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Tewes Wischmann, Heike Stammer: Der Traum vom eigenen Kind. Psychologische Hilfen [..]

Rezensiert von Dr. phil. Petra Thorn, 27.02.2007

Cover Tewes Wischmann, Heike Stammer: Der Traum vom eigenen Kind. Psychologische Hilfen [..] ISBN 978-3-17-019289-8

Tewes Wischmann, Heike Stammer: Der Traum vom eigenen Kind. Psychologische Hilfen bei unerfülltem Kinderwunsch. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2006. 3., aktualisierte Auflage. 185 Seiten. ISBN 978-3-17-019289-8. 18,00 EUR.

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Siehe auch Replik oder Kommentar am Ende der Rezension

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Einführung

Der Ratgeber von Wischmann und Stammer ist zurzeit sicherlich einer der umfassendsten Ratgeber zum Thema unerfüllter Kinderwunsch. Den Autoren, beides Psychologen, die sowohl in der Beratung als auch in der wissenschaftlichen Forschung über Erfahrung verfügen, ist es gelungen, die komplexe Problematik übersichtlich und verständlich darzustellen und vor allem Laien die Scheu vor einer psychosozialen Auseinandersetzung damit zu nehmen.

Autoren

  • Priv. Doz. Dr. Tewes Wischmann ist Psychologe und war Projektleiter der Studie "Heidelberger Kinderwunsch-Sprechstunde". Er arbeitet als wissenschaftlicher Angestellter im Zentrum für Psychosoziale Medizin der Universitätsklinik Heidelberg. Darüber hinaus war er mehrere Jahre 1. Vorsitzender des Beratungsnetzwerks Kinderwunsch Deutschland e.V.
  • Dr. Heike Stammer ist Psychologin und war Projekttherapeutin und wissenschaftliche Mitarbeiterin dieser Studie. Sie leitet die psychoonkologische Sprechstunde an der Universitätsfrauenklinik Heidelberg und ist in privater Praxis tätig.

Inhalt

Der Ratgeber von Wischmann und Stammer ist in 11 Kapitel gegliedert, die den Phasen der Auseinandersetzung mit dem unerfüllten Kinderwunsch entsprechen. Viele der Kapitel sind typische Aussagen Betroffener vorangestellt, alle schließen mit weiterführenden Literaturangaben und seriösen Internet-Tipps ab.

