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Traugott Weber (Hrsg.): Handbuch Telefonseelsorge

Cover Traugott Weber (Hrsg.): Handbuch Telefonseelsorge. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2006. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. 279 Seiten. ISBN 978-3-525-62386-2. 39,90 EUR.
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Thema, Hintergründe und Autoren

"Telefonseelsorge ist so bekannt wie Coca-Cola", zitiert das Vorwort eine Untersuchung - "und vermutlich genauso breit akzeptiert", möchte man hinzufügen. Und dennoch arbeitet auch die Telefonseelsorge im Kontext kirchlicher Spardiskussionen, in dem jedes Arbeitsfeld die eigene Unentbehrlichkeit nachweisen muss. Die kirchlichen Spargremien neigen dazu, nach "Kernaufgaben" und "peripheren Aufgaben" zu sortieren. Dann ist die klassische Gemeindearbeit trotz aller Kürzungen grundsätzlich unhinterfragt, aber bei anderen Bereichen wie z.B. Erwachsenenbildung, Freizeitarbeit oder bestimmte Beratungsdiensten wird gern darauf hingewiesen, dass es dafür andere, gleich effektiv arbeitende Äquivalente gibt. Dieses Risiko ist bei der Telefonseelsorge nicht besonders hoch. Zwar gibt es einige weitere Initiative, Notfalltelefone zu betreiben, die "marktbeherrschende" Stellung der Telefonseelsorge aber stellen sie nicht in Frage. So wird vermutlich auch in den Kreisen kirchlicher Verwaltung so schnell niemand auf die Idee kommen, man könne sich die Telefonseelsorge sparen.

Dennoch erscheint die zweite, veränderte Auflage des Handbuchs natürlich in genau dieser kirchenpolitischen Lage. Das Interesse ist spürbar, die eigene Arbeit nicht nur Außenstehenden deutlich zu machen, sondern auch kirchlichen Insidern. Denn, so stellt das Vorwort ebenfalls fest, auch in dieser Hinsicht ist die Telefonseelsorge ähnlich wie Coca-Cola: Jeder kennt es, aber keiner weiß, was drin ist. Das will (für den Bereich der Telefonseelsorge!) der Band ändern.

Der Herausgeber Traugott Weber ist seit 1991 Referent  für Telefonseelsorge und Briefseelsorge beim Diakonischen Werk der EKD (Evangelischen Kirche in Deutschland) in Stuttgart und seit 1997 dort Leiter der Seelsorgerlichen Dienste. Er ist ebenfalls seit 1991 Geschäftsführer der Ev. Konferenz für TelefonSeelsorge und Offene Tür e.V. und selbst seit 1973 in der Telefonseelsorge tätig. An dem Band haben 22 AutorInnen mitgewirkt, die ggf. im Zusammenhang mit den Artikeln genannt werden.

Aufbau und Inhalt

Das Buch besteht aus acht Abschnitten.

