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Michael Galuske, Werner Thole (Hrsg.): Vom Fall zum Management

Cover Michael Galuske, Werner Thole (Hrsg.): Vom Fall zum Management. Neue Methoden der sozialen Arbeit. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2006. 133 Seiten. ISBN 978-3-531-14972-1. 14,90 EUR.
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Einführung in das Thema

Wie auch in der Einleitung des vorliegenden Bandes festgestellt wird, spielte die Methodendiskussion bei der Verberuflichung der Sozialen Arbeit, ihrer Professionalisierung, eine herausragende Rolle. Nach den Brüchen im Selbstverständnis, die sich in den 1970er- und 80er-Jahren ergeben haben, gerieten die Methodikerinnen in die Defensive. Politische Argumentation gegen die der Sozialarbeit stets eigentümliche Individualisierung als Kernelement der praktischen Herangehensweise an den Einzelfall demontierte das berufliche Selbstverständnis, das dann offen war für nur mäßig passende Identitäts- und Methodenangebote aus der noch viel unpolitischeren Psychotherapie mit offenen Grenzen zur Esoterik. In Deutschland scheinen auch die Vertreterinnen der methodischen Tradition im Prozess der Akademisierung schlechte Karten gehabt zu haben. Sie mussten den männlichen Theoretikern weichen. Die Herausgeber des vorliegenden Bandes konstatieren eine Kehrtwendung seit den 1990er-Jahren, eine wachsende Bedeutung der Methodendiskussion, und machen dies u.a. an der Karriere des mit dem Begriff der Lebenswelt operierenden Ansatzes sowie an den mit der Ökonomisierung der Sozialarbeit verbundenen Versuchen der Beschreibung sozialarbeiterischer Vorgehensweisen fest.

Tatsächlich lässt sich heute leichter über Fragen der Methodik diskutieren, ein systematisches Aufgreifen der Traditionslinien findet allerdings nicht statt (auch nicht im vorliegenden Band, wo das mit dem einen oder anderen Zitat von C.W. Müller "erledigt" wird). Und es gelingt der deutschen Diskussion immer wieder, Fragen der Methodik verbleibend auf einem Abstraktionsniveau aufzugreifen, das mehr einer metatheoretischen Debatte angemessen scheint, als einer methodischen.

In diese Tradition reiht sich auch der vorliegende Band ein, das allerdings über weite Strecken so, dass die LeserInnen daraus durchaus Gewinn ziehen können. Dazu mehr in der Folge.

Entstehung

Der vorliegende Band ist der fünfte in einer Reihe "Blickpunkte der Sozialen Arbeit", die, glaubt man dem Vorwort, in einer leichtverständlichen Sprache für Studierende der sozialen Arbeit Diskussionsthemen aufgreifen, wie sie die Landschaft der Sozialen Arbeit immer wieder hervorbringt.

Aufbau …

Das Buch gliedert sich in einen von den beiden Herausgebern verfassten kurzen Grundsatzartikel zum Stand der Methodendiskussion, in ein "Forum" mit 6 Beiträgen zu Case- und Care-Management, zum Sozialen Raum als Fall, zum Biografischen Fallverstehen, zu Evaluation und Selbstevaluation in der Sozialen Arbeit, zur sozialpädagogischen Diagnose und zu neuen Methoden in der Familienarbeit. Das "Stichwort" versucht das Thema schließlich zusammenfassend zu umreißen.

