ihren umfassenden Metaanalysen mit mehr als 200 Studien dar. Der Artikel von Laura Romeu Gordo stützt sich auf Daten des Sozioökonomischen Panels seit 1984 und geht u. a. auf differentielle Wirkungen von Arbeitslosigkeit bei Männern und Frauen, Kurz- und Langzeitarbeitslosen ein. Ebenfalls im Längsschnitt demonstriert Thomas G. Grobe eindrucksvoll, dass Arbeitslosigkeit auch unter Kontrolle möglicher moderierender Variablen das Sterblichkeitsrisiko deutlich erhöht. Der besonderen Situation der ostdeutschen Länder mit ihren deutlichen höheren Arbeitslosenquoten und den daraus resultierenden unterschiedlichen Gesundheitsfolgen geht Cornelia Bormann anhand von Daten des Bundesgesundheitssurvey 1998 nach.
  3. Der dritte Abschnitt widmet sich Ansätzen arbeitsmarktintegrierender Gesundheitsförderung. Er beginnt mit einer kritischen Bestandsaufnahme von Wolf Kirschner und Thomas Elkeles. Sie stellen u. a. heraus, dass Interventionen oft auf eine sehr geringe Akzeptanz bei den Adressaten stoßen und daher ein hohes Risiko des Scheiterns aufweisen. Heike Behle ("JUMP"), Peter Kuhnert und Michael Kastner ("Job-Fit") sowie Thomas Kieselbach, Gert Beelmann und Debora Jeske ("SOCOSE") skizzieren in ihren Beiträgen konkrete Projekte, z. T. mit Ergebnissen von Evaluationsstudien. Das Arbeitsförderungsrecht und seine Präventionspotentiale werden überblicksartig von Ulla Walter und Kai Mosebach dargestellt.
  4. "Fallmanagement in der Arbeitsförderung und Sozialmedizin" ist der vierte Teil des Bandes überschrieben. Alfons Hollederer fragt, ob Fallmanagement "ein Fall für den Öffentlichen Gesundheitsdienst und Ärztlichen Dienst der BA?!" ist, und beantwortet diese Frage auch, indem er auf die diesbezüglichen Möglichkeiten und Probleme eingeht. Der Rolle der Sozialmedizin bei der Umsetzung des SGB II widmet sich Ingrid Toumi. Das letzte Kapitel von Carlchristian von Braunmühl und Ingrid Toumi stellt ein zum Publikationszeitpunkt gerade gestartetes Projekt zum Fallmanagement mit sozialmedizinischer Beteiligung für Arbeitslose in Brandenburg dar ("AmigA").

Zielgruppen

Zielgruppe des Buches sind alle, die an den Zusammenhängen von Arbeitslosigkeit und Gesundheit, an diesbezüglichen Handlungsansätzen und sozialmedizinischen Fragestellungen interessiert sind, z. B. Mediziner, Psychologen, Soziologen, Sozialpädagogen, Sozialarbeiter, Gesundheitswissenschaftler, Mitarbeiter des öffentlichen Gesundheitsdienstes, Mitarbeiter der Arbeitsagenturen, Mitarbeiter von Krankenkassen usw. usf. Aber auch Studierende, Journalisten, Politiker und andere können das Werk mit Gewinn lesen.

Einschätzung

Der Versuch, neben einer Darstellung der Wechselwirkungen von Arbeitslosigkeit und Gesundheit auch konkrete Interventionsansätze und (den Interessen- und Arbeitsschwerpunkten der Herausgeber entsprechend) die sozialmedizinische Relevanz des Themas zu präsentieren, kann als gelungen betrachtet werden. Gleichwohl erlaubt es ein als Überblick angelegter Band nicht, wirklich alle wichtigen Themen umfassend zu betrachten. Auch wenn es in einigen Beiträgen anklingt, verdienen m. E. doch besondere (Unter-)Gruppen von Arbeitslosen (z. B. Jugendliche, Langzeitarbeitslose, Ostdeutsche, Männer) bei der Fülle der dazu bereits vorliegenden Empirie hinsichtlich des unterschiedlichen Erlebens und der deshalb notwendigen differenzierten Interventionsansätze, eigenständige Betrachtungen. Die vorgestellten Daten sind mit Ausnahme des Kapitels 5 (1998) als aktuell einzuschätzen.

