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Reinhold Schone, Sabine Wagenblass (Hrsg.): Kinder psychisch kranker Eltern [...]

Cover Reinhold Schone, Sabine Wagenblass (Hrsg.): Kinder psychisch kranker Eltern zwischen Jugendhilfe und Erwachsenenpsychiatrie. Juventa Verlag (Weinheim) 2006. 2. Auflage. 168 Seiten. ISBN 978-3-7799-1763-2. 12,50 EUR, CH: 22,70 sFr.
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Thema

Schätzungen zufolge sind bis zu 500 000 Kinder und Jugendliche in Deutschland davon betroffen, dass eines oder beide ihrer Elternteile psychisch krank sind. Die psychische Störung eines Elterteils ist in Familien meist mit weiteren Risikofaktoren kombiniert. Unabhängig davon, ob soziale Risiken als Folge oder als Auslöser einer psychischen Störung der Eltern auftreten, geraten die Familien sehr oft in eine Situation sozialer Isolierung. Nicht selten kommen gezielte Hilfeprozesse für die Kinder  erst in Gang, wenn diese selbst unübersehbare psychische Auffälligkeiten zeigen. Einerseits ist das Hilfesuchverhalten der betroffenen Eltern häufig durch Scham und Furcht blockiert. Andererseits sind Hilfsangebote für die betroffenen Kinder bzw. für die ganzen Familien nach wie vor "völlig unzureichend ausgebildet". An dieser vor 10 Jahren getroffenen Einschätzung des Zehnten Kinder- und Jugendberichts ist leider keine wesentliche Veränderung vorzunehmen. In einzelnen Regionen sind jedoch spezifische Forschungszugänge und modellhafte Praxiskonzepte für die betroffenen Familien entwickelt worden. Reinhold Schone und Sabine Wagenblass stellten als Herausgeber im Schwerpunktheft Soziale Praxis (Band 21) einige dieser Projekte vor. Die Veröffentlichung wurde nun wieder aufgelegt.

Entstehungshintergrund

Die beiden Herausgeber, Reinhold Schone und Sabine Wagenblass, sind Diplom-Pädagogen. Schone war als Professor für Erziehungswissenschaft an der Fachhochschule Dortmund, Wagenblass als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Institut für soziale Arbeit e.V. Münster mit einem Praxisforschungsprojekt "Kinder psychisch kranker Eltern" befasst, das im Zeitraum 1999-2002 in zwei Regionen in NRW durchgeführt wurde, um die Versorgungslage und den Versorgungsbedarf betroffener Familien zu erkunden. Das im Jahr 2002 in erster Auflage erschienene Buch, "Wenn Eltern psychisch krank sind: kindliche Lebenswelten und institutionelle Handlungsmuster", in dem Schone und Wagenblass ihr Modellprojekt vorstellen und auswerten, ist wegweisend. Auch diese Veröffentlichung liegt seit 2006 in der zweiten (unveränderten) Auflage vor. Der vorliegende Band, der gleichfalls auf die Projektarbeit zurückgeht, stellt relevanten Modellversuchen in verschiedenen Regionen ein Forum zur Verfügung.

Aufbau und Inhalte

Im Einleitungskapitel beschreiben Schone und Wagenblass die vorliegenden Forschungsperspektiven auf das Thema. Eine vergleichsweise lange Tradition haben Untersuchungen über die Auswirkung psychischer Erkrankung von Eltern auf ihre Kinder in der kinder- und jugendpsychiatrischen High-Risk-Forschung. Ausgangspunkt dieser Forschungsrichtung ist die klinische Erfahrung, dass sich in der Gruppe psychisch erkrankter junger Menschen deutlich häufiger psychisch erkrankte Eltern finden als in der Normalbevölkerung. Das Kapitel diskutiert die sozialrechtlichen Leistungsansprüche der betroffenen Familien gegenüber der Jugendhilfe einerseits und andererseits die sorgerechtliche Eingriffsverantwortung des Jugendamtes und der Familiengerichte bei Kindeswohlgefährdung.

