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Lioba Baving: Störungen des Sozialverhaltens

Cover Lioba Baving: Störungen des Sozialverhaltens. Springer (Berlin) 2006. 187 Seiten. ISBN 978-3-540-20934-8. 34,95 EUR.

Reihe: Manuale psychischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen.
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Thema

Regelwidriges Sozialverhalten eines Kindes oder Jugendlichen bildet den häufigsten Anlass zur Kontaktaufnahme mit kinder- und jugendpsychiatrischen Behandlungsstellen. In bestimmten Fällen wird dabei die Diagnose einer Störung des Sozialverhaltens vergeben. Gefordert wird für diese Diagnose gemäß dem International Code of Disease ICD-10 eine wiederholte oder sehr schwere Verletzung sozialer Normen, die nicht Folge anderer psychischer Störungen sein darf. Störungen des Sozialverhaltens stellen ein Schwergewicht der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Inanspruchnahme dar, das nicht leicht zu bewältigen ist. Den sehr hohen Vorstellungsraten in Praxen und Versorgungseinrichtungen stehen hohe Abbruchraten und häufig komplizierte Prognosen gegenüber. Vor allem die früh einsetzenden Störungen des Sozialverhaltens weisen ein hohes Chronifizierungsrisiko mit hohen individuellen und gesellschaftlichen Kosten auf. Die Weiterentwicklung und Evaluation spezifischer Interventions-, Behandlungs- und Trainingsansätze ist daher eine zentrale Aufgabe für die verschiedenen Professionen, die mit Kindern, Jugendlichen und Familien arbeiten. Ein nicht zu vernachlässigendes Komplikationsrisiko der Störungsverläufe ist der hohe Abstimmungs- und Kooperationsbedarf, der sich im Einzelfall zwischen den Systemen der Jugendhilfe, der Schule, der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie und häufig auch der Justiz ergeben kann.

Entstehungshintergrund

Das Buch von Lioba Baving wird in der Reihe "Manuale psychischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen" vorgelegt, die von Schmidt und Remschmidt im Springer Medizin Verlag herausgegeben wird. Prof. Dr. Dr. Lioba Baving ist Lehrstuhlinhaberin für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universität Kiel und Direktorin der Kieler Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie.

Aufbau und Inhalte

Die Abhandlung orientiert sich eng an der Behandlungsleitlinie der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie zur Störung des Sozialverhaltens.

