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Andrea Dittmann-Dornauf: [..] Qualitätsentwicklung in der freizeitorientierten Arbeit [..]

Cover Andrea Dittmann-Dornauf: Arbeitshilfe zur Qualitätsentwicklung in der freizeitorientierten Arbeit mit Menschen mit geistiger Behinderung. Zentrum für Planung und Evaluation Sozialer Dienste (Siegen) 2005. ISBN 978-3-934963-13-9. 21,40 EUR.

ZPE-Schriftenreihe Nr. 16.
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Überblick

Das Thema „freizeitorientierte Arbeit mit Menschen mit geistiger Behinderung“ ist für Behinderteneinrichtungen meist wenig bedeutsam, weil im Vordergrund eine angemessene Grundversorgung der NutzerInnen steht. Freizeitangebote und die kritische Reflexion der Praxis sind möglich, wenn ausreichend Personal- und sonstige Ressourcen vorhanden sind. In der Behindertenhilfe zeigen sich in diesem Zusammenhang widersprüchliche Tendenzen: Einerseits wird die freizeitorientierte Arbeit im Kontext von Ambulantisierung und Lebensqualität-Debatten immer bedeutender. Sie soll u. a. dem subjektiven Wohlgefühl dienen, präventiv vor Vereinsamung schützen und individuelle Entwicklungspotentiale fördern. Andererseits drohen Einsparungen gerade den Freizeitbereich besonders zu treffen. Die vorliegende Arbeitshilfe setzt sich zum Ziel, die Angebote "anhand fachlicher, praxisnaher Qualitätsstandards systematisch zu prüfen und die Qualität ihrer Arbeit und Angebote zielgerichtet weiter zu entwickeln". (S. 50) Eine trägerübergreifende Arbeitsgruppe präsentiert mit dem vorliegenden Buch ihre Ergebnisse in Kooperation mit dem ZPE (Zentrum für Planung und Evaluation Sozialer Dienste an der Universität Siegen). Mitgearbeitet haben aus verschiedenen Münchner Diensten: Susanne Hoff (Freizeitdienst Ev.-Luth.), Georg Hohenester (Freizeitdienst der Lebenshilfe), Elisabeth Kluska (Freizeitdienst der Lebenshilfe), Ingrid Malburg (Lebenshilfe München e.V.), Michael Ruoff (Freizeitdienst Lebenshilfe), Sigrid Stieren (Freizeitdienst Lebenshilfe), Richard Strodel (Freizeitdienst Ev.-Luth.). Idealtypische Merkmale (Maximalstandards) wurden für die Freizeit in ähnlicher Weise wie bei den Instrumenten LEWO, AQUA-FUD, AQUA-UWO definiert (LEWO = Lebensqualität in Wohnstätten für Menschen mit geistiger Behinderung, AQUA-FUD = Arbeitshilfen zur Qualitätsentwicklung in Familienunterstützenden Diensten, AQUA-UWO = Arbeitshilfen zur Qualitätsentwicklung in Diensten für Unterstütztes Wohnen von Menschen mit geistiger Behinderung).

Aufbau und Inhalt

Die Arbeitshilfe ist in vier Kapitel eingeteilt.

