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Ralf Bohnsack, Winfried Marotzki u.a. (Hrsg.): Hauptbegriffe qualitativer Sozialforschung

Cover Ralf Bohnsack, Winfried Marotzki, Michael Meuser (Hrsg.): Hauptbegriffe qualitativer Sozialforschung. Ein Wörterbuch. UTB (Stuttgart) 2006. 2. Auflage. 203 Seiten. ISBN 978-3-8252-8226-4. D: 17,90 EUR, A: 18,10 EUR, CH: 31,70 sFr.
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Qualitative Methoden haben in den vergangenen fünfundzwanzig Jahren gegenüber den vorherrschenden Methoden einer quantitativ ausgerichteten empirischen Sozialforschung deutlich an Gewicht gewonnen. Dem entspricht eine Fülle an Veröffentlichungen, was zur Folge hat, dass sich für Lehrende und Studierende eine Suche nach und gar eine Orientierung an zentralen Begrifflichkeiten recht aufwändig gestaltet.Vor allem für Studierende Sozialer Arbeit, die noch über geringe Kenntnisse qualitativer Forschung verfügen, gestaltet sich der gezielte Griff nach einer verständlichen einführenden Literatur oder einem Nachschlagwerk, in dem man sich grundlegend informieren kann, recht schwierig. Der vorliegende Band versucht diese Lücke mit dem Anliegen zu schließen, "in kurzen Artikeln die wichtigsten Begriffe qualitativer Methodik und Methodologie übersichtlich und verständlich" zu erläutern. Die Artikel werden von ausgewiesenen "Fachleuten der unterschiedlichen und derzeit wichtigsten Richtungen, Strömungen, „Schulen“ oder Methodologien qualitativer Forschung" (7) verfasst, schwerpunktmäßig von solchen Vertretern der Soziologie und der Erziehungswissenschaften, denen auch zentrale Impulse zur Weiterentwicklung qualitativer Methodologien zuzuordnen sind. Neben einer kurzen Vorstellung paradigmatisch bedeutsamer Theorie-Traditionen qualitativer Sozialforschung gibt der Band einen Überblick über (Haupt-) Begriffe qualitativer Forschung in der Form eines alphabetisch geordneten Nachschlagewerks.

So ist dieses Buch vor allem denjenigen zu empfehlen, die im Bereich Sozialwesen  Handlungs- und Praxisforschungsprojekte, z.B. im Kontext einer Diplomarbeit, durchführen möchten. Nachfolgende Ausführungen dieser Rezension zu Aufbau und Inhalt dieses Bandes orientieren sich an dieser Zielgruppe forschungsinteressierter Studierender der Fachbereiche Sozialpädagogik und Soziale Arbeit.

Aufbau und Inhalt

Die Artikel zu den unterschiedlichen (Haupt-)Begriffen qualitativer Sozialforschung werden alphabetisch aufgelistet. Wie im traditionellen Fachwörterbuch können Leserinnen sich so schnell über Inhalt und Bedeutung der wichtigsten Begriffe qualitativer Sozialforschung informieren. Am Ende der meisten Artikel wird auf ein bis zwei Titel der Fachliteratur verwiesen, die zur weiteren Beschäftigung mit dem jeweiligen Thema nützlich sein können.

In den einzelnen Beiträgen des vorliegenden Buches verweisen Pfeile vor verwendeten Fachbegriffen darauf, dass es dazu eigenständige Artikel enthält. Begriffe, denen keine längeren Beiträge gewidmet sind, sind ebenfalls alphabetisch eingeordnet. Verweise schicken den Leser zu den jeweiligen ausführlichen Artikeln, die Wissenswertes dazu enthalten. So findet sich z.B. im Artikel "Fallanalyse in der sozialen Arbeit" der Hinweis, bei "Fallrekonstruktion" und "Forschungswerkstatt" weiterzulesen, und der nicht mit einem eigenen Artikel bedachte Begriff "Fall" schickt die Leserin zu "Fallrekonstruktion" und "Typenbildung".

