Rainer Wendt, Peter Löcherbach (Hrsg.): Case Management in der Entwicklung
Rezensiert von Prof. Yvonne Hofstetter Rogger, 17.03.2009
Rainer Wendt, Peter Löcherbach (Hrsg.): Case Management in der Entwicklung. Stand und Perspektiven in der Praxis. Hüthig Jehle Rehm (Heidelberg) 2006. 321 Seiten. ISBN 978-3-87081-577-6. 49,00 EUR.
Thema
Das Buch stellt eine Bestandesaufnahme zum Stand der Entwicklung von Case Management im deutschsprachigen Raum dar. In einem ersten Teil beschreibt Wolf Rainer Wendt den State of the Art in Case Management. Er beleuchtet die verschiedenen Ebenen, die diesen mehrdimensionalen Handlungsansatz charakterisieren. In einem zweiten Teil finden sich Beiträge zum Entwicklungsstand und zu Risiken des Case Managements in den beiden Berufsfeldern Soziale Arbeit und Pflege sowie Beiträge zur Praxis von Case Management in verschiedenen Anwendungsbereichen und modellhaften Projekten. In den Beiträgen der verschiedenen Autorinnen und Autoren werden Fragen der Standards und der Voraussetzungen für eine wirksame Umsetzung des Case Managements aufgegriffen. Die Risiken einer bloß plakativen Vermarktung des Begriffs Case Management ohne Berücksichtigung der Qualität sowohl der Netzwerkarbeit (Systemsteuerung) als auch der Konsequenz in der systematischen und klientorientierten Gestaltung der Kooperationsprozesse im Einzelfall (Fallsteuerung) werden in mehreren Beiträgen verdeutlicht.
Herausgeber
Die beiden Herausgeber, Prof. Dr. Wolf Rainer Wendt und Prof. Dr. Peter Löcherbach prägen die Entwicklung des Case Managements im deutschsprachigen Raum. Wolf Rainer Wendt darf als Pionier des Case Managements in Deutschland bezeichnet werden. Er hat den Handlungsansatz mit seinen Publikationen und mit den von ihm begleiteten Modellprojekten vorangebracht. Beide Herausgeber waren und sind maßgeblich beteiligt am Aufbau und Wirken der Deutschen Gesellschaft für Care und Case Management (DGCC). Wolf Rainer Wendt leitete den Studienbereich Sozialwesen der Berufsakademie Stuttgart. Peter Löcherbach ist Rektor der Katholischen Fachhochschule Mainz. Beide beschäftigen sich auf dem Hintergrund der Sozialarbeitswissenschaft mit Case Management und beide stehen für ein interdisziplinäres Verständnis dieses Handlungsansatzes.
Entstehungshintergrund
Das Buch ist in der Folge einer Tagung der DGCC (2006) entstanden. An dieser Tagung wurde der Entwicklungsstand von Case Management im deutschsprachigen Raum thematisiert. Die Tagung diente dem Ziel der DGCC, die Weiterentwicklung des Handlungsansatzes in Theorie und Praxis zu fördern und eine Optimierung der Versorgung im Sozialwesen, im Gesundheitswesen, in der Pflege, im Versicherungswesen sowie in der Bildungs- und Beschäftigungsförderung zu erreichen. Der Band deckt mit seinen Beiträgen all diese Anwendungsbereiche ab.
Aufbau
Der Beitrag von Wolf Rainer Wendt zum State of the Art bringt auf rund 40 Seiten einen umfassenden Überblick über alle relevanten Dimensionen des Case Managements. 15 Beiträge verschiedener Autorinnen und Autoren decken alle relevanten Einsatzbereiche von Case Management ab und bieten damit einen sehr anschaulichen Einblick in die aktuelle Praxis.
Inhalte
Im einleitenden Beitrag von Wolf
Rainer Wendt wird auch deutlich gemacht, dass Case
Management nicht einfach auf eine Methode reduziert werden kann, die
im Einzelfall angewendet wird, sondern dass Case Management als ein
mehrdimensionaler Handlungsansatz zu sehen ist, der sich auf mehreren
Ebenen manifestiert und aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten
ist. „Case Management ist politisch gefordert, organisatorisch
eingerichtet und methodisch ausgeprägt“ (S. 5). Case
Management beinhaltet gleichzeitig eine Steuerung der Versorgung im
Gemeinwesen respektive im System der für bestimmte Zielgruppen
vorhandenen Dienste und eine Gestaltung der fallbezogenen
Kooperationsprozesse. Hier geht es um Kommunikation, Beratung und
Herbeiführung von Entscheiden, um Aufgaben und Verantwortung
abzustimmen und zu teilen, wobei die Zielsetzung gleichzeitig auf das
Empowerment der Klientinnen und Klienten wie auch auf den
ökonomischen Einsatz der Mittel gerichtet ist. Des Weiteren wird
Kompetenz und Kapazität der Case Manager thematisiert.
Der
Beitrag von Manfred Neufferzu Case Management in der Sozialen Arbeit greift die kritischen
Fragen auf, die von diesem Berufsstand an das Case Management
gestellt werden, und zeigt, dass diese vor allem dann berechtigt
sind, wenn verkannt wird, was die Soziale Arbeit schon seit den
frühen Zeiten der Entwicklung des Berufes schon an Grundsätzen
verfolgt hat, die oft wieder wie eine neue Erfindung unter dem Label
„Case Management“ propagiert werden. Die Kritik ist auch
dann besonders berechtigt, wenn der Handlungsansatz des Case
Managements banalisiert wird.