  1. Das erste Kapitel beschreibt zunächst Mythen und Fakten rund um den unerfüllten Kinderwunsch. Hier werden Zahlen und Daten vorgestellt, beispielsweise, dass 6-9% aller Paare dauerhaft ungewollt kinderlos bleiben, aber wesentlich mehr Paare länger als ein Jahr auf den Eintritt einer Schwangerschaft warten müssen. Die Erfolgsaussichten der Reproduktionsmedizin werden nicht anhand von Schwangerschaftsraten, sondern anhand der für Paare eigentlich relevanten Lebendgeburtrate (13-15% pro Behandlung) dargestellt. Im Anschluss werden medizinische Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten beschrieben. Ein m. E. wichtiger Abschnitt ist der ärztliche Umgang mit Allmacht und Ohnmacht und die Psychologisierung der Unfruchtbarkeit. Schon vor vielen Jahren hat der Psychosomatiker Stauber von einer "unheilvollen Allianz" gesprochen, wenn hoch motivierte Ärzte Paare mit starkem Kinderwunsch behandeln und beiden Parteien keine Grenzen in der medizinischen Behandlung finden. Betroffene vergleichen dies häufig mit Suchtstrukturen, und auch die Autoren verwenden die Analogie einer Spielsucht. Häufig wird vermutet, dass Unfruchtbarkeit psychischen Blockaden zugrunde liegt, vor allem, wenn keine medizinische Diagnose vorliegt. Oft handelt es sich bei einer solchen "idiopathischen Sterilität" jedoch um unzureichend diagnostizierter organischer Störungen, bzw. um organische Störungen, die momentan noch nicht diagnostizierbar sind. Von psychisch (mit-) bedingter Unfruchtbarkeit kann lt. den Autoren nur in folgenden Fällen gesprochen werden: wenn trotz Kinderwunsch fruchtbarkeitsschädigendes Verhalten ausgeübt wird, wenn Schwangerschaftschancen nicht genutzt werden (z.B. kein Verkehr an fruchtbaren Tagen) oder wenn eine medizinische Behandlung bewusst bejaht, aber auch nach langer Bedenkzeit nicht begonnen wird.
  2. Im zweiten Kapitel werden die seelischen Reaktionen auf die Diagnose "unfruchtbar" zusammengefasst. Es werden Fragen formuliert, die Paare Anregung und Ideen für die ersten Gespräche mit einem Arzt geben und es wird, bereits zu Beginn des Buches, auf die Notwendigkeit hingewiesen, von Anfang an über Grenzen in der medizinischen Behandlung zu reflektieren.
  3. Im nächsten Kapitel werden die emotionalen Stadien beschrieben, die bei ungewollter Kinderlosigkeit typisch sind. Ausführlich wird auf Reaktionen wie Schock, Ärger, Ohnmacht, Anfangseuphorie bei beginnender medizinischen Behandlung, soziale Isolation, Schuld- und Schamgefühle, depressive Reaktionen, Trauer und Akzeptanz eingegangen. Auch werden Unterschiedlichkeiten zwischen Männern und Frauen thematisiert und es werden Anregungen gegeben, diese konstruktiv zu nutzen. Ein kurzer, aber wichtiger Abschnitt ist der Umgang mit Zeit zwischen dem medizinischen Eingriff und dem Einsetzen (oder Ausbleiben) der Menstruation. Diese Wartezeit ist für die Meisten die schwierigste Zeit, die vor allem von Frauen als wesentlich belastender erlebt wird als die eigentliche medizinische Behandlung.
  4. Kapitel 4 ist der Bedeutung der Seele gewidmet. Hier wird nochmals dargelegt, dass es nur selten seelische Gründe gibt, die eine Unfruchtbarkeit entstehen lassen. Gleichzeitig werden biologische, familiäre und soziale Faktoren beschrieben, die sowohl bei der Entstehung einer Fruchtbarkeitsstörung als auch bei der Bewältigung relevant sind. Auf der biologischen Ebene sind dies u.a. chronische Stressoren, Infektionskrankheiten oder organische Defekte, auf der familiären Ebene eingeschränkte Bewältigungsmechanismen aufgrund früherer oder aktueller Belastungen und auf der sozialen Ebene der Druck, einer gesellschaftlichen Norm entsprechen zu müssen oder das Kind als Zeichen der eigenen Weiblichkeit oder Männlichkeit wahrzunehmen. Wichtig sind hier die Hinweise, Einstellungen und Beziehungsmuster, die als schwierig erlebt werden, auch unabhängig vom Kinderwunsch zu ändern.
  5. Die emotionale Achterbahn während der medizinischen Behandlung wird in Kapitel 5 dargelegt. Es wird eingegangen auf eine erfolglose Behandlung, auf Komplikationen wie eine hormonelle Überstimulation, auf sog. "biochemische" Schwangerschaften (Schwangerschaften, die zwar mittels Bluttest nachgewiesen werden, aber mit Ultraschall nicht bestätigt werden können), die Wartephase auf den Schwangerschaftstest, Umgang mit Schmerzen und Fehlgeburt. Ein wichtiger Teil ist der erfüllte Kinderwunsch, der in vielen Büchern nicht erwähnt wird. Es wird beschrieben, dass sich Kinder, die mit Hilfe reproduktionsmedizinischer Eingriffe gezeugt wurden, in ihrer Entwicklung nicht von spontan gezeugten Kindern unterscheiden. Hiervon ausgenommen sind allerdings Mehrlinge. Die Autoren betonen, wie häufig es zu Zwillings- und Drillingsschwangerschaften kommt und dass dies zu Frühgeburten führen kann. Zwar gehen die Autoren auch auf Frühgeburten und behinderte Kinder ein, da dies jedoch häufig (wenn auch nicht nur) die Folge von Mehrlingsschwangerschaften ist, und ich selbst es in der Beratung immer wieder erlebe, wie unbedacht manche Paare eine Mehrlingsschwangerschaft in Kauf nehme, hätte ich es begrüßt, wenn diese Problematik ausführlicher behandelt worden wäre.
  6. Im nächsten Kapitel werden psychosoziale Hilfen beschrieben. Die Autoren stellen Inhalte von Beratung dar und beschreiben vor allem, dass eine Beratung keine Schwangerschaft "herbei reden" kann, sondern zum Ziel hat, die aktuelle Kinderlosigkeit besser zu bewältigen, zu informieren, Entscheidungsprozesse zu unterstützen und möglicherweise eine Veränderung des Lebensstils und der Lebensziele zu erreichen. Ausführlich wird auf Beratungskonzept der "Heidelberger Kinderwunsch-Sprechstunde" eingegangen, dessen Hauptpfeiler Transparenz, Paarzentrierung, Klärung, Entlastung und Ressourcenaktivierung sind. Die Struktur des Beratungskonzepts wird auch in Form eines Diagramms dargestellt, welches allerdings für Laien sicherlich unübersichtlich ist. Auch werden Selbsthilfegruppen, angeleitete Gesprächsgruppen und Entspannungstherapien vorgestellt.
  7. Auf besondere Ausgangsbedingungen wie Paare, die bereits ein Kind haben, Paare aus anderen Kulturen oder mit chronischen Erkrankungen, die Behandlung mit Spendersamen auch von allein stehenden und lesbischen Frauen wird in Kapitel 7 eingegangen. Bei der Behandlung mit Spendersamen wurde leider versäumt, auf eine Gesetzesänderung im Jahr 2002 hinzuweisen: ein mit der Mutter verheirateter Mann, der einer solchen Behandlung zugestimmt hat, kann seine Vaterschaft nunmehr nicht mehr anfechten. Wichtig ist zudem, dass im Jahr 2006, das Jahr der Neuauflage dieses Buchs, die ärztliche Dokumentationspflicht auf mindestens 30 Jahre verlängert wurde, so dass Kinder, die ab diesem Jahr gezeugt wurden, eine wesentlich bessere Möglichkeit haben, ihre biologischen Wurzeln zu erfahren. In einer tabellarischen Übersicht werden zudem Behandlungsmöglichkeiten im europäischen Ausland skizziert.
  8. Was das Kapitel "Abschied vom Kinderwunsch" besonders lesenswert machte, sind die vielfältigen Tipps, sich auf ein Leben ohne Kind einzustellen. Insbesondere die Liste der typischen Vorurteile Kinderloser gegenüber führt zum Nachdenken und lässt einem an manchen Stellen auch schmunzeln ("Nach allem, was wir wissen, hat das Paradies ohne Kinder stattgefunden. Es besteht also kein Grund zur Annahme, das Leben ohne eigenen Nachwuchs sei die Hölle").
  9. In den letzten Kapiteln werden die Themen Adoption und Pflegekinder behandelt und es werden praktische Tipps für die Kommunikation mit Außenstehenden (auch mit Arbeitgeber und Kollegen) gegeben. Der Abschluss bildet Leitfäden zur Sexualität und Umgang mit Familienfesten mit vielen hilfreichen und konkreten Ratschlägen. Adressen von Anlaufstellen in Deutschland, Österreich und der Schweiz und ein Glossar finden sich im Anhang.

