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Ulf Neumann, Peter-Ulrich Wendt (Hrsg.): Gewaltprävention in Jugendarbeit und Schule, Band 2

Cover Ulf Neumann, Peter-Ulrich Wendt (Hrsg.): Gewaltprävention in Jugendarbeit und Schule, Band 2: Projekte – Ansätze – Konzepte. Schüren Verlag (Marburg) 2006. 192 Seiten. ISBN 978-3-89472-283-8. 16,90 EUR.
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Thema

Jeder Mensch ist bestimmt, ein Erfolg zu werden - und die Welt ist dazu bestimmt, dies zu ermöglichen. Jedes pädagogische und erzieherische Bemühen sollte darauf ausgerichtet sein, das Menschenrecht auf Individualität und Gemeinschaftsfähigkeit zu verwirklichen; dass also der Mensch gut sei (werde), wie dies schon die griechischen Philosophen mit ihrem Menschenbild zum Ausdruck gebracht haben. Die optimistische Annahme, dass jeder Mensch nach euzôia, dem guten Leben strebe und zum guten Leben fähig sei (Aristoteles), ist, wie unsere menschliche Wirklichkeit zeigt, so sicher nicht. Deshalb bedarf es der Prävention, der Vorbeugung, verstanden als ein echter Bildungs- und Aufklärungsakt, nicht als ein kriminaltechnisches Instrument zur Verhinderung von Straftaten. Soweit die Klärung des Begriffs, mit dem wir es hier zu tun haben: Gewaltprävention in der schulischen und außerschulischen Bildungsarbeit. Eine Forschungsgruppe hat kürzlich einen Evaluationsbericht über Projekte zur Konfliktbehandlung vorgelegt, in dem festgestellt wird, dass fast die Hälfte der Schülerinnen und Schüler an deutschen Schulen Angst vor Gewalt in der Schule hätten (vgl. dazu auch die Rezension zu: Behn, u.a., Mediation an Schulen. Eine bundesdeutsche Evaluation, 2006. Vgl. die Rezension). Das ist besorgniserregend und zeigt außerdem, dass die immer wieder angemahnte, an einigen Stellen zaghaft realisierte, im allgemeinen aber statische Beharrung auf den traditionellen, überholten Bildungssystemen in Deutschland, endlich überwunden werden muss.

Herausgeber und Inhalt

Der Sozialpädagoge, Mediator und Judo-Lehrer Ulf Neumann, Mitarbeiter im Fachbereich Jugend und Soziales im Landkreis Gifhorn und der Sozialwissenschaftler Peter-Ulrich Wendt, Jugendreferent der Stadt Salzgitter und Lehrbeauftragter an der Universität Göttingen, haben sich schon mehrfach zu Aspekten der Gewaltprävention in Schulen und außerschulischen Bildungseinrichtungen zu Wort gemeldet (vgl. dazu auch die Rezension zu: Ulf Neumann / Matthias von Saldern / Ralf Pöhler / Peter-Ulrich Wendt, Hrsg., Der friedliche Krieger. Budo als Methode der Gewaltprävention, 2004). Der vorliegende Band über Gewaltprävention in Jugendarbeit und Schule ist die Fortführung des ersten Bandes (2002, vgl. dazu die Rezension). Er zeigt an verschiedenen Beispielen die Defizite, auch einige Erfolge in der Praxis der Jugendförderung hierzulande auf. Die Herausgeber versammeln in dem Band die vielfältigen Aspekte und Gegenpositionen zu den in der öffentlichen und politischen Wahrnehmung allzu verengten Ansatz, Gewalt von SchülerInnen und Jugendlichen sei in die Kategorien von "Jugendprotest" einzuordnen und mit einer neuen, überwiegend traditionell und rückwärts gerichteten Wertediskussion zu beheben. Dabei orientieren sie sich nicht an den "Feuerwehr-Ansatz", der nach Prävention erst ruft, wenn der Konflikt bereits in vollem Gange ist, sondern verstehen Prävention als gesellschaftlich organisierte Maßnahmen, mit denen Bedingungen hergestellt werden, die sicher stellen, dass die Menschen den Verhaltenserwartungen des sozialen Systems entsprechen können und normabweichende Verhaltensweisen verhindern. Prävention soll, als eine wichtige Zielsetzung, die Persönlichkeitsstrukturen der Kinder und Jugendlichen stärken.