Interessant ist, dass auch der
Beitrag von Michael Everts
zu Case Management in der Pflege berufspolitische Fragen aufwirft. Er
betont die Beiträge, die die Pflege schon seit Jahrzehnten zur
Entwicklung von Case Management geleistet hat, und beschreibt, welche
Voraussetzungen noch zu schaffen sind, damit die Pflegewissenschaft
und die Pflegepraxis im Case Management die Rolle einnehmen kann, die
ihnen gebührt.
Ralf
Holtzwartund Siglinde
Bohrke-Petrovic beschreiben die Art und Weise, wie das
Fallmanagement im Rahmen des gesetzlichen Auftrages der Bundesagentur
für Arbeit in den Arbeitsgemeinschaften (ARGE) umgesetzt wird.
Im Zentrum steht die direkte Arbeit mit den Klientinnen und Klienten.
Rainer Neubart stellt
die Struktur und Arbeitsweise des Geriatrischen Netzwerks Brandenburg
vor. Mona Frommelt
führt aus, wie ärztlich indiziertes Case Management, das in
der Praxis von HomeCare Nürnberg realisiert wird, Antwort auf
die kritisch zu betrachtenden Handlungsanreize des deutschen
Gesundheitssystems gibt. Jürgen
Ribbert-Elias zeigt die Anforderungen auf, die die
Implementierung von Case Management im Krankenhaus stellt. Die
Bedeutung der interdisziplinären, strukturell verankerten
Vernetzung für eine bedürfnisgerechte pädiatrische
Nachsorge bei chronisch kranken Kindern und Jugendlichen und das dazu
entwickelte „Augsburger Modell“ wird im Beitrag von
Waltraud Baur und
Andreas Podeswik
anschaulich dargestellt. Milena
Roters und Sören
Möller zeigen Ansatzpunkte für Case Management
im Rahmen der individuellen Hilfeplanung zur Eingliederung
behinderter Menschen. Hans
Schmidtund Stefan
Kessler machen aus dem „Disability Management“
ein „Ability Management“. Sie erläutern die Vorteile
der Verankerung dieses Ansatzes zur Vermeidung von Frührenten in
Betrieben und was bei der Einführung zu berücksichtigen
ist. Mit der statistischen Analyse von Fällen und konkreten
Beispielen legt Stefan Lauer
Case Management zur beruflichen Integration von Unfallpatienten dar.
Dieter Best wirft
einen kritischen Blick auf Fehlversorgung von Kinder und Jugendlichen
mit Bedarf an psychotherapeutischer Unterstützung und fordert
qualitative Verbesserungen durch die Steuerung des
Behandlungsprozesses. In der ambulanten und stationären
Altersarbeit sind die Möglichkeiten von Case Management noch
längst nicht ausgeschöpft. Hugo
Mennemann zeigt ein Spektrum von Möglichkeiten auf.
Welche Bedeutung dem Case Management in der Jugendhilfe zukommt und
wie sich Case Management zum Ansatz der Sozialraumorientierung
verhält wird von Ruth
Remmel-Faßbender beschrieben. Martin
Schmid und Martina
Schu vermitteln einen Einblick in die wenigen bisher
vorhandenen Forschungsergebnisse und werfen forschungsmethodische
Fragen auf. Welche Qualität Case Management erfüllen soll,
damit es seinen Namen verdient, und welche Qualifikationen
unterschiedliche Funktionen im Case Management erfordern, wird von
Peter Löcherbach
skizziert.
Diskussion
Mit der Lektüre dieses Bandes wird den Lesenden deutlich, wie unentbehrlich der Aufbau und die Pflege von Netzwerken der Akteure für bestimmte Zielgruppen und Versorgungsregionen sind. Es wird gut begründet, dass Case Management auf der politischen, der inter- und intrainstitutionellen Ebenen verankert sein muss, damit es in der direkten Arbeit mit Klienten/Klientinnen und ihrem privaten wie institutionellen Umfeld wirklich greifen kann. Case Management wird nicht als eine einfach einzuführende und voraussetzungslos und leicht zu lernende Methode verstanden, mittels der man unzulängliche Versorgungssysteme und mangelnde Koordination und Kooperation einzelfallbezogen überwinden kann. Die meisten Autorinnen und Autoren können mit ihrer Darstellung belegen, dass – so wie sie Case Management in der Praxis erfahren und entwickeln – die Integration von mehr oder weniger widersprüchlichen Zielen gelingen kann, nämlich dem Ziel der respektvollen, bedürfnisgerechten und die Autonomie der Klientinnen und Klienten fördernden Unterstützung sowie dem Ziel des sparsamen Haushaltens mit Ressourcen. Das Buch setzt ein Zeichen gegen die gesellschaftliche Entsolidarisierung, verbrämt mit der gut klingenden Formel Case Management.
Fazit
Die Lektüre ist insbesondere all jenen empfohlen, die über die Einführung von Case Management entscheiden. Nur zu oft reduzieren die politisch Verantwortlichen und das Management von Einrichtungen Case Management auf ein Verfahren, das man mit einem Schlag einführen kann und das dann die Mitarbeitenden in der Weiterbildung lernen und umsetzen sollen. Die Einführung ist immer mit einem Prozess der Organisationsentwicklung und der systematischen Netzwerkarbeit verbunden. Alle werden in die Pflicht genommen, um tatsächlich zu einer abgestimmten, bedarfsgerechten Leistungserbringung zu gelangen.
Rezension von
Prof. Yvonne Hofstetter Rogger
Dozentin BFH
Mediatorin SDM
Mitherausgeberin und Redaktionskoordinatorin "Perspektive Mediation"
Mailformular
Es gibt 7 Rezensionen von Yvonne Hofstetter Rogger.




