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Ullrich Dittler, Michael Hoyer (Hrsg.): Machen Computer Kinder dumm?

Cover Ullrich Dittler, Michael Hoyer (Hrsg.): Machen Computer Kinder dumm? Wirkung interaktiver, digitaler Medien auf Kinder und Jugendliche aus medienpsychologischer und mediendidaktischer Sicht. kopaed verlagsgmbh (München) 2006. 206 Seiten. ISBN 978-3-938028-60-5. 16,80 EUR.
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Neue Medien und neue Unterhaltungsangebote sehen sich immer wieder heftigen Vorwürfen ausgesetzt. Lange bevor an Computer, Filme und den Buchdruck zu denken war, hielt der griechische Philosoph Platon die Schrift für gefährlich: Wer sich der Schrift bediene, vernachlässige sein Gedächtnis. Im 17. Jahrhundert ließen Herrscher in England und in Italien zeitweise Opernhäuser schließen, weil sie diese als Brutstätten der Sittenverderbnis betrachteten. In einer englischen Zeitschrift aus dem Jahr 1790 gerieten Romane ins Visier der Kritik. Sie stellten "trügerische Ansichten des menschlichen Lebens zur Schau" (S. 165) und vergifteten den Verstand der Leser. Nur wenige Jahre nach der Erfindung des Films entdeckten Lehrer, Ärzte und andere Angehörige gesellschaftlicher Eliten in dem neuen Medium große Gefahren. So beklagte Gräfin Pauline Montgelas-Wimpffen 1912 in einer kirchlichen Monatszeitschrift die "tausend- und millionenfachen Vervielfältigungen schamloser Objekte in Kinematographen" (S. 164).

Diese und andere Beispiele hat Stefan Gundelach – Pressesprecher einer großen Computerspielfirma – in seinem Aufsatz "Machen Videospiele Kinder dumm?" zusammengetragen. Der Aufsatz ist der titelgebende Beitrag eines Sammelbandes "Machen Computer Kinder dumm?", der im Jahr 2006 von Ullrich Dittler und Michael Hoyer herausgegeben wurde. Dittler ist Professor für Interaktive Medien an der Hochschule Furtwangen, Hoyer hat dort einen Lehrauftrag und betreibt außerdem eine Firma für "Kompetenztraining – Kommunikation & Präsentation". Gundelach erkennt in seinem Text zwei Stereotypen in der Ablehnung neuer Medien: Sie schädigten einerseits die moralische Haltung und andererseits die intellektuellen Fähigkeiten der Menschen. Zu ergänzen wäre, dass Medienkritiker nicht nur individuelle Gefahren sehen, sondern auch Folgen für die Stabilität der Gesellschaft als Ganzes. Aus der ständigen Wiederkehr medienkritischer Stereotypen zieht Stefan Gundelach den Schluss: Die behaupteten Gefahren sind weniger im jeweiligen Medium angelegt als vielmehr in der Natur des Menschen. Gundelach verweist darauf, dass es den Menschen noch immer gelungen sei, mit neuen Medien verantwortungsvoll umzugehen.

Gefahren durch neue Medien?

Die historische Einordnung medienkritischer Vorhaltungen relativiert solche medienkritischen Standpunkte. Gleichwohl wird die Frage nach Gefahren durch Medien immer wieder gestellt. Bei fast jeder neuen Entwicklung in der Medienlandschaft vertreten Kritiker die Auffassung, nun sei eine neue Qualität der Gefährdung erreicht. Häufig sind es Eltern und Pädagogen, die ihre eigenen oder die ihnen anvertrauten Kinder von Medien bedroht glauben und vor Gefahren schützen wollen. Auch Politiker greifen gerne in Debatten um Mediengefahren ein: Hier kann man zeigen, dass man auf der Seite der Wähler steht und die Sorgen der Leute ernst nimmt. Und man kann Maßnahmen ergreifen, die nichts kosten. So ist der Kinder- und Jugendschutz ein beliebtes Feld für symbolische Politik.

