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Rainer Wendt, Peter Löcherbach (Hrsg.): Case Management in der Entwicklung

Cover Rainer Wendt, Peter Löcherbach (Hrsg.): Case Management in der Entwicklung. Stand und Perspektiven in der Praxis. Hüthig Jehle Rehm (Heidelberg) 2006. 321 Seiten. ISBN 978-3-87081-577-6. 49,00 EUR.
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Thema

Das Buch stellt eine Bestandesaufnahme zum Stand der Entwicklung von Case Management im deutschsprachigen Raum dar. In einem ersten Teil beschreibt Wolf Rainer Wendt den State of the Art in Case Management. Er beleuchtet die verschiedenen Ebenen, die diesen mehrdimensionalen Handlungsansatz charakterisieren. In einem zweiten Teil finden sich Beiträge zum Entwicklungsstand und zu Risiken des Case Managements in den beiden Berufsfeldern Soziale Arbeit und Pflege sowie Beiträge zur Praxis von Case Management in verschiedenen Anwendungsbereichen und modellhaften Projekten. In den Beiträgen der verschiedenen Autorinnen und Autoren werden Fragen der Standards und der Voraussetzungen für eine wirksame Umsetzung des Case Managements aufgegriffen. Die Risiken einer bloß plakativen Vermarktung des Begriffs Case Management ohne Berücksichtigung der Qualität sowohl der Netzwerkarbeit (Systemsteuerung) als auch der Konsequenz in der systematischen und klientorientierten Gestaltung der Kooperationsprozesse im Einzelfall (Fallsteuerung) werden in mehreren Beiträgen verdeutlicht.

Herausgeber

Die beiden Herausgeber, Prof. Dr. Wolf Rainer Wendt und Prof. Dr. Peter Löcherbach prägen die Entwicklung des Case Managements im deutschsprachigen Raum. Wolf Rainer Wendt darf als Pionier des Case Managements in Deutschland bezeichnet werden. Er hat den Handlungsansatz mit seinen Publikationen und mit den von ihm begleiteten Modellprojekten vorangebracht. Beide Herausgeber waren und sind maßgeblich beteiligt am Aufbau und Wirken der Deutschen Gesellschaft für Care und Case Management (DGCC). Wolf Rainer Wendt leitete den Studienbereich Sozialwesen der Berufsakademie Stuttgart. Peter Löcherbach ist Rektor der Katholischen Fachhochschule Mainz. Beide beschäftigen sich auf dem Hintergrund der Sozialarbeitswissenschaft mit Case Management und beide stehen für ein interdisziplinäres Verständnis dieses Handlungsansatzes.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist in der Folge einer Tagung der DGCC (2006) entstanden. An dieser Tagung wurde der Entwicklungsstand von Case Management im deutschsprachigen Raum thematisiert. Die Tagung diente dem Ziel der DGCC, die Weiterentwicklung des Handlungsansatzes in Theorie und Praxis zu fördern und eine Optimierung der Versorgung im Sozialwesen, im Gesundheitswesen, in der Pflege, im Versicherungswesen sowie in der Bildungs- und Beschäftigungsförderung zu erreichen. Der Band deckt mit seinen Beiträgen all diese Anwendungsbereiche ab.

Aufbau

Der Beitrag von Wolf Rainer Wendt zum State of the Art bringt auf rund 40 Seiten einen umfassenden Überblick über alle relevanten Dimensionen des Case Managements. 15 Beiträge verschiedener Autorinnen und Autoren decken alle relevanten Einsatzbereiche von Case Management ab und bieten damit einen sehr anschaulichen Einblick in die aktuelle Praxis.

