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Jennis Freyer: Motivation zur Inanspruchnahme formeller Hilfen bei Alkoholproblemen

Cover Jennis Freyer: Motivation zur Inanspruchnahme formeller Hilfen bei Alkoholproblemen. Das Treatment-readiness-Tool (TReaT). Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2006. 189 Seiten. ISBN 978-3-8300-2361-6. 58,00 EUR.

Schriftenreihe Forschungsergebnisse zur Suchtprävention, Band 7.
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Thema

Jennis Freyer entwickelt und überprüft in ihrer Arbeit einen Fragebogen (Lang- und Kurzversion) zur Erfassung der Motivation von  Menschen mit Alkoholproblemen, formelle Hilfen (suchtspezifische professionelle Hilfen sowie Selbsthilfegruppen) in Anspruch zu nehmen.  Dabei geht sie wissenschaftlich sehr korrekt und gekonnt vor und schließt alle Nebenfragen, so bedeutsam sie für weitere Untersuchungen auch sind,  konsequent aus.

Aufbau und Inhalt

Nach eine kurzen Einleitung gibt die Autorin im 2. Kapitel eine Überblick über den "Problematischen Alkoholkonsum": Rauschtrinken ("Binge-Drinking"), Alkoholmissbrauch und -abhängigkeit, einschließlich der daraus resultierenden Gesundheitsschäden. Dem folgen - begründet ausgewählt aber differenziert und aufeinander aufbauend - "Theorien zum Gesundheitsverhalten und zur Inanspruchnahme", unterteilt nach Theorien, die Gesundheitsverhalten als Kontinuum definieren (u.a. Modell gesundheitlicher Überzeugungen, Selbstwirksamkeitstheorie, Stress- und Copingmodell) und Theorien zum kategorialen Verständnis von Gesundheitsverhalten. Letzteren ist das für die Arbeit von Jennis Freyer grundlegende "Transtheoretische Modell der intentionalen Verhaltensänderung"

(TTM) von Prochaska und DiClemente zuzuordnen, das 5 Stadien der Verhaltensänderung postuliert: Absichtslosigkeit, Absichtsbildung, Vorbereitung, Handlung, Aufrechterhaltung (und eventuell Rückfall).  In ihrer Arbeit subsumiert sie unter dem Begriff "Motivation" die prä-aktionalen Prozesse (die ersten drei Stadien nach dem TTM) und die aktionalen Prozesse (das 4. und 5. Stadium nach dem TTM) und diskutiert weiter die Verbindung zwischen Motivation und Behandlungserfolg. Dabei unterscheidet sie strikt zwischen Verhaltensänderungsmotivation und Inanspruchnahmemotivation. Verschiedene Studien belegen die Bedeutsamkeit dieser Unterscheidung, wobei verständlicherweise der Erfolg da am größten war, wo beide Motivationstypen vorlagen.

Zusammenfassend definiert Jennis Freyer noch einmal knapp das zentrale Ziel ihrer Arbeit, nämlich die "Entwicklung eines Instruments zur Erfassung der Inanspruchnahmemotivation bei Alkoholproblemen" und zwar, in Erweiterung vorliegender Erfassungsinstrumente, das für eine behandlungssuchende wie für eine nicht behandlungssuchende Population geeignet ist und zudem das oben erwähnte Stadienmodell des TTM berücksichtigt. Für ihre Untersuchung formuliert sie dann 20 Thesen, deren Überprüfung ihre Untersuchung dient.

Der nächste Schritt ist die Entwicklung des "Treatment Readiness Tools (TReaT)" mit insgesamt 23 Items: 6 bezüglich Absichtslosigkeit, 7 bezüglich Absichtsbildung und 10 bezüglich Vorbereitung. Dieser Fragebogen bietet die Grundlage für die Untersuchung mit einer Stichprobe von 748 Probanden für die Validierung des Fragebogens an vier Allgemeinkrankenhäusern nach einem systematischen Alkoholscreening und einer Diagnostik der einzelnen Alkoholprobleme (Rauschtrinken, Alkoholmissbrauch und -abhängigkeit). Die technisch-empirische Durchführung der Untersuchung ist sehr sorgfältig und kritisch vorgenommen worden, entzieht sich aber, mangels genügend differenzierter Kenntnisse des Rezensenten in diesem Bereich, einer angemessenen Beurteilung. An einer qualitativ hochwertigen Bearbeitung nach den Regeln der Kunst, besteht allerdings kein Zweifel. Die Forschungsergebnisse, die Jennis Freyer wiederum kritisch und sehr differenziert dargestellt hat, weisen nach, dass der TReaT - Fragebogen in seiner Lang- und Kurzversion ein geeignetes Instrument zur Erhebung der Inanspruchnahme-Motivation darstellt und zugleich, dass diese von der Veränderungsmotivation zu unterscheiden ist. Letztere mag in vielen Fällen eine notwendige Voraussetzung für eine darauf folgende Inanspruchnahme sein, ist dafür aber keine ausreichende Voraussetzung.

Diskussion

Die Arbeit von Jennis Freyer ist der Klinischen Psychologie zuzuordnen hat aber auch eine hohe Relevanz für die außerklinische Praxis der Suchtkrankenhilfe oder allgemeiner für die Gesundheitsförderung. Das wäre vor allem dann der Fall, wenn der Fragebogen in Bezug auf die Lebensstile und Lebenswelten von Menschen mit Alkoholproblemen gesehen wird. Eine solche Einbettung ist beispielsweise im Rahmen des "Person-in-Enviroment-System" (PIE) zu empfehlen, wo neben den körperlichen und psychischen Gegebenheiten und den sozialen Beziehungen (die für beide Motivationstypen bedeutsam sind) auch die notwendigen  professionellen Hilfemöglichkeiten im direkten Umfeld erhoben werden.

Eine kompetente Situationsanalyse mit Hilfe des TReaT würde, so Jennis Freyer, dazu führen, dass behandlungswillige Menschen nicht übersehen werden, dass stadienentsprechende Interventionen erkannt und eingesetzt werden  und dass die "Ressourcen in der Krankenversorgung"  spezifisch genutzt werden, einschließlich der vorläufigen Abgrenzung der Verhaltensänderungsmotivation von  der Inanspruchnahmemotivation. Das ist sicher richtig, nach einer weiteren Erprobung und daraus folgender Modifizierung des Fragebogens, wäre es aber auch notwendig - vor allem in der Kurzform - ihn in die außerklinische Praxis (Partner- und Familienberatung, Erziehungsberatung, Schuldnerberatung ...) unter deren spezifischen Fragestellungen zu transformieren.

Fazit

Die Arbeit von Jennis Freyer ist zu empfehlen für Leser, die sich dafür interessieren, wie eine dem Gegenstand angemessene empirische Forschung ablaufen kann (vielleicht auch als Anregung für Diplomarbeiten und Dissertationen), einschließlich der Empfehlungen von Jennis Freyer bezüglich der Anwendung des  TReaT in der Forschung (Evaluation in Krankenhäusern und Arztpraxen, Beschreibung von Populationen bezüglich ihres Motivationsniveaus ...). Dieses Buch ist aber mehr noch zu empfehlen für Leser, die  relevante Bereiche studieren (Medizin, Psychologie, Sozialpädagogik ...) und besonders für Praktiker, die mit dem Thema "Alkoholprobleme" befasst sind und sich Anregungen für ihre Tätigkeit holen wollen, sei es zur Erweiterung ihres  Blickwinkels oder auch schon für die Anwendung des TReaT selbst.


Rezensent
Prof. Dr. Franz Stimmer
Leuphana Universität Lüneburg, Zentrum für Angewandte Gesundheitswissenschaften
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Zitiervorschlag
Franz Stimmer. Rezension vom 26.10.2007 zu: Jennis Freyer: Motivation zur Inanspruchnahme formeller Hilfen bei Alkoholproblemen. Das Treatment-readiness-Tool (TReaT). Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2006. ISBN 978-3-8300-2361-6. Schriftenreihe Forschungsergebnisse zur Suchtprävention, Band 7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4174.php, Datum des Zugriffs 19.03.2019.


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