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Wolfgang Lutz (Hrsg.): Lehrbuch der Paartherapie

Rezensiert von Prof. Dr. Hans Goldbrunner, 13.11.2007

Cover Wolfgang Lutz (Hrsg.): Lehrbuch der Paartherapie ISBN 978-3-8252-8340-7

Wolfgang Lutz (Hrsg.): Lehrbuch der Paartherapie. UTB (Stuttgart) 2006. 272 Seiten. ISBN 978-3-8252-8340-7. 26,90 EUR. CH: 45,80 sFr.
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Thema

Neben den bereits länger etablierten Hilfsangeboten für Ehepaare und partnerschaftliche Lebensgemeinschaften im Bereich der präventiven Schulung und der Ehe- und Familienberatung gewinnt seit einigen Jahren die Paartherapie an Bedeutung, die in Deutschland jedoch noch in den Anfängen steckt und für die es noch keine standardisierten Ausbildungsrichtlinien gibt. Hier setzt das "Lehrbuch" der Paartherapie ein, das von mehreren Verfassern in Coautorenschaft unter Leitung von Wolfgang Lutz insbesondere über neuere Forschungsergebnisse und (verhaltenstherapeutische) Behandlungsansätze aus den USA berichtet, die hierzulande noch kaum bekannt sind.

Aufbau und Inhalt

Der erste Teil befasst sich mit grundsätzlichen Fragestellungen zur Paartherapie. Wolfgang Lutz unternimmt zunächst den Versuch, auf wenigen Seiten einen kursorischen Überblick über Beziehungsprobleme in Partnerschaften und ihre Behandlung sowie etwas spezieller über theoretische Grundlagen und empirische Überprüfung der Paartherapie zu verschaffen. Das ist nicht mehr als ein systematisches Auflisten von bedeutsamen Entwicklungslinien für den eiligen Leser, während eine fachliche Diskussion der Ansätze unterbleibt. Fachleute werden sich dabei auch fragen, welche Tendenzen aufgelistet bzw. verschwiegen werden. So fällt etwa auf, dass die bisherige Entwicklung im deutschen Sprachraum völlig ausgeklammert wird. Offen bleibt auch das Verständnis von Paartherapie. Einerseits bemüht sich der Autor im Gefolge seines verstorbenen Lehrers Klaus Grawe um ein integratives Verständnis, geht jedoch stillschweigend davon aus, dass dies im Kontext der Verhaltenstherapie und besonders der kognitiv ausgerichteten Verhaltenstherapie zu verorten sei, während andere integrative Positionen, die auf dem psychoanalytischen, humanistischen oder systemischen Denken basieren, insbesondere der Ansatz von Jörg Willi, nicht herangezogen werden.

Das systematische Kapitel zur Partnerschaftsdiagnostik von Nina Heinrichs geht von der Prämisse aus, dass Paardiagnostik als Interaktionsdiagnostik zu verstehen sei, die sowohl individuelle wie dyadische Merkmale berücksichtigt. Es werden zahlreiche methodische Instrumente aufgelistet, die sich auf Selbst- und Fremdbeobachtung wie auf objektive Beurteilungsverfahren konzentrieren. Der Interaktionsprozess des Diagnostizierens innerhalb der Paartherapie wird nicht angesprochen.

Wolfgang Lutz und Birgit Weinmann-Lutz geben einen Überblick über "Behandlungsstrategien und Techniken der Paartherapie", der neben den bekannteren veränderungsorientierten Techniken auch neuere akzeptanzorientierte und emotionsfocussierte Vorgehensweisen aufweist, die den Rahmen des traditionellen verhaltenstherapeutischen Denkens überschreiten und eine Brücke zu anderen therapeutischen Schulrichtungen bilden. Dadurch wird der (verhaltenstherapeutisch) integrative Zugang unterstrichen, der allerdings wegen der technizistischen Ausrichtung noch begrenzt bleibt.

Kathrin Widmer und Guy Bodenmann verlassen den therapeutischen Rahmen und stellen präventive Methoden zur Vorbeugung von Beziehungsstörungen vor, welche die Tradition von Ehevorbereitungsseminaren auf der Basis des Stress-Konzeptes von Bodenmann zu übertragen suchen, das bereits in zahlreichen Veröffentlichungen publiziert wurde.

Der 2. umfangreichere Teil bearbeitet spezifische Paarprobleme wie

  • depressive Störungen,
  • chronische gesundheitliche Probleme,
  • Umgang mit Affären,
  • Gewalt in Partnerbeziehungen,
  • Trennung/Scheidung und Scheidungs-Mediation und schließlich
  • Sexualität.

