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Bernd Dollinger: Die Pädagogik der sozialen Frage

Cover Bernd Dollinger: Die Pädagogik der sozialen Frage. (Sozial-)pädagogische Theorie vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zum Ende der Weimarer Republik. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2006. 481 Seiten. ISBN 978-3-531-15097-0. 39,90 EUR.
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Zwei mögliche Rezensionsstränge

Anhand des Buchs von Bernd Dollinger lassen sich problemlos zwei Rezensionen schreiben.

  1. Eine Rezension könnte sich  sich mit der Tatsache befassen, dass hier eine Habilitation vorgelegt wurde. Das impliziert einen sehr spezifischen Prozess der Erkenntnisproduktion.  Die Folgen für Inhalt, Gedankenführung und Schreibweise lassen sich an der Darstellung der Belesenheit, dem Aufbau vielschichtiger Fragestellungen und der legitimatorischen Absicherung der behandelten Ergebnisse erkennen. Allein das Quellen- und Literaturverzeichnis umfasst 62 Seiten und knapp 1300 Einzelangaben. Eine thematische Rezension dieses umfangreichen Werks befasst sich mit dem Entstehen der Sozialen Frage und deren Bearbeitungen und  Beantwortungen vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zum Ende der Weimarer Republik. Bernd Dollinger betätigt sich auf einer Ebene als Historiograph der Sozialen Frage. Sachkundig und detailliert rekonsturiert er das Entstehen der Sozialen Frage als Folge einer gesellschaftlichen Entwicklung, deren Differenzierung in Soziale Fragen und schließlich die Engführung auf eine Sozialpädagogik besonderer Institutionen und Zielgruppen. Ein weiter Diskurs, in dem gesellschaftliche Krisen  diagnostiziert und mit einer gesellschaftsbezogenen Lösung,, eben der Pädagogik des Sozialen, versehen wurden, mündete über Anschlussdiskussionen und Verschiebungen des "Sozialen" in einem engeren Diskurs eines besonderen Umgangs mit Menschen (als Sonderpädagogik) im Zusammenhang mit Gemeinschaft. Die Nachzeichnung dieser Diskussionen von den Positionen von Rousseau, Herbart, Humboldt, Pestalozzi, Schleiermacher, über Mager und Diesterweg und Herbart bis hin zu Dilthey, Nohl und Klumker ist umfangreich, detailliert und sehr sachkundig. Allerdings ist der Erkenntnisgewinn eher in der belesenen Zusammenschau als in der Bereitstellung neuer Quellenblicke zu sehen.
  2. Zusätzlich zu dieser  historiographischen Ebene zeichnet Dollinger jedoch unter Bezugnahme auf Mannheim und Foucault eine weitere reflexive Ebene auf. Diese Ebene lässt sich kurz wie folgt skizzieren: Fragen sind bereits prägende Materialien für folgende Diskurse und wissenschaftliche Disziplinen. Die Soziale Frage wird bereits als sozialpädagogische Frage konstituiert. Die Suche nach Wahrheit wird bereits durch die Gestaltung der Frage ausgerichtet. So sind Antworten auf die gesellschaftlichen Entwicklungen des 19. Jahrhunderts denkbar, in denen Sozialpädagogisches weder auf der Ebene der wissenschaftlichen Disziplin noch auf der Ebene einer Profession vorkommt.  Auf der Basis einer Perspektivität von Wahrheit lassen sich die Positionen des sozialpädagogischen Diskurses von Rousseau bis Klumker neu verstehen. Aufstieg und Verlauf eines wissenschaftlichen Diskurses werden so sichtbar. Entlang der Begriffe Individuum, Assoziation und Gemeinschaft wird der sozialpädagogische Diskurs geordnet und interpretiert. Auf dieser Ebene liegen aus meiner Sicht die Erkenntnisgewinne des Buchs von Bernd Dollinger. Eine erneute Betrachtung und Bearbeitung des historischen Materials unter diskurstheoretischen Aspekten ist sehr lohnend. Es wäre sehr ertragreich das Verhältnis dieses Gesprächszusammenhangs zu anderen wie beispielsweise social work zu untersuchen Dies wird in diesem Text lediglich kurz angedeutet jedoch nicht ausgearbeitet.

Fazit

Wer sich mit dem Feld Sozialer Arbeit und der  Geschichte der Disziplinen, die dieses Feld betreuen, befasst, für den ist dieses Buch  sehr lesenswert. Gerade für das wissenschaftsdisziplinär komplexe Feld der Sozialen Arbeit zeigt Bernd Dollinger, dass die Reflexivität der disziplinkonstituierenden Fragestellungen ein hohes Gut und zugleich die Voraussetzung für Kooperation und die im Kontext des Bologna-Prozesses vielbeschworene Interdisziplinarität ist.  Die oben erwähnte Grundform der Habilitation gibt dem Text jedoch eine gewisse Sperrigkeit, die eine besondere Leseenergie herausfordert.


Rezension von
Prof. Dr. Peter Berker


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Zitiervorschlag
Peter Berker. Rezension vom 15.08.2007 zu: Bernd Dollinger: Die Pädagogik der sozialen Frage. (Sozial-)pädagogische Theorie vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zum Ende der Weimarer Republik. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2006. ISBN 978-3-531-15097-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4183.php, Datum des Zugriffs 08.07.2020.


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