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Klaus Boehnke, Daniel Fuß u.a. (Hrsg.): Jugendgewalt und Rechtsextremismus

Cover Klaus Boehnke, Daniel Fuß, John Hagan (Hrsg.): Jugendgewalt und Rechtsextremismus. Soziologische und psychologische Analysen in internationaler Perspektive. Juventa Verlag (Weinheim) 2002. 287 Seiten. ISBN 978-3-7799-0477-9. 24,00 EUR, CH: 43,50 sFr.

Reihe Jugendforschung.
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Absicht, Hintergrund und Anlage des Bandes

Das Buch arbeitet gegen den Trend: Entgegen der Vermutung ist die Zahl sozialwissenschaftlicher Veröffentlichungen zum Thema Rechtsextremismus in den neunziger Jahren kontinuierlich zurück gegangen – ganz im Gegensatz zur massenmedialen Aufmerksamkeit, welche steigt! Dies sind die interessanten Tendenzen, auf welche die Herausgeber, eine Gruppe deutscher und amerikanischer Sozialwissenschaftlicher und Kriminologen, auf den ersten Seiten ihres Buches anhand einer CD-Rom Recherche einschlägiger Datenbanken aufmerksam machen können. Das Thema wie das Buch sind somit weiterhin relevant und keinesfalls überflüssig, sondern "aktuell-politisch dringlich" (S. 9) – wenn man denn die Medien als Kriterien des tatsächlich Relevanten zu akzeptieren bereit ist.

Das Buch hat eine klare Zielsetzung: Es möchte eine Forschung befördern, die (a) interdisziplinär jenseits des "fachspezifischen Themenzugriffs" (14), (b) international "über nationale Tellerränder" hinweg (10) und (c) integrativ mit Blick auf die "Einbindung in breiter angelegte Forschungstraditionen" (13) ist. Der letzte Punkt – dies sei vorab eingestanden – ist auch ein Anliegen des Rezensenten, der sich in der Einleitung des Bandes wohlwollend zitiert findet und von daher freundlich gestimmt die Besprechung fortführen konnte.

Die Historie des Bandes ist aufgrund der internationalen Breite und der Komplexität der Beiträge eine transnationale und damit eine etwas längere Geschichte: Es geht auf drei soziologische bzw. psychologisch orientierte Tagungen aus dem Jahr 1999 in Kanada und Deutschland zurück. Es versammelt dabei Beiträge von Angehörigen verschiedener Disziplinen vorwiegend aus Nordamerika und der Bundesrepublik. Die Beiträge sind dabei einem Begutachtungsprozess unterworfen worden (16), wobei die Reviewer sich offenbar aus dem Kreis der anderen Autoren rekrutierten. Danksagungen an Dritte finden sich nicht.

Der Band ist nicht "offensichtlich" in Sektionen gegliedert, die mehrere der insgesamt 14 Beiträge (der insgesamt 29 Autorinnen und Autoren) gruppieren könnten. Es lassen sich jedoch ineinander fließende Gliederungsaspekte/Dimensionen wie vorrangige Theorieorientierung, quantitative soziologische/psychologische Forschung, qualitative soziologische Forschung sowie historische Studie(n) erkennen. Die Mischungsverhältnisse der angeführten Dimensionen sind jedoch äußerst vielfältig – so wie es das oben vorgestellte Credo der Herausgeber vermuten ließ.

Zielgruppe

Das Buch wendet sich in der Sprachführung und im Aufbau eher an einer sozialwissenschaftlich sozialisiertes und auf wissenschaftliche Professionalisierung ausgerichtetes Publikum. Aufbau und Stil der Beiträge sind überwiegend "amerikanisch": Pragmatische Einführung in die Fragestellung, empirische Studie (Stichprobe, Methoden, Probleme), Ergebnisse, Diskussion. Für den Praktiker beispielsweise der sozialpädagogischen Arbeit wird manch einer dieser Artikel "kein leichtes Brot" darstellen. Doch vorweg: Das unter Umständen zweitaufwendige Studium lohnt sich – wenn auch die Anwendungsbezüge nicht immer auf der Hand liegen (aber Handlungsanweisung konkreter Art ist ja gerade nicht Aufgabe von Wissenschaft).

