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Karl August Chassé, Hans-Jürgen von Wensierski: Praxisfelder der sozialen Arbeit. Eine Einführung

Cover Karl August Chassé, Hans-Jürgen von Wensierski: Praxisfelder der sozialen Arbeit. Eine Einführung. Juventa Verlag (Weinheim) 2008. 4., aktualisierte und erweiterte Auflage. 446 Seiten. ISBN 978-3-7799-0756-5. 25,00 EUR.

(Grundlagentexte soziale Berufe).
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Thema, Ziele und Thesen

Die Einführung in die Praxisfelder der Sozialen Arbeit, so die Herausgeber, hat den Charakter eines Studien- und Lehrbuchs. Die Beiträge wurden aus pragmatischer Sicht zusammengestellt. Das wichtigstes Ziel in dem 448seitigen Werk ist die Gewinnung eines umfassenden Überblicks über die Praxisfelder der Sozialarbeit und Sozialpädagogik. Weitere Ziele der Herausgeber sind die Rezeption theoretischer Grundlagen, die Darlegung disziplinärer und professioneller Probleme wie die Diskussion aktueller Entwicklungsperspektiven (S. 7). Integriert wird die Vielfalt der Beiträge im Blickwinkel dreier Thesen: (1) Auf dem Hintergrund der gesellschaftlichen Modernisierung wird die traditionelle Trennung von Sozialarbeit und Sozialpolitik zugunsten eines integrierten Handlungsfeldes aufgegeben. (2) Der Modernisierungs- und Ausdifferenzierungsprozess bedeutet eine Sozialpädagogisierung im Sinne lebenslangen Lernens in allen Lebensphasen. (3) Der soziale Wandel zur Modernisierung erfordert eine Ausdifferenzierung der sozialen Dienste, verbunden mit der Tendenz zur höheren Spezialisierung und der Erschließung neuer Aufgaben- und Problemfelder.

Herausgeber, Autorinnen und Autoren

Die Herausgeber, Karl August Chassé und Hans-Jürgen von Wensierski, sind Diplom-Pädagogen und Hochschullehrer in Jena. Zur Erstellung des Sammelbandes werden 32 Autorinnen und Autoren zusammengeführt: sie kommen aus Projekten der Sozialen Arbeit (Beratungsarbeit im Jugendamt, Referent im Förderverein Schuldnerberatung, Mitarbeit im Ministerium für Frauen, Jugend, Wohnungs- und Städebau des Landes Schleswig-Holstein, Geschäftsführung der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung, Tätigkeiten in Supervision und Therapie, wissenschaftliche Mitarbeit am Staatsinstitut für Frühpädagogik und Familienforschung, Mitarbeit in einer Erziehungsberatungsstelle und Lehrer an sozialpädagogischen Fachschulen), aus der Lehre und angewandten Forschung (Fachhochschulen in Frankfurt, Darmstadt, Dortmund, Erfurt, Jena, Münster) und aus der Lehre und wissenschaftlichen Forschung (Universitäten in Berlin, Bremen, Chemnitz, Dortmund, Frankfurt, Halle-Wittenberg, Jena, Mainz und Tübingen).

Aufbau der Themen und Inhalte

Nach der Definition der Herausgeber, steht das Systeme der sozialen Arbeit "(...) zwischen sozialstaatlicher Verrechtlichung und Verregelung, dualer Trägerstruktur, sozialen Bewegungen, neueren Konzeptentwicklungen, Verschränkungen von Methoden und institutionellen Formen sowie theoretischen Systematisierungen" (S. 14). Um dieser Entwicklung zu genügen, sollte bei der Ausarbeitung der Beiträge auf die folgenden inhaltlichen "Elemente" geachtet werden (S. 15): (1) Darstellung der zentralen Grundbegriffe und theoretischen Positionen, (2) Darstellung der Methoden und Handlungskonzepte der Praxisfelder, (3) Darstellung des Spektrums der jeweiligen Institutionen, inkl. rechtlicher und administrativer Rahmenbedingungen, (4) Darstellung der Praxisfelder unter Berufs- und Arbeitsmarktaspekten und (5) Darstellung der neueren Entwicklungstendenzen und Diskussionen. Gegliedert ist das Buch in 6 Kapiteln; hierbei wird das Panorama der sozialen Arbeit abgedeckt. Konkret geht es im 1. Kapitel um die Kinder- und Jugendhilfe, im 2. Kapitel um die Erziehungs- und Familienhilfe, im 3. Kapitel um die Altenhilfe, im 4. Kapitel um soziale Arbeit, Frauen und Frauenbewegung, im 5. Kapitel um soziale Arbeit, Benachteiligung und Armut im Sozialstaat und im 6. Kapitel um Soziale Arbeit in spezifischen Bereichen.

