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Nadja Bleil: Interkulturelle Kompetenz in der Erwachsenenbildung

Cover Nadja Bleil: Interkulturelle Kompetenz in der Erwachsenenbildung. Ein didaktisches Modell für die Trainingspraxis. Peter Lang Verlag (Bern · Bruxelles · Frankfurt am Main · New York · Oxford) 2006. 380 Seiten. ISBN 978-3-631-55338-1. 56,50 EUR.
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Entstehungshintergrund

Grundlage der Publikation ist eine zwischen 2000 und 2005 im Arbeitsbereich Interkulturelle Erziehungswissenschaften an der Freien Universität Berlin erstellte Dissertation. 

Thema und Zielsetzung

Auf dem Hintergrund der voranschreitenden Globalisierung und der Ausbreitung internationaler Kooperationen, insbesondere im Bereich weltweit agierender, Wirtschaftsunternehmen, sind kulturelle Eigenarten und Besonderheiten in den letzten Jahren verstärkt in das Blickfeld des Personalmanagements gerückt. Kennzeichnend dafür ist u. a. auch die exponentielle Zunahme einschlägiger Artikel und Buchpublikationen zu Themen wie "Führungskultur in internationalen Konzernen" oder "Interkulturelles Management", "Diversity Management", "Multikulturelle Personalführung", "Interkulturelle Managemententwicklung", deren gemeinsame Schnittmenge vor allem den Komplex "Interkulturelle Kompetenzen" umfasst. Interkulturelle Kompetenz ist auf diesem Hintergrund zum "Gegenstand" notwendiger Qualfizierungsprozesse für Fach- und Führungskräfte international tätiger Unternehmen geworden.

Angesichts der in den "nachindustriellen" bzw. modernen Gesellschaften voranschreitenden kulturellen Pluralisierung ist auch ein zunehmendes Interesse am Thema "Interkulturelle Kompetenz" in der Erwachsenenbildung zu verzeichnen. Hier setzt die Verfasserin mit ihrem vorliegenden Werk an. Die diesbezügliche Ausgangssituation wird von der Autorin folgendermaßen charakterisiert: Interkulturelle Kompetenz in der Praxis der interkulturellen Erwachsenenbildung ist meist eine ungeklärte, generalisierte bzw. auch unerreichbare Zielkategorie, bei der außerdem weitgehend auf eine global-abstrakte Ebene Bezug genommen wird.

Festgestellt wird des Weiteren eine defizitäre theoretische Fundierung dessen, was mit interkultureller Kompetenz in der Erwachsenenbildung gemeint ist und eine unzureichende didaktische Grundlegung hinsichtlich der im Rahmen von Trainings vermittelbarer und zu erwerbender interkultureller Kompetenzen. Davon ausgehend werden im Rahmen der vorliegenden Publikation zweierlei,  miteinander vernetzte Ziele verfolgt:

  1. Eine wissenschaftlich-theoretische Zielperspektive: Hier geht es der Autorin um eine Fundierung des Konstrukts "interkulturelle Kompetenz" im Rahmen einer andragogischen Theorieentwicklung. Die Autorin verwendet im Rahmen ihrer Arbeit den international gängigeren Begriff "Andragogik", verstanden als "Wissenschaft von der Bildung Erwachsener", auch wenn sich dieser bislang in Deutschland nur partiell durchgesetzt hat.
  2. Eine anwendungsorientierte-praxisbezogene Zielperspektive, mündend in der Entwicklung eines didaktischen Orientierungsmodells, das für die Konzeption und Durchführung von Trainings zum Erwerb interkultureller Kompetenzen, in der Praxis der Erwachsenenbildung herangezogen und nutzbar gemacht werden kann.

Aufbau und inhaltlicher Überblick

Die Arbeit umfasst einen theoretischen Teil (Kapitel 1 bis 4), einen empirischen Teil (Kapitel 5 und 6) und einen anwendungsorientiert-praxisbezogenen Teil (Kapitel 7). Die ersten vier der insgesamt sieben Kapitel dienen der Einführung und der theoretischen Grundlegung der interkulturellen Kompetenz aus andragogischer Sicht.