Einschätzung der Beiträge

Auf fast durchgehend hohem Niveau werden u.a. Aspekte der psychoanalytischen Theorie, des symbolischen Interaktionismus, des Autoritarismus, des Ethnozentrismus, des Antisemitismus und des Links-Rechts-Konzeptes behandelt. Das methodische Niveau ist sowohl im quantitativen wie auch im qualitativen Bereich auf der Höhe des "State of the Art". Inhaltlich besonders interessant erscheint mir der Beitrag von Stellmacher, Petzel & Sommer, die höhere Autoritarismus-Werte im Osten der Bundesrepublik eher als eine "situativ bedingte autoritäre Reaktion" infolge der anomischen Wende-Erfahrung, denn als Folge der DDR-Sozialisation ansehen (113). Bedeutsam scheint mir auch der Beitrag von Jenness & Grattet zu sein, die in rechts- und bewegungssoziologischer Tradition (aber auch ein wenig im Stile einer Policy Analysis) die Genese der amerikanischen Bewegung und der Gesetze gegen die so genannten Hate Crimes untersuchen. Auch die Unterscheidung von Rieker in defensive vs. aggressiv-dominanzbeanspruchende Ethnozentriker erscheint mir äußerst folgenreich (151f.). Methodisch interessant ist vor allem das sozialpsychologisch inspirierte Set an Experimenten von Wagner, Zick & van Dick zum wechselseitig interagierenden Einfluß interpersonaler und massenmedialer Faktoren auf Vorurteile. Besonders bemerkenswert ist an diesem Beitrag die Identifikation der paradoxen Situation, dass öffentlicher Widerspruch in spezifischen Konstellationen des öffentlichen Diskurses sogar Vorurteile stabilisieren kann (235). Praktisch unmittelbar interessant erscheint die Untersuchung von Dollase et al., die sich der Frage widmet, ob ein höherer Anteil von Ausländern in Schulklassen die Vorurteile gegenüber Fremden verstärkt (er tut es nicht!,193). Sie greifen damit eine amerikanische Tradition der soziometrischen Studien auf, die u.a. der Frage nachgeht, wie sich die Interaktionsstrukturen von Minderheiten mit der Mehrheit verändern, allein wenn das zahlenmäßige Verhältnis sich verändert (wichtig z.B. für die Frage, ob man Kinder ausländischer Herkunft mit dem Bus an weit entfernte Schulen bringen soll!).

Fazit

Bei dem Band von Boehnke, Fuß und Hagan handelt es sich um eine materialreiche, auf Integration von unterschiedlichen Disziplinen, verschiedenen Forschungsfeldern und (inter-) nationalen Forscherteams gerichtetes Projekt. Die versammelten Einzelstudien bewegen sich fast alle auf hohem theoretischem und methodischem Niveau. Allein die Versammlung der Beiträge wirkt jedoch noch nicht integrierend. So fehlt es beispielsweise an einem Schlusswort der Herausgeber, welches das Getane bewerten und die Zukunftsperspektiven abstecken würde. Die kritische Masse des Bandes, so sie denn versammelt ist, ist in ihrer Wirkung nicht recht erkennbar. Ein gewichtiger Schritt auf dem richtigen Weg; allein: der tatsächliche Fort-schritt ist noch nicht abzusehen.


Rezensent
Prof. Dr. Thomas Ohlemacher
Professor für Kriminalwissenschaften
- Vizepräsident für Forschung und Weiterbildung - Nds. Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege


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Zitiervorschlag
Thomas Ohlemacher. Rezension vom 02.07.2002 zu: Klaus Boehnke, Daniel Fuß, John Hagan (Hrsg.): Jugendgewalt und Rechtsextremismus. Soziologische und psychologische Analysen in internationaler Perspektive. Juventa Verlag (Weinheim) 2002. ISBN 978-3-7799-0477-9. Reihe Jugendforschung. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/430.php, Datum des Zugriffs 26.04.2017.


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