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Norbert F. Schneider, Heike Matthias-Bleck (Hrsg.): Elternschaft heute

Cover Norbert F. Schneider, Heike Matthias-Bleck (Hrsg.): Elternschaft heute. Gesellschaftliche Rahmenbedingungen und individuelle Gestaltungsaufgaben. Leske + Budrich (Leverkusen) 2002. 268 Seiten. ISBN 978-3-8100-3358-1. 22,00 EUR.

Zeitschrift für Familienforschung, Sonderheft 2.
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Herausgeber und Intention des Buchs

Prof. Dr. Norbert Schneider und Dr. Heike Matthias-Bleck, beide am Institut für Soziologie an der Universität Mainz tätig, stellen im Sonderheft 2 der Zeitschrift für Familienforschung ausgewählte und überarbeitete Vorträge von der Jahrestagung 2001 der Sektion Familiensoziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie vor. Sie schreiben im Vorwort: "Die wesentliche Intention des Bandes ist es, die Situation von Eltern und die soziale Konstruktion von Elternschaft in Deutschland kritisch zu beleuchten und geeignete Ansatzpunkte für eine gelingende Bewältigung der Gestaltungsaufgabe 'Elternschaft' aufzuzeigen" (S. 7).

Elternschaft als rationale (?) Entscheidung und als Gestaltungsaufgabe

Im ersten Beitrag stellt Schneider folgende These auf, die er dann ausführlich erläutert: "Elternschaft hat sich zu einer zunehmend schwieriger zu bewältigenden Gestaltungsaufgabe entwickelt. Daraus und aus der Tatsache, dass auf die Belange von Eltern gesellschaftlich wenig Rücksicht genommen wird, resultieren Probleme, deren Lösung nicht allein den (potentiellen) Eltern zugemutet werden kann" (S. 9-10). Auch die Sicherung des Kindeswohls sei nicht allein Sache der Eltern.

Im zweiten Beitrag untersucht Günter Burkart, inwieweit die Entscheidung zur Elternschaft unreflektiert ("Kinder gehören einfach dazu"), rational oder nicht rational (aufgrund bestimmter Werte) erfolgt oder inwieweit sie überhaupt nicht gefällt wird (z.B. indem sie immer wieder verschoben wird). Er stellt verschiedene Forschungsarbeiten vor und kommt letztlich zu dem Ergebnis, dass in der Öffentlichkeit die Rationalität überbetont wird – viele entscheiden sich für Kinder, da diese Teil ihres Lebensentwurfs sind; Vor- und Nachteile blieben da eher unbeachtet.

Dann analysiert Johannes Huinink die Familienentwicklung in verschiedenen europäischen Ländern. Nach einer ausführlichen theoretischen Einführung über gesellschaftliche Rahmenbedingungen, Kosten und Nutzen der Elternschaft und geschlechtsbezogene Faktoren präsentiert er entsprechende empirische Belege. Insbesondere arbeitet er die Problematik einer Entscheidung für oder gegen Kinder bei Hochschulabsolventinnen heraus.

Partnerschaft und Elternschaft

Im vierten Kapitel behandelt Barbara Reichle die Partnerschaftsentwicklung bei jungen Eltern. Sie zeigt auf, dass nach der Geburt des ersten Kindes die Egalität der Geschlechter abnimmt. Ferner beschreibt sie ein kognitiv-emotionspsychologisches Modell der Veränderungsbewältigung und plädiert für mehr gesellschaftliche Unterstützung werdender bzw. junger Eltern, z.B. durch präventive Programme.

Wolfgang Walter und Jan Künzler vergleichen dann das elterliche Engagement bei Müttern und Vätern, wobei sie auf aktuelle, auf Deutschland bezogene Ergebnisse ihres DFG-Projekts "Familiale Arbeitsteilung in der Europäischen Union" zurückgreifen. Diese verdeutlichen, dass Mütter weiterhin die meisten Kinderbetreuungsaufgaben erledigen und bei Vätern die Ernährerrolle eindeutig im Vordergrund steht.

Späte Mutterschaft – postfamiliale Elternschaft

Ingrid Herlyn, Dorothea Krüger und Claudia Heinzelmann präsentieren ebenfalls ganz aktuelle Forschungsergebnisse, und zwar aus einem DFG-Projekt zur späten ersten Mutterschaft. Zunächst beschreiben sie ihre Hypothesen und Forschungsansätze. Dann zeigen sie beispielsweise auf, dass späte erste Mütter überdurchschnittlich oft hoch qualifiziert sind und vollerwerbstätig waren, dass sie sich überwiegend bewusst für die Mutterschaft entschieden haben und in der Regel verheiratet sind. "Während westdeutsche späte Mütter in der Regel Partner haben, die … gleichrangige oder besser qualifizierte Berufe ausüben, sind die Partner der ostdeutschen späten Mütter im Durchschnitt in vergleichsweise minder qualifizierten Berufen tätig als die Mütter; so sind nur 20% der dortigen Partner in hoch qualifizierten Berufen tätig" (S. 135).