Wie in fast allen Publikationen zum Thema erfolgt, insbesondere im Abschnitt 1 und 2, eine Konzentration auf psychische Gesundheit. Dies ist aufgrund der Forschungslage durchaus gerechtfertigt, dennoch würde ich mir mehr Informationen über die somatischen Folgen von Arbeitslosigkeit wünschen. Nahezu gänzlich ausgeklammert bleibt im Band das fast genauso wichtige Thema der Arbeitsplatzunsicherheit, wozu es jedoch aktuell ein eigenes Werk gibt (Badura, Schellschmidt & Vetter, 2006).

Fast schon ärgerlich ist der etwas lieblose editorische und verlegerische Umgang mit dem Layout und der formalen Gestaltung, selbst wenn man die wenigen Tippfehler ignoriert. Hierzu einige Beispiele: Nahezu jede Tabelle (selbst innerhalb eines Kapitels) weist eine andere Formatierung auf. Aufzählungen sind mit unterschiedlichen Aufzählungszeichen (Punkt, Komma) formatiert. Die Endnoten werden mal als "Footnotes", mal als "Endnotes" bezeichnet. Kommastellen sind bunt durcheinander mit Komma oder Punkt separiert, die Angaben sind uneinheitlich (zwei-, drei- oder gar vierstellig). Die Literaturzitierungen sind ebenfalls von Kapitel zu Kapitel deutlich unterschiedlich gestaltet (besonders ungewöhnlich: Kapitel 7). Einige, z. T. mehr als halbseitige Abbildungen (insbesondere im Kapitel 2) hätte man besser in den Text integriert. In Abbildung 2 auf Seite 101 ist die wichtige farbliche Hinterlegung widersprüchlich zum Text. Im Inhaltsverzeichnis hätte man die Untergliederungen der einzelnen Kapitel mit anführen können.

Fazit

Mit "Arbeitslosigkeit, Gesundheit und Krankheit" liegt ein interdisziplinäres, aktuelles und umfassendes Buch vor, das die vielfältigen gesundheitlichen Folgen von Arbeitslosigkeit und mögliche Wechselwirkungen, sowie vorhandene und mögliche Interventionsansätze und sozialmedizinische Implikationen vielschichtig, jedoch in einer etwas lieblosen Gestaltung darstellt.

Literatur

  • Badura, B., Schellschmidt, H. & Vetter, C. (Hrsg.) (2006). Fehlzeiten-Report 2005. Arbeitsplatzunsicherheit und Gesundheit. Zahlen, Daten, Analysen aus allen Branchen der Wirtschaft. Berlin: Springer.
  • Kastner, M., Hagemann, T. & Kliesch, G. (Hrsg.) (2005). Arbeitslosigkeit und Gesundheit. Arbeitsmarktintegrative Gesundheitsförderung. Lengerich: Pabst. (vgl. dazu die Rezension).
  • Zempel, J., Bacher, J. & Moser, K. (Hrsg.) (2001). Erwerbslosigkeit. Ursachen, Auswirkungen und Interventionen. Opladen: Leske + Budrich.

  • Rezension von
    PD Dr. rer. medic. Hendrik Berth
    Dipl.-Psych.
    Kommissarischer Leiter am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden, Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie, Tätigkeitsfelder: Transformationsforschung, Inhaltsanalyse, Krankheitsbewältigung, Psychologische Aspekte der Humangenetik, Arbeitslosigkeit und Gesundheit
    Homepage www.medpsy.de


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    Zitiervorschlag
    Hendrik Berth. Rezension vom 08.03.2007 zu: Alfons Hollederer, Helmut Brand (Hrsg.): Arbeitslosigkeit, Gesundheit und Krankheit. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2006. ISBN 978-3-456-84332-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4128.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


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