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Peter Erath: Sozialarbeitswissenschaft. Eine Einführung

Cover Peter Erath: Sozialarbeitswissenschaft. Eine Einführung. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2006. 261 Seiten. ISBN 978-3-17-019478-6. 26,00 EUR.
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Das Thema

Peter Erath nimmt die Debatte über Sozialarbeitswissenschaft auf, die seit ca. 15 Jahren auch unter den Titeln Fachwissenschaft Soziale Arbeit oder Wissenschaft der Sozialen Arbeit läuft, begründet ihr spezifisches Erkenntnisprogramm und systematisiert ihre Themen. Mit dem Diskurs über Sozialarbeitswissenschaft sind insbesondere Vertreter der Fachhochschulen angetreten, das Forschen und Theoretisieren in und über die Soziale Arbeit auf das Niveau einer Wissenschaftsdisziplin zu heben. Außerdem wird Soziale Arbeit hierbei nicht lediglich als ein vielfältiges Praxisfeld beschrieben, sondern als eine Profession der Gesellschaft. Dies ist sicherlich ein ehrgeiziges Ansinnen, weil es viele Hürden zu geben scheint, die es erschweren, den professionellen und wissenschaftlichen Prozess der Sozialen Arbeit plausibel zu beschreiben und zu erklären.

Erath begibt sich mit seinem Werk nun auf die "Suche nach einer Metatheorie der Wissenschaft der Sozialen Arbeit" (S. 15) und kreiert das Programm einer "Allgemeinen Sozialarbeitswissenschaft als disziplinäre[n] Bezugsrahmen sozialarbeitswissenschaftlichen Denkens und Handelns" (16). Dabei orientiert er sich insbesondere an zwei metatheoretischen Ausrichtungen - erstens: an das Verständnis von Sozialarbeitswissenschaft des Schweden Haluk Soydan, der u.a. ein Grundgerüst entwickelt hat, wie Sozialarbeitswissenschaft systematisierbar ist, und - zweitens - an die Systemtheorie Niklas Luhmanns.

Der Autor

Dr. Peter Erath ist Professor an der Fakultät Soziale Arbeit der Katholischen Universität Eichstätt und lehrt dort Theorien der Sozialen Arbeit. In den letzten Jahren hat er sich in Fachzeitschriften schon mehrfach, insbesondere mit einer systemtheoretischen Argumentationslinie, hinsichtlich der Sozialarbeitswissenschaft positioniert. Was auch bei der Lektüre des vorliegenden Buch bemerkt werden und als verdienstvoll gelten kann, ist, dass Erath sich als ein international vernetzter Sozialarbeitswissenschaftler auszeichnet, dem es nicht reicht, lediglich die deutschsprachige Literatur zum Thema zu rezipieren; vielmehr öffnet er den Diskurs für Anschlüsse an die internationalen Debatten zum Thema.

Aufbau und Inhalt

Der Aufbau des Buches ist klassisch deduktiv; es gliedert sich in zehn Teile:

  • Im ersten Kapitel geht es dem Autor um eine Metatheorie der Sozialarbeitswissenschaft, so dass er hier grundsätzliche Fragen, etwa nach dem Verhältnis von Praxis und Wissenschaft oder nach den Bezugsdisziplinen der Sozialen Arbeit (speziell Soziologie, Psychologie, Sozialpädagogik, Politikwissenschaft), aufgreift.
  • Das zweite Kapitel differenziert methodologische Aspekte, wie unterschiedliche Wissenschaftsperspektiven (insbesondere die hermeneutische, die kritisch-rationale und die kritische Position), oder Forschungs- und Theoriemöglichkeiten.
  • Dilemmata der Sozialarbeitswissenschaft, z.B. die potentielle Unbestimmtheit des Handlungsfeldes, die vielfältigen Mandate, das Technologiedefizit, werden im dritten Kapitel vertieft.
  • In den Kapiteln vier bis neun präsentiert der Autor konkrete Theorien (viertes Kapitel), Professionstheorien (fünftes Kapitel), Modelle (sechstes Kapitel), Handlungskonzepte (siebtes Kapitel), bezugswissenschaftliche Methoden und Techniken (achtes Kapitel) und professionelle Reflexionsinstrumente (neuntes Kapitel).
  • Den Abschluss bildet im zehnten Kapitel die Beschreibung "[z]ukünftige[r] Problemstellungen der Sozialarbeitswissenschaft" (S. 242).

Diskussion

Peter Erath ist die beeindruckende Leistung gelungen, eine Systematisierung der Sozialarbeitswissenschaft und ihrer Inhalte gefunden zu haben, die mich zwar auf den ersten Blick irritiert und überrascht, aber auf den zweiten Blick überzeugt hat. Er hat es tatsächlich geschafft, fast alle Themen dieser Wissenschaft in eine Form zu bringen, die äußerst plausibel ist.