Die Artikel sind in der Regel kurz gehalten und führen grundlegend in Bedeutung und Systematik des erläuternden Begriffes komprimiert ein. Dadurch können sich für noch fachunkundige Lesende manche offene Fragen ergeben, die aber den zuvor angesprochenen immanenten Lesehinweisen folgend in vielen Fällen "buchintern" beantwortet werden können. Im Weiteren skizzieren die Autoren Möglichkeiten und Grenzen vorgestellter Begriffe und weisen auf noch ungelöste Probleme, "unfertige" Theorien oder "blinde Flecken" gut nachvollziehbar hin.

Eine echte Hilfe für Studierende aber auch für Lehrende ist die Vielfalt der in einem Buch vorgestellten qualitativen Möglichkeiten zur Datenerhebung wie auch zur Datenauswertung, wodurch vorläufige Entscheidungshilfen bezüglich der Methodenwahl für avisierte Forschungsprojekte geben werden und somit die "Qual der Methodenwahl" verkürzt werden kann.

Das angefügte Literaturverzeichnis beeindruckt durch die breite Ansammlung älterer wie auch aktueller Werke zur qualitativen Sozialforschung und bietet Forschenden einen umfassenden Überblick zum Stand der deutschsprachigen Fachliteratur.  

  1. Einführende Informationen zu grundlegenden Theorien qualitativer Methodologien finden sich in Artikeln zur Ethnografie, zum Interpretativen Paradigma, zur Ethnomethodologie, zum Symbolischen Interaktionismus, zur Grounded Theory  und zur Lebenswelt.
    Qualitative Sozialforschung fokussiert vergesellschaftete Subjekte und richtet ihren forschenden Blick aus verschiedenen Perspektiven auf das Alltagsbewusstsein von Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen, die Adressaten Sozialer Arbeit sind oder werden können. Diese Subjekte werden als eigensinnige Konstrukteure ihrer sozialen Wirklichkeit erkannt und benannt - gerade dieser Subjektbezug ist für eine disziplinäre Forschung Sozialer Arbeit wie auch für eine gelingende Soziale Praxis von zentraler Bedeutung. Für eine am Menschen ausgerichtete Sozialarbeitsforschung resultiert aus diesem Selbstverständnis die Notwendigkeit eines verstehenden Zugangs zu den alltäglichen Bewusstseinsstrukturen von Adressaten und Professionellen. Dem entsprechende mögliche forschungsrelevante Zugänge zeigen die Artikel zur Rekonstruktiven Sozialforschung und zur Biografieforschung auf.
  2. Studierende, die sich für die Umsetzung qualitativer Forschung in eingegrenzten studienbegleitenden Praxisprojekten interessieren, finden in Ausführungen zur  Forschungswerkstatt Anregungen, wie man gemeinsam mit interessierten Professorinnen, Studierenden und auch Praktikerinnen Handlungs- und Praxisforschungsprojekte entwerfen, durchführen und auswerten kann. Darüber, wie man dabei verschiedene methodische Instrumente miteinander verknüpfen kann, informiert der Artikel Triangulation.
  3. In Abhängigkeit des gewählten Forschungsgegenstandes, des Forschungsfeldes, der Forschungsfrage und der gesamten Zielsetzung des Forschungsprojektes fällt die Entscheidung für das Forschungsinstrumentarium. Über verschiedne Möglichkeiten eines adäquaten methodischen Zuganges zum Forschungsfeld informieren diverse Artikel, die sich mit Erhebungsinstrumenten befassen. Hier werden methodische Formen der Datenerhebung vorgestellt, die einen Zugang zur Aufzeichnung verbaler und nonverbaler Daten im Feld eröffnen. Diesem Bereich sind Methoden zugeordnet  wie Aktionsforschung und Teilnehmende Beobachtung, neben einem grundsätzlichen Artikel zum Interview werden Sonderformen erläutert, wie  Experteninterview, Leitfadeninterview, Narratives Interview, Thematisches Interview, Tiefeninterview - hier sind auch Verfahren der Gruppendiskussion und  der Evaluationsforschung zuzuordnen.
  4. Gerade für Studierende des Sozialwesens relevant, werden - ergänzend zu Methoden der Erhebung verbaler Daten - qualitative Wege zur Bildinterpretation, zur Film- und Videoarbeit wie auch der Medienanalyse vorgestellt.
  5. Ein Artikel zur Transkription zeigt, auf welchem Wege man die erhobenen verbalen Daten verschriftlichen und damit auswertungsrelevant konservieren kann.
  6. Von besonderem Interesse für Studierende, die ihre Diplomarbeit forschungsbezogen ausrichten wollen, sind Artikel, die unterschiedliche Auswertungsmethoden für das in der Empirie erhobene verbale Datenmaterial vorstellen, wie Dokumentarische Methode, Deutungsmusteranalyse, Erzählanalyse, Gattungsanalyse, Grounded Theory, Inhaltsanalyse, komparative Analyse und Konversationsanalyse wie auch die Ausführungen zur Hermeneutik und zur Typenbildung.
  7. Für Studierende des Sozialwesens werden die Artikel zur Fallanalyse und zu Fallrekonstruktionen eine hilfreiche Lektüre sein, da ein sozialpädagogisches Studium in jedem Falle "Fallarbeit" bezogen auf unterschiedliche Zielgruppen und in verschiedenen Arbeitsfeldern einschließt und der Einbezug qualitativer Aspekte und rekonstruktiver Arbeitsbezüge für eine professionelle Arbeit heute unabdingbar sein sollte.
  8. Nicht nur für die Erforschung der Praxis Sozialer Arbeit, sondern auch für die konkrete Arbeit im Feld sind theoretische wie auch methodische Implikate qualitativer Sozialforschung relevant, die Interaktion und Kommunikation in sozialen Arbeitsfeldern fokussieren, wie die Artikel zur Interaktion und zur Mimesis.