  1. Der erste beschreibt "Struktur und Konzept der TelefonSeelsorge". Er beginnt mit einem Artikel von Ingo Habenicht: Zur Geschichte der TelefonSeelsorge in Deutschland. Nach Anfängen in England ab dem Jahr 1953 startet die Telefonseelsorge in Deutschland mit der ersten Stelle in Berlin im Jahr 1956. Das Handbuch ist also gleichzeitig eine Jubiläumsschrift: 50 Jahre Telefonseelsorge in Deutschland. Stefan Schlohe beschreibt "Das Konzept der TelefonSeelsorge", das vor allem auf den Prinzipien "Niedrigschwelligkeit", "Ehrenamtlichkeit" und "Institutionelle Verlässlichkeit" beruht. Weber und Schlohe schildern in einem weiteren Beitrag die Verbreitung und Organisationskultur der Telefonseelsorge in Deutschland.
  2. In einem zweiten Abschnitt stehen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Telefonseelsorge im Zentrum. Dabei handelt es sich in erster um Ehrenamtliche, wie das oben genannte Prinzip auch vermuten lässt. Erich Biel referiert über "Die Bedeutung des Ehrenamtes für das Konzept der TelefonSeelsorge", Heiner Seidlitz über "Die Ausbildung der ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter" und Christa Weiß über "Die Supervision ehrenamtlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter". Zwei weitere Beiträge umfasst diese Gruppe: Barbara Rodes Artikel mit dem Titel "Zusammenschluß der Ehrenamtlichen in der TelefonSeelsorge" und schließlich der von Gesine Wabra und Christopher Linden zum Thema "Zusammenarbeit von Frauen und Männern und der TelefonSeelsorge - "Doing gender"". Damit haben die ehrenamtlichen MitarbeiterInnen die höchste Aufmerksamkeit in diesem Band. Das verwundert nicht, wenn man weiß: "TelefonSeelsorge lebt durch ehrenamtlich engagierte Frauen und Männer. Sie sind Herz, Ohr und Stimme einer Stelle." (S. 43) Der Ausbildungskanon der Ehrenamtlichen ist inzwischen in einer Rahmenordnung festgelegt (vgl. Internetseite der Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de), dauert 100 - 300 Stunden in ein bis zwei Jahren und hat ein hohes Professionalitätsniveau. Neben einer guten Ausbildung sichert obligatorische Supervision die Professionalität der Arbeit. Das Genderthema legt sich nahe in einem Arbeitsfeld, das deutlich weiblich akzentuiert ist: es rufen mehr Frauen an, es arbeiten mehr Frauen mit.
  3. Danach kommen, im III. Abschnitt, die Anrufenden in den Blick. "Anonymität und Vertraulichkeit" ist der Beitrag von Norbert Dietel überschrieben. Das Prinzip der Anonymität gilt nicht nur für Anrufende, sondern auch für Mitarbeitende. Und in den meisten Fällen bleibt auch die Dienststelle anonym. Dietel reflektiert auch die rechtlichen Rahmenbedingungen wie Geheimhaltungspflicht, Zeugnisverweigerungsrecht etc. Stefan Plöger beschreibt die "Themen der Gespräche und Anliegen der Anrufenden".
  4. Der vierte Abschnitt ist dem "Medium Telefon" gewidmet, wobei allerdings der Beitrag von Heiner Meilwies sich weniger mit dem Medium befasst als vielmehr mit dem grundlegenden Konzept der Seelsorge am Telefon. Die Bedeutung der technischen Gegebenheiten für die Telefonseelsorge referiert dagegen Werner Korsten unter dem Titel "TelefonSeelsorge und Telefontechnik". Vor allem die Digitalisierung der Netze und die Verbreitung der Mobiltelefone haben in der Telefonseelsorge für tief greifende Veränderungen gesorgt.
  5. Ein weiterer, von der Öffentlichkeit möglicherweise bislang wenig wahrgenommener Bereich der Telefonseelsorge ist die "TelefonSeelsorge im Internet". Dieses Thema bildet den fünften Abschnitt. Dabei spielt die Frage der Datensicherheit (Axel Wilhelm) ebenso eine Rolle wie die Frage nach den besonderen methodischen Anforderungen einer Telefonseelsorge im Internet (Birgit Knatz) und schließlich auch das Thema "Seelsorge und Beratung im Chat" (Anne Röhl). Gerade dieser virtuelle Raum bietet Chancen anonymer Beratung, die noch indirekter sind als der telefonische Kontakt und für viele Menschen eine inzwischen vertraute und lieb gewonnene Form der Kommunikation darstellt.
  6. Die Telefonseelsorge ist kein isoliertes Unternehmen und kann es auch nicht sein. Seit den Anfängen war sie vernetzt mit anderen Hilfsdiensten vor Ort. Der sechste Abschnitt zeigt einige dieser Bezüge auf. Telefonseelsorge ist entstanden als Maßnahme der Suizidprävention. Diese präventive Funktion hat sie bis heute und ist deshalb verbunden mit anderen regionalen Krisendiensten. Dieses Netzwerk beschreibt Rosemarie Schettler in ihrem Artikel "TelefonSeelsorge, Krisendienste und die Suizidprävention - "Keiner bringt sich gern um"". Krisenintervention und -beratung bietet auch die OT-Arbeit, die Ludwig Schumann darstellt. Und schließlich stellt das von Jürgen und Stefanie Schramm dargestellte Jugendtelefon eine weitere Möglichkeit dar, Beratung mit höherer Zielgruppengenauigkeit anzubieten, bei der Jugendliche von Jugendlichen beraten werden.
  7. Der siebte Abschnitt weitet die Perspektive unter dem Titel "Telefonseelsorge in Kirchen und Gesellschaft". Klaus-Peter Jörns bedenkt "Das Verhältnis von Theologie und Kirche zur TelefonSeelsorge" und beschreibt den Dienst als "die Wiedergewinnung des Nachtgesichtes in einer taggesichtigen Kirche". Uwe Müller beschreibt die Strategien der Öffentlichkeitsarbeit der Telefonseelsorge, und den abschließenden Artikel des Bandes bildet die Öffentlichkeitsarbeit der Deutschen Telekom, die seit 1997 die gebührenfreien Nummern für die evangelische und die katholische Telefonseelsorge zur Verfügung stellt.
  8. Ein achter Abschnitt umfasst ein Literatur- und ein Adressverzeichnis, eine Organigramm der Telefonseelsorge und ein Verzeichnis der AutorInnen.