Im siebten Kapitel geht Laszlo A. Vaskovics auf die "postfamiliale Elternschaft" ein – Elternschaft nach Auflösung der Zeugungsfamilie. So ermittelte er eine stark ausgeprägte Generationensolidarität: "Resümierend kann man sagen, dass über entlang der Filiationslinie erbrachte Hilfe- und Transferleistungen ältere Menschen in der Phase der postfamilialen Elternschaft mit ihren Kindern/ Schwiegerkindern und Enkeln auch dann sehr stark vernetzt bleiben, wenn sie keine in der Rolle bzw. Institution der Elternschaft verankerte Rechte mehr gegenseitig geltend machen können und wenn sie nicht mehr unter einem Dach leben" (S. 160).

Reproduktionsmedizin und rechtliche Fragen

Jörg M. Fegert thematisiert die Möglichkeit von "Designerkindern", die aufgrund wissenschaftlicher Fortschritte schon in wenigen Jahren denkbar sind. Aber bereits jetzt wächst der Druck auf Eltern, alle Methoden zur Untersuchung von Embryos zu nutzen, um sicherzustellen, dass nur gesunde Kinder auf die Welt kommen. Welche Folgen auf die Familie, die Eltern-Kind-Beziehung bzw. das Kindsein daraus resultieren könnten, dass bald ein "perfektes" Kind machbar sei, werde bisher kaum diskutiert.

Anschließend stellt Dieter Schwab Grundzüge und Folgen des neuen Kindschaftsrechts vor. Dabei behandelt er vor allem die Gleichstellung ehelicher und nichtehelicher Elternschaft, die (gemeinsame) elterliche Sorge nach Trennung und Scheidung und die besondere Situation der Kind-Stiefelternteil-Beziehung.

Im zehnten Kapitel geht Thomas Schlegel auf rechtliche und ethische Aspekte der Reproduktionsmedizin ein. Er fokussiert u. a. auf der Problematik von Samenspenden – die Anonymität des Spenders ist rechtlich nicht zulässig –, auf der Kostenübernahme bei Intracytoplasmatischer Spermatozoen Injektion durch Krankenkassen, auf dem Kinderwunsch bei gleichgeschlechtlicher Partnerschaft und auf der Präimplantationsdiagnostik.

Gleichgeschlechtliche Partnerschaften

Es folgt ein Beitrag von Bernd Eggen über gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften. Der Autor präsentiert Ergebnisse vom Mikrozensus 1999, nach dem es rund 41.400 Partnerschaften gibt. Diese Zahl gilt allgemein als zu niedrig, was die bisher wenig diskutierten Frage nach der Zuverlässigkeit von Mikrozensus-Ergebnissen aufwirft. Generell sind Lebensgemeinschaften zwischen zwei Männer etwas häufiger als solche zwischen zwei Frauen. Die Partner sind im Durchschnitt Mitte 30; in 40% der Fälle ist nur einer erwerbstätig; in jeder achten Lebensgemeinschaft leben Kinder (insgesamt rund 7.000).

Zur finanziellen Situation von Familien

Anschließend beschreibt Erich Stutzer die ökonomische Lage der Familie. Er arbeitet die großen Einkommensunterschiede zwischen kinderlosen Paaren und Ehepaaren mit Kindern heraus, die besonders prägnant in späteren Phasen des Familienzyklus sind. Erstere seien auch nur halb so oft von Armut (= weniger als die Hälfte des Durchschnittseinkommens aller Privathaushalte) betroffen. Dementsprechend sind sie auch seltener sozialhilfebedürftig. Ferner zeigt Stutzer auf, dass die familienpolitischen Leistungen – trotz Erhöhung – die skizzierte Diskrepanz kaum mildern.

Im dreizehnten und letzten Kapitel vertieft Dirk Günther das zuvor angeschnittene Thema "Armutsrisiko Elternschaft?". Er bejaht die Frage und schreibt: "Bereits Familien mit durchschnittlichem Einkommen und zwei Kindern verbleibt bis zur Sozialhilfegrenze nur ein geringes frei verfügbares Einkommen. Familien mit dem gleichen Einkommen und drei Kindern leben nach dem Abzug der steuerrechtlichen Existenzminima unter der Sozialhilfeschwelle. Alleinerziehende tragen ein diesbezüglich noch höheres Risiko" (S. 251). Der Autor zeigt dann Konsequenzen für die Familienpolitik auf.

Resümee

Dieser Sammelband, der mit einem Autorenverzeichnis endet, gibt einen guten Überblick über aktuelle Fragen der Familiensoziologie, aber auch von Familienrecht und Familienpolitik. Die Lektüre ist vor allem Fachleuten aus den gerade genannten Bereichen zu empfehlen. Wie bei nahezu jedem Tagungsband ist kritisch anzumerken, dass eine Vielzahl höchst unterschiedlicher Themen abgehandelt wird und die Kapitel unzusammenhängend nebeneinander stehen.


Rezensent
Dr. Martin R. Textor
Institut für Pädagogik und Zukunftsforschung (IPZF)
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Zitiervorschlag
Martin R. Textor. Rezension vom 24.09.2002 zu: Norbert F. Schneider, Heike Matthias-Bleck (Hrsg.): Elternschaft heute. Gesellschaftliche Rahmenbedingungen und individuelle Gestaltungsaufgaben. Leske + Budrich (Leverkusen) 2002. ISBN 978-3-8100-3358-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/426.php, Datum des Zugriffs 16.11.2019.


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