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Heinrich Dauber, Ralf Zwiebel (Hrsg.): Professionelle Selbstreflexion

Cover Heinrich Dauber, Ralf Zwiebel (Hrsg.): Professionelle Selbstreflexion aus pädagogischer und psychoanalytischer Sicht. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2006. 249 Seiten. ISBN 978-3-7815-1458-4. 21,00 EUR.

Schriftenreihe zur humanistischen Pädagogik und Psychologie.
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Thema

Dieser Sammelband basiert auf den besonderen Erfahrungen in der Kasseler Lehrerausbildung, in der seit der Hochschulgründung die psychoanalytische Kulturtheorie in einen produktiven Austausch mit der pädagogischen Profession getreten ist und sich über diverse Projekte den Möglichkeiten der kritischen Selbstreflexion genähert hat. Entscheidend für den Pädagogen ist die Ausbildung einer inneren Haltung, die darauf abzielt, sowohl die Situation des Pädagogen wie die des Schülers in den jeweiligen sozialen und institutionellen Kontexten wahrzunehmen und zu reflektieren. Dafür braucht es eine personale Selbstkompetenz, für die sich im Rahmen der Hochschulausbildung der Weg bahnen lässt, wie sich die Herausgeber im Vorwort entsprechend vorsichtig äußern. "In diesem Sinne bildet Selbstreflexion auch ein wichtiges Brückenkonzept zwischen Psychoanalyse und Pädagogik" (9).

Das Buch liefert konzeptionelle Begründungen für den Zusammenhang von Profession und Selbstreflexion durch Dauber, Zwiebel und Warsitz und es stellt Seminarformen und Projekte als Zugänge für Studierende und angehende Lehrer vor - hier werden neben den Kasselaner Erfahrungen ausnahmsweise auch solche aus Hamburg mit einbezogen.

Inhalt

Während Dauber einen weiten geisteswissenschaftlichen Bogen spannt und neben der Psychoanalyse die theologische Begründung von Buber, die gestalttherapeuthische von Perls und die tantrische Spiritualität im Hinblick auf die jeweilige Relevanz von Selbstreflexion heranzieht, fokussiert der zweite Beitrag die psychoanalytische Perspektive. Zwiebel zeigt auf, wie Pädagogen - und hier vor allem Lehrer - in ihrem "unmöglichen Beruf" mit den Bipolaritäten zwischen Verstehen und Nicht-Verstehen, Aktivität und Passivität, Assoziieren und Strukturen durch gleichschwebende Aufmerksamkeit, teilnehmende Beobachtung und eine entsprechende Haltung umgehen können, indem sie der Versuchung widerstehen, die Bipolarität durch Abspaltung aufzulösen. Die dazu geforderte Professionalität ist einerseits hoch-elaboriert und erfordert einen langen Lernprozess, und sie ist andererseits in jedem Menschen vorhanden und gehört zu unseren grundlegenden Fähigkeiten auf der Basis von Beziehungserfahrungen. Allerdings wird für den professionellen Pädagogen wichtig, auch die Kontextualität einzubeziehen, was hier vor allem bedeutet: die Schule als Institution und die thematischen Lerninhalte (59). Auch der dritte Beitrag zur Theorielegung ist nicht weniger interessant, zumal sich Warsitz auch mit zwei, wie er es nennt "missverständlichen Versionen" von psychoanalytischer Selbstreflexion kritisch auseinandersetzt, der von Karl Jaspers und der von Jürgen Habermas

Selbstreflexion führt nach Warsitz nicht zu einer Abkehr von gesellschaftlichen Verhältnissen im Sinne einer inneren Immigration, sondern macht die Schattenseiten und Brüche des modernen Selbst sichtbar, spürbar und vor allen benennbar, "bevor sie sich möglicherweise auch verändern" lassen (82).

Die anschließenden Seminar- und Projektberichte zeigen sehr gut auf, wie eine Verknüpfung von Theoriearbeit und Selbstreflexion gelingen kann und unterscheidet sich somit maßgeblich von reiner Selbsterfahrung und von therapeutischen Settings. So haben Dauber und Zwiebel die folgende Erwartung an die Studierenden in einem Seminar zur dialogischen Selbstreflexion für die "begrenzte Teilnehmerzahl von 50 Studierenden" formuliert: Neben der regelmäßigen Teilnahme, aktiven Mitarbeit und Lektüre der ausgeteilten Texte wird erwartet, an den ausgewählten Übungen in der Gruppe teilzunehmen und jede Woche von jedem Studierenden einen subjektiven Kommentar zur vergangenen Sitzung von maximal einer Seite zu schreiben. Die beiden Dozenten haben diese Kommentare jeweils wöchentlich gelesen und den Studierenden in der kommenden Woche über einen Kommentar ihrerseits zurückgegeben. Die besondere Aufmerksamkeit der Seminarleiter für äußere und innere Vorgänge hat die assoziative Selbstbeobachtung der Studierenden offensichtlich erheblich gefördert.