Inhalte

Im einleitenden Beitrag von Wolf Rainer Wendt wird auch deutlich gemacht, dass Case Management nicht einfach auf eine Methode reduziert werden kann, die im Einzelfall angewendet wird, sondern dass Case Management als ein mehrdimensionaler Handlungsansatz zu sehen ist, der sich auf mehreren Ebenen manifestiert und aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten ist. „Case Management ist politisch gefordert, organisatorisch eingerichtet und methodisch ausgeprägt“ (S. 5). Case Management beinhaltet gleichzeitig eine Steuerung der Versorgung im Gemeinwesen respektive im System der für bestimmte Zielgruppen vorhandenen Dienste und eine Gestaltung der fallbezogenen Kooperationsprozesse. Hier geht es um Kommunikation, Beratung und Herbeiführung von Entscheiden, um Aufgaben und Verantwortung abzustimmen und zu teilen, wobei die Zielsetzung gleichzeitig auf das Empowerment der Klientinnen und Klienten wie auch auf den ökonomischen Einsatz der Mittel gerichtet ist. Des Weiteren wird Kompetenz und Kapazität der Case Manager thematisiert.
Der Beitrag von Manfred Neufferzu Case Management in der Sozialen Arbeit greift die kritischen Fragen auf, die von diesem Berufsstand an das Case Management gestellt werden, und zeigt, dass diese vor allem dann berechtigt sind, wenn verkannt wird, was die Soziale Arbeit schon seit den frühen Zeiten der Entwicklung des Berufes schon an Grundsätzen verfolgt hat, die oft wieder wie eine neue Erfindung unter dem Label „Case Management“ propagiert werden. Die Kritik ist auch dann besonders berechtigt, wenn der Handlungsansatz des Case Managements banalisiert wird.
Interessant ist, dass auch der Beitrag von Michael Everts zu Case Management in der Pflege berufspolitische Fragen aufwirft. Er betont die Beiträge, die die Pflege schon seit Jahrzehnten zur Entwicklung von Case Management geleistet hat, und beschreibt, welche Voraussetzungen noch zu schaffen sind, damit die Pflegewissenschaft und die Pflegepraxis im Case Management die Rolle einnehmen kann, die ihnen gebührt.
Ralf Holtzwartund Siglinde Bohrke-Petrovic beschreiben die Art und Weise, wie das Fallmanagement im Rahmen des gesetzlichen Auftrages der Bundesagentur für Arbeit in den Arbeitsgemeinschaften (ARGE) umgesetzt wird. Im Zentrum steht die direkte Arbeit mit den Klientinnen und Klienten. Rainer Neubart stellt die Struktur und Arbeitsweise des Geriatrischen Netzwerks Brandenburg vor. Mona Frommelt führt aus, wie ärztlich indiziertes Case Management, das in der Praxis von HomeCare Nürnberg realisiert wird, Antwort auf die kritisch zu betrachtenden Handlungsanreize des deutschen Gesundheitssystems gibt. Jürgen Ribbert-Elias zeigt die Anforderungen auf, die die Implementierung von Case Management im Krankenhaus stellt. Die Bedeutung der interdisziplinären, strukturell verankerten Vernetzung für eine bedürfnisgerechte pädiatrische Nachsorge bei chronisch kranken Kindern und Jugendlichen und das dazu entwickelte „Augsburger Modell“ wird im Beitrag von Waltraud Baur und Andreas Podeswik anschaulich dargestellt. Milena Roters und Sören Möller zeigen Ansatzpunkte für Case Management im Rahmen der individuellen Hilfeplanung zur Eingliederung behinderter Menschen. Hans Schmidtund Stefan Kessler machen aus dem „Disability Management“ ein „Ability Management“. Sie erläutern die Vorteile der Verankerung dieses Ansatzes zur Vermeidung von Frührenten in Betrieben und was bei der Einführung zu berücksichtigen ist. Mit der statistischen Analyse von Fällen und konkreten Beispielen legt Stefan Lauer Case Management zur beruflichen Integration von Unfallpatienten dar. Dieter Best wirft einen kritischen Blick auf Fehlversorgung von Kinder und Jugendlichen mit Bedarf an psychotherapeutischer Unterstützung und fordert qualitative Verbesserungen durch die Steuerung des Behandlungsprozesses. In der ambulanten und stationären Altersarbeit sind die Möglichkeiten von Case Management noch längst nicht ausgeschöpft. Hugo Mennemann zeigt ein Spektrum von Möglichkeiten auf. Welche Bedeutung dem Case Management in der Jugendhilfe zukommt und wie sich Case Management zum Ansatz der Sozialraumorientierung verhält wird von Ruth Remmel-Faßbender beschrieben. Martin Schmid und Martina Schu vermitteln einen Einblick in die wenigen bisher vorhandenen Forschungsergebnisse und werfen forschungsmethodische Fragen auf. Welche Qualität Case Management erfüllen soll, damit es seinen Namen verdient, und welche Qualifikationen unterschiedliche Funktionen im Case Management erfordern, wird von Peter Löcherbach skizziert.

Diskussion

Mit der Lektüre dieses Bandes wird den Lesenden deutlich, wie unentbehrlich der Aufbau und die Pflege von Netzwerken der Akteure für bestimmte Zielgruppen und Versorgungsregionen sind. Es wird gut begründet, dass Case Management auf der politischen, der inter- und intrainstitutionellen Ebenen verankert sein muss, damit es in der direkten Arbeit mit Klienten/Klientinnen und ihrem privaten wie institutionellen Umfeld wirklich greifen kann. Case Management wird nicht als eine einfach einzuführende und voraussetzungslos und leicht zu lernende Methode verstanden, mittels der man unzulängliche Versorgungssysteme und mangelnde Koordination und Kooperation einzelfallbezogen überwinden kann. Die meisten Autorinnen und Autoren können mit ihrer Darstellung belegen, dass – so wie sie Case Management in der Praxis erfahren und entwickeln – die Integration von mehr oder weniger widersprüchlichen Zielen gelingen kann, nämlich dem Ziel der respektvollen, bedürfnisgerechten und die Autonomie der Klientinnen und Klienten fördernden Unterstützung sowie dem Ziel des sparsamen Haushaltens mit Ressourcen. Das Buch setzt ein Zeichen gegen die gesellschaftliche Entsolidarisierung, verbrämt mit der gut klingenden Formel Case Management.

Fazit

Die Lektüre ist insbesondere all jenen empfohlen, die über die Einführung von Case Management entscheiden. Nur zu oft reduzieren die politisch Verantwortlichen und das Management von Einrichtungen Case Management auf ein Verfahren, das man mit einem Schlag einführen kann und das dann die Mitarbeitenden in der Weiterbildung lernen und umsetzen sollen. Die Einführung ist immer mit einem Prozess der Organisationsentwicklung und der systematischen Netzwerkarbeit verbunden. Alle werden in die Pflicht genommen, um tatsächlich zu einer abgestimmten, bedarfsgerechten Leistungserbringung zu gelangen.


Rezensentin
Prof. Yvonne Hofstetter Rogger
Dozentin BFH Mediatorin SDM Mitherausgeberin und Redaktionskoordinatorin "Perspektive Mediation"
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Zitiervorschlag
Yvonne Hofstetter Rogger. Rezension vom 17.03.2009 zu: Rainer Wendt, Peter Löcherbach (Hrsg.): Case Management in der Entwicklung. Stand und Perspektiven in der Praxis. Hüthig Jehle Rehm (Heidelberg) 2006. ISBN 978-3-87081-577-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4199.php, Datum des Zugriffs 17.09.2019.


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