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Werner Heun, Martin Honecker u.a. (Hrsg.): Evangelisches Staatslexikon

Cover Werner Heun, Martin Honecker, Martin Morlok, Joachim Wieland (Hrsg.): Evangelisches Staatslexikon. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2006. 1504 Seiten. ISBN 978-3-17-018416-9. 128,00 EUR, CH: 202,00 sFr.

Subskriptionspreis bis 31.12.2006: € 98,00 /sFr 155,00.
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Autoren

Das evangelische Staatslexikon wird von namhaften Juristen und Theologen herausgegeben. Herausgeber sind

  • Prof. Dr. Werner Heun (Allgemeine Staatslehre und Politische Wissenschaft, Universität Göttingen),
  • Prof. em. Dr. Martin Honecker (Systematische Theologie und Sozialethik, Universität Bonn),
  • Prof. Dr. Martin Morlock (Öffentliches Recht, Rechtstheorie und Rechtssoziologie, Universität Düsseldorf) sowie
  • Prof. Dr. Joachim Wieland (Öffentliches Recht, Finanz- und Steuerrecht, Universität Frankfurt am Main).

Weitere namhafte Autoren der über 400 Artikel sind u.a.

  • Prof. Dr. Wolfgang Huber (Ratsvorsitzender EKD, Berlin),
  • Prof. Dr. Traugott Jähnichen (Theologie, Universität Bochum) und
  • Dr. Hermann Barth (Präsident des Kirchenamtes der EKD, Hannover).

Die Autoren verfügen über umfassende Kenntnisse des Staatsrechts sowie der Theologie und angrenzender Wissenschaften und ermöglichen damit eine fundierte und umfassende Behandlung des Themas.

Inhalt

Das evangelische Staatslexikon bietet in über 400 Artikeln auf über 1500 Seiten eine sehr detaillierte Übersicht über den aktuellen Stand des Wissens über Staat, Recht, Gesellschaft und Kirche. In der Regel wird der entsprechende Begriff zuerst allgemein auf dem Stand der entsprechenden Wissenschaft erläutert und anschließend eine theologische Wertung vorgenommen. Es handelt sich um die vierte Auflage (1966, 1975, 1987), die einerseits durch die politische Entwicklung Deutschlands, andererseits durch neue Herausforderungen, wie z.B. die Globalisierung notwendig wurde. Der Leser erhält in den über 400 Stichpunkten einen umfassenden und kompetenten Überblick über den State-of-the-Art des Wissens sowie theologische Erwägungen über die Bedeutung und Bewertung des jeweiligen Stichpunktes.

Dem Buch sind ein Vorwort zur Neuauflage vorgeschaltet, ein Verzeichnis der Autorinnen und Autoren (ohne genaue Angabe der Adresse bzw. des Fachgebietes) und ein Abkürzungsverzeichnis, es folgt an die Behandlung der Stichpunkte ein ausführliches Personen- und Sachregister.

Bewertung

Das vorliegende Lexikon ist in seiner Kompetenz und Ausführlichkeit uneingeschränkt empfehlenswert. Die behandelten Stichpunkte sind auch für den Fachfremden verständlich dargestellt, ohne jedoch an Detailliertheit und Präzision zu leiden. Zu kritisieren bleibt, dass die Zielgruppe der Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler in diesem Lexikon zu kurz kommt. Der Fokus liegt eindeutig auf Theologen und Juristen. Staat und Gesellschaft werden hingegen immer häufiger gerade von der praktischen Ökonomie (Betriebswirtschaftlehre) geprägt. Dies findet jedoch in dem vorliegenden Lexikon keinen Niederschlag.

