Klaus Schmidt: Paarbeziehung und Identität. Ein sozialpädagogischer Blick auf Wirklichkeit und Bedeutung des Lebens zu zweit
Rezensiert von Dipl. Soz.-Päd. Torsten Ziebertz, 26.09.2007
Klaus Schmidt: Paarbeziehung und Identität. Ein sozialpädagogischer Blick auf Wirklichkeit und Bedeutung des Lebens zu zweit. Garamond Verlag (Jena) 2006. 112 Seiten. ISBN 978-3-938203-31-6. 9,80 EUR.
Thema
Bei zunehmendem Wegfall von Orientierungen und vorgefertigten Identitätsentwürfen kann der Einzelne am Beginn des 21. Jahrhunderts auf eine zwar oft sehr strapazierte, doch leistungsfähige Einrichtung zurückgreifen: die Paarbeziehung. Auf der Grundlage aktueller deutscher und französischer Forschungen geht Klaus Schmidt der Frage nach: Führt des Leben zu zweit statt zu dem oft behaupteten Verlust von Individualität und Identität nicht erst zu deren Entfaltung?
Autor
Klaus Schmidt M.A., studierte in Jena und Strasbourg Erziehungswissenschaft, Soziologie und Psychologie. Er arbeitet in Berlin derzeit an seiner Dissertation.
Aufbau
Das Buch gliedert sich in 7 Oberkapitel:
- Das Ende einer Beziehung. K. Schmidt beginnt seine Beschreibung der Paarbeziehung an ihrem Ende: Trennung durch Scheidung oder Tod. Auf diesem Wege will der Autor die Bedeutung des Verlorenen bewusst machen und sozusagen im Rückblick die Bedeutung der Paarbeziehung für den Einzelnen herausarbeiten.
- Identität in der Paarbeziehung. Bevor er sich dem Paar zuwendet, klärt K. Schmidt zunächst , was erst mal auf das Individuum bezogen, unter "Identität" verstanden wird. Dies geschieht anhand deutscher, sowie französischer Theorieansätze.
- Wichtiger Impulsgeber: Paarsoziologie in Frankreich. Der Autor gibt hier eine kurze Einführung in die französische Paarsoziologie, auch im Vergleich zur deutschen Paarsoziologie und zu der Frage, ob sich die französischen Beiträge auf deutsche Verhältnisse anwenden lassen.
- Von der "bürgerlichen" zur "postmodernen" Paarbeziehung. "Wie unterscheidet sich das Zusammenleben unserer Urgroßeltern von dem unseren? Wie lassen sich aktuelle Entwicklungstendenzen des Lebens zu zweit charakterisieren" (S. 37). Diesen Fragen geht K. Schmidt hier weiterhin aus französischer und deutscher Soziologieliteratur nach. Besonders hebt er hierbei die Aspekte "Emotionalität" und "Autonomie" als postmoderne Entwicklungstendenzen der Paarbeziehungen hervor.
- Die Paarbeziehung entwirft Identität. In diesem Kapitel wird der Weg von der Sozialisation in der Ursprungsfamilie bis hin zur individuellen Identität in der eigenen Familie bzw. Paar gezeichnet. Im Paar, und nur im Paar, so Schmidt, kann das Individuum seine Identität über das Medium der Kommunikation mit dem Partner entwerfen. "Über den Umweg des Gesprächs werden die Individuen sich ihrer selbst bewusst. (…) Im Sprechen nimmt das Individuum nicht nur den anderen wahr, sondern wird auch sich selbst als Abbild gegenständlich"(S. 61).
- 1+1=1 . . . Zwei Identitäten, eine Paaridentität. Dieses Kapitel beschreibt, wie Paare zwischen den Polen Autonomie und Fusion ihre eigenen Identitäten erfinden und halten, aber auf der anderen Seite im gemeinsamen Leben eine geteilte Paaridentität entwickeln.
- Die Gegenwelt zur Paarbeziehung. Hier wird die, von K. Schmidt als problematisch angesehene Einbettung der Paare in einen makrosoziologischen Zusammenhang gebracht.
Abgeschlossen wird das Buch mit einer Zusammenfassung und einem Ausblick.
Zielgruppe
Fachleute aus dem Bereich der Paar- und Familiensoziologie. Aufgrund der vielen französischen Literaturzitate sind Französischkenntnisse sicher hilfreich.
Persönliche Anmerkung
Beim Lesen des Buches entsteht der Eindruck, dass der Untertitel "Ein sozialpädagogischer Blick …" schlicht und ergreifend ein Druckfehler sein muss. K. Schmidt versucht überhaupt nicht, einen sozialpädagogischen Blick auf das Paar zu werfen, sondern bewegt sich fast ausschließlich in der Soziologie und ihren Zugängen zum Paar. Ein Blick in das Literaturverzeichnis, welches ebenfalls stark von soziologischer Literatur dominiert wird, verstärkt diesen Eindruck.
Wenn wir nun aber den Titel außer acht lassen, findet sich bei K. Schmidt eine soziologische Literaturausführung und -diskussion, welche eine beachtliche Anzahl deutscher und französischer Literatur vergleichend darstellt. Besonders den äußerst seltenen Blick nach Frankreich empfinde ich als interessant und lohnenswert. Aufgrund des begrenzten Umfangs des Buches konnte wahrscheinlich, neben dem internationalen Blick über die Landesgrenzen, nicht auch noch ein interdisziplinärer Blick auf sinnverwandte Konzepte wie Systemtheorie, Konstruktivismus, Synergetik, oder das "Dialogische Prinzip" des Philosophen Martin Buber berücksichtigt werden, welches die hier beschriebene Identitätsentwicklung des Einzelnen im Paar schon 1923 vorwegnahm.
Fazit
Klaus Schmidt hat mit seinem Buch eine äußerst anspruchsvolle, weil theoretisch-abstrakte Literaturausführung geliefert, in welcher deutsche und französische Forschungen zur Paarsoziologie verglichen und diskutiert werden. Die Lesbarkeit des Buches wird m. E. erschwert durch die fast durchgängigen und teilweise sogar mehrseitigen Fußnoten.
Rezension von
Dipl. Soz.-Päd. Torsten Ziebertz
Personzentrierter Berater, Systemischer Familientherapeut
Promovend am Erziehungswissenschaftlichen Institut der Universität Düsseldorf. Praktisch tätig in der Familienberatung und der Erwachsenenbildung.
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