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Kurt Kallenbach (Hrsg.): Körperbehinderungen. Schädigungsaspekte, psychosoziale Auswirkungen und pädagogisch rehabilitative Maßnahmen

Rezensiert von Prof. Dr. Manfred Jödecke, 20.10.2007

Cover Kurt Kallenbach (Hrsg.): Körperbehinderungen. Schädigungsaspekte, psychosoziale Auswirkungen und pädagogisch rehabilitative Maßnahmen ISBN 978-3-7815-1415-7

Kurt Kallenbach (Hrsg.): Körperbehinderungen. Schädigungsaspekte, psychosoziale Auswirkungen und pädagogisch rehabilitative Maßnahmen. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2006. 2., überarbeitete Auflage. 384 Seiten. ISBN 978-3-7815-1415-7. D: 25,50 EUR, A: 26,30 EUR, CH: 43,50 sFr.
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Thema

Bereits im Jahre 1924 hatte L.S. Wygotski den "Defekt" als "soziale Verrenkung" bezeichnet und in diesem Bild den ganzen sozialen Ursprung und Charakter von Behinderung deutlich gemacht. In der Diskussion um einen (vermeintlichen) Paradigmenwechsel in der Sonder-, Heil-, Behinderten- und Rehabilitationspädagogik wurde und wird immer deutlicher, dass dieser entlang des Bruches von Normalität/Ausgrenzung und Isolation/Dialog verläuft. Behinderung kann nicht mehr naturalisierend als Merkmal einer Person angesehen und damit auf die biologische Schädigung und die daraus resultierenden psycho- sozialen Folgen reduziert werden, sondern sie bezeichnet ein soziales Geschehen, einen gesellschaftlichen Prozess der Verweigerung der Anerkennung von Differenz. Das Forum behinderter Juristen und Juristinnen formulierte das bereits 1997 so: " Eine Behinderung ist jede Maßnahme, Struktur oder Verhaltensweise, die Menschen mit Beeinträchtigungen Lebensmöglichkeiten nimmt, beschränkt oder erschwert." Darin lässt sich die Forderung von Behinderten als Experten in eigener Sache erkennen, dass alle pädagogisch- rehabilitativen Bemühungen letztlich darauf abzielen müssen, die allgemeinmenschlichen Lebensmöglichkeiten von Menschen mit Beeinträchtigungen gesellschaftlich zur Entfaltung zu bringen. Eben dazu möchte auch das  vorliegende, von Kurt Kallenbach herausgegebene und bei Klinkhardt in zweiter Auflage erschienene Buch: Körperbehinderungen. Schädigungsaspekte, psychische Auswirkungen und pädagogisch- rehabilitative Maßnahmen beitragen.

Aufbau und Inhalt

Der Band enthält neben der Einführung 13 Beiträge, die hinsichtlich ihrer inhaltlichen Strukturierung alle mehr oder weniger an der ICF (International Classification of Funktioning, Disability and Health) der WHO orientiert sind. Alle Autoren hatten sich darauf verständigt Antworten auf folgende Grundfragen zu geben:

  • Welche körperlichen Schädigungen, Fähigkeitsstörungen, Beeinträchtigungen und Benachteiligungen haben die Betroffenen?
  • Welche psychosozialen Auswirkungen (hinsichtlich Motorik, Wahrnehmung, Intelligenz, Emotion, Lernen, Kommunikation ...)  ergeben sich daraus für die körperbehinderten Kinder und Jugendlichen, deren Eltern und das weitere soziale Umfeld?
  • Wie lässt sich der Lebensalltag, die Entwicklungsförderung und die pädagogische Arbeit mit den behinderten kindern und Jugendlichen gestalten?    

