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Evan Imber-Black: Familien und größere Systeme. Im Gestrüpp der Institutionen

Cover Evan Imber-Black: Familien und größere Systeme. Im Gestrüpp der Institutionen. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2006. 5. Auflage. 288 Seiten. ISBN 978-3-89670-506-8. 24,95 EUR.
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Thema

Das hier zu rezensierende Buch nimmt vornehmlich "amtsbekannte" Multiproblemfamilien und ihre jeweiligen "Helfersysteme" in den Blick. Solchen Familien galt schon immer die Aufmerksamkeit der Sozialen Arbeit; seit Anfang der 1980er kommt ihnen diesseits wie jenseits des Atlantiks aber auch von Seiten der Familientherapie verstärkte Aufmerksamkeit zu. Für Deutschland kann man für diesen Trend drei Indikatoren ganz verschiedener Art nennen: das ist zum eine zunehmende Literatur, die Soziale Arbeit mit Familientherapie/Systemischer Therapie zu verknüpfen sucht, als Zweites ist zu verweisen auf das Entstehen der Aufsuchenden Familientherapie als eigenständiger Hilfe zur Erziehung und schließlich: Es ist es kein Zufall, dass das zweite Buch der Minuchin-Gruppe über die Arbeit mit Multiproblem-Familien (Minuchin, Colapinto & Minuchin, 1998) recht schnell ins Deutsche übersetzt wurde (2000); "Families of the Slums" (Minuchin et al., 1967) wurde damals (und bis heute) nicht übersetzt - wohl weil die junge deutsche Familientherapie mehr "klinisch" als "sozial" orientiert war.

Entstehungshintergrund

Das bisher Gesagte betrifft den Rezeptionskontext der deutschen Übersetzung des Buches von Evan Imber-Black. Den Entstehungskontext der US-amerikanischen Erstausgabe skizziert Rojana (2004) so: In den 1980ern entwickelte sich in den USA ein großes Netz aus öffentlichen und privaten Einrichtungen, die ein breites und buntes Angebot psycho-sozialer Programme - darunter auch viele Familienunterstützungs- und Familienerhaltungsprogramme - für Multiproblemfamilien anboten. Und es sind eben diese Familien, auf die "extended systems" einen wesentlich größeren Einfluss haben als Mittelschichtfamilien. Das gilt - bei aller Unterschiedlichkeit der Sozialsysteme - in den USA wie hierzulande. Und deshalb ist dieses Buch auch für Leser(innen) aus Deutschland (und natürlich auch aus Österreich oder der Schweiz) lehrreich.

Zielgruppe

Lehrreich für welche Leser(innen) im Speziellen? Einmal für die theoretisch an "systemisch" Interessierten; alle jene, die angesichts der "babylonische(n) Bedeutungsvielfalt des Begriffs" (v. Schlippe & Schweitzer, 1996, S. 49) an seiner Nützlichkeit zweifeln wollen, finden hier eindrückliches Anschauungsmaterial dafür, was eine "systemische" Analyse zu leisten vermag. Dann für alle Praktiker, die mit Multiproblemfamilien zu haben (werden). Und das sind nicht nur die Kolleginnen und Kollegen, die in der Sozialpädagogischen Familienhilfe, in der Aufsuchenden Familientherapie, im Sozialpsychiatrischen Dienst, in der Familien-fokussierten Krisenintervention (Familie im Mittelpunkt, Familienaktivierungsmanagement) oder in anderen Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit tätig sind, sondern auch jene, die in einer privaten Praxis oder einer Klinik tätig sind.

Aber ist das Buch für Praktiker(innen) denn lesbar? Ich meine: Ja. Die Autorin vereinbart drei Eigenschaften, die sich in ihrem Buch aufs Beste vereinen: wissenschaftliche Expertise, familientherapeutische Erfahrung und schriftstellerische Darstellungskunst. Und zu jener Kunst gehört auch, in reichem Maße anschauliche Fallbeispiele einzufügen. Das Buch liest sich leichter, wenn man mit bestimmten Begriffen aus der Tradition der Familientherapie wie etwa "eskalierende Komplementarität" oder "generationsübergreifende Triade" vertraut ist. Wer Familientherapie nur in seinen postmodernen Varianten kennt, wird vielleicht erstaunt sein darüber, wie "soziologisch" (und mitunter "politisch") die Analyse daherkommt (vgl. dazu Minuchin, Nichols & Lee, 2007).

Aufbau und Inhalt

Das Buch besteht neben Vorworten zur US-amerikanischen bzw. deutschen Ausgabe nebst einer Danksagung am Anfang und einem kurzen selbstreflexiven und politischen Schlusswort aus acht Kapiteln, deren Inhalt man so kurz zusammenfassen kann:

  • Kapitel entfaltet das Thema des Buches als eine Ausweitung des Blickfeldes: vom Einzelnen zur Familie, von dieser auf größere (Helfer-)Systeme und von diesen auf Politik.
  • Im 2. Kapitel wird analysiert, wie Familien und größere Systeme mit einander in Verbindung treten und ob und wie sie diese Beziehung als eine (un-)endliche gestalten.
  • Kapitel 3 bietet ein deskriptives und an Hand eines Fallbeispiels erläutertes Modell für das Verständnis der Beziehung zwischen Familien und größeren Systemen.
  • Im 4. Kapitel werden verschiedene Interviewmodalitäten für Diagnostik und Intervention vorgestellt.
  • Das 5. Kapitel konzentriert sich auf die Planung, Ausführung und Bewertung von Interventionen im Beziehungsgeflecht von Familien und größeren Systemen.
  • Kapitel 6 beschreibt die Konstruktion neuer "hilfreich verstörender" Muster in Langzeitbeziehungen zwischen Familie und größeren Systemen.
  • Im 7. Kapitel stehen Frauenfragen im Vordergrund; es geht um Frauen im Kontext von Familie, größeren Systemen und Politik.
  • Im abschließenden 8. Kapitel wird die Beratung der größeren Systeme i.S. von Institutionsberatung behandelt.

Eine Anmerkung noch zur Übersetzung, die im Großen und Ganzen gut gelungen ist. An manchen Stellen des Buches freilich finden sich Übersetzungen, die zu Miss- oder Unverständnis Anlass geben. So z.B. wenn eine "chinesische Mutter und ein kaukasischer Vater" (S. 37) vorgestellt werden. Die Mutter hat ebenso wenig die chinesische Staatsbürgerschaft wie der Vater aus dem Kaukasus stammt. Es handelt sich vielmehr um in Nordamerika üblichen Bezeichnungen für ethnische Zugehörigkeit; ein Caucasian ist Angehöriger der indo-europäischen Ethnie.

Fazit

Das richtige Buch zur rechten Zeit. Die (bisherigen) Leser(innen) der deutschsprachigen Ausgabe sehen es ebenfalls so; es spricht eine eindeutige Sprache, wenn ein Sachbuch binnen kurzer Zeit (1. deutschsprachige Ausgabe: 1990) in der 5. Auflage erscheint.


Rezensent
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
Homepage de.wikipedia.org/wiki/Hans-Peter_Heekerens
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Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 15.03.2007 zu: Evan Imber-Black: Familien und größere Systeme. Im Gestrüpp der Institutionen. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2006. 5. Auflage. ISBN 978-3-89670-506-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4271.php, Datum des Zugriffs 17.09.2019.


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