Zielgruppen

Der Ratgeber richtet sich vor allem an Paare mit Fruchtbarkeitsstörungen. Allerdings können auch Fachkräfte, die sich in die Thematik einlesen möchten und vor allem nach weiterer Literatur und nach Anlaufstellungen suchen, von dem Band profitieren.

Fazit

Ein sehr empfehlenswerter Ratgeber, der umfassend, einfühlsam und konkret Hilfestellung bei ungewollter Kinderlosigkeit gibt.

Rezension von
Dr. phil. Petra Thorn
Dipl. Sozialarbeiterin,Dipl. Sozialtherapeutin.
Tätig in eigener Praxis für Paar- und Familientherapie; Arbeitsschwerpunkte: Beratung bei unerfülltem Kinderwunsch, Familienbildung mit Spendersamen
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Es gibt 12 Rezensionen von Petra Thorn.

Kommentare

Anmerkung der Redaktion: Vgl. auch die Rezension zu Heike Stammer, Rolf Verres, Tewes Wischmann: Paarberatung und -therapie bei unerfülltem Kinderwunsch. Hogrefe Verlag (Göttingen) 2004.

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Zitiervorschlag
Petra Thorn. Rezension vom 27.02.2007 zu: Tewes Wischmann, Heike Stammer: Der Traum vom eigenen Kind. Psychologische Hilfen bei unerfülltem Kinderwunsch. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2006. 3., aktualisierte Auflage. ISBN 978-3-17-019289-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4286.php, Datum des Zugriffs 23.04.2024.


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