Angesichts der vorherrschenden Alltagstheorien, die neuen Medien und neuen Unterhaltungsangeboten mannigfaltige Gefahren zuschreiben, darf eine Publikation wie der von Ullrich Dittler und Michael Hoyer herausgegebene Band auf großes Interesse hoffen, verspricht er doch, grundlegende Fragen nach der Wirkung von interaktiven und digitalen Medien wissenschaftlich zu untersuchen und zu beantworten. Es handelt sich um einen Tagungsband. Dokumentiert werden die Beiträge des "1. Medienkongresses Villingen-Schwenningen". Insgesamt haben 17 Personen mitgearbeitet: Man findet Aufsätze von Walter Klingler und Sabine Feierabend, Ralf Vollbrecht, Nicola Döring, Peter Sicking, Norbert Neuß, Thomas Feibel, Michael Kunczik und Astrid Zipfel, Jürgen Fritz, Christa Gebel, Stefan Gundelach, Klaus-Peter Gerstenberger, Katrin Hille, Peter Winterhoff-Spurk und den beiden Herausgebern. Die Beiträge lassen sich drei Themenschwerpunkten zuordnen:

  1. Nutzung von Medien durch Kinder und Jugendliche;
  2. Wirkungen von Medien auf Individuen;
  3. Wirkungen von Medien auf die Gesellschaft.

Eigentlich hätte man hier statt des allgemeinen Begriffs "Medien" den Begriff "Computer" erwartet – doch die Aufsätze beziehen sich nicht nur auf Computer, sondern auch auf das Fernsehen und auf Mobiltelefone. Insofern trifft die plakative Titelfrage "Machen Computer Kinder dumm?" nicht genau den Inhalt des Bandes. Wenn in dem Buch von Computern gesprochen wird, dann sind in der Regel Computerspiele gemeint. Andere Nutzungsformen des Computers wie das Surfen im Internet geraten demgegenüber weniger ins Blickfeld. Insofern ist der Titel des Bandes von Dittler und Hoyer einerseits zu eng gefasst, andererseits aber auch wieder zu weit.

Mediennutzung und Mediensozialisation: Basisdaten und theoretische Konzepte

Sinnvollerweise beginnt das Buch mit einem Beitrag, in dem Daten zur jugendlichen Mediennutzung präsentiert werden: "Jugendliche in Deutschland und ihr Medienverhalten". Walter Klingler und Sabine Feierabend, die für die Abteilung Medienforschung des Südwestrundfunks arbeiten, kommen dabei zu dem Ergebnis, dass eine "digitale Spaltung" nicht mehr an der Grenze zwischen denjenigen verlaufe, die Computer besäßen, und denjenigen, die keine Computer ihr Eigen nennen könnten. Vielmehr gebe es eine Trennung zwischen Jugendlichen, die die Geräte kompetent nutzen könnten, und Jugendlichen, denen solche Fertigkeiten fehlten.

Während Klingler und Feierabend die Datenbasis für weitere Diskussionen liefern, stellt Ralf Vollbrecht, Professor für Medienpädagogik an der Universität Dresden, theoretische Grundlagen bereit. Er widmet sich der "Mediensozialisation von Kindern und Jugendlichen". Vollbrecht hebt hervor, mit traditionellen Wirkungsmodellen ließen sich die Effekte von Medien auf Kinder und Jugendliche nicht angemessen erfassen. Er hält solchen Modellen Konzepte entgegen, die als "mediensozialisatorische" oder "sozialökologische" Ansätze bezeichnet werden. Ausgangspunkt solcher Konzepte ist der "Nutzen- und Belohnungsansatz", der danach fragt, welchen Nutzen die Menschen aus der Medienrezeption ziehen und welche Bedürfnisse die Medien befriedigen. Mediensozialisatorische Ansätze nehmen die Entwicklungsaufgaben in den Blick, mit denen Kinder und Jugendliche in den verschiedenen Altersstufen konfrontiert sind, und beleuchten den Beitrag, den Medien zur Bewältigung dieser Aufgaben leisten. Die Verfechter solcher Ansätze sind davon überzeugt, dass Medien die Welterfahrung von Kindern und Jugendlichen nachhaltig prägen und dass Medien die Rolle von Sozialisationsagenturen zukommt. Kinder und Jugendliche lebten in "Medienwelten". Für jeden "Medientext" gebe es indes unterschiedliche Lesarten – in der Mediennutzung werde Sinn konstruiert und nicht aus einem Medium ermittelt. Insofern sei die Annahme kausaler Medienwirkungen verfehlt. Es komme vielmehr darauf an, auf welcher Entwicklungsstufe sich ein Kind befinde und wie es die Medientexte individuell verarbeite.