Übersicht über die Themen und Inhalte

Das 1. Kapitel (S. 19-117) ist - auf dem Hintergrund von 7 Aufsätzen - der Kinder- und Jugendhilfe gewidmet. Im 1. Aufsatz besprechen Martin Schlattmann (Berlin) und Wolfgang Tietze ( Berlin) die Früherziehung, Kindergarten und Kindertagesbetreuung (S. 19-33). Im 2. Aufsatz erörtert Hans-Jürgen v. Wensierski (Jena) die Jugendarbeit (S. 34-49). Im 3. Aufsatz diskutiert Rainer Treptow (Jena) die Kulturarbeit und kulturelle Bildung (S. 50-62). Im 4. Aufsatz untersucht Michael Galuske (Dortmund) die Jugendsozialarbeit und Jugendberufshilfe (S. 63-77). Im 5. Aufsatz bespricht Mechthild Seithe (Jena) die Schulsozialarbeit (S. 78-88). Im 6. Aufsatz erörtert Siegrid Müller (Tübingen) die Jugendgerichtshilfe (S. 89-102). Im 7. Kapitel bespricht Joachim Merchel (Münster) die Jugendhilfeplanung (S. 103-120).

Das 2. Kapitel (S. 121-214) ist - auf dem Hintergrund von ebenfalls 7 Aufsätzen - der Erziehungs- und Familienhilfe gewidmet. Im 1. Aufsatz bespricht Hans Thiersch (Tübingen) ambulante Erziehungshilfen und das Konzept Lebensweltorientierung (S. 121-133). Im 2. Aufsatz erörtert Klaus Menne (Bundeskonferenz für Erziehungsberatung) die Erziehungs-, Ehe- und Familienberatung (S. 134-150). Im 3. Aufsatz diskutiert Martin R. Textor (München) die Ehe- und Familienbildung (S. 151-160). Im 4. Aufsatz untersucht Heidi Nielsen die sozialpädagogische Familienhilfe (S. 161-171). Im 5. Aufsatz erörtert Karl August Chassé (Jena) die Heimerziehung (S. 172-187). Im 6. Aufsatz bespricht Jürgen Blandow (Bremen) das Pflegekinderwesen, Adoption und Vormundschaft (S. 188-200). Im 7. Aufsatz besprechen Josef Eiber und Uschi Träg die Soziale Arbeit bei Trennung und Scheidung (S. 201-214).

Das 3. Kapitel (S. 215-244) ist - auf dem Hintergrund von 2 Aufsätzen - der Altenhilfe gewidmet. Im 1. Aufsatz bespricht Roland Schmidt (Erfurt/Berlin) die soziale Arbeit und ambulante Altenhilfe (S. 215-228) und im 2. Aufsatz erörtert Rainer Hirt (Jena) die Soziale Arbeit in stationären Einrichtungen der Altenhilfe (S. 229-244).

Das 4. Kapitel (S. 245-272) ist - auf dem Hintergrund von ebenfalls 2 Aufsätzen - der sozialen Arbeit, Frauen und Frauenbewegung gewidmet. Im 1. Aufsatz bespricht Maria Bitzan (Tübingen) Fraueninitiativen, Frauenbüros und Frauenzentren. Frauenprojekte zwischen Sozialer Arbeit und feministischer Politik (S. 245-258) und Margrit Brückner (Frankfurt) Grundlagen und Entwicklungslinien der Frauenhausarbeit (S. 259-272).