Die einzelnen Kapitel, die von unterschiedlichen Autoren verfasst sind, befassen sich zunächst mit der Forschung auf dem jeweiligen Problemfeld und zeigen paartherapeutisch relevante Fragestellungen auf, skizzieren ausgewählte Therapieverfahren und greifen auf (vorhandene) Wirksamkeitsstudien zurück. Auch Belastungen und Verwicklungen von Therapeuten werden teilweise erwähnt.

Der lehrbuchartige Charakter wird durch Kapitelzusammenfassungen, Prüfungsfragen, Übersichten und Bemerkungen und Symbole am Rand hervorgehoben.

Diskussion - Einschätzung

Der Zugang zur Paarproblematik aus einem konsequenten verhaltenstherapeutischen Standpunkt heraus sowie die Breite der erfassten Probleme und die Darstellung von Behandlungsmethoden und -techniken gehen über bisher vorhandene Darstellungen im deutschsprachigen Raum weit hinaus. Obwohl von mehreren Autoren verfasst, ist ein durchgängiges Rahmenkonzept erkennbar, das allerdings im Titel des Buches nicht sichtbar wird. Das "Lehrbuch der Paartherapie" informiert insbesondere über neuere verhaltenstherapeutische Ansätze in den USA sowie deren bisherige wissenschaftliche Überprüfung. In diesem Punkt handelt es sich um eine wertvolle Fundstelle, die gestattet, einen raschen Überblick über aktuelle Tendenzen zu erhalten. Es verwundert allerdings, dass andere therapeutische Richtungen sowie die bereits in Europa etablierten Paartherapie- und Paarberatungsformen fast vollständig ausgeklammert werden. Damit wird das Buch dem Titel eines allgemein gehaltenen "Lehrbuches" nicht gerecht. Es ist sicher unbefriedigend, wenn einerseits ein integrativer Anspruch erhoben wird, die Umsetzung jedoch nur soweit geleistet wird, wie es innerhalb der Verhaltenstherapie in den USA bisher erfolgt ist. Insbesondere dem 1. systematischen Teil haftet ein noch recht technizistisches Therapieverständnis an. Es ist zu bezweifeln, ob dies der komplexen triadischen Dynamik der Paartherapie annähernd gerecht wird, bzw. ob Paartherapeuten, die vorwiegend mit den angebotenen Rezepten arbeiten, ohne den Beziehungskontext zu reflektieren, langfristig effektiv therapeutisch tätig sein können.

Bei der Bearbeitung spezieller Paarproblematiken im 2. Teil wird das theoretische Korsett allerdings weitgehend abgelegt und werden weiter führende praktische Implikationen thematisiert, die zuweilen auch praktische Erfahrungen hierzulande einbeziehen.  Vor allem die Kapitel über chronische Krankheiten und Gewalt enthalten wertvolle Einsichten und therapeutische Vorgehensweisen für die Behandlung von Paaren, die hier noch kaum bekannt sind. 

Fazit

Es handelt sich hier um eine bemerkenswerte Publikation, an der mehrere Autoren sehr sorgfältig mitgewirkt haben. Als begrenzte Informationsquelle ist sie für praktizierende Paartherapeuten und Paarberater wie für Studierende von hohem Wert. Empfehlen möchte ist die Arbeit vor allem therapeutisch Arbeitenden, die aus dem humanistischen, psychoanalytischen und systemischen Lager kommen und die für die Beziehungsdynamik sensibilisiert sind, aber häufig ein technisches Defizit aufweisen. Sie sind eher in der Lage, die pragmatischen Anregungen kritisch aufzugreifen und angemessen anzuwenden, während "technische Spezialisten" die Grenzen der Ansätze kaum erkennen können, wenn sie nicht über hohe Empathie verfügen. Insofern erhält die Darstellung letztlich eine integrative Funktion, die von den Autoren in dieser Form vermutlich nicht beabsichtigt ist.

Rezension von
Prof. Dr. Hans Goldbrunner

Es gibt 37 Rezensionen von Hans Goldbrunner.

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Zitiervorschlag
Hans Goldbrunner. Rezension vom 13.11.2007 zu: Wolfgang Lutz (Hrsg.): Lehrbuch der Paartherapie. UTB (Stuttgart) 2006. ISBN 978-3-8252-8340-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4239.php, Datum des Zugriffs 24.05.2022.


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