Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Verena Böhling: Straßen- und Bandenkinder in Lima, Peru

Rezensiert von Prof. Dr. Manfred Liebel, 27.05.2008

Cover Verena Böhling: Straßen- und Bandenkinder in Lima, Peru ISBN 978-3-88939-790-4

Verena Böhling: "A la franca". Lebensrealitäten von Straßen- und Bandenkindern in Lima, Peru. IKO-Verlag für Interkulturelle Kommunikation (Frankfurt) 2006. 209 Seiten. ISBN 978-3-88939-790-4. 16,90 EUR.
Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Einführung

Zu den immer wieder beschriebenen Merkmalen lateinamerikanischer Großstädte gehören Kinder, die in großer Zahl auf der Straße (über-)leben. Spätestens seit den 1980er Jahren werden ihnen Reportagen und Studien gewidmet, meist in der Absicht, auf die beklagenswerten Umstände ihrer Existenzweise aufmerksam zu machen und pädagogische oder politische Antworten einzufordern oder vorzuschlagen. Allzu bedenkenlos werden die Kinder oft mit dem Etikett "Straßenkinder" versehen und nur selten kommt die eigene Perspektive der Kinder zum Vorschein. Ist dies bei der Beschreibung der "Lebensrealitäten" in dem vorliegenden Buch anders?

Inhalt

Als ein besonderes Anliegen der Feldstudie, die im Frühjahr 2003 in Lima entstand und sich auf Beobachtungen und Interviews stützt, nennt die Autorin die Vermittlung von Sichtweisen der Kinder. Sie will damit insbesondere Sozialarbeiter/innen hierzulande für fremde Lebenswelten sensibilisieren. Den Ausdruck "a la franca" hat sie der Umgangssprache der Kinder in Peru entnommen. Er bedeutet in etwa "seien wir mal ehrlich", "offen und frei heraus" oder "jetzt mal Klartext gesprochen".

Zunächst präsentiert die Autorin in knapper Form einige für das Thema relevante "Hintergrundinformationen" zu Peru und zur historischen Entwicklung der "Straßen- und Bandenkinder" und setzt sich mit der undifferenzierten Rede von "Straßenkindern" in Publikationen deutscher Hilfsorganisationen auseinander. Als Ergebnis ihrer Studie betont sie den starken Wandel der Lebensrealitäten der auf den Straßen Limas lebenden Kinder und konzentriert sich auf die "Problematik der Bandenkinder", in der die aktuelle Entwicklung am "brisantesten" zum Ausdruck komme. Sie sei immer stärker von Gewalt geprägt. Vor dem Hintergrund ihrer Studien hinterfragt die Autorin, inwieweit die bestehenden sozialpädagogischen Interventionsformen der gewandelten Realität Rechnung tragen und geeignet sind, den Kindern neue, erstrebenswerte Lebensperspektiven aufzuzeigen, "die in Selbstachtung und Selbstverantwortung für ihr eigenes Leben in Würde münden" (S. 6).

Diskussion

Eine Stärke des Buches besteht in der einfühlsamen Darstellung der Alltagserfahrungen und einigen persönlichen Portraits der Kinder. Dem Schreibstil der Autorin ist anzumerken, wie stark sie von den Erlebnissen im Umgang mit den Kindern berührt wurde. Ähnliches gilt für die Beschreibung der repressiven Praktiken in einigen Einrichtungen, die von der Autorin scheinbar paradox, aber treffend als "Präventionsgefängnisse" bezeichnet werden. Ich habe in Arequipa, einer anderen peruanischen Stadt, solche sog. "Wiedereingliederungsherbergen" kennengelernt, die teils von der Polizei, teils von sog. gemeinnützigen Vereinen betrieben werden, und kann die Kritik der Autorin vollauf bestätigen.

Weniger überzeugend erscheinen mir die Bemühungen der Autorin, ihre Studie wissenschaftlich zu fundieren und die von ihr dargestellten Lebensrealitäten zu analysieren und zu erklären. Ihre Bekundung, die sprachlichen Äußerungen der Kinder nach den Regeln der Grounded Theory interpretiert zu haben, ist kaum nachzuvollziehen. Auch greift die Autorin entgegen ihrer Absicht, die Sichtweisen der Kinder zum Ausdruck zu bringen, immer wieder auf Begriffe zurück (z.B. Resozialisierung, Banden), die dieser Absicht widersprechen. Schließlich wird, von einer knappen Bemerkung abgesehen (S. 69), nicht auf die in Peru viel diskutierte Frage eingegangen, inwieweit eigene soziale Bewegungen und Organisationen von Kindern dazu beitragen können, den Kindern ein eigenes Leben in Würde zu verschaffen.

Fazit

Das Buch vermittelt informative und konkrete Einblicke in die Lebensrealitäten von Kindern, die von Armut, Gewalt und sozialer Marginalisierung betroffen sind, bleibt aber in der soziologischen und politischen Analyse auf halbem Wege stehen.

Rezension von
Prof. Dr. Manfred Liebel
Master of Arts Childhood Studies and Children’s Rights (MACR) an der Fachhochschule Potsdam, Fachbereich Sozial- und Bildungswissenschaften
Website
Mailformular

Es gibt 100 Rezensionen von Manfred Liebel.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Manfred Liebel. Rezension vom 27.05.2008 zu: Verena Böhling: "A la franca". Lebensrealitäten von Straßen- und Bandenkindern in Lima, Peru. IKO-Verlag für Interkulturelle Kommunikation (Frankfurt) 2006. ISBN 978-3-88939-790-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4227.php, Datum des Zugriffs 22.05.2022.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht