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Hans-Jörg Schmidt-Trenz, Rolf Stober (Hrsg.): Der Dritte Sektor im 21. Jahrhundert [...]

Cover Hans-Jörg Schmidt-Trenz, Rolf Stober (Hrsg.): Jahrbuch Recht und Ökonomik des Dritten Sektors 2005/2006 (RÖDS) - Der Dritte Sektor im 21. Jahrhundert - Auslauf- oder Zukunftsmodell? Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2006. 316 Seiten. ISBN 978-3-8329-2180-4. 64,00 EUR, CH: 109,00 sFr.
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Thema

Mit dem Titel "Jahrbuch" ist der Charakter des hier vorzustellenden Werks schon präzise beschrieben: Es handelt sich um ein Kompendium unterschiedlichster Beiträge von Autoren aus verschiedenen Professionen, welches zum Ziel hat, ein reiches Fragenspektrum abzuarbeiten und zu beantworten (S. 9):

  • Warum gibt es den Dritten Sektor?
  • In welchen Spielarten tritt der Dritte Sektor auf?
  • Welche Funktionen erfüllt er?
  • Welche Rolle kommt dem Dritten Sektor im demokratischen Institutionengefüge zu?
  • Welche Legitimationsbasis hat der Dritte Sektor?
  • Wohin geht die Entwicklung im 21. Jahrhundert?

Die Herausgeber und Autoren verfolgen demnach einen interdisziplinären Ansatz, der wegen der Mannigfaltigkeit der berührten Wissenschaftsrichtungen (Jurisprudenz, Soziologie, Politik, Ökonomie) im Bereich der Erforschung des Dritten Sektors sehr zu begrüßen ist.

Autoren

Diesem interdisziplinären Ansatz folgend, stammen die Autoren der verschiedenen Beiträge aus den unterschiedlichsten Professionen.

  • Rolf Stober, Professor an der Universität Hamburg und Geschäftsführender Direktor des Instituts für Recht der Wirtschaft an der Universität, sowie Sven Eisenmenger, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Recht der Wirtschaft an der Universität Hamburg, haben den Beitrag mit dem Titel "Der Dritte Sektor in der Europäischen Union: Die Daseinsvorsorge aus juristischer Sicht" beigesteuert;
  • Utz Schliesky, Ministerialdirigent und Leiter der Abteilung Verwaltungsmodernisierung im Finanzministerium des Landes Schleswig-Holstein, hat den Artikel "Die Legitimationsleistung des Dritten Sektors für ein demokratisches Gemeinswesen" verfasst;
  • Heinz Grossekettler ist Professor für Industrieökonomik an der Universität Münster und Autor des Beitrages mit dem Titel "Verbände zwischen Markt und Staat aus finanzwissenschaftlicher Sicht";
  • Tim Sievers, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Hamburg und Beteiligungsmanager für eine Hamburger Beteiligungsgesellschaft, sowie Wolfgang Maennig, Professor für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Wirtschaftspolitik an der Universität Hamburg, sind Autoren des Beitrags mit dem Titel "Die Rolle des Dritten Sektors als Determinante im nationalen und internationalen Standortwettbewerb".

Diese Aufzählung stellt nur einen Ausschnitt der in dem Sammelband vereinten Beiträge dar und ist daher lediglich geeignet, einen kurzen Einblick in die enorme Bandbreite und Tiefe der in dem Buch abgedruckten Aufsätze zu geben.