Werner Lindner vom Niedersächsischen Landesamt für Soziales, Jugend und Familie, gibt in seinem Beitrag "Immer noch Prävention?" zu bedenken, ob es nicht seitens der Jugendarbeit eines kritische(re)n Zugangs zu den Präventionsaktivitäten und einer reflexiven Distanz bei der Umsetzung zur Lebensbewältigung von Jugendlichen bedürfte. Peter-Ulrich Wendt zeigt an empirischen Befunden zur Devianz von jungen Menschen auf, dass es als Antwort auf gewalttätiges Verhalten von Jugendlichen nicht in erster Linie auf kriminal-präventive, sondern auf sozialpräventive Maßnahmen ankomme. Ulf Neumann plädiert in seinem Beitrag "Kämpfen als pädagogische Methode für Schule und Jugendarbeit" für die verschiedenen  bewegungsdialogischen und selbstkonzeptualen Methoden und diskutiert die vielfältigen Qualifikationen, die letztlich im "Sieg gegen sich selbst" liegen. Die Mediatoren und Konfliktmanager Heike Blum, Köln und Detlef Beck, Bad Oeyenhausen, stellen einen wirksamen Interventions- und Handlungsansatz bei Mobbing in der Schule vor. Beim "No Blame Approach" wird grundsätzlich auf Schuldzuweisung und Bestrafung verzichtet und mit dem Motto "Hinschauen, Handeln" dazu beigetragen, dass Mobbing gestoppt werden kann. Der Heilpädagoge Klaus Gieseke und der Schulsozialarbeiter an einer berufsbildenden Schule, Dirk Hubrich, präsentieren Trainingsangebote zur Gewaltprävention und nennen einige, aus der konkreten Erfahrung entstandene Methoden und Aufklärungsprogramme. Die Beratungslehrerin an einer Realschule und Mediatorin Monika Harms informiert über die Umsetzung von Sozialtraining im Schulalltag und zeigt vor allem auf, dass es eines schulischen Netzwerks zur Gewaltprävention bedarf. Der Dipl.- Pädagoge und Anti-Aggressionstrainer Ahmet Toprak knüpft in seinem Beitrag an die Fragestellungen an, die er bereits in seinem Buch "Wer sein Kind nicht schlägt, hat später das Nachsehen". Elterliche Gewaltanwendung in türkischen Migrantenfamilien und Konsequenzen für die Elternarbeit" (2004, siehe die Rezension) diskutiert hat. Mit seinem Fragesatz, ob Nachgiebigkeit, vor allem im Umgang mit männlichen türkischen Jugendlichen, als Schwäche ausgelegt werde, weist er auf eine Reihe von interkulturellen Aspekten hin, die beachtet werden sollten. Der Sozialpädagoge und Theatertherapeut Achim Krenz macht auf die "Theaterarbeit als eine wirksame Methode der Gewaltprävention" aufmerksam. Dabei geht es beim theaterpädagogischen Training nicht darum, eine öffentliche Aufführung einzuüben, sondern das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und das Zutrauen zu den eigenen Ressourcen zu wecken und zu stärken. Der freiberufliche Fachberater, Trainer und Coacher, Rolf Pfeiffer, nennt sieben methodische Ansätze der sozialpädagogischen Beratung in der ländlichen Jugendarbeit; ein Feld, das bisher in der Jugendpflege und -sozialarbeit wenig Beachtung findet. Zum Schluss stellt Peter-Ulrich Wendt am Fallbeispiel eines 16-jährigen Jungen das Konzept "Präventives Handeln als Übergangsmanagement" vor. Dabei weist er auf Möglichkeiten eines Hier-und-Jetzt-Agierens hin, die oft die alltäglichen Perspektiven bei gewaltpräventiven Maßnahmen bestimmen.

Fazit

Das Autorenteam diskutiert in dem Sammelband nicht nur, dass es auf dem Gebiet der Gewaltprävention in Schule und Jugendarbeit eine Reihe von deutlich erkennbaren Defiziten und zahlreiche Missverständnisse gibt, zeigt nicht nur auf, dass Prävention als eine Form der Sozialen Arbeit darauf ausgerichtet ist, "Notlagen zu prognostizieren und deren Entstehung durch die Entwicklung systematischer und gradueller Strategien zu verhindern", sondern macht auch darauf aufmerksam, dass durch die Stärkung des Persönlichkeitsprofils Jugendlicher zur Verbesserung der Lebenslagen junger Menschen beitragen werden kann. Damit werden dem Stichwort "Prävention" nicht in erster Linie Vokabeln und Zustandsbeschreibungen wie Scheitern, Versagen und Aggression zugeordnet, sondern Empathie, Konsequenz und Zutrauen - um gewalttätiges Verhalten erst gar nicht entstehen zu lassen und zu verhindern. Ein anspruchsvolles, aber gleichzeitig hoffnungsvolles Konzept für professionelles Denken und Handeln im zivilgesellschaftlichen Umgang der Menschen miteinander!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 25.11.2006 zu: Ulf Neumann, Peter-Ulrich Wendt (Hrsg.): Gewaltprävention in Jugendarbeit und Schule, Band 2: Projekte – Ansätze – Konzepte. Schüren Verlag (Marburg) 2006. ISBN 978-3-89472-283-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4303.php, Datum des Zugriffs 20.06.2019.


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