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Erhard Brunn: Christentum und Islam – ein neuer Dialog des Handelns

Cover Erhard Brunn: Christentum und Islam – ein neuer Dialog des Handelns. Begegnungen in Europa und Afrika. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2006. 176 Seiten. ISBN 978-3-86099-854-0. 14,90 EUR.
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Diallele oder Dialog?

Die Zeichen stehen eher auf Sturm als auf Verständigung. Der "Kampf der Kulturen", wie er von Samuel P. Huntington als "clash" bezeichnet wird, was eigentlich eher mit "Zusammenprall" übersetzt werden sollte, wird unter den Beobachtungen des Wiedererstarkens der Religionen, des Islam, des Hinduismus, des Christentums, betrachtet. Huntingtons Prognose: "Auf absehbare Zeit werden die Beziehungen zwischen dem Westen und dem Islam im besten Falle distanziert und erbittert, im schlimmsten Falle konfliktreich und gewalttätig sein" (Alfred Herrhausen Gesellschaft für internationalen Dialog, 1997). Die nationalen und internationalen, interreligiösen Bemühungen, die Konfliktfelder im Verständnis des Islam und des Christentums zu benennen, um sie diskutieren zu können, scheinen, wie etwa die kürzliche Papst-Äußerung zu einer Passage des historischen Islams und die heftigen, irrationalen Reaktionen zeigen, bisher wenig Erfolg beschieden zu sein. Der Austausch von Positionen ähnelt mehr einer Diallele, einer sich im Kreis drehenden Art des Denkens, als einem Dialog.

Autor und Entstehungshintergrund

In einer solchen Situation ist es dann gut, wenn jemand, der in mehr als 15 Jahren Menschen begegnet ist, die sich zum Islam oder zum Christentum bekennen, in Afrika, einem Kontinent, in dem einerseits der Islam an Einfluss gewinnt; andererseits aber auch vielfältige Missionierungsaktivitäten von christlichen Gemeinschaften zu verzeichnen sind. Der Historiker und Journalist Erhard Brunn hat beruflich als ehemaliger Entwicklungshelfer viele Jahre in Ost- und Westafrika verbracht. Er hat sich mit Extremisten und Idealisten, mit Fundamentalisten und Integrationisten auseinander gesetzt. Er war Beobachter und Beteiligter am Dialog, der immer aus der alltäglichen Situation entstanden ist; nicht als "Botschafter" einer Religionsgemeinschaft, natürlich auch nicht als "Missionar"; aber als Parteinehmer für das Menschenrecht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit", wie dies in Artikel 18 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte formuliert ist. Nach seinen Erfahrungen, ob in Europa oder in Afrika, "entwickeln sich gewalttätige Konflikte auf dem Resonanzboden ganz anderer Probleme (als den religiösen, J.S.), und die haben im allgemeinen mit Verteilungskämpfen um Geld oder den Zugang zu Ackerland oder Arbeitsplätzen zu tun". Der mehr oder weniger aggressive Austausch von Ideologien und Weltanschauungen verhindert eine humane Auseinandersetzung. Gleichzeitig aber schaffen eine auf gegenseitigen Respekt und einem gemeinsam verstandenen Verantwortungsgefühl für eine gerechtere, friedlichere und demokratische Welt einzutreten, eine Basis für den Dialog, der in den existentiellen Fragen des Glaubens und der religiösen Bekenntnisse selten einhellig geführt werden kann.

Inhalt

Erhard Brunn schreibt über seine Erfahrungen in der Sahel-Zone. Der Muslim Elhadj Bello von den Peulh-Bororo-Nomaden am Rande der nigrischen Wüste praktiziert seinen Glauben, wie seine Landsleute mit traditioneller Selbstverständlichkeit. Nomaden seien, so sein Plazet, flexibel in ihrem Glauben; sie könnten keine fundamentalistischen Positionen praktizieren, weil sie sich auf ihren Wanderungen mit ihren Viehherden immer wieder mit Menschen anderer Weltanschauungen, mit Animisten und Christen, den Ackerbauern nämlich, verständigen müssten. Auch die Begegnung mit Fatima Haditscha, die sich für den christlich-muslimischen Dialog in ihrem Land engagiert, überrascht. Sie ist davon überzeugt, dass der Islam, wie er in Afrika praktiziert wird, tolerant ist gegenüber anderen Religionen; diese Tradition aber gestört und negativ beeinflusst werde "durch saudische und andere arabische Einflüsse, durch religiöse Unduldsamkeit und Fundamentalismus gestützt auf Geld". Der katholische Bischof in Niamey / Niger, der in dem muslimischen Land die Minderheit der Christen vertritt, sieht positive Zeichen der Verständigung. Zum Weihnachtsfest 2003 habe ein Imam die Christengemeinde in der Kathedrale besucht und allen ein frohes Fest gewünscht: "Das ist ein Sieg - der Dialog braucht Zeit, sehr viel Zeit". Auch in Bamako, der Hauptstadt Malis, findet er im "Centre Foi et Rencontre" des katholischen Ordens der Weißen Väter eine hoffnungsvolle Situation vor. Die rund drei Prozent Christen im Land sind keinerlei Anfeindungen ausgesetzt. Christliche und muslimische Führer in Westafrika diskutieren und realisieren gemeinsam Programme gegen Aids und für eine menschlichere Entwicklung. Seine Dialogerfahrungen in Uganda, dem Kriegs- und ethnischen Konfliktgebiet in Ost- und Zentralafrika, waren von deutlicheren Irritationen bestimmt. Doch letztendlich schufen auch hier die Initiativen zur Verständigung der ethnischen, christlich und muslimisch orientierten Bevölkerungsgruppen eine Grundlage für den Aufbau einer interreligiösen Organisation. Die abgedruckten Positions- und Diskussionstexte, die gemeinsam verfasst und veröffentlicht wurden, machen deutlich, dass auch in schwierigen, jahrhundertealten Konfliktregionen kein anderes Mittel als der Dialog hilfreich ist.

