Verena Krausneker: Taubstumm bis gebärdensprachig
Rezensiert von Mag. Andrea Skant, 19.11.2006
Verena Krausneker: Taubstumm bis gebärdensprachig. Die österreichische Gebärdensprachgemeinschaft aus soziolinguistischer Perspektive.
Alpha Beta
(Meran / Merano) 2006.
192 Seiten.
ISBN 978-3-85435-475-8.
16,00 EUR.
Herausgegeben von Dietmar Larcher.
Thema und Entstehungshintergrund
Wie Krausneker schreibt, gibt der Titel einerseits die historische Entwicklung einer Gemeinschaft wieder und verweist andererseits auf ein neues Verständnis von Sprache - Sprache, die nicht mehr nur als Lautsprache definiert wird. Inhaltlich beschäftigt sich "Taubstumm bis gebärdensprachig" mit den Entwicklungen in der österreichischen Gebärdensprachgemeinschaft. Das Buch dokumentiert u. a. den Weg zur Anerkennung der Österreichischen Gebärdensprache (ÖGS) am 6. Juli 2005 und wirft einen Blick auf Sprache und Sprachgemeinschaft der Gehörlosen. Es handelt sich um eine kompakte und doch genaue Darstellung der österreichischen Situation.
Aufbau und Inhalt
- Kapitel 2 zeichnet ein Bild der österreichischen Gehörlosen und der Gebärdensprachgemeinschaft. In so genannten „Blitzlichtern“ werden Beispiele für Lebenssituationen von gehörlosen Menschen, ihre Selbstorganisation in Vereinen und Verbänden, ihre beruflichen Chancen, Zeitgeschichtliches und Ergebnisse von Untersuchungen zu ihrer Schriftsprachkompetenz beschrieben.
- Kapitel 3 beschäftigt sich mit der Spracherwerbsforschung und ihrer Bedeutung für den (Sprach-)Unterricht. Der Vergleich des frühkindlichen Erwerbs von gehörlosen Kindern hörender und gehörloser Eltern macht offenbar, dass gehörlose Kinder gehörloser Eltern eine bessere Sprach- und Gesamtentwicklung aufweisen. Zweisprachigkeit spielt dabei eine große Rolle - die Gebärdensprache wirkt sich positiv auf das Leseverständnis der gehörlosen Kinder aus.
- Im Kapitel 4 wird die Geschichte der Gehörlosenpädagogik beschrieben. Krausneker merkt an, dass es in der Gehörlosenpädagogik offensichtlich weniger um die Methoden- oder Sprachwahl geht, sondern vermehrt darum, dass eine Minderheit unterdrückt und an die Mehrheit angepasst werden soll. Erkennbar ist diese Grundtendenz u. a. an der Verweigerung politischer Entscheidungsträger, sprachwissenschaftliche Forschungsergebnisse anzuerkennen und umzusetzen. Das Kapitel endet mit einer Definition und Kriterienliste für den bilingualen Unterricht von Gehörlosen.
- Kapitel 5 berichtet über die Gehörlosenpädagogik in Österreich. In Österreich gibt es weder ein universitäres Fach noch ein Forschungsgebiet „Gehörlosenpädagogik“. Auch die Berufsbezeichnung „Gehörlosenpädagoge“ existiert offiziell nicht. Der Lehrplan für Gehörlosenschulen stammt aus dem Jahr 1990 und enthält Begriffe wie „Gebärde“, „Zeichensystem„; gehörlose Kinder werden als „taub“ und „taubstumm“ bezeichnet; Sprecherziehung und sprachliche Assimilation stehen im Mittelpunkt. Das sind alles Anzeichen dafür, so Krausneker, dass der Gebärdensprache und der zweisprachigen Erziehung keine entsprechende Rolle im Unterricht von gehörlosen Kindern eingeräumt wird. Diese Einstellung ist auch darin ersichtlich, dass Helene Jarmer, der Präsidentin des Österreichischen Gehörlosenbundes (ÖGLB), die akademische Pädagogin und Gehörlosenlehrerin ist, die Teilnahme an einer Arbeitsgruppe im BMBWK, die sich seit 2003 mit der Erarbeitung eines neuen Lehrplanentwurfs beschäftigt, ausdrücklich verweigert wurde. Krausneker macht darauf aufmerksam, dass die „Innenperspektive“, also die Meinung der Betroffenen, unbedingt als wichtiger Bestandteil in die Lehrplangestaltung mit einfließen sollte. So zeigt eine Untersuchung von Breiter et al, dass sich Gehörlose einen zweisprachigen Unterricht wünschen, in dem nicht nur reines Sprechtraining sondern auch die Vermittlung der Inhalte im Vordergrund stehen. Krausneker berichtet von drei bilingualen Schulversuchen in Österreich und ihren positiven Ergebnissen auf Sprach- und Leseverständnis gehörloser Kinder. Besonders detailliert wird jener in einer Wiener Volksschule beschrieben, der auch Inhalt von Krausnekers Dissertation ist.