  • Beispiel 1: Stichpunkt Steuerung. Zuerst fällt auf, dass die Begriffe Management und Führung, d.h. zentrale Begriffe der Gesellschaft, vollständig fehlen. Es findet sich lediglich der Begriff "Steuerung", der jedoch sofort auf die politische Steuerung eingegrenzt wird. Eine Herleitung aus der Kybernetik, d.h. aus der Steuerungskunst, wäre hier sinnvoll gewesen und hätte eine größere Allgemeinverbindlichkeit für gesellschaftsrelevante Steuerungsprozesse impliziert. Die Abgrenzung der Systemsteuerung vom - leider heute häufig sehr verkürzten - Managementansatz hätte auch die gesellschaftliche Bedeutung von Führung und Steuerung betonen können. Stattdessen konzentriert sich der Stichpunkt auf New Public Management, also auf eine Subdisziplin. Eine gesellschaftliche Perspektive geht damit verloren. Weiterhin kann kritisiert werden, dass der Begriff "Ökonomisierung" negativ belegt wird. Da die Ökonomie die Lehre von der Knappheit ist, impliziert "Ökonomisierung" lediglich, dass Güter knapp werden. Dies ist jedoch weder die Schuld des Staates noch der Wirtschaft. Eine Vermeidung von Verschwendung durch die Anwendung von Management sollte nicht negativ assoziiert werden.
  • Beispiel 2: Entscheidungstheorie. Eine ähnliche Engführung erfährt der Begriff der Entscheidungstheorie, der ausschließlich auf Public Choice zurückgeführt wird. Planung und Entscheidung sind essentielle Dimensionen der menschlichen Existenz, unabhängig ob es sich um ein Individuum, einen Betrieb oder einen Staat handelt. Die Gesellschaft besteht eben nicht nur aus dem Staat, sondern gerade im kirchlichen Kontext aus sehr vielen Nonprofit bzw. Nongovernmental Organisationen. Die Ausführungen zu Public Choice sind korrekt - hinterlassen jedoch den Eindruck, als ob die Entscheidungstheorie bei Planungs- und Entscheidungsproblemen der Kirchen (auch und gerade bei der Kooperation mit dem Staat und untereinander) und der vielen kirchlichen Unternehmen (z. B. der Diakonie) nichts zu sagen hätte. Gerade die moderne, stärker betriebswirtschaftlich ausgerichtete Entscheidungstheorie hat Methoden entwickelt, die kirchlichen Nonprofit Organisationen mit mehrdimensionalen Zielsystemen eine rationale Entscheidungsfindung erleichtern. Zu diskutieren wäre hier beispielsweise die Data Envelopment Analysis (DEA).
  • Beispiel 3: Armut. Auch in diesem letzten Beispiel (Armut) kann die Reduktion des Erkenntnisobjektes nachvollzogen werden. Armut wird hier überwiegend soziologisch gesehen. Grundlegende und in der Literatur eindeutig belegbare Ursachen für Armut und Reichtum (z.B. Sparquote, Fleiß, Intelligenz) werden nicht erwähnt. Im Falle der Armut von Entwicklungsländern zieht sich die Argumentation hauptsächlich auf die Dependenztheorie zurück und verkürzt damit das Armutsproblem in Entwicklungsländern unangemessen. Es wäre auch zu diskutieren gewesen, in wie weit die Marktwirtschaften seit der industriellen Revolution zumindest in Europa eine Grundlage für einen nie gekannten Massenreichtum geschaffen haben, und ob die Soziale Marktwirtschaft hierfür in Deutschland und vielleicht sogar weltweit eine zukünftige Gewähr bietet. Weiterhin fällt auf, dass eine Auseinandersetzung mit dem Armutsbegriff in der Bibel ebenso fehlt wie die neuere Armutsdebatte in Kirche und Diakonie.

Diese Kritik soll nicht die grundsätzliche Aussage abschwächen, dass das Evangelische Staatslexikon die einzelnen Stichpunkte sehr kompetent darstellt. Allerdings wird der Staatsbegriff relativ eng gefasst, so dass die im Vorwort versprochene Information aus den Nachbardisziplinen nur sehr einseitig und eingeschränkt stattfindet. Dies ist angesichts des bereits erheblichen Seitenumfangs verständlich, erschwert jedoch das Erreichen des selbst gesteckten Ziels des Lexikons, einen "Beitrag zur Lösung der Fragen unserer Zeit in Kirche und Staat" zu leisten.

Im Rahmen einer Rezension ist es nicht möglich, die Stichpunkte einzeln zu würdigen. Auffällig ist allerdings, dass für die Gesellschaft höchst relevante Stichpunkte, die sich jedoch in Theologie und Jura noch nicht wieder finden, in diesem Lexikon fehlen. Wie oben beschrieben, sucht man die Begriffe Management und Führung vergeblich. Ebenso gibt es kein Kapitel zu Dynamik, Wandel oder Innovation. Ein Staatslexikon, das sich insbesondere mit den rapiden Veränderungen unserer Mikro- und Makrogesellschaft auseinandersetzt, hätte hierin einen besonderen Wert legen sollen.

Ebenso haben obige Beispiele gezeigt, dass sich in einigen Artikeln eine Tendenz zu einer Kritik des ökonomischen Systems wieder findet, die nicht mit Argumenten untermauert wird. Beispielsweise wird der Begriff des Marktversagens ausführlich diskutiert, während das Staatsversagen weder als Stichpunkt noch im Register anzutreffen ist.

Fazit

Das Evangelische Staatslexikon ist mit einem Preis von 98,00 € (Subskriptionspreis) für alle Praktiker und Wissenschaftler eine gute Investition, die ausführliche und kompetente Informationen zu Staat und Gesellschaft suchen und diese mit einer theologischen Basis zu verknüpfen suchen. Es ist zu erwarten, dass auch diese Ausgabe viele Jahre den aktuellen Stand der Wissenschaft darstellt und deswegen nachhaltig genutzt werden kann. Der Käufer muss sich allerdings dessen bewusst sein, dass es sich um ein überwiegend geisteswissenschaftliches bzw. juristisches Werk handelt.


Rezension von
Prof. Dr. Steffen Fleßa
Universität Greifswald, Department of Health Care Management
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Zitiervorschlag
Steffen Fleßa. Rezension vom 19.12.2006 zu: Werner Heun, Martin Honecker, Martin Morlok, Joachim Wieland (Hrsg.): Evangelisches Staatslexikon. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2006. ISBN 978-3-17-018416-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4140.php, Datum des Zugriffs 29.11.2020.


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