Zielgruppe

Dieser Band ist für Dozierende und Studierende vorwiegend der Soziologie und Erziehungswissenschaften gedacht, jedoch ist er gleichermaßen für den Bereich des Sozialwesens eine inhaltliche Bereicherung. So sind die meisten Beiträge des vorliegenden Nachschlagewerks in der Lehre als Einführungstexte gut zu verwenden. Die Übersichtlichkeit des Aufbaus und der verständliche Sprachstil der meisten Beiträge - diese sind darum bemüht, das bekannte "Soziologenchinesisch" zu vermeiden - empfehlen dieses Buch für Studierende der Sozialen Arbeit und der Sozialpädagogik ohne Einschränkung  als Studienbegleiter.

Fazit

Der vorliegende Band erweist sich als ein differenziert angelegter Versuch, zentrale Begriffe der qualitativen Sozialforschung kurz und prägnant vorzustellen und damit nützliche und erkenntnisleitende Informationen eines nicht ganz einfach zugänglichen  fachwissenschaftlichen Bereiches Lehrenden und Studierenden an die Hand zu geben. Zugleich werden interessierte Leserinnen durch die breit ausgewiesene Fachliteratur motiviert, sich fachspezifisch vertiefend weiter zu qualifizieren.

Dem Verweis der Herausgeber, dass "angesichts der Dynamik und Offenheit der Entwicklung in diesem Bereich" ihr Anliegen, "Hauptbegriffe" vorzustellen, gewagt erscheinen mag, kann man zustimmen. Diese Beschränkung erweist sich für die praktische Anwendung im Bereich des Sozialwesens jedoch keinesfalls als nachteilig.


Rezension von
Prof. Dr. phil Marianne Schmidt-Grunert
Professorin für Theorie und Methoden der Sozialen Arbeit an der Hochschule für angewandte Wissenschaft Hamburg, Fakultät Wirtschaft und Soziales, Department Soziale Arbeit; mit den Schwerpunkten Soziale Arbeit mit Gruppen, dem Studienschwerpunkt Kultur-Bildung-Medien, Sozialarbeitswissenschaft; empirische qualitative Methoden der Sozialforschung (Schwerpunkte: Grounded Theory und qualitative Evaluation von Gruppen)
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Zitiervorschlag
Marianne Schmidt-Grunert. Rezension vom 14.04.2007 zu: Ralf Bohnsack, Winfried Marotzki, Michael Meuser (Hrsg.): Hauptbegriffe qualitativer Sozialforschung. Ein Wörterbuch. UTB (Stuttgart) 2006. 2. Auflage. ISBN 978-3-8252-8226-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4217.php, Datum des Zugriffs 24.09.2021.


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