Drei Mitarbeiter des Deutschen Jugendinstitutes e.V., Liane Pluto, Eric van Santen und Mike Seckinger nehmen in ihrem Beitrag eine soziologische Analyse der strukturellen Voraussetzungen gelingender Kooperation zwischen verschiedenen Organisationen vor. Das Abstraktionsniveaus des Beitrags ist gut gewählt. Die Analyse ist konkret genug, um die Wirklichkeit interinstitutioneller Kooperation (wieder) zu entdecken, und hat dabei ausreichend Distanz zum Gegenstand, um größere Zusammenhänge sichtbar werden zu lassen.

Steffi Koch-Stoecker setzt sich mit der Wirkung mütterlicher schizophrener Psychosen auf die Entwicklungspotenziale ihrer Kinder auseinander. Es ist bekannt, dass psychische Erkrankungen der Väter im Familiensystem eher als solche der Mütter kompensiert werden können. Die typischen Verunsicherungen jüngerer und älterer Kinder, die in Zusammenhang mit akuten und chronischen schizophrenen Beeinträchtigungen der Mütter auftreten, werden in dem Beitrag durch verschiedene Fallvignetten veranschaulicht. Auf dieser Grundlage nimmt die Autorin, Leiterin der allgemeinpsychiatrischen Institutsambulanz der von Bodelschwinghschen Anstalten Bethel, klar und gut nachvollziehbar zum Hilfebedarf der betroffenen Kinder Stellung.

In einem weiteren Beitrag aus Bethel gehen die Familientherapeutinnen Veronika Christiansen und Marite Pleininger-Hoffmann auf die Stigmatisierungsprobleme schizophren erkrankter Mitbürger ein.

Susanne Heim, Mitbegründerin der Kölner Angehörigenselbsthilfegemeinschaft Rat und Tat e.V. schildert mit offenen Worten, wie mitbetroffene Kinder die psychische Krisen eines Elternteil und die routinemäßig ablaufenden Hilfeprozesse meist erleben: "überfordert und alleingelassen".

Die nachfolgenden Beiträge beschreiben regionale Modellversuche, die darauf abzielten, die Lage der betroffenen Familien durch gezielte Hilfen zu verbessern und manifesten psychischen Störungen der Kinder vorzubeugen.