"Klassische" Wirkungstheorien: Effekte medialer Gewaltdarstellungen

Die von Vollbrecht vorgestellten Ansätze der Mediensozialisation sprechen Medien mithin große Wirkungen zu, binden diese Wirkungen jedoch an Entwicklungsstadien und Persönlichkeitsmerkmale zurück. Michael Kunczik und Astrid Zipfel präsentieren in ihrem Aufsatz "Medien und Gewalt: Die Wirkungstheorien" auch "klassische" Wirkungstheorien, die solche Einschränkungen nicht vornehmen. Kunczik ist Professor am Institut für Publizistik der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, Zipfel akademische Rätin an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Die Autoren erläutern die Katharsisthese, die Inhibitionsthese und die Umkehrthese, die Habitualisierungsthese, die Kultivierungsthese, die Suggestionsthese, die Skripttheorie und den kognitiv-physiologischen Ansatz. Kunczik und Zipfel resümieren den Forschungsstand und schreiben, die These der Wirkungslosigkeit von Mediengewalt sei nicht länger haltbar und werde heute kaum noch vertreten. In der Forschung bestehe weitgehend Einigkeit, dass Mediengewalt negative Wirkungen haben könne, wenn bestimmte Randbedingungen vorlägen. Dies sei besonders bei einzelnen Problemgruppen zu vermuten. Diese These beruhe auf der Annahme, dass sich hinter den empirisch ermittelten schwachen Beziehungen zwischen Mediengewalt und realer Gewalt für einzelne Menschen eine durchaus starke Beziehung verbergen könne.
Die Argumentation von Kunczik und Zipfel ist einerseits nachvollziehbar, andererseits verwundert die Akzentsetzung doch etwas. Offenbar haben die von Kunczik und Zipfel gesichteten empirischen Studien fast durchweg nur schwache Korrelationen zwischen medialen Gewaltdarstellungen und tatsächlich ausgeübter Gewalt ermitteln können. Also läge es nahe, daraus den Schluss zu ziehen: Gewaltdarstellungen in den Medien führen bei der großen Mehrheit der Leute nicht dazu, dass sie gewalttätig werden, bleiben also in der Gesellschaft insgesamt so gut wie folgenlos. Stattdessen heben Kunczik und Zipfel hervor, dass es starke Wirkungen in Einzelfällen geben könne. Und auch hier sprechen Kunczik und Zipfel von "Vermutungen" und "Annahmen". Die Betonung von starken Medienwirkungen kommt sowohl den verbreiteten Alltagstheorien entgegen als auch den Interessen von Politikern, die Maßnahmen gegen Mediengewalt zur Profilierung nutzen wollen. Politiker greifen auf solche Thesen zurück, um Verbote von Medien zu fordern und unter dem Mantel des Jugendschutzes Eingriffe in die Medienfreiheit zu rechtfertigen.

Dick, dumm und gewalttätig? Fernsehkonsum und seine Folgen

Auch wenn man über die Bewertung der Forschungsergebnisse durch Michael Kunczik und Astrid Zipfel diskutieren kann, zeichnet sich der Beitrag durch eine differenzierte Betrachtungsweise aus. Entschiedener äußert sich demgegenüber die Psychologin Katrin Hille, die an der Universität Ulm bei Manfred Spitzer arbeitet. In ihrem Artikel "Vorsicht Bildschirm!" vertritt sie die Ansicht, der hohe Fernsehkonsum vieler Menschen habe schwerwiegende Folgen für Körper, Geist und Verhalten. Fernsehen fördere die Fettleibigkeit, trage bei Kindern zu Aufmerksamkeitsstörungen bei und motiviere aggressives Verhalten. Die Autorin stützt sich auf die Auswertung verschiedener Studien in sogenannten "Metaanalysen". Deshalb hält sie es für angezeigt, vor dem Fernsehen zu warnen.