Die Erfahrungen in Afrika brachten den Autor zwangsläufig nach seiner Rückkehr nach Deutschland in Kontakt mit Vertretern muslimischer Organisationen; z. B. der Islamischen Gemeinschaft Milli Görus (IGMG). Den anfangs widersprüchlichen Eindrücken und teilweise auch ablehnenden Haltungen von offiziellen Vertretern und Nichtregierungsorganisationen bei dem Dialogversuch mit einer in der deutschen öffentlichen Meinung fundamentalistischen Gruppierung, folgten bald positive, weil persönliche Gespräche. 2001 kam es zu einer bemerkenswerten, finanziell und ideell von der Hilfsorganisation Brot für die Welt geförderten Begegnungsreise von IGMG- und Brot-für-die-Welt-Vertretern nach Uganda. Das Projekt "Kurban und Dialog" war geboren (Kurban Bayrami: Das Opferfest, das zum Ende des Ramadan begangen wird; gleichzeitig die muslimische Verpflichtung, Menschen in Not zu helfen). Das Projekt führt seitdem verschiedene Initiativen in Ostafrika und im Sudan durch. Einen seiner verlässlichen Partner stellt er in dem Buch ausführlich vor: Mustafa Yoldas. Er, der 1972 als türkischer Gastarbeiter nach Deutschland kam und heute als Arzt in Hamburg-Altona praktiziert, engagiert sich seit Jahren in dem schwierigen "Dreierkraftfeld": Aufbau eigener muslimischer Strukturen in Deutschland - Integration ins deutsche Staatswesen - Dialog mit dem Christentum. Als Mitglied der IGMG setzt er sich für eine Veränderung seiner Organisation hin zu einer integrativ-positiven Zusammenarbeit mit anderen gesellschaftlichen Gruppen ein. Er plädiert dafür, wie er es in einer Rede im Dezember 2003 in Iran zum Ausdruck bringt, "dass wir in der islamischen Welt eine gesunde Gesellschaft aufbauen". Bei diesen Dialogbemühungen darf freilich nicht außer Acht gelassen werden, dass es seitens der Muslime, wie auch von christlich-fundamentalistischer Seite, Aktivitäten gibt, die nicht mit Dialog, sondern mit Konfrontation ihre jeweiligen Ziele und Ideologien durchzusetzen versuchen. Doch Erhard Brunn sieht in Europa "neue innermuslimische Trends", hin zu gemäßigten, nichtterroristischen Entwicklungen; etwa wenn im Sommer 2005 der Imam der iranischen Moschee an der Hamburger Alster, eine Fatwa gegen die Rechtfertigung von Terror im Namen des Islam ausspricht: "… dass nach islamischem Recht (Scharia) jede Form des Terrors und die Tötung von unschuldigen Menschen geächtet werden". In diesem Prozess einer "Europäisierung des Islam" sieht der Autor die Türkei als "Mittler zwischen Orient und Okzident". In Recep Tayyip Erdogan, dem derzeitigen türkischen Regierungschef erkennt er den "Hoffnungsträger im Kulturdialog zwischen Orient und Okzident". Über eine zweite Reformperspektive informiert der Autor: Den Reform-Islam südafrikanischer Prägung. Der 1959 in Kapstadt geborene Muslim Farid Esack setzt sich für eine "Koranische Theologie der Befreiung" ein, auf der Grundlage der "Einheit Gottes mit den Menschen: Die ganze Menschheit ist eins".

Fazit

Weil, und das ist Erhard Brunns Fazit, es das grundsätzliche Problem für viele Menschen im Westen sei, sich des Widerspruchs zu der eigenen, ungeklärten und ambivalenten Haltung zu Religionen, auch zum Christentum bewusst zu werden, entstehen Unsicherheiten, Aversionen, Aggressionen und Überheblichkeitseinstellungen gegenüber Menschen mit anderen Weltanschauungen und Kulturen. Dies zu verändern hin zu einer selbstbewussten Haltung zur eigenen kulturellen Identität, die die Identitäten der anderen Menschen als gleichwertig anerkennt, ist individuelle und kollektive, zivilgesellschaftliche Aufgabe. Erhard Brunn hat mit seinem sehr persönlichen Bericht einige Wege dazu aufgezeigt.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 22.11.2006 zu: Erhard Brunn: Christentum und Islam – ein neuer Dialog des Handelns. Begegnungen in Europa und Afrika. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2006. ISBN 978-3-86099-854-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4294.php, Datum des Zugriffs 10.12.2018.


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