- Stellungnahmen und Dokumente, die die Meinung der BildungsmacherInnen (größtenteils VertreterInnen der oralen Methode) in Österreich, vor allem in Bezug auf die Frage der Sprache(n), zeigen, sind Inhalt des sechsten Kapitels. Die Lautsprache wird als Muttersprache der gehörlosen Kinder gewertet, mit der Begründung, dass weit über 90 % hörende Eltern haben. Die Gebärdensprache wird als Kommunikationshilfe betrachtet, die aber die Lautsprache nicht ersetzen kann. Ein solches Verständnis zeigt einerseits die Ignoranz der Verantwortlichen hinsichtlich allgemeiner Forschungsergebnisse und andererseits ein eindeutiges Missverständnis der Forderung der Gehörlosen. Die österreichische Gehörlosengemeinschaft fordert die Einbeziehung ihrer Sprache in das Bildungssystem für Gehörlose, nicht aber, dass die Gebärdensprache die Lautsprache ersetzen soll. Krausneker vermutet hinter der ablehnenden Haltung des Bildungsministeriums Gründe wie Machtverhältnisse und die medizinische Dominanz im Bereich der Gehörlosigkeit. Gehörlosigkeit wird als Defekt betrachtet, der von der Medizin geheilt werden muss. Eltern gehörloser Kinder werden von den Ärzten einseitig informiert und die technische Versorgung (z.B. Hörgerät und Cochlea Implantat) als einzig mögliche Lösung propagiert.
- Kapitel 7 liefert eine Darstellung der Gebärdensprachpolitik in Österreich. Krausneker betont, dass für die Anerkennung der ÖGS vor allem die Definitionsfrage ein großes Hindernis war. Gehörlose sind keine Minderheit im Sinne der Volksgruppen, weshalb ihre Sprache lange Zeit nicht anerkannt wurde. Es gab auch Versuche, die Gebärdensprache in einem Behindertengleichstellungsgesetz zu verankern. Die verfassungsmäßige Anerkennung der ÖGS am 6. Juli 2005 gesteht der Gebärdensprache einen Sonderstatus zu: Sie ist nicht auf bestimmte VerwenderInnen oder auf ein bestimmtes Staatsgebiet beschränkt, sondern einfach als Sprache anerkannt. Krausneker hat in dieses Kapitel auch eine Liste inkludiert, die "wichtige Schritte zur Anerkennung einer Minderheit" wiedergibt.
- "ÖGS in der Forschung" lautet der Titel des achten Kapitels. Es gibt einen Überblick über die Universitäten und Institutionen, die sich in Österreich forschend mit der Gebärdensprache und den Gehörlosen beschäftigen. Als wichtiges und verfolgenswertes Ziel nennt Krausneker die akademische Verankerung dieser Themen, die bis dato viel zu wenig ausgeprägt ist.
- Das letzte Kapitel endet mit einem Ausblick: Krausneker sieht den Verlust und Untergang von Gebärdensprachen als unwahrscheinlich an, da Gehörlose die Gebärdensprachen (als visuelle Kommunikationsmittel) brauchen. Sie nennt auch die wichtigsten Schritte zur Absicherung einer positiven Zukunft der österreichischen Gebärdensprachgemeinschaft, wie z.B. die Hinterfragung der medizinischen Dominanz im Feld der Gehörlosigkeit, den Einsatz der Gebärdensprache in der Gehörlosenpädagogik und die Etablierung von Gehörlosenthemen im Feld der Universitäten.
Fazit
"Taubstumm bis gebärdensprachig" ist das erste Buch, in dem die wichtigsten Entwicklungsschritte sowie die aktuelle Situation der österreichischen Gebärdensprache und damit verbundener Themen zusammengefasst dargestellt sind: Es berichtet in gelungener Form über die Entwicklungen und den Ist-Zustand in der Gehörlosenbildung und macht auf die positiven Ergebnisse, die durch den Einsatz von Gebärdensprache erzielt werden, aufmerksam. Bilingualer Unterricht - die Verwendung von Schriftsprache und Österreichischer Gebärdensprache (ÖGS) - wird als ein vorrangiges Ziel der österreichischen Gehörlosengemeinschaft vorgestellt.
Die Autorin spricht offen über den vorhandenen Widerstand in der Bildungspolitik bezüglich der Akzeptanz der Gehörlosen als Sprachgemeinschaft, die das Bedürfnis nach Bereitstellung ihrer Sprache in allen Lebensbereichen hat. Die formale Anerkennung der ÖGS im Jahr 2005 war hoffentlich der erste Schritt, der zu konkreten Verbesserungen für gehörlose Menschen in Österreich führen wird.
Rezension von
Mag. Andrea Skant
Zentrum für Gebärdensprache
und Hörbehindertenkommunikation
(Center for sign language and
deaf communication)
Alpen-Adria-Universität Klagenfurt
Website
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