  • Beate Lisofsky und Thomas Schmitt-Schäfer berichten über ein rheinland-pfälzisches Praxisprojekt, das der Dachverband Psychosozialer Hilfsvereingungen e.V. mit Unterstützung des Landes durchführte. Vorrangiges Projektziel war die Schaffung regionaler Kooperationsstrukturen zwischen Erwachsenenpsychiatrie und Jugendhilfe, die eine effektivere Versorgung der betroffnen Familien ermöglichen sollten. Die Autoren stellen eine Risikocheckliste vor, die im Rahmen des Projekts entwickelt wurde, um die fachliche Beurteilung des kindlichen Entwicklungsrisikos in Zusammenhang mit der elterlichen Erkrankung zu unterstützen und transparenter zu machen. Die Konstruktion des Instruments ist theoretisch fundiert; Versuche zur empirischen Validierung der Checkliste werden nicht beschrieben.
  • Das Präventionsprojekt für Kinder psychisch kranker Eltern KIPKEL, das von einer psychotherapeutischen Praxis zusammen den sozialpsychiatrischen Diensten im Landkreis Mettmann durchgeführt wurde, legt den Schwerpunkt auf eine  kunst- und psychotherapeutische Einzelbetreuung der Kinder (Michael Hipp und Susanne Staets).
  • Das Kinderprojekt Mannheim: Kinder mit psychisch kranken Eltern, das den Betroffenen Familien integrierte Hilfen aus den Bereichen Sozialpsychiatrie und Jugendhilfe vermitteln konnte. Das Problembewusstsein für die Zielgruppe war in der Region durch einen Arbeitskreis erwachsen, in dem sich Vertreter des Allgemeinen Sozialen Dienstes, der Kinder- und Jugendpsychiatrie, der Erwachsenenpsychiatrie, der Psychologischen Beratungsstellen und des Sozialpsychiatrischen Dienstes mit der Lage der betroffen Kinder auseinandergesetzt hatten (Jürgen Ebner und Susanne Raiss).
  • Das Modellprojekt Patenschaften für Kinder psychisch kranker Eltern, das vom Hamburger PFIFF e.V. (Pflegekinder und ihre Familien Förderverein) realisiert wurde, zielt darauf ab, psychisch kranken Eltern einen niederschwelligen Zugang zu einer Patenfamilie zu eröffnen, die im Krisenfall im Sinne eines professionalisierten Nachbarschaftshelfers und als Bereitschaftspflegefamilie zur Verfügung steht. Die Autorin schildert den steinigen Weg von der überzeugenden Konzeption zur ersten Erprobungsphase. Praxisbeispielen machen das Konzept anschaulich (Alexandra Szylowicki).
  • Zur Vermeidung von Heimunterbringungen betroffener Kinder richtete die Stadt Velbert als Erprobungsmodell "Betreutes Wohnen für Familien" ein, das in Form einer aufsuchenden Intensivbetreuung erfolgte. Zur Zielgruppe des Projekts gehörten unter anderem psychisch kranke Eltern. Für diese stellte die Intensivbetreuung teilweise eine Überforderung der Nähe-Distanzregulationsfähigkeit dar (Barbara Molderings).
  • Das Frankfurter Modell der stationären Familienbetreuung leistet die Intensivhilfe in einer trägereigenen Wohnung, die an die Familien vergeben wird. Die Autoren merken an, das "gemeinsame Leben" von Betreuerteam und Klientenfamilie unter einem Dach schaffe eine familienähnliche Interaktionsdichte. Das Konzept wurde an  Multiproblemfamilien erprobt. Die Autoren erwägen in ihrem Beitrag die Ausweitung der Zielgruppe auf psychisch kranke Eltern, wobei die Nähe-Distanzregulation auch bei diesem Konzept als ein kritischer Punkt für die Betroffenen erscheint.
  • Der letzte Beitrag beschreibt das Mutter-Kind-Wohnen, das die Kieler Marie-Christian-Heime e.V. für Mütter in sozialen Notlagen, geistig behinderte Mütter und psychisch kranke Mütter anbietet. Oberste Ziele sind  die Erhaltung und Begleitung der Mutter-Kind-Beziehung und die pädagogische Förderung der Kinder (Gerlinde Ghattas).

Zielgruppe und Fazit

Für die konkrete Suche nach Hilfen für betroffene Familien ist der Band nicht geeignet, da bei der Wiederauflage auf eine Aktualisierung und ein Verzeichnis nützlicher Interessen leider verzichtet wurde. Der dennoch große Wert der Veröffentlichung liegt darin, das Thema in der Diskussion zu halten. Die Beiträge lenken Aufmerksamkeit auf die stille Not der betroffenen jungen Menschen und zeigen, dass sinnvolle Präventionsangebote für psychisch kranke Eltern und ihre Kinder möglich sind.


Rezension von
Dr. Christian Brandt
Psychologischer Psychotherapeut, Diplom Soziologe,
Kinder- und Jugendpsychiatrie am Zentrum für Psychiatrie Weinsberg
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Zitiervorschlag
Christian Brandt. Rezension vom 05.09.2008 zu: Reinhold Schone, Sabine Wagenblass (Hrsg.): Kinder psychisch kranker Eltern zwischen Jugendhilfe und Erwachsenenpsychiatrie. Juventa Verlag (Weinheim) 2006. 2. Auflage. ISBN 978-3-7799-1763-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4132.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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