  1. Im ersten Kapitel, der Einleitung, setzt sich die Autorin zunächst prägnant mit  einschlägig relevanten Begriffen (wie Kultur, Multikulturalität, Interkulturalität, Erwachsenenbildung, Andragogik) auseinander und legt deren Verständnis im Rahmen der vorliegenden Arbeit fest. Anschließend werden Fragestellungen, Ziele und Bearbeitungsweg vorgestellt.
  2. Mit dem zweiten Kapitel werden zentrale Entwicklungen auf gesamtgesellschaftlicher bzw. makrosystemischer Ebene - wie Migrationsbewegungen, Präsenz verschiedener Ethnien auf dem Arbeitsmarkt der Bundesrepublik, Einfluss der Medien - aufgezeigt. Auf diesem Hintergrund wird die Relevanz Interkultureller Kompetenzen für eine multikultureller werdende Gesellschaft und - auf die Arbeitswelt sowie neue Formen der Arbeitsorganisation (Teamarbeit) blickend -  einer multikultureller werdenden Belegschaft in einer zunehmenden Zahl von Unternehmen verdeutlicht. 
  3. Ausgehend von den in einer multikulturellen Gesellschaft auftretenden neuen Herausforderungen an das Bildungssystem steht im Zentrum des dritten Kapitels die Frage nach dem Beitrag einer interkulturellen Andragogik, als einer Wissenschaft von der Bildung Erwachsener in interkulturellen Kontexten. Gegenstände der Betrachtung und Auseinandersetzung sind hier u. a. das Selbstverständnis der interkulturellen Andragogik ab Mitte der 50er Jahre bis in die Gegenwart, Formen des individuellen, interkulturellen Lernens im Rahmen geplanter, zielorientiert angelegter Lernprozesse, vorliegende Ansätze interkultureller Erwachsenenbildung, didaktische Grundlagen der Erwachsenenbildung, bei denen insbesondere auf konstruktivistische Sichtweisen und die von Siebert (2000) unterschiedenen didaktischen Prinzipien der Lerngestaltung Bezug genommen wird. Im zweiten Teil dieses Kapitels erfolgt eine differenzierte Auseinandersetzung mit der einschlägigen Trainingspraxis.
  4. Von Seiten der Wissenschaften hat insbesondere die Psychologie maßgeblich zur theoretischen Fundierung und Weiterentwicklung der Konstrukte "Soziale Kompetenz" und  "Interkulturelle Kompetenz" beigetragen. Im vierten Kapitel werden einige dieser Konzepte, insbesondere der kulturvergleichenden Psychologie und der Sozialpsychologie, ergänzt durch weitere in der Erwachsenenbildung entwickelte wissenschaftliche Konstrukte aufgegriffen und analysiert. Dies geschieht unter Bezugnahme auf unterschiedliche Theorietraditionen und Theorierichtungen. Ausgegangen wird von Konzepten und Erkenntnissen zur Sozialen Kompetenz, um schließlich die höheren Anforderungen an Soziale Kompetenz in interkulturellen Kontexten herauszuarbeiten. Zur Erinnerung: Dies geschieht mit der Absicht einen Beitrag zu leisten zu einem theoretisch abgeleiteten und (empirisch geprüften Strukturkonzept (didaktisches Modell) für das Training der Interkulturellen Kompetenz.
  5. Im fünften Kapitel werden Fragestellungen und methodisches Vorgehen einer explorativen Studie zur Annäherung an das Phänomen "Interkulturalität in der Arbeitswelt" vorgestellt. Mit dieser Studie soll ebenso ein theoriebildender Beitrag zur Realisierung des gerade nochmals in Erinnerung gerufenen Ziels der vorliegenden Arbeit geleistet werden. Abgehoben wird vor allem auf die Zielgruppe der "ArbeitnehmerInnen", die in unterschiedlichen interkulturellen Kontexten tätig sind. Dementsprechend werden in die Studie eingebunden: monokulturelle Mehrheitsangehörige und bikulturelle Minderheitenangehörigen, männlichen und weiblichen Geschlechts, die verstärkt auf Kooperation und Kommunikation in ihrer Arbeitstätigkeit angewiesen sind und zwischen denen geringe bzw. keine hierarchischen Statusunterschiede auftreten. Im Anschluss an die Thematisierung der Funktion quantitativer und qualitativer (hermeneutisch, heuristischer) Forschung, wird das für die Studie gewählte und entwickelte qualitativ-explorative Vorgehen ausführlich beschrieben, forschungsmethodologisch eingeordnet und begründet.
  6. Gegenstand des sechsten Kapitels ist eine detaillierte Darstellung und Interpretation der Ergebnisse der Explorationsstudie nach folgenden Bereichen: Subjektive Theorien über Interkulturalität, Gegenüberstellung entsprechender Aussagen, Erfahrungen aus der Bildungsarbeit und subjektive Theorien zu interkultureller Kompetenz.
  7. Im siebten Kapitel werden schließlich die im Verlaufe des Bearbeitungsgangs gewonnenen Erkenntnisse und Ergebnisse genutzt, vernetzt und zu einem (vorläufigen, offenen) didaktischen Modell verdichtet. Wie eingangs erwähnt soll damit sowohl ein Beitrag zur Theoriebildung in der Interkulturellen Andragogik erbracht, wie auch eine Orientierung für die erwachsenenbildnerische Trainingspraxis geleistet werden.