Computer im Kindergarten

Speziell der Nutzung von Computern durch Kinder wendet sich Norbert Neuß zu, inzwischen Professor für Medienpädagogik an der Fachhochschule Hildesheim/Holzminden/Göttingen. In seinem Aufsatz "Neue Medien im Kindergarten: Ein Bestandteil frühkindlicher Bildung?" plädiert Neuß plädiert, das Verständnis von Bildung im Kindergarten zu erweitern: Dort sei nicht nur soziales, sondern auch kognitives Lernen möglich, und der Computer könne dazu einen wichtigen Beitrag leisten. Wenn Kindergartenkinder am Computer säßen, dann ließen sich kognitiv-koordinative, emotionale, soziale und ästhetisch-sinnliche Tätigkeiten beobachten. Norbert Neuß weist darauf hin, dass es noch nicht viele empirische Studien zum Einsatz von Computern im Kindergarten gebe. Vier der vorhandenen Untersuchungen stellt Neuß vor: Darin seien überwiegend positive Wirkungen festgestellt worden. Neuß zitiert die Autoren einer Studie zu Sozialisationseffekten und pädagogischen Handlungsmöglichkeiten in Kindergärten, Stefan Aufenanger und Franz Gerlach, mit dem Fazit, es seien keine negativen Aspekte der Computernutzung durch Kinder im Vorschulalter zu Tage getreten. Im Gegenteil – die Kinder hätten schon früh besondere Fertigkeiten im Umgang mit Hardware und Software gezeigt.

Computerspiele: Faszinationskraft und Lerneffekte

Mit einer besonderen Form des Computereinsatzes beschäftigen sich drei weitere Beiträge des Sammelbandes, nämlich mit der Nutzung des Computers als Spielkonsole. Jürgen Fritz, Professor für "Spiel- und Interaktionspädagogik" an der Fachhochschule Köln, geht in seinem Beitrag der Faszinationskraft virtueller Spielwelten nach. Die Psychologin Christa Gebel stellt Lerneffekte von Computerspielen heraus. Ihr Beitrag heißt "Schnell reagieren, cool bleiben, planen und probieren: Kompetenzpotentiale populärer Computerspiele". Gebel sieht Potentiale für die Förderung der Sensomotorik und von kognitiver und persönlichkeitsbezogener Kompetenz. Auch Klaus-Peter Gerstenberger, Leiter der Unterhaltungssoftware-Selbstkontrolle (USK), einer Einrichtung der Computerspielindustrie, betont in seinem Artikel "Gerade Pisa", dass man durch das Spielen am Computer vielfältige Fähigkeiten erwerben könne. Computerspielen sei bestens geeignet, Lernstrategien zu entwickeln und zu testen.

Charakterveränderung durch das Fernsehen? Ehe und Familie als Gegenpol

Der Sammelband endet mit einem kulturkritischen Beitrag vom Peter Winterhoff-Spurk, der an der Universität des Saarlandes eine Abteilung für Medien- und Organisationspsychologie leitet. In seinem Aufsatz "Kalte Herzen: Wie das Fernsehen den Charakter verändert" vertritt er die These, dass das Niveau des Fernsehens stetig sinke; dies habe schwerwiegende Folgen für den Sozialcharakter der Gesellschaft. Kinder nähmen sich Fernsehfiguren als Vorbilder und gingen "parasoziale" Beziehungen zu Schauspielern, Sportlern und Musikern ein. "Soziale Bindungsunsicherheit und die Inszenierungsgesellschaft zusammen formen den modernen Sozialcharakter […]." (S. 197) Der Bürger der Zukunft sei politisch desinteressiert, an seinen Arbeitgeber wenig gebunden, mit seiner Inszenierung beschäftigt, an Events interessiert und lebe als Single. "Das kann einer Gesellschaft nicht gut tun." (S. 198) Als Gegenmittel empfiehlt Winterhoff-Spurk das Leben in Ehe und Familie, mehr elterliche Zuwendung zu den Kindern und den Verzicht auf das Fernsehen. Es handelt sich bei Winterhoff-Spurks Aufsatz übrigens nicht um einen alten Aufsatz aus den fünfziger Jahren, sondern um einen Text aus dem Jahr 2005.