Garlichs und Lahme-Gronostaj stellen ein überzeugendes studentisches Ausbildungsprojekt vor, das allerdings bereits einschlägig publiziert wurde. Das Projekt stellt Studierenden "die Aufgabe, ein schwieriges oder bedürftiges Kind mindestens ein Jahr lang zu begleiten und entwicklungsförderliche Bedingungen herzustellen" (173). Dieser starken Anforderung wird ein Netz an solider fachlicher Begleitung und Reflexion zur Seite gestellt. Es gibt erstens eine Kleingruppe zur fallspezifischen Beratung, zweitens eine Supervisionsgruppe zur Reflexion von Beziehungen und Gefühlen und drittens Foren mit Schwerpunktthemen, die auch hochschulöffentlich sind und fachliche Fundierungen herausfordern. Die Studierenden berichten abschließend nach diesem Jahr über "tiefgreifende Erfahrungen mit fremden Kindheitswelten, mit der eigenen Rolle und mit der Schule aus der Sicht eines Kindes" (184). Die Autorinnen zitieren eine ehemalige Studentin, die vier Jahre nach dem Projekt davon berichtete, wie sie auf diese Weise für die Problematik von "Schulversagern" sensibilisiert wurde. Auch wenn sie sich im Lehreralltag nicht mehr so intensiv auf das einzelne Kind einlassen kann, so habe ihr die exemplarische Auseinandersetzung mit einem Einzelschicksal gezeigt, wie wirklich wichtig ihre Arbeit ist bzw. sein kann.

Ein weiteres aufschlussreiches Ausbildungsprojekt thematisiert die Generationendifferenz im Rahmen einer zweisemestrigen Lehrveranstaltung. Es wird ein "Erzählcafé" organisiert, an dem drei Generationen beteiligt sind: die Senioren/innen, die Studierenden und die Schüler/innen. Dazu werden jeweils Erinnerungsgegenstände als Erzählanlässe mitgebracht; man arbeitet zunächst in kleinen generationengemischten Gruppen mit Hilfe von Spielen oder Collagen und beendet das Erzählcafé in einer Abschlussrunde mit einem Spiel oder Ähnlichem. Die Studierenden übernehmen sowohl die Moderation wie auch die Aufzeichnung der Beobachtungen und setzen qualitative Forschungsmethoden ein. Die Auswertungen zeigen, dass neben dem intergenerativen Austausch erhebliche Selbstreflexionspotentiale über die je eigene Generation und die je subjektiven Erfahrungen in Gang gebracht werden. Sie ermöglichen die Analyse des eigenen Standpunktes. Zudem trägt das Projekt dazu bei, das kinderkulturelle Leben - anders als im Lehrerberuf üblich - nicht als Beeinträchtigung des Unterrichts sondern als Bereicherung wahrzunehmen und zu nutzen.

Fazit

Das vorliegende Buch ist eine Bereicherung für alle in der Hochschule Lehrenden, die Selbstreflexion in einem fachlich gestützten Setting einsetzen oder einsetzen möchten. Es bietet eine Fülle von Anregungen und hat auch mich selbst - der ich in der Ausbildung von Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen tätig bin - stimuliert, die in unserer Hochschule eingesetzten Lernmethoden im Modul "Reflexion und Selbstreflexion" systematisch auszuwerten und in nachvollziehbare Erfahrungsberichte zu gießen. Denn zumeist konzentrieren wir uns in der Forschung auf jene pädagogische Praxis - wie in Schule und Jugendhilfe -, für die wir ausbilden und zu wenig auf jene pädagogische Praxis, in die wir selbst involviert und an der wir als Subjekte beteiligt sind. 

Auch in dieser Hinsicht finde ich das Buch mutig und beispielgebend.


Rezension von
Prof. Dr. Achim Schröder
Jugend- und Bildungsforscher mit den Schwerpunkten Adoleszenz und politische Jugendbildung http://www.sozarb.h-da.de/politische-jugendbildung https://twitter.com/achschroeder
Homepage www.fbs.h-da.de


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Zitiervorschlag
Achim Schröder. Rezension vom 28.01.2008 zu: Heinrich Dauber, Ralf Zwiebel (Hrsg.): Professionelle Selbstreflexion aus pädagogischer und psychoanalytischer Sicht. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2006. ISBN 978-3-7815-1458-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4159.php, Datum des Zugriffs 17.10.2021.


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