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Franz Stimmer: Grundlagen des methodischen Handelns in der sozialen Arbeit

Cover Franz Stimmer: Grundlagen des methodischen Handelns in der sozialen Arbeit. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2006. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. 236 Seiten. ISBN 978-3-17-018857-0. 24,00 EUR.
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Zum Autor

Prof. Dr.rer.pol., Dipl.Soz. Stimmer lehrt an der Universität Lüneburg mit den Schwerpunkten Methodenlehre und Beratung sowie Suchtforschung und Suchtkrankenhilfe.

Zum Thema

Mit diesem Buch wird eine Thematik aufgegriffen, die sich in den letzten Jahren einer stetig steigenden Nachfrage erfreut: die Methodenfrage in der Sozialen Arbeit.

Verfolgt man die entsprechenden Veröffentlichungen, so wird deutlich, dass die Methodenfrage heute keine grundsätzliche Frage mehr ist. Man scheint sich einig zu sein, dass Methodenentwicklung und reflektierter Methodeneinsatz zentrale Kriterien für professionelles Arbeiten sind.

Die neuere Methoden-Diskussion in der Sozialen Arbeit hat in den 70er Jahren in Deutschland mit der Veröffentlichung von Karlheinz Geißler und Marianne Hege (1978) begonnen und bis heute wird immer weniger bestritten, dass die Soziale Arbeit als Profession ausgewiesene Methoden benötigt, um Handlungssicherheit in komplexen und widersprüchlichen Situationen des Berufsalltags zu erhalten, Imagegewinn in der Konkurrenz mit anderen Berufsgruppen zu gewinnen und insgesamt die Professionalität zu steigern.

Ob allerdings die AdressatInnen der Sozialen Arbeit immer von dieser gesteigerten Professionalität profitieren, ist eine offene Frage. Zumindest möchte ich eine Einschränkung des Stellenwerts von Methoden vorweg stellen: die Qualität von Methoden ist davon abhängig, was die Fachkräfte und KlientInnen in konkreten Handlungssituationen daraus machen.

Entstehungshintergrund

Ausgangspunkt für dieses Buch ist die Feststellung des Autors, dass selbst unter erfahrenen Fachkräften in der Praxis oftmals eine große Unklarheit und begriffliche Diffusion darüber besteht, was eigentlich methodisches Arbeiten heißt. Der Autor verweist auf Erhebungen, die diese Einschätzung bestätigen: so werden beispielsweise Arbeitsprinzipien wie Hilfe zur Selbsthilfe oder Arbeitsformen wie Einzelfallhilfe als Methode bezeichnet. Auch das Spektrum dessen, was Fachkräfte als Methode angeben, ist weit begrenzter als das, was die Soziale Arbeit zu bieten hat.

Verantwortlich für dieses Problem sei vor allem, dass die Hochschulen und Universitäten lange Zeit die Ausbildung im methodischen Arbeiten vernachlässigt hätten: "…wenn 'Methoden' lange, zumindest in der universitären Ausbildung, als etwas Anrüchiges erschienen, was es 'offensiv' oder auch 'alltagsorientiert' zu überwinden galt, dann verwundert es nicht, dass sich methodisches Handeln oft so unreflektiert und unsystematisch in der Praxis spiegelt" (S.10). Der systematische Zugang zum methodischen Handeln ist daher zentrales Anliegen des Autors, der sein Fachbuch zurecht als Grundlagen des Methodischen Handelns titelt (Hervorhebung durch den Rezensenten).

Aufbau und Inhalt

Der Autor bestimmt methodisches Handeln als Planung des Handelns und als das konkrete Handeln selbst mit spezifischen Methoden der Situationsanalyse, Intervention und Evaluation. Die spezifischen Methoden wiederum umfassen das "Handwerkszeug" Verfahren und Techniken. Um dem Technologievorwurf zu entgehen, erhalten Verfahren und Techniken allerdings nur dann den Status einer Methode, wenn diese ethisch und theoretisch begründet werden können. Für diese Aufgabe wird ein sehr differenziertes Orientierungsraster entwickelt, dass methodisches Handeln als komplex miteinander verbundene Bereiche (von der Anthropologie bis zu den Techniken) konzipiert. Dieses Orientierungsraster dient auch als Leitfaden für den Aufbau des Buches. In den jeweiligen Kapiteln werden sehr ausführlich und mit vielen konkreten Beispielen die wichtigsten Ebenen des Orientierungsraster dargestellt.