Diskussion

Die Darstellung des Inhaltes allein zeigt schon, dass das Metier der Telefonseelsorge sehr umfassend dargestellt wird. Das macht das Buch wertvoll für jeden, der sich über diese Arbeit informieren möchte. Es handelt sich bei den Beiträgen um einen Blick auf ein und dasselbe Thema aus unterschiedlichen Perspektiven. Das bedingt, dass in vielen Beiträgen dieselben Dinge angesprochen werden. Es mag einen bei der Lektüre stören, wenn man zum fünften Mal liest, dass die Scherzanrufe mit der Verbreitung von Mobiltelefonen bei Jugendlichen überdimensional zugenommen haben oder die regionale Vernetzung der Hilfe aufgrund der mangelnden regionalen Zuordnungsmöglichkeiten bei Anrufen aus Mobilnetzen schwierig geworden ist. andererseits stehen die wiederholt auftauchenden Themen jedes Mal in einem anderen Kontext, weil sie eine Bedeutung auch in diesem Zusammenhang hat.

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob es mit der eingangs benannten kirchlichen Situation zu tun hat, dass der Band in der Summe der Beiträge wie eine leicht apologetisch getönte Leistungsschau der Telefonseelsorge wirkt. Was ich meine, ist dieses: die Schwierigkeiten, die beschrieben werden, kommen ausnahmslos von außen: veränderte technische Rahmenbedingungen, verändertes Anruferverhalten, Sexanrufe etc. Ich hätte mir wenigstens einen Beitrag zu inneren Problemen der Telefonseelsorge gewünscht. Zum Beispiel kann ich mir aus supervisorischer Erfahrung kaum vorstellen, dass die Zusammenarbeit von Haupt- und Ehrenamtlichen nicht von Konflikten belastet ist. Die scheint aber nicht einmal in der Supervision in den Blick zu kommen. Ich könnte mir mühelos spontan noch weitere konfliktträchtige Themen vorstellen. Der Umgang mit inneren Konflikten ist auch ein Gradmesser der Professionalität einer Organisation.

Über die abgedruckten Beiträge kann man aber in jedem Fall sagen, dass sie von Engagement sowie solider Praxiserfahrung und -reflexion geprägt sind und ich sie ausnahmslos mit Gewinn gelesen habe. Der Beitrag der Deutschen Telekom sei verziehen - er dient dem Sponsorengrundsatz "Tue Gutes und rede darüber". Warum auch nicht, wenn es der Sache dient? Ich würde mir wünschen, dass der Band auf jeden Fall von all denen gelesen wird, die über diese Arbeit zu urteilen haben - aus welchen Gründen auch immer. Nach der Lektüre werden sie auf jeden Fall wissen, wovon sie reden! Empfehlen möchte ich ihn aber auch den MitarbeiterInnen in diesem Bereich. Ich könnte mir vorstellen, dass er noch manch eine Entdeckung birgt. 

Fazit

Ein "Handbuch", das seinen Namen verdient und wenigstens in jeder Dienststelle verfügbar sein sollte!


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
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Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 28.07.2007 zu: Traugott Weber (Hrsg.): Handbuch Telefonseelsorge. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2006. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-525-62386-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4135.php, Datum des Zugriffs 25.07.2017.


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