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Harry Dettenborn, Eginhard Walter: Familienrechtspsychologie

Cover Harry Dettenborn, Eginhard Walter: Familienrechtspsychologie. UTB (Stuttgart) 2002. 352 Seiten. ISBN 978-3-8252-8232-5. 36,90 EUR, CH: 61,00 sFr.

ISBN 3-497-01624-1 (Reinhardt).

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-8252-8676-7 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
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Anliegen der Autoren, Zielgruppen

Das Anliegen der Autoren ist es, die in familiengerichtlichen Verfahren beteiligten Berufsgruppen (Psychologen, Juristen, Sozialpädagogen/Sozialarbeiter, Pädagogen) anzuregen und zu ermutigen, "die psychologische Problematik ihres Wirkens als selbstverständlichen Bestandteil interdisziplinären Herangehens zu entdecken und zu berücksichtigen." Das Buch vermittelt anwendungsrelevante familienrechtliche und psychologische Kenntnisse sowohl für die Praxis als auch für die Lehre bzw. die Aus- und Weiterbildung.

Gliederung, Inhalte

Im Fokus der Familienrechtspsychologie - als Teilgebiet der Rechtspsychologie - stehen familiäre Konflikte, deren Bewältigung einer rechtlichen Einflussnahme und professioneller Unterstützung (z.B. durch Richter, Gutachter, Jugendamtsmitarbeiter) bedarf, um die Interessen der Beteiligten, insbesondere der Kinder angemessen zu berücksichtigen und eine sinnvolle Entwicklung und Reorganisation familiärer Beziehungen zu erleichtern.

Im ersten Kapitel skizzieren die Autoren den Gegenstand, die fachlichen Grundlagen und aktuelle Tendenzen bzgl. der Anforderungen an die Familienrechtspsychologie. Es wird eine Entwicklung von einer eher selektions- und statusorientierten zu einer modifikations- und prozessorientierten Diagnostik beschrieben und befürwortet.

Als übergreifende Theoriebausteine zur psychologischen Beurteilung familienrechtlicher Probleme werden im zweiten Kapitel folgende Themenkomplexe dargestellt:

  • Konflikte
  • Beziehungen und Bindungen
  • Stresserleben und Coping bei kritischen Familienereignissen, Risiko- und Schutzfaktoren
  • Wohl des Kindes
  • Wille des Kindes
  • Erziehungsfähigkeit.

Das dritte Kapitel widmen die Autoren dem von ihnen befürworteten Paradigmenwechsel in der familienrechtlichen Konfliktbehandlung, der neben einer rechtsnormfixierten Konfliktbearbeitung die Chancen einer rechtsnormgelösten Vorgehensweise betont, die eine direkte Interaktion zwischen den Konfliktparteien mit dem Ziel einer kooperativen Konfliktlösung anregt sowie durch Angebote bzw. Elemente von Beratung und Mediation zu einer autonomen Konfliktbewältigung beiträgt. Als spezifische Schwierigkeiten und Herausforderungen einer erfolgreichen Konfiktbearbeitung werden das Vertrauensdilemma und die Querulanz thematisiert. Anregungen für die Gesprächsführung, Chancen und Risiken unterschiedlicher Gespächsstrategien - insbes. bei der Einwandbegegnung - werden vorgestellt und kommunikationspsychologisch begründet.

Die folgenden Kapitel (4-9) thematisieren jeweils eine familienrechtlich relevante Konfliktkonstellation:

  • Die elterliche Sorge nach Trennung und Scheidung
  • Der Umgang mit dem Kind
  • Sorgerechtsentzug bei Kindeswohlgefährdung
  • Die Herausgabe des Kindes
  • Die Adoption Minderjähriger
  • Der Verdacht des sexuellen Missbrauchs

Dabei werden jeweils einführend die rechtlichen Grundlagen prägnant dargestellt. Differenzierte Ausführungen zur psychologischen Problematik und ihrer Beurteilung umfassen Erscheinungsformen, Auftretenshäufigkeiten, Entstehungsbedingungen der Problematik sowie die spezifischen juristischen und psychologischen Fragestellungen und die relevanten Beurteilungskriterien.

Abschließend (Kapitel 10) werden die Tätigkeitfelder nichtjuristischer Beteiligter am familiengerichtlichen Verfahren (Jugendhilfe, Verfahrenspflegschaft, Familienmediation, Umgangsbegleitung, psychologische Sachverständigentätigkeit) dargestellt, von einander abgegrenzt sowie Anforderungen an die Vernetzung und Kooperation formuliert.

Anmerkungen aus psychologischer Sicht

Den Autoren gelingt es hervorragend, der Komplexität der familiären Konfliktkonstellationen, der relevanten Einflussfaktoren sowie der potenziellen Wirkungen von familienrechtlichen Entscheidungen und professionellen Hilfen gerecht zu werden. Die rechtlichen und psychologischen Fragestellungen sowie die relevanten Beurteilungskriterien werden prägnant dargestellt. Die Notwendigkeit einer Gewichtung der Kriterien, die potentiellen Fehlerquellen einer Beurteilung, die Folgen einer Falschbeurteilung bzw. einer misslungenen Konfliktlösung sowie die Entwicklungschancen, die sich aus einer zutreffenden Beurteilung und entsprechenden Interventionen zugunsten einer angemessenen Konfliktlösung ergeben, werden praxisnah entwickelt.

