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Winfried Kain, Maud Bukovics u.a.: Konflikte lösen im Kindergarten

Cover Winfried Kain, Maud Bukovics, Bernadette Edtinger, Sandra Reithmayr, Marion Scharf: Konflikte lösen im Kindergarten. Ein praxiserprobtes Trainingsprogramm zur Konfliktbewältigung für Kinder von 5 - 7 Jahren. Cornelsen Scriptor (Berlin) 2006. 168 Seiten. ISBN 978-3-407-56342-2. 24,90 EUR.
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Titel und Thema

Der treffende Titel „KLIK“ ist doppeldeutig: zum einen ist er eine Abkürzung von Konflikte lösen im Kindergarten, zum anderen ist die umgangssprachliche Wendung gemeint: „es hat ´klik´ gemacht“, lautmalerisch im Sinne von umschalten, einschalten eines Scheinwerfers, um Dinge zu sehen, die bisher nicht wahrgenommen werden konnten, nicht im Fokus des Interesses standen.

Es geht also in diesem Buch um Konflikte und ihre Lösung, um Gefühle und ihre Wahrnehmung, um Streit und Streitlösung, im weiteren Sinne um das Erlernen emotionaler und sozialer Kompetenzen mit Hilfe eines detailliert vorgestellten, mit älteren Kindergartenkindern erprobten Trainingsprogramms. Der Schmetterling, symbolisiert in diesem Programm Frieden nach einem Streit (vgl. cover des Buches).

Autor und Autorinnen

Vier Autorinnen und ein Autor haben gemeinsam dieses Buch geschrieben, offenbar hat der Autor Winfried Kain dabei ein besonderes Gewicht, da er abweichend von der alphabetischen Reihenfolge als erster genannt wird. Auf der zweiten Seite finden sich kurze hilfreiche Anmerkungen zu den Autorinnen und dem Autoren, die alle im Bereich der Kindergartenpädagogik mit einem breiten Spektrum unterschiedlicher Schwerpunkte tätig sind:

  • Maud Bukowics - „Montessoripädagogik, Waldpädagogik und interkulturelle Kompetenz (ICC-Universität Salzburg);
  • Sandra Reithmayr - „kreativ-bildnerischer Bereich und lebenslanges Lernen (Persönlichkeitsentwicklung, Suchtprävention);
  • Marion Scharf - offener Kindergarten, Waldtage, spielzeugfreier Kindergarten und Generationsarbeit.
  • Über Bernadette Edtinger erfährt der Lesende überdies, dass sie „Kindergartenpädagogin aus Leidenschaft und Kindergartenleiterin seit 17 Jahren“ ist.
  • Der Autor Winfried Kain ist freiberuflicher Psychologe sowie Lektor am Institut für Psychologie der Universität Salzburg.

Entstehungshintergrund

Im Vorwort schildern die Autorinnen den Ausgangspunkt ihrer Zusammenarbeit: Es war ein Unbehagen mit den beiden am häufigsten zu beobachtenden Konfliktlösungsansätze; entweder die Pädagogin versucht, bei Konflikten zwischen Kindern zu schlichten und macht die Kinder damit von ihren Lösungen abhängig oder sie überlässt den Kindern die Konfliktlösung und überfordert sie möglicherweise dabei. In einer Diskussion über dieses Thema mit dem Psychologen Winfried Kain habe es dann erstmals „KLIK“ gemacht: „Erst wenn die Kinder verstehen, wie es zum Streit kommt und was man dabei fühlt, nur wenn sie sich in andere hineinversetzen können, haben sie die Möglichkeit ihre Konflikte auch selbst zu lösen. Sie können das richtige Streiten nicht von allein, aber wir können sie dabei unterstützen, es zu lernen“ (S. 2). Das sollte durch die Entwicklung, Erprobung und Auswertung eines Trainingsprogramms geschehen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist klar gegliedert und übersichtlich gestaltet mit Überschriften in großen Buchstaben und grau unterlegten Tabellen.

Im Mittelpunkt des Buches steht das Trainingsmanual (KLIK – Konflikte lösen im Kindergarten) im 5. Kapitel, dem mit 75 Seiten (von 138) umfangreichsten Kapitel des Buches. Es ist in 20 Sitzungen aufgeteilt, die jeweils gleich aufgebaut sind in ihrer optischen und inhaltlichen Form: Die erste Seite einer Sitzung ist immer leicht grau unterlegt, eine große Ziffer markiert die Sitzungseinheit (1.- 20.) daneben steht die Überschrift (z.B. Seite 82: 7. Sitzung „Angst“), da drunter findet die Lesende das Ziel der Trainingseinheit und - in Form eines Spickzettels gestaltet - (weiß mit unregelmäßigen Rändern) die benötigten Materialien. Bisweilen wird auf den umfangreichen Anhang des Buches verwiesen, der Angaben enthält zu:

  • benötigten Materialien für das Training,
  • Liedern (mit Noten),
  • einem Rätsel,
  • „Kopiervorlagen“ zu wesentlichen Elementen des Trainings (z.B. Gesichter - Smileys genannt - zu Glück, Wut, Zufriedenheit, Traurigkeit, Stolz und Angst), Piktogramme zu „guten und schlechten Streitlösungen“ und ebenfalls in Piktogrammform die „Sechs Schritte zur Bewältigung eines Streits“.

Das zentrale Kapitel 5 wird eingeleitet durch zwei eher theoretisch orientierte Kapitel, in denen es um „Konflikte und Konfliktbewältigung bei jüngeren Kindern“ sowie um „Theoretische Grundlagen und Beschreibung des Konfliktbewältigungs-trainings KLIK“ geht. In den nächsten beiden Kapiteln stehen die Haltungen und Qualifikationen der Trainerinnen (Kap.3) sowie Rahmenbedingungen des Trainings im Vordergrund. Im Anschluss an das Trainingsmanual im 5. Kapitel geht es um die „Umsetzung der Konfliktbewältigung im Alltag“.

Zielgruppen

Das Buch ist auch für den pädagogischen / therapeutischen Laien verständlich geschrieben, Theoriehintergründe werden verdeutlicht und in ihren Konsequenzen für den Aufbau des Trainingsmanuals erläutert. Der Text bedient sich durchgehend einer „weiblichen Sprache“, die im Vorwort folgendermaßen begründet wird: „Im Folgenden wird aus Einfachheitsgründen von der Berufsgruppe der Erzieherinnen sowie von der Trainerin gesprochen, da der Anteil der Frauen hier nach wie vor überwiegt; selbstverständlich sind die männlichen Kollegen immer mitgedacht“. Das macht es Erzieherinnen, Müttern, Pädagoginnen, die sicher die wesentlichen Adressatinnen des Buches sind, leichter, sich mit dem Text zu identifizieren.

Diskussion

Dieses Buch habe ich mit großem Gewinn gelesen. Auf der Basis der „Positiven Psychologie“ werden Menschenbildannahmen und erzieherische Grundhaltungen formuliert, die den gesamten Text prägen. An einem Beispiel sei dies verdeutlicht: Unter Berufung auf Peterson und Seligman (im Text leider ohne Jahreszahl und Seitenangabe) werden neun „Tugenden“ genannt, die „die Trainerin kultivieren und pflegen sollte“ (S.48/49). Eine davon möchte ich herausgreifen, die selten thematisiert wird, aber im erzieherischen Alltag von großer Bedeutung ist: „Demut und Bescheidenheit“ - so führen die Autorinnen und der Autor aus - „bewahrt vor Besserwisserei, Überheblichkeit, und dem Druck der Perfektion. Gleichzeitig fördert sie die Wertschätzung kleiner Schritte und die Nachsicht, wenn etwas nicht klappt“. Es sei dahingestellt, ob der Begriff „Demut“ von jüngeren Leserinnen noch verstanden wird, doch Zufriedenheit, die als positive Emotion bekannt ist, verschafft uns gepaart mit Humor die nötige Gelassenheit auch und gerade im Umgang mit Konflikten.

