Judith S. Wallerstein, Julia M. Lewis et al.: Scheidungsfolgen. Die Kinder tragen die Last
Rezensiert von Dipl.-Psych. Christian Hemschemeier, 08.10.2002
Judith S. Wallerstein, Julia M. Lewis, Sandra Blakeslee: Scheidungsfolgen. Die Kinder tragen die Last. Votum Verlag (Münster) 2002. 350 Seiten. ISBN 978-3-935984-03-4. 26,80 EUR. CH: 47,80 sFr.
Zum Thema des Buches
Mit der Möglichkeit, sich relativ einfach scheiden zu lassen, sind große gesellschaftliche Veränderungen einher gegangen. Einerseits hat dies zu einer deutlich gesteigerten Freiheit der Erwachsenen geführt, andererseits wachsen Kinder jetzt vermehrt mit nur einem Elternteil bzw. in Patchwork-Familien auf. Vielfach wird davon ausgegangen, dass Scheidungen letztlich auch für Kinder positiv sind, um nicht mehr den Streit und das Unglück der Eltern ertragen zu müssen. Diese These ist aber nicht bewiesen. Mit diesem Buch liegen erstmals konkrete Ergebnisse über die Auswirkungen von Scheidungen auf Kinder vor. Es wird über eine Studie berichtet, in der amerikanische Scheidungskinder über 25 Jahre in ihrer Entwicklung verfolgt wurden.
Über die Autoren
Judith S. Wallenstein gilt als Expertin in der Frage der Auswirkungen von Scheidungen. Sie die Gründerin des Judith Wallenstein Center for Family in Transition. Julia M. Lewis ist Professorin für Psychologie an der San Francisco State University. Sandra Blakeslee ist eine renommierte Mitarbeiterin der New York Times.
Aufbau und Inhalte
Kern des Buches sind ausgewählte, sehr detailreiche Entwicklungsgeschichten von
Scheidungskindern. Diese wurden im Zusammenhang mit einer Scheidung und dann alle fünf Jahre mittels teilstrukturierter Interviews befragt. Gegenüber gestellt werden Entwicklungen von Kindern aus dem gleichen sozialen Umwelt und "ähnlichen" Familien, die sich aber nicht scheiden ließen. Innerhalb dieser Verläufe sind Empfehlungen für den Umgang mit der Frage Scheidung ja oder nein sowie dem Verhalten in Scheidungssituationen eingewoben. Abgerundet wird das
Werk mit genaueren Informationen zur Studie. Der Tenor der Aussagen der Scheidungskinder aus dieser Studie ist, dass die Scheidung ihr Leben sehr nachhaltig und negativ beeinflusst hat. Dies bezieht sich teilweise auf die Scheidung an sich, aber noch viel mehr auf die meist jahrelangen Konsequenzen von Scheidungen (z.B. schlechterer sozialer Status, instabiles soziales Umfeld, multiple Verlusterfahrungen, vermehrte Fremdbetreuung).
Einschätzung des Buches
Die Geschichten der Kinder zeichnen ein doch überraschendes und auch bedrückendes Bild der Folgen von Scheidung. Der Aufbau der Studie (Längsschnittstudie über 25 Jahre) ist in dieser Art einmalig und bietet aufgrund des Vorgehens viele Einsichten. Insofern handelt es sich um
einen sehr wichtigen Beitrag zu dieser Problematik, der in den USA offenbar auch für große Aufmerksamkeit gesorgt hat.
Kritisch ist anzumerken, dass die Autorinnen aus einer betont nicht quantitativ bzw. repräsentativ angelegten Studie doch sehr weitreichende Konsequenzen ziehen. Leider fehlen zur genaueren Beurteilung der Ergebnisse die erhobenen statistischen Kennwerte. Zudem wird angenommen, dass sich Scheidungsehen im Prinzip nicht von anderen Ehen unterscheiden und es im Krisenfall eine bloße "Entscheidung" gibt, ob man sich trennt oder nicht. Dies scheint mir aus
psychologischer Sicht doch recht fraglich und angesichts der größeren Scheidungsraten von ehemaligen Scheidungskindern auch unplausibel. Weiter dürfte die Situation in Deutschland aufgrund einer anderen Gesetzgebung etwas günstiger sein.
Fazit
Trotz einiger Einwände handelt es sich um ein außerordentlich interessantes Buch, dass sowohl für von Trennung Betroffene als auch für professionell mit dem Thema Befasste sehr empfehlenswert ist.
Rezension von
Dipl.-Psych. Christian Hemschemeier
Psychologische Praxis Alstertal
Website
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