Die Ausführungen werden fundiert durch eine überzeugende Auswahl psychologischer Theorien und empirischer Befunde sowie entsprechenden Verweise auf aktuelle Fachliteratur.

Eingefügte Beispiele erleichtern das Verstehen und die Einschätzung der Praxisrelevanz der vorgestellten Inhalte.

Die Darstellung der Rechtsgrundlagen ist auch für Nichtjuristen gut verständlich.

Anmerkungen aus juristischer Sicht

Die Autoren überzeugen mit der Art und Weise, wie sie die gesetzlichen Grundlagen einerseits und die psychologischen Erkenntnisse und Methoden andererseits für ein so komplexes Fachgebiet wie das Familienrecht miteinander verknüpfen.

So wird z.B. die Mediation als Methode mit den gesetzlichen Normen des familienrechtlichen Verfahrens präzise verdeutlicht und zugleich praxisnah anhand von Beispielen dargestellt.

Zudem werden die Verfahrensabläufe auch immer wieder kritisch beleuchtet und vor dem Hintergrund der ihnen jeweils eigenen Problematik unter zeitlichen oder auch finanziellen Aspekten betrachtet. Äußerst komprimiert, überschaubar und gleichzeitig umfassend erläutern die Autoren die Rechtsgrundlagen der einzelnen Themenschwerpunkte.

Anschaulich wird dies insbesondere im Kapitel 7, wo die relevanten Rechtsvorschriften wörtlich dem Kapitel vorangestellt werden - und sodann die Auseinandersetzung mit den juristischen und psychologischen Fragestellungen unter Bezugnahme auf die vorangestellten Rechtsgrundlagen erfolgt. Diese Vorgehensweise hätte durchaus auch bei anderen Kapiteln gewählt werden sollen, da der nichtjuristische Leser vielleicht nicht jederzeit ein Gesetzbuch neben der Lektüre des Fachbuches zu Rate ziehen möchte.

Faszinierend erscheint der Rezensentin die Deutlichkeit, mit der die Autoren teils "den Finger in die Wunde legen" - z.B. Kapitel 7.2.3 "Das Zeitproblem" bei der Kindesherausgabe - . Durch die differenzierte Darstellung der Problematik und die Hinweise auf mögliche Fehlerquellen für die Verfahrensbeteiligten wird der Erkenntnishorizont des Lesers umfassend und fundiert erweitert. Klare Standpunkte der Autoren insbesondere unter wiederholter Hervorhebung der Bedeutung des "Kindeswohls" in den jeweiligen Verfahren und Themenschwerpunkten erhellen die Konfliktfragen und führen den Benutzer kompetent und zielsicher zu eigenen Beurteilungsmöglichkeiten und zur Erweiterung seiner Argumentationsketten.

Gerade für den Juristen werden die Themenbereiche "Verdacht des sexuellen Missbrauchs in familiengerichtlichen Verfahren" und "Umgangsregelungen" mit Fakten, Methoden und Erkenntnissen aus den Sozial- und Humanwissenschaften brillant unterfüttert.

Die Autoren, die mehrfach vom Risiko einer "nicht gesicherten beruflichen Qualifikation" (beispielsweise des Verfahrenspflegers) sprechen, vervollständigen bei Bedarf die berufliche Qualifikation eines Familienrichters, der in der Regel nur ein herkömmliches Jurastudium absolviert hat, indem sie mit der Familienrechtspsychologie die Wissenschaft des Rechts und der Psychologie gekonnt verbinden.

Kritisch verbleibt lediglich aus juristischer Sicht anzumerken, dass die Quellennachweise nicht eine zielgenaue Weitervertiefung der Problematiken erlauben, da leider Seitenangaben fehlen und bei juristischen Gesetzeskommentaren gar die Paragraphen und dazugehörige Randziffern - das ist bedauerlich, zumal die Zielgruppe der Leser gerade im Rahmen von Weiterbildung durchaus dieses Vertiefungsinteresse haben könnte.

Fazit und Empfehlung

Das Anliegen der Autoren, "eine Systematik der Familienrechtspsychologie theoretisch zu begründen und praktisch umzusetzen", ist u.E. überzeugend gelungen. Das Buch dürfte sowohl für die Lehre als auch für die Praxis der an familiengerichtlichen Verfahren beteiligten Berufsgruppen hilfreich sein, das eigene Handeln unter psychologischen Gesichtspunkten zu reflektieren und im Interesse der Konfliktbeteiligten zu optimieren.


Rezension von
Prof. Dr. Angelika Gregor
Fachhochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Fachgebiet Rechtswissenschaft
und
Prof. Dr. Johanna Hartung
Hochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Fachgebiet Psychologie
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Zitiervorschlag
Angelika Gregor/Johanna Hartung. Rezension vom 30.06.2003 zu: Harry Dettenborn, Eginhard Walter: Familienrechtspsychologie. UTB (Stuttgart) 2002. ISBN 978-3-8252-8232-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/423.php, Datum des Zugriffs 07.08.2020.


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