Diskussion

"Machen Computer Kinder dumm?" Betrachtet man die Beiträge des Sammelbandes von Ullrich Dittler und Michael Hoyer im Zusammenhang und stellt noch einmal die Titelfrage "Machen Computer Kinder dumm?", dann bietet sich ein unklares Bild. Es erweist sich als Schwäche des Buches, dass sich viele Beiträge mit der Leitfrage gar nicht erst beschäftigen. Von Artikeln über Mobiltelefone, über das Fernsehen oder auch über die Wirkung von medialer Gewalt ist eine Antwort auf die Ausgangsfrage nicht zu erwarten. Wenn man den Begriff "dumm" in eine wissenschaftliche Sprache übersetzt, dann wäre wohl von geringen intellektuellen oder kognitiven Fähigkeiten zu sprechen. Zu untersuchen wäre also, ob die kognitiven Fähigkeiten von Kindern und Jugendlichen nach der Nutzung von Computern niedriger sind als vorher. Oder man könnte fragen, ob die intellektuelle Entwicklung von Kindern und Jugendlichen durch die Computernutzung gehemmt wird. Hier müsste man entweder zwei Vergleichsgruppen untersuchen, von denen eine Computer nutzt und die andere nicht. Oder man müsste die kognitiven Kompetenzen heutiger Kinder und Jugendlicher mit den Fähigkeiten von Kindern und Jugendlichen vergleichen, die in Zeiten lebten, als Computer noch nicht verbreitet waren. Außerdem sollten unterschiedliche Formen der Computernutzung in den Blick genommen werden, und nicht nur das Spielen oder die Arbeit mit Lernsoftware. Leider verzichtet der Band auf solche Studien. Eine Antwort auf die Titelfrage bleibt das Buch schuldig.

Gute Einführung in Probleme der Medienpädagogik. Trotzdem lohnt sich die Lektüre des Bandes von Dittler und Hoyer, wenn man sich mit wichtigen Aspekten des Themas "Kinder, Jugend und Medien" vertraut machen will. Das Buch stellt Grunddaten zur Mediennutzung Jugendlicher bereit – Debatten bekommen dadurch ein empirisches Fundament. Sehr hilfreich sind überdies die Beiträge zur Mediensozialisation und zu den Medienwirkungstheorien. Man lernt hier Vorzüge und Schwächen verschiedener Ansätze kennen und wird in den Stand der Forschung eingeführt.
Interessant wäre eine Diskussion zwischen den Autoren der beiden Aufsätze gewesen: Während Ralf Vollbrecht eine "Abkehr vom Wirkungsbegriff" (S. 33) feststellt, halten Michael Kunczik und Astrid Zipfel an dem Begriff fest. Allerdings nehmen auch die von Vollbrecht erläuterten mediensozialisatorischen Ansätze eine Wirkung von Medien an, und zwar sogar eine starke – auch wenn sie den Begriff als solchen nicht mehr verwenden wollen. Wenn Medien die Rolle von Sozialisationsagenturen einnehmen, welche die Welterfahrungen von Kindern und Jugendlichen prägen – was ist das dann anderes als eine starke Wirkung von Medien auf Kinder und Jugendliche? Der Vorzug der sozialökologischen Ansätze gegenüber traditionellen Wirkungsmodellen liegt allerdings darin, dass sie darauf bestehen, dass Medieninhalte individuell verarbeitet werden: Medienbotschaften, die auf den ersten Blick problematisch erscheinen, können Kindern und Jugendlichen beim Lösen von Entwicklungsaufgaben helfen.