Das 5. Kapitel (S. 273-326) ist - auf dem Hintergrund von 4 Aufsätzen - der sozialen Arbeit, Benachteiligung und Armut im Sozialstaat gewidmet. Im 1. Aufsatz bespricht Gerd Iben (Frankfurt) Sozialarbeit - Armut und Randgruppen (S. 273-287). Im 2. Aufsatz erörtert Albrecht Brühl (Darmstadt) die Sozialhilfe (S. 288-299). Im 3. Aufsatz diskutieren Mulf Groth und Rolf Schulz-Rackoll (Jena) die Schuldnerberatung. Grenzgänger zwischen klassischer Sozialarbeit und moderner Dienstleistung (S. 300-310). Im 4. Aufsatz untersucht Friedhelm Wolski-Prenger (Paderborn) die Arbeitslosenarbeit im Zwiespalt. Soziale Arbeit versus soziale Bewegung? (S. 311-326).

Das 6. Kapitel (S. 327-444) ist - auf dem Hintergrund von 8 Aufsätzen - der sozialen Arbeit in spezifischen Bereichen gewidmet. Im 1. Aufsatz bespricht Nando Belardi (Chemnitz) die soziale Arbeit und Beratung (S. 327-340). Im 2. Aufsatz erörtert Uwe Sielert (Kiel) die Sexualerziehung - Sexualberatung - Schwangerschaftskonfliktberatung (S. 341-351). Im 3. Aufsatz diskutiert Ernst von Kardorff (Berlin) soziale Arbeit und soziale Dienste im Gesundheitswesen (S. 352-369). Im 4. Aufsatz untersucht Reinhard Hörster (Paderborn) die Sozialpsychiatrie und soziale Arbeit (S. 370-384). Im 5. Aufsatz erörtert Peter Loviscach (Dortmund) die Sucht- und Drogenhilfe (S. 385-398). Im 6. Aufsatz analysiert Hannelore Maelicke (Kiel) die Straffälligenhilfe für Jugendliche, Heranwachsende und Erwachsene (S. 399-415). Im 7. Aufsatz bespricht Franz Hamburger (Mainz) das Thema Migration und soziale Arbeit (S. 416-432). Im 8. Aufsatz untersucht Karl August Chassé (Jena) die Selbsthilfe (S. 433-444).

Fazit

Der Sammelband leistet eine rasche Einführung in das jeweilige Thema verbunden mit Informationen über aktuelle Entwicklungen. Gewinn bringend sind die Aufsätze zweifelsfrei für Studierende und Praktiker der jeweiligen Spezialgebiete, aber auch für Dozenten der Sozialarbeit wie für Dozenten soziologischer Themenfelder (z.B. Sozialstrukturanalyse, Soziologie soziale Probleme, Gesundheitssoziologie oder die Sozialpolitik). Überhaupt ist der Reader ein wichtiger Beitrag für die modernen Public-Health-Entwicklung; hier wird von einem ganzheitlichen Gesundheitsbegriff ausgegangen, der soziale, psychische und medizinische Facetten integriert. Dabei gewinnt die Entwicklung der Sozialarbeit im Spannungsfeld von sozialer Ungleichheit und Gesundheit an Gewicht, wie es auch zum Ausdruck kommt durch die Gründung einer Sektion Klinische Sozialarbeit in der Deutschen Gesellschaft für Sozialarbeit. Insgesamt kann der Reader nur empfohlen werden, nicht nur für Sozialarbeiter sondern darüber hinaus für Gesundheits- und Sozialwissenschaftler. Erfreulich wäre es, falls die Herausgeber die 3. Auflage mit einem Sachregister und einem Glossar versehen würden.


Rezensent
Prof. Dr. Bernhard Mann
MPH Dipl.-Sozialwirt. Universität Koblenz-Landau, Campus Koblenz


Kommentare

Anmerkung der Redaktion: Die Rezension basiert auf der 2. Auflage aus dem Jahr 2002.


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Zitiervorschlag
Bernhard Mann. Rezension vom 30.06.2003 zu: Karl August Chassé, Hans-Jürgen von Wensierski: Praxisfelder der sozialen Arbeit. Eine Einführung. Juventa Verlag (Weinheim) 2008. 4., aktualisierte und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-7799-0756-5. (Grundlagentexte soziale Berufe). In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/429.php, Datum des Zugriffs 22.06.2018.


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