  • In Kapitel eins und zwei wird eine theoretische Einführung in den Lebensbereich "Freizeit" vorgenommen. Einige empirische Befunde zum Freizeitverhalten von Menschen mit bzw. ohne geistige Behinderung werden verglichen. Zudem werden Konzepte und zeitliche Veränderungen in der Grundauffassung beschrieben (S. 5 - 38). In den neunziger Jahren wurde beispielsweise die Freizeiterziehung und -förderung durch ein "selbstbestimmtes subjektives Vergnügen der Beteiligten" (S. 28) ersetzt. Selbstbestimmung, Empowerment, soziale Integration und Inklusion bilden die neuen Schlüsselmerkmale von freizeitorientierten Hilfen. Daraus leitet Dittmann-Dornauf auf konzeptioneller Ebene zwei unterschiedliche Handlungsebenen für freizeitorientierte Hilfen und Angebote ab. "Die Erschließung neuer öffentlicher und allgemeiner Freizeitangebote durch die Schaffung von Rahmenbedingungen" und "Die Bereitstellung einer großen Palette unterschiedlicher Freizeitangebote für Menschen mit geistiger Behinderung als Bestandteil eines selbstbestimmten Lebens." (S. 30)
  • Das zweite Kapitel beinhaltet eine kurze Darstellung des Qualitätsdiskurses und des angewendeten Qualitätsverständnisses (S. 39 - 47). Die eigentliche Arbeitshilfe beginnt mit Kapitel drei.
  • Die Autorin beschreibt Zielsetzung und Aufbau, definiert Indikatoren und Einsatzmöglichkeit. Sie bietet Anregungen zur Koppelung mit weiteren Systemen des Qualitätsmanagements (Qualitätshandbuch, -zirkel).
  • Der umfangreichste Teil beinhaltet Kapitel vier (S. 72 - 234). Hier werden die folgenden 15 Aufgabenfelder und Gegenstandsbereiche vorgestellt: Club-/Gruppenarbeit; Veranstaltungen und Aktionen; Offene Arbeit; Erwachsenenbildung für Menschen mit geistiger Behinderung; Angebote von Reisen für Menschen mit geistiger Behinderung; Unterstützung von Selbsthilfegruppen; Beziehungsgestaltung zwischen MitarbeiterInnen und TeilnehmerInnen; Zusammenarbeit mit ehrenamtlichen MitarbeiterInnen; Zusammenarbeit mit Eltern und Angehörigen; Führung und Zusammenarbeit; Qualifikation, Auswahl und Einarbeitung der pädagogischen MitarbeiterInnen; Fortbildung und Supervision; Dokumentation und Evaluation; Standort und Ausstattung; Darstellung des Dienstes in der Öffentlichkeit. 
    Am Beispiel des Gegenstandsbereichs: Beziehungsgestaltung zwischen MitarbeiterInnen und TeilnehmerInnen stelle ich - skizzenhafte - die Arbeitshilfe vor. Die Autorin formuliert zuerst einen Basistext. Im Basistext werden die einzelnen fachlichen Standards abgeleitet und begründet. Zusammenfassend entsteht eine Prüfliste, die mit Hilfe einer vierstufigen Skala bewertet wird: Trifft zu = 1. Trifft eher zu = 2. Trifft eher nicht zu = 3. Trifft nicht zu = 4. Eine Gesamteinschätzung beendet den Verfahrensabschnitt. Für den Gegenstandsbereich Beziehungsgestaltung bestimmt Dittmann-Dornauf folgende Indikatoren (Auszug): "Fachliche Standards: 1. Die MitarbeiterInnen des Freizeitdienstes machen gegenüber den TeilnehmerInnen deutlich, welche Charakter sie der Beziehung zu ihnen beimessen und wo die Grenzen verlaufen. 2. Bei allen Aktivitäten des Freizeitdienstes werden die Zuständigkeiten und Rollen aller Beteiligten für alle transparent gemacht. 3. Die Beziehungen zwischen TeilnehmerInnen und MitarbeiterInnen werden von beiden Seiten gleichberechtigt gestaltet, indem alle Beteiligten Wünsche einbringen können. 4. Die MitarbeiterInnen des Freizeitdienstes orientieren sich in der Beziehungsgestaltung zu den TeilnehmerInnen am Assistenzmodell und beachten deren Recht auf Selbstbestimmung. 5. Die MitarbeiterInnen reflektieren regelmäßig das Machtgefälle in ihrer Beziehung zu den TeilnehmerInnen und ihre eigenen Anteile daran (...)" (S. 150) Am Ende des Gegenstandsbereichs wird eine Gesameinschätzung vorgenommen, die möglicherweise zu weiteren Qualitätsentwicklungsschritten führen. Dittmann-Dornauf sieht die zentrale Einsatzmöglichkeit des Instruments in der internen Selbstevaluation (Beurteilung, Einschätzung). Darüber hinaus kann mit den Indikatoren ein fachlicher Austausch angeregt werden, sowie eine Konzeptentwicklung von freizeitorientierten Hilfen erfolgen.

Zielgruppe

MitarbeiterInnen von Einrichtungen der Behindertenhilfe, insbesondere Qualitätsbeauftragte im Bereich der freizeitorientierten Angebote bilden die Zielgruppe der Arbeitshilfe. Studierende mit dem Schwerpunkt Heil- und Behindertenpädagogik gewinnen einen differenzierten Blick zum Thema Qualitätsentwicklung im Freizeitbereich.

Diskussion

Die Arbeitshilfe ist das Ergebnis einer Arbeitsgruppe aus der Praxis. Es wurde auf eine freundliche Lesbarkeit und Nützlichkeit der Informationen geachtet. Die angeführten Indikatoren sind Maximalstandards d. h. sie sollen einen optimalen Wert abbilden. Die teilweise hohe Zahl der Standards sind in der Praxis meist nicht 1:1 zu übernehmen. Ein flexibler Einsatz der Arbeitshilfe wird deshalb empfohlen. Mit Arbeitshilfe wird auch der hohe Stellenwert von freiwilligen bzw. ehrenamtlichen MitarbeiterInnen im Freizeitbereich thematisiert. Das Verhältnis zwischen professionellen und nicht-professionellen MitarbeiterInnen kommt in mehreren Teilabschnitten vor.

Fazit

Für den Freizeitbereich in der Behindertenhilfe gibt es nur wenig systematisierte Arbeitshilfen, insofern ist das vorliegende Buch eine umfassende und detaillierte Zusammenstellung zentraler Qualitätsmerkmale. Es bietet zahlreiche konkrete Anregungen und Informationen für Entwicklungen von freizeitorientierten Hilfen. Der Nachweis von "guter Praxis" kann dadurch dokumentiert werden. Vielleicht geht aber die Frage nach qualitativer Arbeit im Freizeitbereich über die vorstrukturierten Prüflisten hinaus. Vielleicht müsste bei der Anwendung dieser Arbeitshilfe diskutiert werden, inwieweit sich erlebte Beziehungserfahrungen mit einer Standarddokumentation erfassen lassen oder ob dafür alternative Dokumentationsformen (pädagogisches Tagebuch) erforderlich werden.


Rezensent
Prof. Dr. Reinhard Burtscher
Kath. Hochschule für Sozialwesen Berlin (KHSB), Studiengang Heilpädagogik
Homepage www.khsb-berlin.de
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Zitiervorschlag
Reinhard Burtscher. Rezension vom 07.01.2007 zu: Andrea Dittmann-Dornauf: Arbeitshilfe zur Qualitätsentwicklung in der freizeitorientierten Arbeit mit Menschen mit geistiger Behinderung. Zentrum für Planung und Evaluation Sozialer Dienste (Siegen) 2005. ISBN 978-3-934963-13-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4146.php, Datum des Zugriffs 22.11.2019.


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