… und Inhalte

  • Eckhard Hansen liefert in seinem Beitrag zum Case- und Care-Management eine bemerkenswert differenzierte Kritik an der Adaption des neoliberalen Konzepts in Deutschland. Im Kern bezweifelt er die Möglichkeit der Implementierung eines bedarfsbezogenen Zugangs unter den Bedingungen des deutschen nicht marktförmig organisierten Sozialwesens. Ungewöhnlich für die übliche ideologisierte Diskussion verwendet er "neoliberal" nicht als wohlfeiles Schimpfwort, sondern verweist auf die Verwandtschaft liberaler Kritik am Sozialwesen zu institutionskritischen Ansätzen. Ich habe selten eine so kompakte, fundierte und differenzierte Auseinandersetzung mit der Problematik und den Potenzen des Case-Management-Konzepts gelesen. Allerdings wird man den Beitrag nur dann mit Gewinn lesen können, wenn einem das Konzept bereits vertraut ist.
  • Ähnliches gilt für den Beitrag von Fabian Kessl, "Sozialer Raum als Fall?" Auf engem Raum versucht der Autor, die Problematik und Vielschichtigkeit sozialraumorientierter Herangehensweisen in der Sozialen Arbeit darzustellen. Gerade bei diesem besonders schillernden methodischen Ansatz muss das Bemühen allerdings bruchstückhaft bleiben.
  • Marianne Meinholds Thema ("Biografisches Fallverstehen, Beratung und Management") ist noch vielschichtiger. Sie nimmt Konzepte biografischen Verstehens, der lösungsorientierten Beratung, den problemorientierten Ansatz und Tätigkeiten in der Fallarbeit, die unter dem (auch unscharfen) Begriff "Management" subsummierbar sind, in den Blick und versucht sie zu integrieren.
  • Hildegard Müller-Kohlenberg stellt Fremd- und Selbstevaluation gegenüber. Anders als die Autorinnen und Autoren der vorangehenden Beiträge gibt sie weniger eine kritische Bilanz, als eine zusammenfassende Darstellung der Tendenzen.
  • Burkhard Müller legt in seinem Beitrag zur sozialpädagogischen Diagnose sein Verständnis des Gegenstandes dar. Er hält sich weniger mit einer umfassenden Darstellung der Diskussion auf, sondern entwickelt ein Konzept von Suchstrategien.
  • Max Kreuzer, der sich mit  neuen Methoden der Familienarbeit beschäftigt, gelingt es am besten, neben einer Darstellung der eigenen Position auch einige methodische Konzepte vorzustellen, auf sie neugierig zu machen.
  • Der Versuch einer Zusammenfassung von Tendenzen durch E. Jürgen Krauß hingegen muss notwendigerweise kursorisch und allgemein bleiben. Den Versuchen, Ordnung in ein unübersichtliches Feld zu bringen, mangelt ein wenig der theoretische Bezugsrahmen, ohne den das schwer zu bewerkstelligen ist.

Zielgruppen

Glaubt man den Herausgebern, dann richtet sich der Band vor allem an Studierende, auch an solche in Fach- und Berufsschulen. Für diese wird das Abstraktionsniveau, auf dem die Beiträge verfasst sind, wohl manchmal zu hoch sein und werden die Artikel zu viel an Vorwissen voraussetzen. Die meisten der Beiträge können wohl von avancierten PraktikerInnen und von Studierenden in den höheren Semestern mit Gewinn gelesen werden. Einzelne Beiträge verdienen nicht nur die Aufmerksamkeit der Fachöffentlichkeit, sondern auch deren Reaktion.

Bewertung

Damit ist auch schon über die Lesbarkeit einiges gesagt. Die Methodendiskussion bleibt über weite Strecken eine theoretische. Das muss nicht unbedingt schlecht sein, aber es schränkt den Zugang für viele FachkollegInnen doch ein.

Fazit

Methodik der Sozialen Arbeit zu lehren, ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Methodik zu diskutieren nicht minder. Den letzteren Anspruch löst der vorliegende Band auf gutem Niveau ein (zumindest in der Mehrzahl seiner Beiträge). Wie die meisten Publikationen in unserer Disziplin leidet er an der mangelnden Auseinandersetzung mit zentralen Begriffen von Praxis und Theorie der Sozialen Arbeit, zum Beispiel der Undeutlichkeit (und Undiskutiertheit) des Fallbegriffes. Der Band leistet über weite Strecken Methodenkritik. In diesem Sinne steht er in der Tradition des Mainstreams des deutschen Diskurses. Wer das mag, wird es auf weitgehend gutem Niveau erhalten und zu eigener Positionierung angeregt werden.


Rezension von
Prof. Mag. Dr. Peter Pantuček-Eisenbacher
Diplomsozialarbeiter, Soziologe, Supervisor (ÖVS)
Leiter Department Soziale Arbeit, Master-Stdgg. Soziale Arbeit
Fachhochschule St.Pölten GmbH University of Applied Sciences
Homepage pantucek.com


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Zitiervorschlag
Peter Pantuček-Eisenbacher. Rezension vom 31.05.2007 zu: Michael Galuske, Werner Thole (Hrsg.): Vom Fall zum Management. Neue Methoden der sozialen Arbeit. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2006. ISBN 978-3-531-14972-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4129.php, Datum des Zugriffs 26.01.2021.


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