In einem einführenden Beitrag: Geschädigter Körper ungleich behindertes Selbst oder: "In erster Linie bin ich Mensch" werden von Christoph Leyendecker Verständnis und  Systematik von Körperschädigungen und Behinderungen in einem übergreifenden Sinne entwickelt. "Als körperbehindert wird eine Person bezeichnet, die infolge einer Schädigung des Stütz- und Bewegungsapparates, einer anderen organischen Schädigung oder einer chronischen Krankheit so in ihren Verhaltensmöglichkeiten beeinträchtigt ist, dass die Selbstverwirklichung in sozialer Interaktion erschwert ist." (S.23)  Die Definition erscheint zwar auf den ersten Blick am (biologischen) Mangel orientiert, hat dessen erklärende Reichweite jedoch bis an die Grenze des mit der ICF Beschreibbaren ("erschwerte Selbstfindung in sozialer Interaktion") geführt. Worum es dem Autor perspektivisch geht, ist, "gesellschaftliche Hintergründe normativer Orientierungen bei allen Beteiligten zu reflektieren, den Freiraum des Einzelnen zu erweitern und den Blick für das qualitativ Menschliche freizubekommen ..." (S. 53)

Die folgenden Beiträge fachlich ausgewiesener Autoren erhellen die ganze Bandbreite körperlicher Schädigungen oder biologisch erschwerender (potenziell isolierender) Bedingungen, die Menschen mit Körperbehinderungen bewältigen und ihr Leben integrieren müssen:

  • Kurt Kallenbach: Infantile Cerebralparese (ICP)- frühkindliche cerebrale Bewegungsstörungen
  • Hans Stadler: : Das Schädel-Hirn-Trauma unter medizinischem und pädagogischem Aspekt
  • Rainer Seifert: Anfallskrankheiten im Kinder- und Jugendalter und ihre Auswirkungen auf die Lebensqualität
  • Ingeborg Hedderich: Kinder mit schwersten cerebralen Bewegungsströrungen
  • Annemarie Fritz, Gabi Ricken, Karl Dieter Schreck: Teilleistungsstörungen: Ein hilfreiches pädagogisches Konzept?
  • Ursula Haupt: Kinder mit Spina bifida
  • Anke S. Kampmeier: Querschnittlähmung - Ursachen, Folgen, Rehabilitation
  • Eva- Maria Weinwurm-Krause: Poliomyelitis und das Post-Polio Syndrom
  • Monika Ortmann: Duchenne Muskeldystrophie (DMD)
  • Barbara Wellmitz: Fehlbildungen und Deformitäten des Haltungs- und Bewegungsapparates
  • Willy Nachtmann: Kinder und Jugendliche mit Arthrogryposis multiplex congentia (AMC)
  • Klaus Neumann: Störungen der Knochenentwicklung (Ossifikationsstörungen / Knochentumoren)
  • Elisabeth Wehr-Herbst: Kinder und Jugendliche mit chronischem Nierenversagen

Zielgruppen

Das Buch kann gut als Lehr- und Nachschlagewerk für Studierende und Berufstätige in Arbeitsfeldern von Bildung und Erziehung, der Heil- und Sonderpädagogik, der Medizin, Psychologie, Therapie und der Sozialen Arbeit genutzt werden.

Diskussion

Der Rezensent hätte sich eine noch umfassendere Einbeziehung der (Fach-) Literatur von Behinderten als Experten in eigener Sache gewünscht. Die allzu verständliche Sorge des Herausgebers und der Autoren darüber, dass Studierende vielleicht zu wenig über die Schädigungs- oder Krankheitsbilder im Zusammenhang mit Körperbehinderung wissen könnten, erweist sich dann als unbegründet, wenn diese in direkten oder mittelbaren Kontakt mit den Betroffenen eintreten und einen "defektlogisch" unverstellten Zugang zu den Menschen hinter der medizinisch- defizitorientierten Beschreibung gewinnen.  

Fazit

Mit dem Buch liegt eine material- und aufschlussreiche Publikation zum Thema Körperbehinderungen vor. Der Rezensent empfiehlt es nicht als Standardwerk zu rezipieren, sondern eher dem Ratschlag Deleuze' und Guattaris  folgend, "rhizomatisch" zu lesen.

Rezension von
Prof. Dr. Manfred Jödecke
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Es gibt 32 Rezensionen von Manfred Jödecke.

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Zitiervorschlag
Manfred Jödecke. Rezension vom 20.10.2007 zu: Kurt Kallenbach (Hrsg.): Körperbehinderungen. Schädigungsaspekte, psychosoziale Auswirkungen und pädagogisch rehabilitative Maßnahmen. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2006. 2., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-7815-1415-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4291.php, Datum des Zugriffs 18.05.2022.


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