Vielfalt der Standpunkte. Was den Band darüber hinaus auszeichnet, ist die Vielfalt der vertretenen Standpunkte. Einige Autoren heben positive Effekte von Computerspielen hervor und untersuchen die Faszination, die Computerspiele auslösen können. Diese Autoren stellen sich damit gegen eine verbreitete Meinung, die Computerspiele für schädlich hält. Der Band gibt indes auch Medienkritikern die Gelegenheit zur Stellungnahme. Dies ist insofern wichtig, als eine solche Haltung medienfeindlichen Alltagstheorien entgegenkommt. Gerade in der Jugendarbeit trifft man immer wieder auf Sozialpädagogen, die die Jugendlichen lieber in Töpferkurse schicken wollen, als ihnen beim Umgang mit digitalen Medien zu helfen.
Solche impliziten Medienwirkungstheorien werden nun in den Aufsätzen von Katrin Hille und Peter Winterhoff-Spurk explizit formuliert. Besonders der Aufsatz von Winterhoff-Spurk macht deutlich, dass sich Medienkritik häufig mit konservativen Welt- und Menschenbildern paart – und zwar unabhängig davon, ob sich die Medienkritiker selbst auf der linken Seite, der rechten Seite oder in der Mitte des politischen Spektrums sehen. Man spricht den Menschen die Fähigkeit ab, sich vor möglicherweise gefährlichen Medien selbst zu schützen: Unmündig und hilflos seien sie den geballten Fernsehbotschaften ausgeliefert. Das Fernsehen sei verantwortlich für gesellschaftliche Verfallsprozesse wie Bindungslosigkeit und innere Leere. Dem stellt Winterhoff-Spurk eine Gesellschaft gegenüber, in der die Menschen in stabilen Paarbeziehungen und in Familien leben. Andere Lebensentwürfe werden damit herabgesetzt, und eine bestimmte Lebensweise wird zur Norm erhoben.
Empirische Nachweise dafür, dass das Fernsehen die Ursache für die von Winterhoff-Spurk als negativ empfundenen Entwicklungen der Gesellschaft ist, kann der Autor nicht beibringen. Seine Belege sind Studien, denen zufolge Kinder sich eher Prominente zum Vorbild nehmen als die eigenen Eltern. Was soll daran schlimm sein, dass Kinder in Fernsehfiguren Vorbilder sehen und nicht in den eigenen Eltern? Wie soll ein sozialer Aufstieg gelingen, wenn Jugendliche nur das erreichen wollen, was ihre Eltern schon erreicht haben? Es erscheint jedenfalls wenig überzeugend, wenn Peter Winterhoff-Spurk seine weitreichenden Aussagen über die schlimmen sozialen Folgen des Fernsehens durch Studien über die Vorbilder von Kinder und Jugendlichen zu stützen versucht.

Fazit

Bei aller Kritik an der Argumentation von Winterhoff-Spurk – es spricht für den Sammelband von Ullrich Dittler und Michael Hoyer, dass er auch Vertreter solcher Positionen zu Wort kommen lässt. Damit zeigen die Herausgeber, dass die Tradition medienkritischer Haltungen bis heute nicht abgebrochen ist. Kritisch anzumerken bleibt noch, dass das Buch an Glaubwürdigkeit gewonnen hätte, wenn computerfreundliche Standpunkte von unabhängigen Wissenschaftlern vorgebracht worden wären und nicht von Mitarbeitern der Spieleindustrie. Trotz dieser Einwände kann der Band wegen seines Überblicks- und Einführungscharakters und wegen der Vielfalt der dargestellten Positionen empfohlen werden.


Rezension von
Prof. Dr. Stephan Buchloh
Pädagogische Hochschule Ludwigsburg
Homepage www.ph-ludwigsburg.de/kumebi


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Zitiervorschlag
Stephan Buchloh. Rezension vom 29.07.2008 zu: Ullrich Dittler, Michael Hoyer (Hrsg.): Machen Computer Kinder dumm? Wirkung interaktiver, digitaler Medien auf Kinder und Jugendliche aus medienpsychologischer und mediendidaktischer Sicht. kopaed verlagsgmbh (München) 2006. ISBN 978-3-938028-60-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4263.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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