Neben den grundlagentheoretischen Ausführungen in den Kapiteln eins bis drei folgen sechs Kapitel, in denen theoretische wie methodische Ansätze erläutert werden, die sowohl den Wissenschafts- als auch den Praxisdiskurs der Sozialen Arbeit gut spiegeln. Auch wenn sicher weitere Theorien, Professionstheorien, Modelle, Handlungskonzepte, bezugswissenschaftliche Methoden und Techniken und professionelle Reflexionsinstrumente benennbar sind, als jene, die Erath aufgreift, so wird doch ein passabler Überblick von Hauptzweigen der Sozialarbeitswissenschaft geboten. Natürlich ließe sich etwa darüber streiten, ob einige der unter Professionstheorien subsumierten Ansätze nicht auch als Theorien der Sozialarbeitswissenschaft bewertet werden könnten. Aber es ist nicht zu umgehen, dass ein Autor sich entscheiden muss, wie er seine Inhalte anordnet; dass er dabei zwangsläufig etwas ausblendet und verkürzt, verweist auf die grundsätzliche Problematik, dass komplexe Fragestellungen nur durch kontingente Reduktionen bearbeitbar sind.

Jedenfalls erfüllt das Buch sein Ansinnen in ausgesprochen überzeugender Weise: Es ist eine Einführung, eine Zusammenschau äußerst vieler sozialarbeitswissenschaftlicher Fragen und Themenstellungen. Die Leser/innen können ausgehend von dem, was Erath vorstellt, in die vertiefende Lektüre bei den Referenzquellen einsteigen.

Zielgruppe

Meines Erachtens ist das Buch für alle brauchbar, die, in welchen Kontexten auch immer, mit Sozialer Arbeit zu tun haben. Es eignet sich für Studierende der ersten bis mittleren Semester, um einen zusammenfassenden Blick in die Themen der Sozialarbeitswissenschaft zu erlangen, um zu sehen, was in dieser Wissenschaft, aber auch in der Praxis der Sozialen Arbeit entwickelt und etabliert ist sowie diskutiert wird. Lehrende erhalten Anregungen, wie sie überblicksartige Veranstaltungen zur Sozialarbeitwissenschaft strukturieren könnten. Wenn ich nicht schon meine Vorlesungslogik zur Veranstaltung "Einführung in die Fachwissenschaft der Sozialen Arbeit" an der Fachhochschule Potsdam gefunden hätte, würde ich zahlreiche Systematisierungsvorschläge von Erath aufgreifen. Praktiker einzelner Arbeitsfelder können mit Hilfe des Buches ihre Perspektive offen halten bzw. wieder öffnen, um die partielle Blindheit zu erhellen, die zwangsläufig entsteht, wenn man sich (wie dies in der Praxis notwendig ist) auf Bestimmtes festlegt. Und Bezugswissenschaftler in der Ausbildung und Forschung der Sozialen Arbeit ermöglicht das Buch, zu sehen, was das Zentrum dessen ist, für das sie letztlich arbeiten: die Disziplin und Profession der Sozialen Arbeit.

Fazit

Es sollte deutlich geworden sein, dass mich Eraths Buch überzeugt. Sicherlich können einige Stellen mit ihren sehr knappen Ausführungen hinsichtlich komplexer Theorien und Konzepte als zu oberflächlich kritisiert werden. Alles in allem aber ist die Gestalt eines solchen Einführungsbuches kaum anders möglich. Es ist zu wünschen, dass sich das Buch als ein Standardwerk des sozialarbeitswissenschaftlichen Fachdiskurses etabliert. Denn es bietet eine Basis, von der aus diese Wissenschaft systematisch und vertiefend weiter entwickelt und ausgebaut werden kann.


Rezensent
Prof. Dr. Heiko Kleve
Sozialarbeiter (Dipl. FH) und Soziologe (Dr. phil.), systemischer Berater (DGSF), Supervisor (DGSv)/Systemischer Supervisor (SG), Mediator und Case Management-Ausbilder (DGCC). Professor für soziologische und sozialpsychologische Grundlagen sowie Fachwissenschaft Sozialer Arbeit an der Fachhochschule Potsdam, Fachbereich Sozialwesen; dort auch Initiator und Leiter des Weiterbildungsangebotes „Systemische Aufstellungen – Werkstatt für systemische Lösungen"
Homepage sozialwesen.fh-potsdam.de/heikokleve.html
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Zitiervorschlag
Heiko Kleve. Rezension vom 20.05.2007 zu: Peter Erath: Sozialarbeitswissenschaft. Eine Einführung. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2006. ISBN 978-3-17-019478-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4287.php, Datum des Zugriffs 18.02.2019.


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