Bewertung einiger Beiträge

Blankart und Gehrmann stellen in ihrem Beitrag mit dem Titel "Der Dritte Sektor in der Europäischen Union: Die Daseinsvorsorge aus ökonomischer Sicht" dar, weshalb es überhaupt das Phänomen von Einrichtungen des Dritten Sektors gibt. Denn zu Recht referieren sie zunächst die wissenschaftstheoretische Ausgangslage, wonach jede Leistung, für die die Bürger die Kosten zu tragen bereit sind, entweder vom Markt erzeugt wird oder, wo insofern der Markt versagt, diese Leistung durch den Staat erbracht wird (S. 41). Doch die Aktivitäten des Staates, die er im Falle eines Marktversagens entfaltet, können u.U. ungeeignet sein, den Marktversagenstatbestand zu beseitigen bzw. der Staat erkennt mangels einer zu geringen gesellschaftlichen Mehrheit die Tatsache eines Marktversagens gar nicht. In diese Lücke stoßen nunmehr Einrichtungen des Dritten Sektors, um das Marktversagen mit ihren Angeboten zu beseitigen. Als Paradebeispiel, anhand dessen diese Konstellation exemplarisch vorgeführt werden kann, nennen die Autoren den Gesundheits- und Sozialbereich. Die in diesem Bereich angebotenen und nachgefragten sozialen personenbezogenen Dienstleistungen sind nur sehr schwer kontrollierbar und stellen daher ein Vertrauensgut dar. Qualitätsvergleiche sind demnach nur erschwert oder gar nicht möglich, zumal insoweit das jeweilige Präferenzverhalten der Kunden einer objektiven Bewertung zumeist entzogen ist. Die Autoren entwickeln sodann anhand der Wasserversorgung ein Konzept für die Erbringung einer Dienstleistung, die der Daseinsvorsorge zuzurechnen ist, und die mittels Anwendung des Verhältnismäßigkeitsprinzips unter Berücksichtigung der zwingenden und auch für die NPOs geltenden Vorgaben des EU-Beihilfenrechts zwischen Wettbewerb, Monopol und Regulierung angesiedelt wird.

Einen weiteren höchstinteressanten Forschungsansatz stellen Sievers und Maennig in ihrem Beitrag mit dem Titel "Die Rolle des Dritten Sektors als Determinante im nationalen und internationalen Standortwettbewerb" dar. Zunächst weisen sie völlig zu Recht darauf hin, dass das Element der Innovation entscheidend für das Wachstum und den Erfolg von Volkswirtschaften ist (S. 277). Als entscheidende Bestandteile, die zu einem innovativen Milieu gehören, nennen die Verfasser Folgendes:

  • geographische Nähe der Schlüsselpersonen verschiedener Personen innerhalb eines Produktionssystems;
  • soziale und informelle Kontakte, die das gegenseitige Vertrauen sowie den Austausch von Informationen fördern und emotionale Unterstützung protegieren;
  • Herausbildung einer regionalen Identität und einer gemeinsamen Vision nach innen (S. 278).

 Gerade diese Komponenten sehen die Verfasser aber bei Einrichtungen des Dritten Sektors gegeben, so dass sie für die wirtschaftliche Entwicklung eine wesentliche Rolle spielen. Anhand umfangreichen Daten- und Zahlenmaterials sowie beeindruckender empirischer Beweisführung anhand mathematischer Berechnungen untermauern die Autoren diese These.

Fazit

Das Buch ist wegen seines interdisziplinären Ansatzes hervorragend dafür geeignet, den Blick zu öffnen und den Dritten Sektor unter verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Dies hilft naturgemäß, den eigenen gedanklichen Sprengel zu verlassen und einen weiteren Horizont zu erlangen. Ein weiterer Horizont verhilft aber dazu, die eigene Tätigkeit in einem größeren Kontext zu betrachten und sich somit seines eigenen Handelns noch sicherer zu werden, da man sich in einem großen Verbund verortet fühlt. Schon allein deshalb ist das Buch jedem im Dritten Sektor Verantwortlichen zu empfehlen, da dort oft in letzter Zeit verstärkt die Tendenz eigener Unsicherheit und äußerer Bedrängnis festzustellen ist.


Rezensent
Dr. iur. Marcus Kreutz
LL.M., Rechtsanwalt. Justiziar des Bundesverbandes Arbeiter-Samariter-Bund Deutschland e.V. in Köln
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Zitiervorschlag
Marcus Kreutz. Rezension vom 26.06.2007 zu: Hans-Jörg Schmidt-Trenz, Rolf Stober (Hrsg.): Jahrbuch Recht und Ökonomik des Dritten Sektors 2005/2006 (RÖDS) - Der Dritte Sektor im 21. Jahrhundert - Auslauf- oder Zukunftsmodell? Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2006. ISBN 978-3-8329-2180-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4242.php, Datum des Zugriffs 25.07.2017.


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