Zentral ist das Kapitel "Handlungsanleitende Konzepte" methodischen Handelns. Bei der Darstellung der Konzepte beschränkt sich der Autor explizit auf klientenbezogenes methodisches Arbeiten.

  • Empowerment,
  • Case-Management,
  • Netzwerkansatz,
  • Lebensweltorientierung u.a.

werden ausführlich dargestellt und jeweils vor dem Hintergrund des Orientierungsrasters bewertet.

Weitere wichtige Kapitel sind "Situationsanalysen" und "Situationsinterventionen", in denen spezifische Methoden vorgestellt werden. Im ersten Fall werden ausführlich diagnostische Analyseinstrumente wie Person-in Environment-System, Entdeckungskarten, Diagnostisches Rollenspiel, Netzwerkanalyse etc. mit ihren jeweiligen Verfahren und Techniken dargestellt. Als spezifische Interventions-Methoden seien an dieser Stelle beispielhaft

  • Klientenzentrierte Gesprächsführung,
  • Psychodrama,
  • Themenzentrierte Interaktion,
  • Netzwerkförderung,
  • Moderation etc.

genannt. Die Interventionsmethoden werden jeweils ausführlich vorgestellt und vor dem Hintergrund des Orientierungsrasters auf deren anthropologische und theoretische Basis hin bewertet.

Zumindest gewöhnungsbedürftig ist die Unterscheidung "Arbeitsformen" und "Interaktionsmedien". Während als Arbeitsformen z.B. die klassische Trias - Einzelhilfe, Arbeit mit Gruppen und Gemeinwesenarbeit gelten, so werden als spezielle Interaktionsmedien etwa Beratung oder Bildung bezeichnet. Für mich stellt sich an dieser Stelle jedenfalls die Frage nach dem Nutzen zu starker Differenzierung des Orientierungsrasters. Das Orientierungsraster wird durch grundsätzliche Aspekte des Problemlösungsprozesses (z.B. Mehrspektivität von Problemen, Problemlösung als zirkulärer Prozess) ergänzt, so dass es sich auch in der Dynamik konkreter Handlungsansprüche bewähren kann.

Besonders hervorheben möchte ich, dass der Autor sich umfassend dem Thema "Ziele und Hypothesen" im methodische Handeln widmet. Das ist erfreulich, weil dieses wichtige Thema oft genug in Methoden-Fachbüchern zu kurz kommt.

Diskussion

Das Buch steht in der Tradition der neueren Methoden-Diskussion, indem Methodisches eng mit Konzeptionellem verbunden ist. Im Unterschied zu anderen Veröffentlichungen liegt die Besonderheit darin, dass der Autor systematisch in Methodisches Handeln einführt. Die oftmals wenig trennscharfen und konkurrierenden Fachbegriffe werden in einen sinnvollen Zusammenhang gebracht und damit Methodisches Handeln fundiert.

Wenn auch das Buch im Wesentlichen ein Grundlagenbuch ist, so kann man doch eine Fülle methodischer Anregungen erhalten. Natürlich werden die Leserinnen und Leser die eine oder andere spezifische Methode vermissen, da das Buch kein Kompendium der Methoden in der Sozialen Arbeit ist. Erstaunlich ist aber dann doch, dass der gerade auch in Deutschland viel beachtete sozialökologische Ansatz - das amerikanische "Life Model" von Germain & Gitterman - keinerlei Erwähnung findet. Das "Life Model" ist ein Ansatz, der genuin im Kontext der Sozialen Arbeit entstanden und sowohl theoretisch als auch methodisch sehr weit entwickelt ist. Gerade was den Bereich der Interventionsmethoden betrifft, wäre dieser Ansatz eine wertvolle Ergänzung zu den doch eher psychologisch-psychotherapeutischen Verfahren und Techniken, die im Buch dargestellt werden.

Fazit

Vor allem die Systematik macht das Buch für Studierende an Fachhochschule und Universität wichtig. Aber auch Fachkräfte der Sozialen Arbeit, die methodische Anregungen für die Praxis erhalten wollen und nach begrifflicher Klarheit und ethischen sowie theoretischen Begründungen des praktischen Tuns suchen, ist dieses Buch empfehlenswert.


Rezension von
Prof. Dr. Wolfgang Buchholz-Graf
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Zitiervorschlag
Wolfgang Buchholz-Graf. Rezension vom 05.03.2007 zu: Franz Stimmer: Grundlagen des methodischen Handelns in der sozialen Arbeit. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2006. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-17-018857-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4130.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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