Diskussion

In Anbetracht der in Vergangenheit und Gegenwart oft überzogenen Erwartungen an die Gestaltungs- und Einflussmöglichkeiten von organisierten und geplanten Lernprozessen wird die "relative Reichweite erwachsenenbildnerischen Handelns", hinsichtlich ihres Beitrags zur Beförderung von konstruktiver Kommunikation und Kooperation in interkulturellen Kontexten, in der vorliegenden Publikation erfreulicher Weise realistisch gesehen.

Dem Anspruchsniveau einer primär wissenschaftlich ausgerichteten Arbeit entsprechend, greift die Autorin umfangreich auf unterschiedliche für das Thema relevante Theorieansätze und empirische Erkenntnisse zurück. Auf diese wird allerdings eher oberflächlich einge-gangen. Das ist durchaus legitim und nachvollziehbar, da es hierbei nicht primär um eine Aufarbeitung und Darstellung dieser Ansätze und Erkenntnisse geht, sondern darum, diese für die Bearbeitung der zugrunde gelegten Fragstellung und die Entwicklung einer eigenen Argumentationslinie zielorientiert zu nutzen. 

Empfehlenswert ist die Arbeit dementsprechend vor allem für wissenschaftlich-theoretisch  Interessierte, auch für PraktikerInnen bzw. Studierende mit einschlägigen Vorkenntnissen, die sich einen Ein- und Überblick in die relevanten Theoriekonzepte und Diskussionsstränge zum Thema Interkulturelle Kompetenz und ein breiter angelegtes Orientierungswissen auf diesem Gebiet verschaffen möchten. Allerdings sollte zur produktiven Überwindung der z. T. ausgedehnten Argumentationsschleifen, die vielfach auch den Charakter einer solchen Arbeit (Dissertation) ausmachen, etwas Geduld bzw. die Fähigkeit zum selektiven Lesen mitgebracht werden.

Wohl weniger geeignet dürfte das Buch für Studierende sein, die sich erst noch mit einschlägigen Grundlagenkonzepten zur Interkulturellen Kompetenz vertraut machen möchten bzw. auch für PraktikerInnen, die – pragmatischer und konkreter - an Handlungskonzepten und Methoden der interkulturellen Bildungsarbeit interessiert sind.

Fazit

Der Autorin gelingt es ein komplexes Thema differenziert, multiperspektivisch und dennoch überschaubar und verständlich aufzubereiten. Der Aufbau und die verfolgte Argumentations- linie sind klar und gut nachvollziehbar.


Rezension von
Pof. Dr. Reinhilde Beck


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Zitiervorschlag
Reinhilde Beck. Rezension vom 14.06.2008 zu: Nadja Bleil: Interkulturelle Kompetenz in der Erwachsenenbildung. Ein didaktisches Modell für die Trainingspraxis. Peter Lang Verlag (Bern · Bruxelles · Frankfurt am Main · New York · Oxford) 2006. ISBN 978-3-631-55338-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4292.php, Datum des Zugriffs 10.07.2020.


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