  • Nach einer kurzen Einführung zur Geschichte des Störungskonzeptes werden im zweiten Kapitel die klinische Störungsdefinition und Klassifikation erläutert. Der Abschnitt nennt die zentralen Leitsymptome der Störung, beschreibt das diagnostische Spektrum nach ICD-10 und DSM-IV und geht auf die wichtigsten Differentialdiagnosen ein.
  • Das dritte Kapitel zur Ätiologie und Entwicklungspsychopathologie setzt sich mit störungsbezogenen Erklärungsmodellen auseinander. Das Kapitel diskutiert biologische und soziogenetische Risikofaktoren, gut herausgestellt wird dabei die Wechselwirkung zwischen kindbezogenen Risiken und ungünstigen Sozialisationsbedingungen. Als aufrechterhaltender Faktor der Störung sind typische Verzerrungen der sozialen Informationsverarbeitung zu betrachten. Baving referiert aus der umfangreichen Forschungsliteratur die wesentlichen Befunde zur sozialen Informationsverarbeitung bei gestörtem Sozialverhalten. Die schulische Anpassungsleistung ist bei Störungen des Sozialverhaltens häufig kritisch, es ist daher begrüßenswert, dass Baving explizit, wenn auch kurz, auf die Wechselwirkung zwischen schulbezogenen Risiken und gestörtem Sozialverhalten eingeht.
  • Der Abschnitt zur störungsspezifischen Diagnostik knüpft an die Ausführungen zur Störungsklassifikation an. Das Kapitel diskutiert die alterssnormale Aggressivität im Entwicklungsverlauf und die sozialen Anforderungen an das Kind durch alterstypische Entwicklungsaufgaben. Neben dem Diagnosespektrum werden ausführlich die wichtigsten komorbiden Störungen beschrieben. Das multiaxiale kinder- und jugendpsychiatrische Klassifikationsschema MAS klassifiziert psychosoziale Belastungsumstände, die im Einzelfall mit einer Störung nach ICD-10 assoziiert auftreten können. Baving stellt eine Auswahl häufig gegebener Störungsrelevanter Rahmenbedingungen zusammen, die beim Vorliegen einer Störung des Sozialverhaltens exploriert werden sollten. Die diagnostische Abklärung gestörten Sozialverhalten sollte in der Regel eine testpsychologische Leistungsdiagnostik und standardisierte Verhaltensbeurteilungen umfassen. Das Buch geht auf die verbreitetesten Verfahren für unterschiedliche testdiagnostische Fragestellungen ein, wünschenswert wäre an dieser Stelle ein Verweis auf weiterführende testpsychologische Fachliteratur. Das Kapitel gibt konkrete Anhaltspunkte für die körperliche Diagnostik, insbesondere hinsichtlich der Klärung fraglichen Konsums psychotroper Substanzen.
  • Das nachfolgende 5. Kapitel vertieft die Frage der diagnostischen Klassifikation und geht detailliert auf die Symptomatik möglicher Differentialdiagnosen und komorbid auftretender Störungen ein.
  • Das Kapitel zu Behandlungs- und Interventionsstrategien nimmt mit etwa 70 Seiten den größten Stellenwert ein. Ausgeführt wird das Interventionsschema der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Die Interventionsplanung orientiert sich am Entwicklungsstand des Kindes, dem Schweregrad der Störung, der komorbiden Symptomatik und den sozialen Rahmenbedingungen. Das Kapitel macht anschaulich, wieviel Komplexität und Mutimodalität die Behandlung einer Störung des Sozialverhaltens im Idealfall beinhaltet. In Kombination mit psychosozialen Interventionsansätzen kann medikamentöse Behandlung in vielen Fällen zu einer Besserung der Prognose beitragen. Das Kapitel geht sehr konkret auf pharmakotherapeutische Behandlungsmöglichkeiten bei Störungen des Sozialverhaltens ein und enthält Hinweise zum Umgang mit akut aggressiven Patienten.
  • Die beiden Schlusskapitel des Buches gehen auf das epidemiologisch gewonnene Wissen zum Störungsverlauf, störungsbezogenen Risiko- und Schutzfaktoren ein. Am Schluss des Buches wird mit großer Offenheit anerkannt, dass den oft ungünstigen, viele soziale Teufelskreise entfaltenden Störungsverläufen bislang keine ausreichend effektiven Interventionen gegenüberstehen, obwohl Wissen um potentiell effektivere Interventionsprogramme vorliegt. Neben der Bereitschaft zur aufsuchenden Hilfe erfordern diese eine koordinierte Hilfestrategie der verschiedenen gesellschaftlichen Systeme, die durch das Problemverhalten angesprochen werden. Letztlich, so könnte man zwischen den Schlusszeilen herauslesen, geht es um die bewusste politische Entscheidung zu mehr gemeinschaftlicher Beziehungsinvestition in eine desintegrierte, viel negative Aufmerksamkeit bindende Teilpopulation unserer Gesellschaft.

Zielgruppe und Fazit

"Für alle, die mit 'schwierigen' Kindern und Jugendlichen konfrontiert werden" (Klappentext), wirkt das Buch Lioba Bavings nicht geeignet. Ausgerichtet ist es auf klinisch tätige Helfer, insbesondere im stationären und teilstationären Kontext. Über manche Passagen fokussiert das Manual stark auf die Krankenhaussituation und erinnert an eine Anleitung in der kinder- und jugendpsychiatrischen Weiterbildung. Am weitesten differenziert sind die Ausführungen im Bereich der Diagnostik und Indikationsstellung, der Pharmakotherapie und der akuten Krisenmaßnahmen. Wer sich in der klinischen Praxis auf Störungen des Sozialverhaltens einstellen muss, wird die Konkretheit des Manuals begrüßen. Wünschenswert wäre aus psychotherapeutischer Sicht allerdings gewesen, der subjektiven Erlebenswelt der Betroffenen mehr Raum zu widmen.


Rezension von
Dr. Christian Brandt
Psychologischer Psychotherapeut, Diplom Soziologe,
Kinder- und Jugendpsychiatrie am Zentrum für Psychiatrie Weinsberg
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Zitiervorschlag
Christian Brandt. Rezension vom 07.05.2007 zu: Lioba Baving: Störungen des Sozialverhaltens. Springer (Berlin) 2006. ISBN 978-3-540-20934-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4202.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


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