Die Autorinnen und der Autor legen ein theoretisches und gleichermaßen praktisches Buch vor, von dem es Vorwort heißt: „Allem voran war uns besonders wichtig, eine Kombination von Theorie und Praxis zu schaffen. So ist ein Buch entstanden, das sehr praxisnah ist, bei dem aber auch die psychologischen Hintergründe nicht zu kurz kommen.“ (S.8) Das ist ihnen vortrefflich gelungen, getreu dem Kurt Lewin zugeschriebenen Satz: „Nichts ist so praktisch wie eine gute Theorie“.

Unter Verweis auf Fredrickson (leider ebenfalls ohne Jahreszahl und Seitenangabe) wird die Bedeutung positiver Emotionen hervorgehoben, die als Gegenpole zu negativen Emotionen verstanden werden und gezielt im Rahmen des Trainings aktiviert und kultiviert werden sollen (S.41). Es wird mit drei positiven Gefühlen: Freude (Glück), Zufriedenheit und Stolz und drei negativen: Wut, Traurigkeit und Angst gearbeitet, die mit etwa gleichem Gewicht im Training vorkommen.

Sehr hilfreich vor dem Hintergrund entwicklungspsychologischer Erwägungen (was können Kinder im Vorschulalter verstehen) ist die Einführung einer Handpuppe als Symbolfigur und Experte für Gefühle sowie die vorgenommene Differenzierung zwischen großen und kleinen Emotionen gepaart mit der „Chef“-Vorstellung. Es wird den Kindern vermittelt, dass es einfacher gelingen kann „Chef einer kleinen Wut, Traurigkeit…“ zu werden und es daher gut ist, frühzeitig zur Lösung eines Konfliktes beizutragen („gute Streitlösungen“) bevor die „große Wut, Traurigkeit, Angst“ anfängt, mich zu beherrschen. (Die große Wut wird dann Chef).

Besonders überzeugend gerät außerdem die bestechend einfache Darstellung von sechs Schritten zur guten Bewältigung eines Streits (Kopiervorlage S.167), die mit Handbewegungen gestaltet ist und daher in jeder Situation mit elementaren Gesten ohne Worte von Kindern selbst nachzuvollziehen sind und damit sukzessiv Selbstkontrolle ermöglicht.

Bei einer Neubearbeitung des Buches könnte die Thematik Mädchen/Jungen in Konfliktsituationen etwas umfangreicher beleuchtet werden, außerdem wären Überlegungen hilfreich, durch welche Maßnahmen Konflikte im Vorfeld vermieden werden können. Ich denke da zum Beispiel an Regeln, die die Arbeitsfläche eines Kindes (z. B. ein kleiner Teppich/ ein Tablett) markieren, wie sie aus der Montessoripädagogik bekannt sind. Das schmälert den Wert des Buches jedoch nur unwesentlich.

Fazit

Es ist den Autorinnen und dem Autoren ein Werk gelungen, dem man nur von Herzen wünschen kann, dass es bei möglichst vielen Leserinnen und Lesern „KLICK“ macht und sie begeistert beginnen, gutes Konfliktlösen zu erproben.


Rezensentin
Prof. Dr. Wiebke Ammann
Fachhochschule Hannover


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Zitiervorschlag
Wiebke Ammann. Rezension vom 23.03.2009 zu: Winfried Kain, Maud Bukovics, Bernadette Edtinger, Sandra Reithmayr, Marion Scharf: Konflikte lösen im Kindergarten. Ein praxiserprobtes Trainingsprogramm zur Konfliktbewältigung für Kinder von 5 - 7 Jahren. Cornelsen Scriptor (Berlin) 2006. ISBN 978-3-407-56342-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4178.php, Datum des Zugriffs 19.11.2018.


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